Mit Stil Die Zeit der Trolleys läuft ab

Das erste englische Wort, das Kinder lernen? Vielleicht "Love"? "Sponge"? Oder: "Playstation"? Offen gesagt, ich tippe auf "Trolley". Als ich kürzlich die vierjährige Tochter einer Freundin fragte, was sie sich zum Geburtstag wünsche, antwortete sie ganz selbstverständlich: "Einen Trolley von Prinzessin Lillifee." Auf meine erstaunte Rückfrage, wozu sie den denn brauche, schaute sie mich irritiert an und sagte: "Damit ich in die Ferien fahren kann."

So sieht das aus: kein Trolley, kein Urlaub. Ganz einfach. Wer nichts hinter sich herzieht, kann nirgendwo hinfahren. Menschen mit schweren Taschen über der Schulter müssen Kindern wie arme Packesel vorkommen, die es im Leben nicht weit gebracht haben.

Trolleys dagegen sind wahnsinnig fortschrittlich. Man kann damit sogar über den Flughafen rennen und anderer Leute Füße überrollen, ohne es zu merken. Am Gepäckband erleben ständig mehrere Leute gleichzeitig das Glücksgefühl, ihr Koffer sei als erster angekommen und stürzen aus der zweiten Reihe nach vorn, um ihn vor einer zeitraubenden zweiten Runde auf dem Gepäckband zu bewahren. Dann stellen sie fest, dass ausgerechnet dieser Schwarze doch nicht der eigene war. Das Prozedere hat etwas von Memory spielen: Von oben sehen alle gleich aus, erst beim Umdrehen weiß man mehr.

Was also tun? Ich halte rote Bändchen, Sylt-Aufkleber oder lustige Anhänger für keine Lösung. Hätte ich so einen Koffer haben wollen, hätte ich ihn so gekauft. Stattdessen besitze auch ich einen einfachen schwarzen Samsonite, den meine Eltern mir geschenkt haben, um das alte, arg mitgenommene Hartschalenmodell mit Ziehgriff (diese Konstruktion gab es bis vor ein paar Jahren ja tatsächlich noch) endlich zu entsorgen. Rückblickend war das ein großer Fehler. Dieses alte Ding wurde zumindest auf dem Gepäckband nie verwechselt.

Als ich kürzlich zu einer Hochzeit nach Mallorca flog, nahm ich deshalb gewissermaßen aus Uniformitäts-Trotz meine alte Reisetasche mit. Keine große Sporttasche, mit der man immer unweigerlich nach Amateurfußballer aussieht, wenn sie nach dem Duschen aus der Kabine kommen, sondern eine hübsche braune Ledertasche. Spätestens im Hotel stand ich kurz vorm Bandscheibenvorfall, meine Kleider waren ohne Haltegurte so durcheinander gewirbelt worden, dass am Abend konsequent Wrinkle-Look angesagt war.

Trotzdem glaube ich weiterhin fest an die Renaissance der Reisetasche. Sie müsste nur ein geordnetes Innenleben haben, wie bei - aber nicht so teuer sein. Und nicht schon vor dem Packen fünf Kilogramm wiegen. Und natürlich sollte sie keine Rollen haben, sondern einen Tragegurt, der dann aber nicht zum unschönen Busen-Trenner wird. Und, ja, vielleicht sollte ich in der Zwischenzeit noch mal nach einer Hartschale schauen.

Autor:
Silke Wichert