Editor's Blog Die teuersten Winterreifen der Welt

Kaum zu glauben, aber wahr: Ich besitze kein Auto. Da ich glücklicherweise in Hamburg wohne, komme ich ganz gut ohne PKW aus. Denn im Gegensatz zu Berlin verfügt die Hansestadt über einen sehr angenehmen öffentlichen Personennahverkehr. S- und U-Bahnstationen gibt es bei uns fast an jeder Ecke, die dazugehörigen Züge fahren tatsächlich regelmäßig und in den Bussen, die in der Hamburger Innenstadt verkehren, verrät einem die Synchronstimme von Tom Hanks welche Haltestelle als nächste kommt. Wenn ich trotz all dieser Annehmlichkeiten allerdings doch mal ein Auto benötige (zum Beispiel für Besuche der buckligen Verwandtschaft in der Provinz), dann greife ich seit Jahren auf Mietwagen zurück.

Mietwagen sind etwas Wunderbares. Sie sind immer sauber, wenn man einsteigt, selbstverständlich vollgetankt, und irgendwie ist noch immer ein Hauch des klassischen Neuwagengeruchs vorhanden. Darüber hinaus darf man sich immer mal wieder an verschiedenen Automodellen versuchen - gestern Golf, heute Hyundai und morgen vielleicht Maserati. Allerdings nur, wenn es von Maserati jetzt auch einen Kombi gibt, denn unser Kinderwagen muss ja rein passen.

Leider hat meine innige Liebesbeziehung zu den Mietwagen und ihren Verleihern in den vergangenen Wochen erheblich gelitten. Die großen Unternehmen wie Sixt, Hertz und Europcar bitten einen nämlich trotz eines neuen Gesetzes weiterhin zusätzlich zur Kasse für etwas, das in der kalten Jahreszeit eine Selbstverständlichkeit sein sollte - Winterreifen. Eigentlich eine bodenlose Frechheit.

Seit Dezember 2010 besteht hier zu Lande die Pflicht, dass bei winterlichem Wetter nur mit der entsprechenden Bereifung gefahren werden darf. Leider sagt das Gesetz nicht, dass jeder Besitzer seinen Wagen auch mit Winterreifen ausstatten muss. Es geht rein um das Fahren auf Schnee und Eis. Wer also im Winter seine Karre in der Garage stehen lässt, der kann auch getrost die Sommerschlappen dran lassen. Und genau diesen Umstand machen sich die Autovermieter zu Nutze.

Sie sehen sich nicht in der Pflicht und verlangen deshalb weiterhin von ihren Kunden satte Aufschläge. Schließlich ist der Fahrer für die korrekte Ausstattung des Autos zuständig und nicht der Besitzer. Die Verleiher verlangen bis zu 20 Euro extra pro Tag für den Satz Winterreifen.

Bei einem Jaguar für 340 Euro pro Tag mag das nicht so ins Gewicht fallen, nutzt man aber eines der Angebote der unteren Kategorien, dann zahlt man ein Drittel des Preises noch einmal drauf. Begründet wird die muntere Abzocke mit den immensen Kosten für das Aufziehen der Reifen sowie deren unglaublich teurer Lagerung.

Der Gedanke, dass irgendwo in der Bundesrepublik ein ultramodernes Lagerhaus für Winterreifen steht, hat natürlich was. Ein Fort Knox voller Schlappen, ausgestattet mit modernster Überwachungstechnik und mit vakuumverpackten Reifen, die ständig auf die richtige Temperatur überprüft werden. Und sobald ich einen Mietwagen inklusive wintertauglicher Bereifung bestelle, setzt sich dort eine Armada von Formel-1-Boxen-Techniker in Bewegung, um den von mir gewünschten Peugeot-Kombi für die Schneepiste renntauglich zu machen. Nur so kann ich mir zumindest die hohen Extragebühren erklären, die komischerweise lediglich in unserem Land anfallen.

Fragt man mal die Kollegen in Österreich oder der Schweiz, wird man ausgelacht. Dort kostet die wintertaugliche Bereifung nur einen Bruchteil dessen, was die Verleiher in Deutschland verlangen. Und in Ländern wie Schweden und Norwegen sind die Winterreifen im Preis inklusive.

Als bei meiner letzten Mietwagenbuchung der Computer einen Preis von 100 Euro plus 40 Euro für die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Bereifung ausspuckte, stornierte ich den Auftrag kurzerhand wieder. Das war zum Glück (noch) gratis. Jetzt besuche ich die bucklige Verwandtschaft mit der Deutschen Bahn. Wenn sie denn fährt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Autor:
Denis Krah