Europop Die Rückkehr des Troubadors

Heftige Windböen pfeifen über die Hochhaus-Dachterrasse des Musikclubs "Weekend" am Berliner Alexanderplatz. Auf einer improvisierten Bühne spielt Jarle Bernhoft gegen das aufziehende Gewitter an. Der Sommerhimmel mag grau sein an diesem Abend, doch die Stimmung ist gut. Das Publikum honoriert die Standhaftigkeit der One-Man-Show aus Norwegen. Als versierter Entertainer baut er die Wetterkapriolen in sein komplexes Spiel ein. Gitarre, Effektgeräte und Donnergrollen. "Wenn ich hier gleich vom Dach gefegt werde, könnt ihr zumindest behaupten, dass es ein legendärer Auftritt gewesen ist", kündigt Bernhoft seine Version des Tears-For-Fears-Klassikers "Shout" an. Eine Szene aus dem Leben eines Vielreisenden.

Bernhoft stammt aus Oslo, wo er bereits ziemlich bekannt ist. Ein regionaler Star, der seit 2004 (damals noch mit Band) einen amtlichen Plattenvertrag und diverse Preise eingeheimst hat. Ein Wunderkind, das sich auf der Bühne kleidet wie Tim von "Tim und Struppi" und musikalisch irgendwo zwischen Prince, Beck und den gestandenen Sängern der Schwarzen Musik anzusiedeln ist. Im Jargon der Branche eine echte "Entdeckung", der bereits von einer Ochsentour im Vorprogramm des röhrenden Stadionrockers Joe Cocker berichten kann: "Eine interessante Reise-Erfahrung. Ich bin mit dem Zug von Stadt zu Stadt ihrem Luxusbus hintergefahren und habe dabei den ICE und die Vorzüge eures Bahnsystems genossen. Ich weiß, dass die Deutschen gerne über ihre Bahn schimpfen. Doch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern läuft das hier super. Man kann einfach einsteigen, ohne große Vorbuchung wie etwa in Frankreich."

An Musikern wie Jarle Bernhoft lässt sich aufzeigen, wie wichtig Konzerte für die aktuelle Popmusik geworden sind. Das Geschäft mit Tonträgern schwächelt dauerhaft. Auch bezahlte Downloads sind keine Lösung. Der Event-Betrieb dagegen boomt. Live-Erlebnisse lassen sich nicht runterladen, wobei auch hier der Konkurrenzdruck enorm ist. Noch nie hat es so viele Sommerfestivals gegeben wie in diesem Jahr. Junge Bands spielen oft jahrelang für den sprichwörtlichen Kasten Bier. Dennoch ist das Touren zur einzigen verlässlichen Währung für aufstrebende Newcomer wie Jarle Bernhoft geworden. Die Rückkehr des Troubador im digitalen Zeitalter.

"Ich habe Ende der Neunziger im sehr überschaubaren Underground von Oslo begonnen", erzählt Barnhoft. "Wir spielten in Mini-Clubs, von 50 Zuschauern standen dort 31 auf der Gästeliste. Norwegen selbst gibt ja für hoffnungsvolle Talente nicht viel her. Du musst so schnell wie möglich raus aus dem Land. Nur wie? Bei einem Auftritt in Bodö oberhalb des Polarkreises, einer Stadt mit rund 40.000 Einwohnern, haben wir aus Frust und Übermut ein Hotelzimmer als Designer-Aktion zerlegt. Keine sinnlose Gewalt, sondern fein säuberlich mit Elektro-Schraubzieher und Werkzeug. Am Ende haben wir dann alle Einzelteile im Raum drapiert. Eine Installation, die der Hoteldirektor weniger lustig fand."

Jarle Bernhoft betrachtet den oft nervenden Tourbetrieb wie ein Reiseschriftsteller des 19. Jahrhunderts. Was unter Popmusikern eher eine Ausnahme-Erscheinung ist. Er gehört jedenfalls nicht zu der Kategorie, die abgeschottet auf ihrem Hotelzimmer herumsitzen, Playstation spielen und gar nicht wissen, in welcher Stadt sie gerade sind. "Flüsse etwa inspirieren mich", erzählt er. "In Wien bin ich extra zum Donauufer gepilgert und war etwas enttäuscht, dass sie dort so unspektakulär an der Stadt vorbeifließt. Regensburg mit seiner Steinbrücke über die Donau und dem mittelalterlichen Panorama dagegen entsprach genau meiner Vorstellung eines Reiseerlebnisses. Und auch die Würste dort."

Bernhoft kann genauso vom Rhein und ähnlich mystisch aufgeladenen Orten parlieren. "Es gibt da keine direkte Verbindung zu meiner Musik. Doch wer heute mit Pop noch etwas erreichen will, muss sich für viele Dinge interessieren. Auch außerhalb des eigenen Genres. Sonst stumpft man ab, bevor es überhaupt los geht." Und so schwelgt Jarle Bernhoft als Musterbeispiel des modernen Reisenden in Sachen Musik von New York ("Trotz der fiesen Null-Toleranz-Politik, die gerade im kreativen Bereich viel zerstört hat, eine meiner Traumstädte!") zum Bauhaus nach Dessau, wo er sich am Rande eines TV-Auftritts fürs ZDF eine extra Führung geben ließ. "Es war faszinierend zu sehen, dass in dieser Provinzstadt die Wiege des Wolkenkratzers und des International Styles der Architektur gestanden hat." Eine seltene Symbiose von Reisen und Musik, von der in Zukunft sicher noch viel zu hören sein wird.

Autor:
Ralf Niemczyk