Tahiti Die neue Generation Tahitianer

Normalerweise genießt Teiva die Aussicht. Sein kleines Haus liegt in luftiger Höhe an einem Berghang im Norden Tahitis. Jeden Morgen um 4 Uhr steht der 46-Jährige mit dem Fernglas am Fenster und hält nach der perfekten Welle Ausschau. Dann fährt er runter an den schwarzen Sandstrand und schwingt sich für ein paar Stunden aufs Surfbrett ehe er zur Arbeit geht. Am Wochenende jedoch blickt Teiva immer öfter nicht Richtung Meer, sondern in das Tal des Papenoo-Flusses, der sich aus dem Inneren der Insel zur Küste hin schlängelt. Und das, was er dort sieht, gefällt ihm meist überhaupt nicht.

Auch an diesem Sonntagnachmittag dröhnt Techno-Musik durch das Tal. Die Lautstärke macht der Love Parade Konkurrenz. Teiva ballt die Fäuste. "Diese Leute haben keinen Respekt", sagt er. "Sie vertreiben irgendwann noch alle Tiere aus dem Dschungel." Jedes Wochenende ginge das jetzt so. Von mittags bis abends. "Und betrunken sind die auch alle", schimpft Teiva weiter.

Die, die sich so sehr zu Teivas Unmut im Tal treffen, gehören zu einer neuen Generation Tahitianer. Jugendliche, Halbstarke und junge Familien weichen hierhin am Wochenende aus, um mit lauter Musik und Alkohol ein wenig vom Alltag zu entspannen. An der traumhaften Küste der Insel ist für sie kein Platz zum Feiern. Dort würden sie nicht nur noch viel mehr Einwohnern auf die Nerven gehen, sondern auch die Touristen verschrecken. Die Flucht in den Dschungel ist da die logische Alternative.

Teiva hat dafür kein Verständnis. Er legt viel Wert auf die polynesische Kultur. Der Tahitianer trägt lediglich einen Pareo, den kurzen Rock der Einheimischen, und eine Kette mit Wildschweinzähnen. Sein Körper ist verziert mit den traditionellen Tätowierungen der Insel. Im Handschuhfach seines Jeeps liegt ein kleiner abgegriffener Stein, der ihn vor allerhand Bösem beschützen soll. Und das Surfen ist für ihn weniger Sport als Religion. Wenn es nach ihm ginge, dann gehörte das Party-Volk längst verhaftet. Doch die Polizei tue einfach nichts. Den Grund dafür kennt Teiva auch: "Die Kinder vom Bürgermeister meines Dorfes sind da unten für den Lärm verantwortlich."

Die Kinder des Bürgermeisters stehen derweil unten an der kleinen Schotterpiste, die neben dem Fluss verläuft. Sie haben riesige Lautsprecher-Boxen aufgestellt, den Strom dafür liefern ihre aufgemotzten japanischen Geländewagen. Reggae wechselt sich mit Techno und Rap ab. An die 20 junge Männer und Frauen haben sich davor versammelt. Auch sie sind tätowiert. Allerdings erinnert deren Körperkunst weniger an klassische polynesische Muster, sondern an die Tätowierungen mexikanischer Jugendbanden in Los Angeles. Ihre kulturellen Vorbilder kommen nicht mehr aus Tahiti, sondern aus den USA.

Wer dem Weg weiter ins Innere der Insel folgt, der trifft ständig auf solche gelangweilten Gruppen. Es wird mit Kind und Bierflasche im Papenoo gebadet, am Ufer gegrillt, ein Joint geraucht oder einfach nur mit dem Kopf zu den wummernden Bässen genickt. Und manch einer der Halbstarken fährt den ganzen Tag mit seinem knatternden Motorrad am Fluss entlang. Fremden begegnet man hier mit skeptischen Blicken, und Touristen, die eigentlich nur die wunderschönen Wasserfälle oder die Vulkane besichtigen wollen, beschleicht dabei ein ungutes Gefühl. "Die Stimmung ist manchmal sehr aggressiv", befindet auch Teiva.

Teivas Familie bewohnt das Tal schon seit Generationen und besitzt hier zahlreiche Gründstücke. Er selbst baut sich gerade wieder ein neues Haus an einem steilen Berghang. Wenn er damit fertig ist, dann will er sich den Lärm nicht mehr bieten lassen. Das hat er auch schon dem Bürgermeister gesagt. Bislang hätten er und seine Freunde ab und zu nur mal die Wege blockiert, sagt Teiva. Allerdings könne er sich auch drastischere Mittel zur Befriedung vorstellen. Sein Onkel hat es jüngst vorgemacht. Der marschierte mit seinem Gewehr kurzerhand ins Tal - und zerschoss die Boxen der Störenfriede. Daraufhin hätte die Polizei den Onkel besucht. "Aber die haben nur das Gewehr mitgenommen", sagt Teiva und grinst.

Autor:
Denis Krah