Europop Die Käsebrotstulle des Reisens

Hand aufs Herz: Fahren Sie wirklich in Urlaub? Also ein Urlaub im Sinne von "die schönsten Wochen des Jahres", die sorgfältig vorbereitet und vorgebucht letztlich in Mallorca, Südtirol oder Florida stattfinden? Erholung, Wellness und eine relaxt baumelnde Seele sind das mindeste, was von dieser Art des Reisens verlangt wird. In Ruhe ausschlafen und abends dann auch mal ein Gläschen mehr von diesem tollen, roten Hauswein in dieser gemütlichen Trattoria am Hafen (wahlweise: Marktplatz).

Ich will hier nicht selbstgefällig spötteln, denn insbesondere als Familie mit Kindern lässt sich diese Fernweh-Variante kaum vermeiden. Man gönnt sich ja sonst nix. Und mit den Blagen fällt die Rock'n'Roll-Absteige in Brooklyn aus nahe liegenden Gründen definitiv aus. Ende der Diskussion. Dann lieber einen Erlebnis-Bauernhof in Vorarlberg.

Wer weiterhin nicht von diesen Sachzwängen des Lebens bestimmt ist, kann zwar theoretisch aus dem Vollen schöpfen - von Kamikaze-Dauerparties wie an der Krim-Küste des Schwarzen Meeres bis zum introspektiven TaiChi-Erlebnis am Bodensee. Dennoch führt gerade die unendliche Auswahl zur Überforderung. Das ist wie bei diesen Flugzeugträger-großen Halbpensions-Buffets der höher sternigen Hotelketten, wo es nicht nur zwölf Melonensorten, sondern auch deutsches Sauerteigbrot in einer Weißbrot-only-Region gibt. Vor lauter Auswahl-Verachtung greife ich da zuweilen zur spartanisch schlichten Käsebrotstulle. Vielleicht noch eine Cocktailtomate dazu.

Was ist also die Käsestulle des Reisens im Jahr 2011? Jetzt mal abgesehen davon, dass man immer wieder mit Gewinn nach Barcelona düsen und dort den metrosexuellen Promi-Friseur geben kann. Beim Café Cortado im Barrio Chino lässt sich nicht viel falsch machen. Sonderlich innovativ sind diese Dauerbrenner des EasyJet-Ravens allerdings nicht.

Ich bin bis hinein in die Nullerjahre durchaus mit gewissen Glücksgefühlen zu eigentlich überdrehten (Musik-)Branchentreffen gefahren. Etwa die im mitteleuropäischen Winter stattfindende in Cannes, wo man bereits im Januar hinter von Bulldozern aufgeschütteten Sandwällen (hilft gegen fiese Mistral-Winde!) in völlig überteuerten Strandrestaurants dinieren kann. Mit etwas Glück haben damals Shakira oder koksende Labelmanager die astronomische Zeche übernommen. Selbst eine gewöhnliche Bierspezialität aus dem Elsass wie "Kronenbourg 1664" kostete in der brodelnden Bar des "Hotel Majestic" seinerzeit steile 50 Francs.

Weit weniger dekadent geht es beim im Juni stattfindenden Stadtfestival in Barcelona zu, wo sich die internationale Electro-Zunft trifft. Showbiz-Mondpreise kann man hier locker durch ein wenig Ortskenntnis umgehen. Selbst in der durchaus touristisch geprägten zentralen Markthalle an der Rambla gab es lange Zeit zünftig-rustikale Marktkneipen, wo man mit Fischverkäufern und Rentnern über den Zustand des örtlichen Weltfußballvereins debattieren konnte. Doch auch diese Wegfahr-Variante verlangte irgendwann eine längere Pause. Im Pop ist nichts für die Ewigkeit gemacht und Barcelona drohte in den letzten Jahren am eigenen Erfolg zu ersticken. Fremdenverkehrs-technisch betrachtet.

Eine weithin gültigen Ausweg aus diesem Dilemma zeichnet sich gegenwärtig nicht ab. Eine überaus nette Nischenveranstaltung wie der , der vom 15. bis 17. April am Weissenhäuser Strand an der Ostsee steigt, verlangt eine gesteigerte Liebe zur raren Soulmusik. Wie heißt es so schön im Lager der (Kunst-)Snobs: "It's an art thing, you wouldn't understand". Das Anschauen des legendären Mod-Films "Quadraphonia" mit Sting in der Rolle des prügelnden Anzugträgers hilft da nur bedingt weiter.

Ich plädiere also zum Abschluss dafür, 2011 zum "Jahr der gesteigerten Selbstverwirklichung" auszurufen. Denn was für den einen der Baltic Soul Weekender ist, erfüllt sich für den anderen in einem Wurst-und-Bier-Wander-Wochenende im schönen Frankenland. Eigentlich ist es ganz einfach: Man muss sich nur für irgendwas interessieren. Dann klappt's auch mit dem mal anderen Wegfahren.

Autor:
Ralf Niemczyk