Fast Lane Der Trend vieler Länder zum Mainstream

Auf meiner großen Tour entlang der Westküste des Pazifiks (Singapur-Bangkok-Hongkong-Taipeh-Tokio) fragte ich mich kürzlich, ob die Welt sich eigentlich zunehmend in den gleichen Gewässern aufhält oder ob viele Länder und Städte doch darauf setzen, auf eigene Gefahr loszusegeln und dabei einem Kurs zu folgen, der in Geschwindigkeit und Stil einzigartig ist. Vierundzwanzig Stunden in einem Land, gefolgt von 48 Stunden im nächsten sind kein schlechter Weg, um herauszufinden, wie verbreitet allgemeine Verbraucher-, Business- und Kultur-Trends tatsächlich sind.

Während wir auf dem Rücksitz eines Autos durch die Straßen Bangkoks gefahren wurden, erklang zum Beispiel lautstarker Thai-Pop. Bewahrt die Dynamik der einheimischen Musik-Szene das Land also vor den Pop-Einflüssen, die möglicherweise aus den USA oder Japan durchsickern? Der junge Mann, der sein Pop-Nümmerchen schmetterte, klang, als ob er etwa 21 Jahre alt wäre. Wahrscheinlich sah er wie ein hübsches Mädchen aus: mit einer kunstvollen Frisur, ausnehmend gepflegten Augenbrauen, einem selbstbewussten Eyeliner-Strich, einem schlabbrigen T-Shirt und superengen Jeans. Und auch wenn die Melodien des Songs absolut eingängig waren, in Australien wäre wohl jede Hoffnung auf ein wenig Sendezeit im Radio aussichtslos.

In Sydney traf ich mich mit meinem Kollegen Andrew zum Frühstück in einem beliebten Café draußen in einem Vorort von Bronte. Ich stelle mir Australien oft als eine auf den Kopf gestellte Kopie von Kanada vor - mit etwas besserem Wetter und interessanteren Tieren. Mit der einen großen Stadt an der Westküste sowie zwei urbanen Konkurrenten im Osten, seiner niedlichen kleinen Hauptstadt und all diesen Mineralien und Tieren dazwischen könnte es wirklich Kanada sein - dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Zum einen hat Australien eine eigene zeitgenössische Architektursprache entwickelt, besonders wenn es um Um- und Neubauten geht. Zum anderen sind die lokalen Einkaufspassagen völlig frei von Handelsketten, eigenen wie fremden. Während man in den meisten britischen, kanadischen und amerikanischen Haupteinkaufsstraßen also auf die immer gleichen Apotheken, Cafés, Schreibwarenhandlungen und Zeitungskioske stößt, bestehen Sydneys Viertel aus Ansammlungen unabhängig und privat geführter kleiner Unternehmen.

Klar, Australiens abgeschiedene Lage hält Feiglinge davon ab, einen Qantas-Flug zu besteigen, um zu sehen, ob es sich lohnt, weiter zu expandieren. Aber die Tatsache, dass Starbucks 61 seiner 85 Ableger im Jahr 2008 abgewickelt hat und dass Borders in diesem Jahr all seine Geschäfte schließen musste (unabhängig davon, dass sie in den USA Konkurs anmelden mussten) beweist, dass dies ein Markt ist, der sich nicht leicht von So-und-so-Kaffee oder Mega-Buchläden beeindrucken lässt.

Spaß am Geldausgeben

Am Mittwoch landete ich in Tokio und bemerkte gleich, dass die Einheimischen nicht nur ihren Spaß am Geldausgeben wiedergefunden haben, sondern auch massenweise in unterschiedlichen Varianten ihrer Landestracht herumliefen. Die hohen Temperaturen der vergangenen Wochen blieben mir am Donnerstag und Freitag erspart, aber am Samstag kletterte das Thermometer und mit dem steigenden Quecksilber erschienen geschniegelte junge Männer in yukata, kimono und jin-bei (Sommer-Pyjamas). Parallel konnte man Gruppen junger Mädchen mit hochgesteckten Frisuren und perfektem Make-up dabei beobachten, wie sie geeiste Lattes tranken und Biskuit-Créme-Rolle aßen.

War dies ein subtiler Ausdruck von Nationalismus und Solidarität? War es Teil eines Konjunkturpaketes, um die jungen Leute dazu zu bringen, in japanische Firmen zu investieren und das Geld im Land zu halten, um altes Handwerk zu unterstützen? Oder war es nicht mehr als ein praktischer Weg, um sich abzukühlen und gleichzeitig cool auszusehen?

Als ich Zürich am Sonntagabend erreichte, war ich erleichtert, dass ein Ort, der mir so vertraut ist wie Australien, seinen eigenen Weg gefunden hat und nicht einfach aussieht wie ein Vorort von San Diego. Und dass eine Gesellschaft, die so besessen von aktuellen Trends und globalen Marken ist wie Japan, mehr Trost in einheimischen Produkten und Talenten findet als in importierten.

Ich schaltete den Fernseher an, um die Schlagzeilen zu lesen, und zappte dann durch verschiedene Kanäle, während ich meinen Koffer auspackte. Auf einigen Sendern zeigten sie Highlights des Telefon-Hacking-Skandals, während andere "live" aus Oslo berichteten. Wenn man so den Stimmen aus den Studios von Atlanta, einsamen Orten in China, Vor-Ort-Übertragungen vor dem Parlament und über Skype lauschte, war die Welt plötzlich nicht mehr so einzigartig. Vom Nachrichtensprecher bis zum Experten, vom Bürger bis zum Politiker klangen alle erschreckend ähnlich - egal, woher der Sprecher kam und unabhängig vom Ort auf diesem Planeten, an dem das Interview stattfand.

James Murdoch ähnelte dem Sicherheitsanalytiker, der über den Anstieg des Rechtsextremismus in Norwegen sprach; der politische Kommentator in Washington DC wirkte wie der Banker in der Börse von Singapur. Alle beendeten ihre Sätze in diesem leicht fragenden Tonfall, der selbst dem bestinformierten Akademiker etwas Dümmliches verleiht. Sogar der chinesische Sprecher, der von dem schrecklichen Eisenbahnunfall berichtete, hätte genauso gut über die Risiken blonder Strähnchen sprechen können, statt über Sicherheitsfragen rund um die Bahnbetreiber des Landes. Wenn sich die Welt wirklich zunehmend in den gleichen Gewässern bewegt, dann folgen die englischen Sprachmuster diesem Beispiel hoffentlich und verflachen ebenfalls.

Autor:
Tyler Brûlé