Fast Lane Der totale Freizeitstress

Die zweite Augusthälfte entwickelt sich zu einer der ruhigsten in der Geschichte von "Fast Lane". Ich weiß, es klingt unglaublich, aber ich nähere mich tatsächlich dem Ende eines zweiwöchigen Zeitraums, der ohne jede Unterbrechung frei von Flügen, Bahnreisen, Pass-Stempeln und Hotelaufenthalten war. Inzwischen freue ich mich zwar schon auf einen Trip nach Paris und Helsinki zu Mutters Geburtstag sowie einen weiteren zurück nach Beirut für eine große Dosis Meer und Sonne, davor habe ich es aber genossen, mitten in London gestrandet gewesen zu sein.

Ich hätte es sogar noch mehr genießen können, wenn der Sommer sich dazu durchgerungen hätte, noch ein wenig länger in der Nähe Londons zu verweilen und mir so gelegentlich einen sonnig entspannten Morgen auf der Terrasse beschert hätte. Letztlich spielt das aber gar keine große Rolle, da ich die vergangenen Wochen für ein Experiment in geistiger und körperlicher Gesundheit genutzt habe.

Als der Terminplan Anzeichen für eine reisefreie Periode Anfang Juli erkennen ließ, schlug ich meinen Assistenten Alex und Salex (Salex = Südafrikanischer Alex, um den alten vom neuen Alex zu unterscheiden) vor, doch in Erwägung zu ziehen, diese Zeit für eine persönliche Weiterbildung zu nutzen. Daraus entstand eine spontane Brainstorming-Session, in der zwei Tage dem Saubermachen meines Büros gewidmet wurden, ein weiterer dem Ausmisten meiner Garderobe und wieder zwei, um sich mit alten Freunden zu treffen. Ein paar Tage wurden freigehalten, um sich von diesem Programm zu erholen. Obwohl all dies durchaus anziehend klang, regte ich an, die ruhige Phase stärker zu strukturieren und kurz darauf trug diese Woche im August den offiziellen Code-Namen PIW - "Personal Improvement Week".

Nach ein wenig Recherche und logistischer Koordination entschieden wir, dass PIW eine volle Woche physischen und mentalen Trainings beinhalten würde, kombiniert mit ruhigeren Nachmittagen im Büro. Der ursprüngliche Plan verlangte nach 50-minütigem Laufen im Regent's Park (zwei äußere Runden), gefolgt von Japanisch-Unterricht. Meine Kollegin Emily gab zu bedenken, dass es möglicherweise effektiver wäre, den Sprachkurs mit dem einstündigen Lauftraining zu verbinden. Doch Salex sah sich schon den überwiegenden Teil des Julis mit der Suche nach einem japanischsprachigen Lauf-Coach vergeuden und brachte die Idee zu Fall, bevor sie überhaupt richtig zur Diskussion stand.

Mit ein bisschen Mühe gelang es uns, für das Training am frühen Morgen in einem privaten Fitnesszentrum in Fitzrovia meine Trainerin Vivi aus der Schweiz zu gewinnen und einige Anrufe bei Freunden im Außenministerium halfen uns dabei, einen Arabisch-Lehrer ausfindig zu machen, der direkt nach dem Sport Privatstunden geben konnte.

Mit dem Blackberry ins Koma

Leider war es vor Vivis Ankunft kaum möglich, schon mal ein bisschen vorzutrainieren, da ich von Tokio nach Helsinki, dann in den Nahen Osten und weiter nach Brasilien hetzen musste. Obwohl mich meine Asics-Laufschuhe überallhin begleiteten, langte es nur zu einer Runde um den Kaiserpalast in Tokio. Sie kamen bis zu dem Wochenende direkt vor der PIW, als ich zwei ernsthafte Trainingstage im Regent's Park einlegte, also weder mit Asphalt noch mit einem Laufband in Berührung.

Mir graute vor der ersten Session mit Vivi am vergangenen Montag, da ich dachte, sie würde mich für eine ganze Reihe an Versäumnissen kritisieren. Nach 90 Minuten voller Dips, Ausfallschritte, Laufen, Crunches und Gewichte überraschte sie mich aber mit einer halbwegs positiven Beurteilung meiner Performance - und es gelang mir, einem Vortrag über meine geringe Wasserzufuhr auszuweichen. Vivi wirkte zufrieden, da sie nun wusste, was die nächsten vier Tage über getan werden musste und schickte mich nach Hause zu meinem Arabisch-Kurs.

Ich hatte noch nie Arabischunterricht erhalten und mein Vokabular beschränkte sich auf Worte wie Shukran, Merhaba und Habibi. Meine Lehrerin fragte zu Beginn unserer ersten Stunde deshalb erstmal, wohin ich reisen würde und was ich mir von dem Unterricht erhoffe. Nach einer Tour durch die ganze arabische Welt und einer Diskussion darüber, in welchen Ländern das beste Arabisch gesprochen würde (sie als Libyerin sagte Syrien), beschlossen wir, ein Programm abzustecken, das uns in etwa zwei Wochen durch die Business Basics führen würde, um darauf dann aufzubauen.

Wenn sich die Effektivität der PIW am genausten am Grad der Erschöpfung messen lässt, dann wirkte sie am Dienstagabend Wunder. Mom erzählte mir, ich sei auf dem Sofa halb über meinen BlackBerry liegend in eine Art Koma gefallen, während sich die Tastatur in meine Stirn grub. Auch die restlichen Abende der Woche endeten ähnlich: Während eines Gesprächs, in einem Buch oder bei einem Dokument, das ich gerade tippte, wurde ich mitten im Satz von Erschöpfung völlig überwältig.

Die PIW endete offiziell am letzten Freitag, als Vivi zurück in die Schweiz fuhr. Vorher überreichte sie mir einen Trainingsplan, den ich bis zu unserem nächsten Treffen im Oktober in der Schweiz beherzigen sollte. Ich erklärte ihr, dass es relativ leicht sei, diesen Plan einzuhalten, solange ich mich in London befände. Wenn jedoch viele Fernflüge, komfortable Hotelbetten und zu viel Kunden-Entertainment ins Spiel kämen - sowie Hotel-Fitnesszentren, die nicht rund um die Uhr geöffnet haben -, wäre es auch mit dem stärksten Willen der Welt sehr leicht, vom ursprünglichen Programm abzuweichen. Vivi reagierte lediglich, indem sie eine Augenbraue leicht in die Höhe zog.

Da in London immer noch nicht viel los ist, habe ich die Arabischstunden in dieser Woche beibehalten und auch wenn ich wahrscheinlich noch nicht fähig bin, ein Kundengespräch zu führen, kann ich nun bis 20 zählen, all meine Lieblingsfrüchte und -Gemüse benennen und außerdem jedes einzelne Ding im Schrank mit dem Büromaterial. Ich habe auch mein morgendliches Laufen ausgeweitet und ein paar Übungen integriert, bei denen Vivi andeutete, diese seien das absolute Minimum. Vielleicht gäbe es genügend Kapazitäten, um die PIW als eine speziell auf gestresste Reisende ausgerichtete Marke zu etablieren, die Arabisch-Kurs, Bauchmuskel-Training und Aerobic miteinander kombiniert.

Autor:
Tyler Brûlé