Tahiti Der talentierte Mr. Lévy

Nelson Lévy sprach nicht viel. Meist hörte er nur ruhig zu. Und wenn er genug gehört hatte, dann traf er seine Entscheidungen. "Mit dem Zeigefinger drehte er immer in seinen Haaren rum", erinnert sich die Hotelmanagerin Jeannine Bishop, die jahrzehntelang mit dem Tahitianer zusammenarbeitete. "Daran konnten seine Angestellten erkennen, in welcher Stimmung Nelson gerade war." Zwirbelte Lévy sein Haupthaar in die falsche Richtung, musste man sich in Acht nehmen. Aber das kam recht selten vor.

Ohne den schweigsamen Monsieur Lévy würde Tahiti wahrscheinlich heute ganz anders aussehen. Nur wenige Urlauber würden sich auf die Insel verirren und die Bevölkerung wäre noch immer vollends abhängig von Zahlungen in Milliardenhöhe der ehemaligen Kolonialherren aus Frankreich. Lévy brachte den Tourismus nach Französisch-Polynesien - und damit auch ein wenig Unabhängigkeit. Die meisten Einwohner sind ihm dafür noch immer dankbar. Seine Beerdigung glich 2007 einer Massenkundgebung.

Bereits im Teenageralter arbeitete Nelson Lévy als Reporter für die ansässige Lokalzeitung. Das Attentat auf den US-Präsidenten John F. Kennedy brachte 1963 seine journalistische Karriere ins Rollen. Nachts hatte der Junge wie so häufig einen amerikanischen Radiosender gehört, als dieser das Programm unterbrach und den Tod des Staatsoberhauptes verkündete. Lévy klingelte kurzerhand seinen Chefredakteur aus dem Bett, überzeugte diesen, dass er nicht betrunken und Kennedy wirklich tot sei, und sorgte so für eine eilig produzierte Sonderausgabe, die als erste die traurige Neuigkeit in Tahiti verbreitete.

Mit Anfang 20 hatte sich Nelson Lévy auch im Leistungssport einen Namen gemacht. Der Journalist war zu jener Zeit Tahitis Motocross-Champion. Bei einem Rennunfall zog er sich schwere Verletzungen zu. Die medizinische Versorgung war auf Tahiti zu diesem Zeitpunkt jedoch unzureichend, Lévys Vater flog ihn deshalb eiligst nach Neuseeland. Doch man kam zu spät. Dem jungen Draufgänger musste ein Bein amputiert werden.

Der Weg aus der Krise

Lévy ließ sich von dem Schicksalsschlag nicht aufhalten. Den Beruf als Reporter hängte er an den Nagel, dafür entdeckte er sein Talent für Zahlen und arbeitete als Manager in einem Autokonzern. 1992 wechselte er erneut die Branche. Lévy übernahm die Leitung der tahitianischen Tourismusagentur. Obwohl er bislang keine Erfahrungen im Fremdenverkehr gesammelt hatte, konnte er innerhalb kürzester Zeit die Zahlen der Urlauber und Übernachtungen steigern. Viel Geld wurde in den Aufbau der Hotelindustrie gepumpt. 1996 schlitterte die Branche in die Krise: Zahlreiche private Airlines stellten aus Kostengründen ihre Flüge nach Tahiti ein.

Doch Lévy hatte wieder die richtige Idee. Er gründete mit Hilfe der Regierung eine eigene Fluggesellschaft. Zwei Jahre dauerte es, bis Air Tahiti Nui den Betrieb aufnahm. Mit einem einzigen geleasten Airbus 340, 17 Piloten und 80 Flugbegleitern ging man im November 1998 an den Start. Das erste Ziel hieß Los Angeles. Fünfmal die Woche flog man die US-Westküstenmetropole an. Im ersten Jahr von Air Tahiti Nui kamen so 20.000 Touristen nach Tahiti.

"Am Anfang waren wir die Exoten in L.A.", erinnert sich Chefpilot Gerard Maurin. Der 50-Jährige war einer von zwei tahitianischen Piloten, die von Anfang an mit dabei waren. "Inzwischen stehen von uns täglich mehrere Maschinen auf dem Rollfeld. Man nimmt uns jetzt ernst." Aus einem Airbus sind fünf geworden und Air Tahiti Nui befördert jährlich 240.000 Touristen auf die Insel. Diese kommen inzwischen nicht nur aus L.A., sondern auch aus Auckland, Sydney, Tokio und Paris. "Mit unserer Fluggesellschaft hat sich auch der tahitianische Fremdenverkehr weiterentwickelt", sagt der geschäftsführende Vorstand Michel Rispal nicht ohne Stolz. "Wir sind dank Air Tahiti Nui unabhängiger geworden."

Rispals Job hatte zuvor Nelson Lévy zweimal inne, zweimal wurde er von der Regierung aus dem Amt gedrängt. Der Staat Französisch-Polynesien hält eine Zweidrittelmehrheit an der Fluggesellschaft und der Vorstandsposten der Airline ist ein Politikum. 2004 und 2006 zwang man nach Regierungswechseln Lévy zum Rücktritt. Im Jahr dazwischen holte man ihn als CEO zurück, um die finanzielle Schieflage des Unternehmens wieder gerade zu rücken.

Nach seinem zweiten unfreiwilligen Abgang vom Chefsessel widmete sich Lévy einer neuen Aufgabe. Der Tausendsassa gründete eine Online-Buchungsmaschine für Tahiti-Reisende. Den großen Erfolg seines Start-ups erlebte er nicht mehr. Kurz nach der Launch-Party in seinem Haus erlitt Lévy einen Herzinfarkt und verstarb mit 59 Jahren. Sein Tod machte in Französisch-Polynesien fast ebensolche Schlagzeilen wie der von JFK.

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Autor:
Denis Krah