Mit Stil Der Kühlschrank der Nation

Keine Ahnung, wer in Südeuropa herumläuft und erzählt, man solle unbedingt im Winter nach Berlin reisen. Wien - ja. Zürich am See, bei Schnee - unbedingt! Meinetwegen sogar Stockholm, wenn man gut und so fetthaltig essen will, dass man garantiert über den Winter kommt. Aber Berlin? Das ist so wenig idyllische Winterstadt wie Mogadischu Downtown eine Sommeroase, was jeder bestätigen wird, der zwischen November und Februar schon einmal länger als eine Viertelstunde am Alexanderplatz herumstand.

Aber vorher will das ja anscheinend keiner hören von all den Spaniern, die hier gerade in dicken Moncler-Daunenjacken und Fleecemützen über die Kastanienallee laufen und trotzdem alle zehn Meter "Ay, que frio!" ausrufen, was ungefähr so viel heißt wie "Mann, ist das kalt!". Das ständige erwähnen davon, "wie kalt" oder "wie heiß" es irgendwo ist, scheint ja den meisten Menschen dabei zu helfen, Extremtemperaturen zu bewältigen. Wer um die Mittagszeit irgendwo in Italien eine Sehenswürdigkeit besucht, weiß jedenfalls sofort, wie viele Deutsche, denen gerade furchtbar warm ist, mitanwesend sind.

Frieren kann man in Berlin, keine Frage. Dafür wurden sogar extra breite Straßenfluchten angelegt. Ich werde nie vergessen, wie wir letztes Jahr - im Rekordwinter! - kurz nach Weihnachten unseren Freund Thomas mit seiner australischen Frau trafen, die von gerade noch 30 Grad Celsius in Perth nun bei Minus 20 Grad und Eisschicht schockgefroren auf der Karl-Marx-Allee standen und mit großen Augen unter ihren Fellkapuzen offensichtlich ernsthaft mit dem Gedanken spielten, sich doch noch vor Silvester aus dieser Hölle evakuieren zu lassen. Ungefähr so muss sich ein Reh im Lichtkegel eines 10-Tonners fühlen.

Später diskutierten wir dann darüber, ob man im harten Berliner Kontinentalklima wirklich gefühlt mehr friert als etwa in Oslo oder New York, was die Australierin unbedingt fand, während ich in New York auch schon ganz gut gefroren habe. Im Winter wie im Sommer: Die richtige Balance bei Klimaanlagen zu finden, ist offensichtlich ein unglaublich kompliziertes Unterfangen. Außerdem ordentlich gefroren habe ich in Hamburg, wo ich während der Journalistenschule für eine Lokalzeitung ständig sogenannte "Wettergeschichten" machen musste. Unter so sinnigen Headlines wie "Brrrrr, ist das kalt!" werden "Stimmen" von Hamburgern am zugigen Hafen oder der Außenalster gesammelt, die dann mit Foto und einer Bildunterschrift wie "'Ja, wirklich irre kalt dieser Winter!', sagen Susi und Sandra aus Ottensen!" im Lokalteil abgebildet werden. Weil das, verständlicherweise, kaum jemand mitmachen will, steht man eine ganze Weile in der Kälte bis genug "Wetter" zusammengekommen ist. Damals war ich kurz davor, mir einen Flachmann zuzulegen, glücklicherweise dauerte meine Hamburg-Station nur einen Winter.

Wirklich am allermeisten habe ich jedoch in Barcelona gefroren, wo ich vor zehn Jahren für längere Zeit wohnte. Da ist es zwar draußen nicht so irre kalt, drinnen wird es allerdings auch nicht viel wärmer. Was in südlichen Ländern teilweise als Heizung durchgeht, kann es nicht einmal mit einem Kirschkernkissen aufnehmen. Meistens sind in den Altbauten aber sowieso keine Heizkörper installiert, trotzdem will dort kein Mensch in einem Neubau wohnen, weil es ja eigentlich nie richtig abkühlt. Nur in jenem Jahr fiel plötzlich sogar ein bisschen Schnee, was mein schwedischer Mitbewohner und ich bis zu dem Zeitpunkt sehr aufregend fanden, an dem wir zurück in der Wohnung unseren eigenen Atem sehen konnten und auch der offene, laufende Backofen und zwei stromfressende kleine Heizstrahler nicht viel dagegen ausrichten konnten. In dieser Nacht, eingepackt in zwei Jogginganzügen und zwei Schlafsäcke, dachte ich, so fühlt es sich also an, im Winter auf der Parkbank zu schlafen. Die folgenden Tage verbrachten wir viel Zeit bei Freunden mit Neubauwohnungen.

Auf der Top Ten Liste der "Freezing Citys" unserer australischen Freundin stehen übrigens noch Neapel (Hafennähe), Liverpool und Chicago. Doch nicht einmal Moskau, unbestritten ein Kälte-Klassiker, toppt ihrer Meinung nach Berlin, wo sie sehr zu ihrem Leidwesen dieses Jahr wieder die Feiertage verbringen wird. Deshalb hat sie mit ihrem Mann ausgehandelt, dass sie für jeden erlebten Minusgrad eine Stunde im Spa als Kompensation erhält. Sieht nicht so aus, als würden wir sie dieses Jahr viel zu Gesicht bekommen.

Autor:
Silke Wichert