Kreuzfahrt Der größte schwimmende Spa der Welt

Der Behandlungsraum ist orange gestrichen, auf dem Holzfußboden liegt eine künstliche Seerose, aus den Lautsprechern klingt ein Easy-Listening-Mix als Dauerschleife, mit Pech ist auch mal ein bisschen Panflöte dabei. "Is okay oil on your hair?", fragt der indische Ayurveda-Meister mit einem dermaßen strahlenden Lächeln, dass man ihm die gerade frischgewaschenen Haare gern überlässt. Mit kräftigen, fließenden Bewegungen wird nach dem Kopf dann auch der ganze Körper in warmes Öl getaucht - eine Ayurveda-Massage mitten auf dem Mittelmeer.

Wellness an Bord eines Kreuzfahrtschiffs, das eine schwimmende All-Inclusive-Clubanlage mit gut 2000 Passagieren und einer 650-Mann-Besatzung ist, klingt wie ein glatter Widerspruch. Doch wer sich durch die stilistisch mutig gemusterten Treppenhäuser in den Body- und Spa-Bereich auf Deck 12 der "Aida bella" vorgearbeitet hat, findet dort den größten schwimmenden Fitness- und Wellnessbereich der Welt: 2300 Quadratmeter Behandlungsräume, Ruhezonen, Saunen und mittendrin eine Wellness-Oase mit Whirlpool, künstlichen Palmen und Hängematten unter einem ausfahrbaren Glasdach.

Neben dem Empfang warten Gäste auf ihren Termin oder trinken bereits den Roibusch-Tee, der das Treatment abschließt. Alle tragen einen weißen Bademantel. "Das war keine Streichelmassage", verkündet ein Mann Mitte 40 seiner Frau mit einem gewissen Stolz. Angeboten wird alles von der klassischen Schulter-Nacken-Massage über Thalasso-Wickel bis hin zu Lomi Lomi.

"Viele unserer Gäste bekommen die Wellness-Angebote geschenkt", sagt Doreen, während sie einen Kunden zum exklusiven dreistündigen Programm "Jenseits von Afrika" führt. Seit neun Wochen fährt die Heilpraktikerin aus Dresden auf dem Schiff zwischen Mallorca, Rom und Barcelona hin und her. Insgesamt wird sie - wie fast alle Angestellten - sechs Monate bleiben. Sie ist glücklich. "Aber für einige, die vorher noch nie von zu Hause weg gewesen sind, ist das schon eine lange Zeit."

Der Body- und Spa-Bereich liegt direkt über der Brücke des Kapitäns, und der Ausblick wirkt leicht hypnotisierend. Scheinbar geräuschlos schiebt sich die Schiffsspitze durch das ruhige dunkelblaue Wasser. "Vergangene Woche haben wir genau hier Delfine gesehen", sagt Doreen. Rechts sind die Konturen Sardiniens zu erkennen. Von links nähert sich ein Fischkutter. Auf dem Mast ganz vorne lässt sich eine Möwe nieder.

Zunächst dürfen sich die Füße in einem Büffelmilchbad entspannen. Das Ganzkörperpeeling mit schwarzen Diamantenkörnern öffnet die Poren, so dass die Vitamine der folgenden Produkte gut eindringen können. Die Möwe am Bug beginnt sich träge zu putzen, dann wird nach einer kurzen Zwischendusche Tonerde auf- und wieder abgetragen. "Jetzt werde ich die Muskeln warmrütteln", erklärt Doreen. Sie drückt auf Punkte am Kopf sowie an den Zehen und beobachtet den Bewegungsfluss durch den ganzen Körper. Blockaden werden etwas fester mit Marula-Öl massiert, das man aus den Früchten des Elefantenbaums gewinnt.

Im Nacken und am Steißbein sind die Verspannungen besonders hartnäckig. "Die klassischen Blockaden eines Schreibtischarbeiters", sagt Doreen. In Folien eingepackt, durchaus einer ägyptischen Mumie ähnelnd, wechselt man schließlich aufs Wasserbett, wo man in einer Art Kokon eingeschlossen über dem Meer zu schweben scheint. Die Möwe sieht inzwischen aus, als sei sie eingenickt. Der Gedanke, Doreen einfach auszusperren, um diesen Raum nie mehr verlassen zu müssen, hält sich hartnäckig.

Neu ausgestattet mit der Haut eines Babys begibt man sich von Afrika wieder zurück auf ein deutsches Clubschiff. Sieben Restaurants stehen zur Auswahl, um den Körper ganz profan zu verwöhnen, elf Bars sind für die Gesundheit des Geistes zuständig. Die "bella", Baujahr 2008, ist das fünfte von derzeit sechs Aida-Schiffen, bis 2010 werden noch zwei neue dazu stoßen. 1025 Kabinen hat die "bella", 439 davon mit Balkon. 1996 - zu einer Zeit, als die Zukunft der klassischen Kreuzfahrt insgeheim auf eine stille Seebestattung hinauslief - ließ die Deutsche Seereederei in Rostock gegen den Trend die erste Aida zu Wasser. Ungezwungenheit, ein riesiges Angebot an Sport- und Wellness-Aktivitäten sowie hochwertiges Entertainment an Bord - das Konzept entwickelte sich zu einem Renner. Im vergangenen Jahr nahmen 336.000 Gäste an den Aida-Fahrten teil, eine Steigerung zum Vorjahr von fast 30 Prozent bei einem Umsatz von insgesamt 566,1 Millionen Euro.

Es ist Abend und man lässt die entspannten Muskeln auf der balkoneigenen Hängematte sanft im Mondlicht schaukeln, hört dem leisen Rauschen der anbrandenden Wellen zu, als es plötzlich "Wo sind die Hände?!" durch die Nacht dröhnt. DJ Carsten nimmt seine Entertainer-Qualitäten hörbar ernst. Sichtlich frischverliebte Paare, ausgelassen tanzende Mütter und rhythmisch schaukelnde Väter, geschminkte Teenager und nachtaktive Kinder singen inbrünstig "Heut ist so ein schöner Tag! Lalalalala" - immer wieder.

"Wie neugeboren" bei Lomi Lomi, "Energie tanken" und "Entspannung pur" bei Shiatsu - hier, auf der "Aida bella", kann man Wochen damit verbringen, alles einmal auszuprobieren. Mit Stolz wird auch Terraké angeboten, ein recht neues Programm, das eine "Reise ins innerste Ich" verspricht. Aus vier Fotos soll man sich zwei ansprechende heraussuchen, dann aus zwei Geruchsproben die sympathischere. So wird man einem der vier "Natur-Reiche" Erde, Wasser, Pflanzen oder Luft zugeordnet. Es folgt eine "Sinnesreise" mit Tonerde-Packungen, heißen Steinen aus Marmor und Basalt sowie einer Ölmassage. Langsam bekommt man ein ganz schlechtes Gewissen gegenüber dem eigenen Körper, der es weder gewohnt ist, dass seine Poren durch Peelings vitamindurchlässig gehalten werden, noch dass man sich je um die Auflösung von Verspannungen bemüht hätte.

Doch irgendwann reicht es dann plötzlich. Bitte keine Panflötentöne mehr, keine Einmal-Slips, keine künstlichen Seerosen auf dem Boden. Wellness-Tee, Wellness-Oase, Wellness-Anwendung - noch einmal das Wort "Wellness" und man nimmt den musikalischen Dauerbrenner von Tim Toupet beim Wort und "Springt, springt, springt" von Bord, "ein schöner Tag" hin oder her.

Wer so weit ist, und sich nicht für Angebote wie den "Sushi-Kennenlern-Treff", den "Mal-Treff Farbe & Meer mit Daniela", den "Fruit Carving"-Workshop oder "Cha-Cha-Cha für Einsteiger mit Uwe" begeistern kann, muss nur an einem Ausflug teilnehmen, um wieder auf den Wellness-Geschmack zu kommen. Nach einer Vesuv-Besteigung bei Nebel und Regen steht man der "fruchtig erfrischenden" Gesichts- und Dekolletébehandlung mit Produkten von St Barth wieder sehr aufgeschlossen gegenüber.

Die afrikanische Sauna-Nacht lässt jede Erinnerung an den Ausflug zu den Vatikanischen Museen dankbar verblassen: heiße Zitronen-Aufgüsse, die wie Wüstenböen über den Körper rasen, statt der auf "arktisch" gedrehten Klimaanlage im Bus; sanfte Gitarrenzupfereien statt des "Quiet please"-Gebrülls der Ordnungskräfte in der Sixtinischen Kapelle; Sekt, Snacks und frische Früchte statt des "Nudeln-Hühnchen-Eis"-Einheitsmenüs beim Italiener. Und statt an den Meisterwerken der Museen vorbeigejagt zu werden, wird man hier von Jeanette sanft zwischen Sauna, Oase und Ruheraum hin- und hergeleitet. Dort liegt man, schaut auf die dunklen Wellen und hört, wie sie erzählt, in der vergangenen Woche seien genau hier Delfine vorbeigeschwommen.

Kurz vor der Rückkehr kann man sich mit Mani- und Pediküre, Make-up-Beratung oder einer neuen Frisur zur Entspannung auch noch äußerlich zum neuen Menschen trimmen lassen. Dass diese Verwandlung nicht nur äußere Verschleißerscheinungen überdeckt, sondern der Wellness-Urlaub das "innerste Ich" vielleicht doch gestreift hat, merkt man am letzten Abend, wenn das nächtliche "Alice, who the fuck ist Alice" ein Lächeln ins Gesicht zaubert, das dem des indischen Ayurveda-Meisters wirklich sehr nahe kommt.

Autor:
Andrea Fonk