Fast Lane Britannien versinkt im Mittelmaß

Die Woche begann am Montag mit einem Knall und einem dumpfen Aufsetzer, als unser BMI-Airbus in Heathrow landete und dann eine Vollbremsung hinlegte, um den frühen Abzweig zum Gate zu erwischen. Vier Stunden vorher war es schon schwer gefallen, den sonnigen Himmel und die warmherzige Gastfreundschaft Beiruts zu verlassen und gegen eine Fluggesellschaft, die dringend ein Re-Think benötigt, einzutauschen - Turbulenzen über dem Balkan und das schwüle, graue London inklusive.

Ich hatte gerade eine Viertelstunde an Bord des Flugzeugs verbracht, als ich mich fragte, ob die neue Muttergesellschaft Lufthansa wohl etwas Innovatives mit ihrer neuesten Übernahme vorhat oder ob sie einfach alles so unverändert lässt und hofft, sie könne irgendetwas annähernd Profitartiges aus BMI herauspressen. Während wir über den Asphalt des Beiruter Flughafens rollten, ging ich meine persönliche Pre-Flight-Check-Liste durch und überlegte, was bei BMI konkret verändert werden müsse. Sollte zuerst der Name angegangen werden - oder doch die Uniformen?

Der Name BMI (British Midland International) sagt nicht wirklich viel über eine Fluggesellschaft aus, die sich offensichtlich vorrangig auf die andere Seite des Mittelmeers sowie auf Zentralasien konzentriert. Vor etlichen Jahren war die alte British-Airways-Tochter British Mediterranean in BMI umgewandelt worden - und damit ging einher: verpasste Markenbildung. Natürlich hätte man eine ungleich attraktivere Fluggesellschaft mit dem Wort "Mediterranean" aufbauen können als mit "Midland". British Mediterranean International klingt strahlend, optimistisch und darauf fokussiert, die Passagiere zu warmen Zielen und anderen heißen Angelegenheiten zu befördern. "British Midland" klingt hingegen nach ausschließlich nationalen Flügen, weder Nord noch Süd, Ost oder West, es klingt einfach nur nach Mittelmaß.

Als ich dann meine mentalen Markenbildungsübungen auf die Seite packen und ein Nickerchen einlegen wollte, ruckelte plötzlich das Barwägelchen den Gang hinunter, flankiert von zwei in fürchterlichen königsblauen Blazern leidenden Stewardessen. Während sie sich nach Kräften und trotz begrenzter Möglichkeiten bemühten, ein ordentliches Service-Niveau anzubieten, blickte ich mich im Rest der Kabine um, die aus einem wilden Mischmasch der unterschiedlichsten Marken bestand - außerhalb der ölverschmierten Fenster war das Flugzeug immer noch ein Hybrid aus den Marken dreier unterschiedlicher Fluggesellschaften; die Teppiche waren burgundrot, die Sitze in verschiedenen Blautönen gehalten und alles wirkte ein wenig abgewetzt. Ich war wirklich bereit, über neue Uniform-Optionen nachzudenken, da aber forderte ungefähr über Nikosia der frühe Weckruf am Morgen seinen Tribut.

Als wir in Heathrow übers Rollfeld Richtung Gate fuhren - vorbei an Baggern, Bulldozern, den mit Erweiterung der alten und Bau von neuen Terminals beschäftigten Arbeitern, wegen eines erneuten Streits mit Startverbot belegten British-Airways-Maschinen und anderen Fluggeräten von BMI mit ihrem uneinheitlichen Branding - erinnerte der Airport weniger an eine internationale Drehscheibe im Aufbruch als vielmehr an einen hub im steilen Sinkflug.

Bestseller fürs Weihnachtsgeschäft

Von den neuen Bauten mal abgesehen hat der Ruf des Flughafens durch den permanenten Arbeitskampf bei British Airways gelitten, zudem wirkt die existierende Infrastruktur so, als werde sie jeden Augenblick kollabieren. Wie oft stoppt ein Flugzeug vor dem Gate und die Fluggastbrücke funktioniert nicht? Nehmen Sie dazu noch das Einstampfen einer dritten Startbahn durch die neue Regierung, und es ist schwer zu verstehen, wie London relevant bleiben soll, wenn gleichzeitig Frankfurt/Main, München oder Charles de Gaulle sämtlich weiter expandieren und Gesellschaften wie Emirates ankündigen, dass sie ihre Aufträge für den A380 auf 90 Maschinen aufstocken.

In einer Zeit, in der Großbritannien drastische Kürzungen im öffentlichen Sektor bevorstehen, muss so viel als möglich in den Standort investiert werden, um die Kassen wieder auffüllen zu können. Die Flughäfen in einer Warteposition zu halten, sendet nicht die passenden Signale aus an potentielle Investoren in beispielsweise Istanbul, Doha oder Seoul.

Ein ehrgeiziger Journalist könnte zusammen mit einem schnell entschlossenen Herausgeber in diesem Jahr auf die Sommerferien verzichten und an einem potentiellen Bestseller fürs Weihnachtsgeschäft arbeiten. Dieses Werk würde aufzeigen, wie Großbritannien in weniger als zehn Jahren aus der globalen Major League der zivilen Luftfahrt herausgefallen ist. Der weltweite Einfluss von British Airways, die europäische Vormachtstellung von Heathrow und das beherzte Risiko in einem Unternehmen wie Virgin - alles Geschichte. Und man kann sich nur schwer vorstellen, wie einer dieser Player wieder zurück ins Spiel finden soll.

Zwar lädt die neue britische Regierungskoalition zu diversen öffentlichen Diskussionsrunden, in denen die Leute gefragt werden, an welchen Stellen gekürzt werden soll. Sie tut aber wenig, um irgendjemanden - zu Hause oder im Ausland - für eine umfassendere, kühnere Vision zu begeistern. Zugegeben, die Regierung steht noch am Anfang und der Haushalt muss erst beschlossen werden, aber die Cammy/Clegg-Show sollte dringend eine Reihe an Projekten präsentieren, die die Titelseiten entern und so Märkte, Touristen und die einfache Bevölkerung gleichermaßen begeistern für die kommenden Jahre und die Marke Großbritannien.

Im Moment hingegen bietet das Menü keine große Auswahl. Die Städte mit der höchsten Lebensqualität (siehe auch die "Monocle Quality of Life"-Tabelle im "House & Home"-Abschnitt) sind die, die Bewegungsfreiheit bieten und bequem mit dem Rest der Welt verbunden sind. Für London (und Großbritannien) besteht die Gefahr, Hauptstadt von "Mittelmaß"-England zu werden - es sei denn man legt bestechende, zukunftsfähige Pläne vor, um seine Position auf der Weltbühne zu revitalisieren.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé