Nachgeschenkt Blutiger Wein

Von hier oben, dem Essenheimer Teufelspfad, ist gut die Stelle zu erkennen, an dem der "Scheier-Klaus" sein Leben lassen musste. "Das ist die Straße nach Nieder-Olm", erklärt Andreas Wagner den Tatort. "Daneben verlaufen Gräben, in einem davon wurde er gefunden." Da unten ließ Wagner den Sonderling sterben, den niemand ernst nahm. Mit dem die meisten nur redeten, um ihn stottern zu hören. Voller Hass stolperte er durch seine letzte Nacht, stieß dabei wüste Drohungen aus, nachdem er sich mit ein paar Schoppen in Rage gebechert hatte. Wenig später lag der "Scheier-Klaus" mit zersplitterten Knochen im Graben. Ein Fahrzeug hatte ihn von hinten erfasst, ohne abzubremsen.

Der Autor Andreas Wagner ist Winzer und hat vier Krimis verfasst, "Herbstblut", "Abgefüllt", "Gebrannt" und "Letzter Abstich", die in und um Essenheim spielen. Das rheinhessische Dorf gehört zum friedlich geltenden Speckgürtel von Mainz, in dem viel mehr Wein als Blut fließt. "Ich habe noch keinen Mord und keine Leiche gesehen", gesteht Wagner. "Aber ich habe sehr viel Phantasie." Wenn im Dorf mal über Nacht die für einen Eiswein vorgesehenen Trauben geklaut werden, ist das schon ein ungewohnter Ausschlag krimineller Energie.

Wagner ist promovierter Historiker, er fand erst als Seiteneinsteiger zum Weinbau. Neun Jahre lang verfolgte er eine wissenschaftliche Karriere, die letzten davon in Leipzig. Dann entschloss er sich doch noch, mit seinem Bruder Ulrich das elterliche Weingut zu übernehmen. Inzwischen arbeitet auch der jüngere Bruder Christian mit. Aber nur noch an Weine denken? Schreiben ist Wagner zur Gewohnheit geworden. Nach der staubtrockenen Doktorarbeit über die Machtergreifung der NSDAP in Sachsen hat Wagner bereitwillig das Genre gewechselt. Die Arbeit mit dem Zettelkasten hat er nie gemocht, als Krimi-Autor schätzt er "die Freiheit Figuren zu bewegen, die ich als Historiker nicht hatte". Jetzt lässt er raffinierte Geschichten entstehen, die von Wein und Mord handeln, eine unschlagbare Kombination. Die Ideen dafür sammelt er bei monotonen Arbeiten wie dem Rebschnitt, aufgeschrieben werden sie in den Wintermonaten.

Im Weinberg nahm auch die Figur Paul Kendzierski Konturen an: Der Polizist lässt sich, zum allgemeinen Unverständnis, von Dortmund nach Nieder-Olm versetzen. Ausgerechnet Nieder-Olm, wo die "Kerb", das Kirchweihfest, zu den Aufgeregtheiten kleinstädtischen Lebens zählt. Als "Verdelsbutze", wie die Bezirkspolizisten gerufen werden, soll sich Kendzierski mit Straßen-Umleitungen und Baugerüsten befassen - und bekommt es mit Mord zu tun. Ein Dorfsheriff, der auf fremdem Terrain ermittelt und sich in Situationen bringt, die gefährlich erhöhten Herzschlag garantieren - das muss Ärger geben.

Als ausgleichendem Element fällt dem Wein die andere Hauptrolle zu. Vor allem dem Winzer Karl Bach gelingt es, den notorischen Biertrinker Kendzierski für Wein zu begeistern. Bach ist auch das Sprachrohr der auf Qualität verpflichteten rheinhessischen Winzer, zu denen auch das Weingut Wagner zählt. Die Wagners profitieren heute davon, dass sich der Familienrat vor beinahe 30 Jahren dazu durchringen konnte, in der besten Lage, dem Teufelspfad, Burgunder, Riesling und Silvaner anzupflanzen. In den Parzellen nebenan wucherten damals noch Morio-Muskat und Müller-Thurgau.

In das weit verbreitete Gerede vom Terroir stimmt Wagner nicht ein. "Jetzt merken plötzlich alle, dass Wein auf Böden wächst. Dabei ist das doch ein alter Hut." Die Wagners wissen schon länger, wo ihre Reben am besten stehen, welcher Boden die Vorzüge der Rebsorte zur Geltung bringt: Der Weiße Burgunder wächst auf einem Kalkalgenriff, der Spätburgunder auf tertiärem Mergel, der Riesling auf Löss und Mergel.

Wo geschieht der nächste Mord?

Ihre Weißweine sollen lange auf der Hefe liegen, die ihnen das charakteristische Aroma mitgibt. Der neue Jahrgang 2010 gefällt mit seiner frischen und feingliedrigen Art. Die Rotweine dürfen nicht unter der Knute des Holzes leiden. Fast alle Weine vergären spontan und erhalten dadurch einen individuellen Fingerabdruck der Natur. "Mit Reinzuchthefen schmeckt alles ähnlich", sagt Wagner. Es sind keine Mode-Weine, die auf schnelle Effekte aus sind. Sie passen in die grüne Hügellandschaft, in Dörfer mit engen Gassen, die zu keinem Bahnhof führen. Es sind keine Weine, die geräuschvoll für sich werben. Die aber immer den idealen Partner im genussvollen Essen suchen - wie in Wagners Krimis und Privatleben.

Nach anfänglichem Argwohn ist der schreibende Winzer nicht mehr aus Essenheim wegzudenken. Auch die älteren Dorfbewohner halten ihn auf der Straße an, wollen wissen, wo der nächste Mord geschieht. Das kann er natürlich nicht verraten. "Am Anfang", erzählt Wagner, "hatten manche Angst, dass ich sie schlecht beschreibe. Aber inzwischen wissen sie, dass ich nicht jeden Einwohner zum Täter oder zur Leiche schreiben kann."

Wagner lässt die Einheimischen im Glauben, dass seine Krimis Fiktion seien. Aber dass er sich an den Vorgaben der Realität orientiert, merkt man, wenn man durch das 3500-Seelen-Dorf geht. Scharf wird jeder gemustert, der nicht zu der überschaubaren Anzahl von Haushalten zählt, die hier seit Jahrhunderten nebeneinander leben. In "Letzter Abstich", seinem bislang letzten Krimi, verarbeitet Wagner gekonnt den skrupellosen Umgang einiger rheinhessischen Weinbauern mit ihren jüdischen Nachbarn während der NS-Zeit, dessen Nachwirkungen Kendzierski mehr beschäftigen als ihm lieb ist.

Der Henning Mankell Rheinhessens wird Andreas Wagner nicht werden. Der drahtige Turnschuhträger, Jahrgang 1974, kann der Düsternis und Melancholie der nordischen Krimis wenig abgewinnen: "Das Genussvolle und das Augenzwinkern sind mir wichtiger." Trotzdem hat Wagner ein Knistern und eine Spannung in das Dorf transportiert, die dessen reale Beschaulichkeit überlagern und die Vorstellungskraft mobilisieren. Steht neben den Edelstahltanks nicht der Gärbehälter, in dem der polnische Arbeiter Jozef, in "Herbstblut" im Dornfelder ertränkt wurde? Überall hinter den mächtigen Hoftüren könnte ein Hinweis zu entdecken sein, auf ein weiteres, unfassbares Verbrechen. Andreas Wagner hat über den Winter an seinem fünften Krimi geschrieben, der im Herbst erscheinen soll. Wieder schweift seine Phantasie zwischen den gegensätzlichen Polen Genuss und Gewalt. Und einen Toten wird es auch wieder geben. Mindestens.

Weingut Wagner: Hauptstraße 30, 55270 Essenheim, Telefon: 06136-87438,

Autor:
Rainer Schäfer