Allgäu Bergkäse und Schampus in den Alpen

Aufwärts, auch wenn das Herz schneller klopft, die Muskeln müde werden, der Atem nur noch stoßweise geht und auch der Hund kaum mehr will. Fragend blickt er mich an: Wirklich? Ich nicke, ergeben hoppelt er weiter. Steiler wird es, Wurzeln ziehen sich knotig über den Waldboden, hinter Tannen ragen die Hochgipfel der Allgäuer Alpen empor.

"Unser Emporklimmen war mühselig genug, doch ist es eine undankbare Aufgabe, die Einzelheiten solcher Bergwanderungen zu schildern, wenn man sie nicht mehr genau im Kopfe hat", schreibt der Gelehrte Friedrich von Bodenstedt recht verdrossen in sein Fahrtenbuch, in dem er die Großexkursion Seiner Königlichen Hoheit Maximilians II. von Bayern beschrieb, vor allem, da die königliche Gesellschaft "bis auf die Haut durchnässt war". Es soll viel geregnet haben in diesen Wochen im Sommer des Jahres 1858, als sich der königliche Tross auf die Reise begab: von Lindau bis in den Osten des Königreiches. Der König wollte sein Land kennenlernen - und so ging es nun ins Urige, mitten in die Seele seines Volkes wollte er auf dieser Wanderung schauen.

In Lindau haben auch wir, mein Hund und ich, unsere Wanderung auf dem Maximiliansweg begonnen. Knapp 400 Kilometer lang zieht sich der vom Deutschen Alpenverein ausgewiesene Weitwanderweg von Lindau bis nach Berchtesgaden. Doch wir haben nur die Allgäu-Etappe vor uns: fünf Tage und knapp 110 Kilometer bis nach Füssen. Lindaus Altstadt, auf einer Insel im flaschengrünen Bodensee, streichelt die Augen mit verwinkelten Gassen, gluckernden Brunnen und stolzen Bürgerhäusern.

Wir laufen zum Hafen und warten auf das Bodenseeschiff, das uns ans andere Seeufer bringen soll, ins österreichische Bregenz. Der große Löwe steht gegenüber Bayerns einzigem Leuchtturm, Schafswölkchen galoppieren über den blauen Himmel, bunte Wimpel flattern am Schiff und spiegeln sich im ruhigen Wasser des Bodensees. Stampfend setzt sich das Schiff in Bewegung. Dass Wandern so komfortabel sein kann? Per Gondel geht es in Bregenz weiter auf den Pfänder, vom Himmel und vom See blitzt es blau, Bierbänke am Gipfel, Weißwurstbehaglichkeit, ein zufrieden gähnender Hund.

Und dann beginnt das Wandern: Macht erst Freude, dann Mühe, dann Blasen und wird sich die nächsten fünf Tage nicht ändern. Durch den Wald von Vorarlberg zurück ins Allgäu nach Scheidegg, einem geradezu dramatisch beschaulichen Örtchen. Scheidegg liegt auf einem Hochplateau, die Luft ist hier so rein, dass der Ort den Titel "Heilklimatischer Kurort Premium Class" führen darf. Und im "Gasthaus zur Post" gibt es den köstlichsten Hirschbraten, den man sich vorstellen kann.

Nach einem komaartigen Schlaf schnüre ich die Schuhe wieder, und wir verlassen Scheidegg und wandern weiter. Über Wiesen, über Wege, durch Kuhherden, durch Gatter, Dörfer, Weiler, Wildblumenmatten, über Bächlein - durch eine so liebliche, in ihrer Sanftheit so typische Allgäuer Landschaft. Ein treffliches Wirtshaus ist zur Mittagszeit bald gefunden, dampfende Weißwürste werden serviert, die Kirche gegenüber lässt ihre Glocken singen und heraus strömt eine Hochzeitsgesellschaft, bei Blasmusik wird Bier ausgeschenkt auf dem Kirchhof, und fast alle tragen Dirndl und Lederhose.

Die Allgäuer Version von Sylt

Weitergehen, gehen, gehen, stundenlang, tagelang, der Rhythmus der Schritte klopft die Gedanken aus dem Kopf, bald ist da nichts mehr, kein Gestern, kein Morgen, kein Vorhin, kein Gleich - nur noch ein winziges, flackerndes Jetzt, und das reicht vollkommen. Ich schaue dem Hund hinterher, der einen Schmetterling über die blühende Wiese jagt, manchmal springt er mit allen vier Pfoten in die Höhe, vergisst den Schmetterling, sieht einer Biene nach. Für den Hund gibt es nichts anderes als das Jetzt, fast bin ich neidisch auf diese Leichtigkeit. Bis ich wieder sitze, raste, ein kühles Bier in der Hand, und der Hund nur Wasser aus seinem Näpfchen bekommt.

Das sanfte Wogen der Landschaft weicht immer höheren Hügeln, bald sind es Berge, die ersten Ausläufer von Oberstaufen sieht man von fern, schon ist man mitten im Ort, dem Kurort, dem Allgäuer Sylt: In den Schaufenstern hängt Hochpreisiges von Bulgari und Chanel, Damen im Pelz sitzen in der Abendsonne im Straßencafé, stoßen an mit "Prösterchen!" Champagner fließt, das macht aber nichts, denn morgen kann man's ja wieder rausschwitzen, beim Feuchtwickel der Schrothkur, wegen der man ja hier ist.

Sehr früh am nächsten Morgen geht es auf den Hochgrat, den höchsten Gipfel des westlichen Allgäus. 1834 Meter hoch türmt er sich in den klaren Himmel, der Blick, der sich von oben bietet, reicht bis zur Zugspitze. Wir wandern über die Nagelfluhkette - einen karstigen, fast zwanzig Kilometer langen Gebirgszug, der sich in bizarre Felsformationen auffächert und fältelt, Dinosaurierrücken meint man zu erkennen, asiatische Pagodendächer, Urzeittiere. Dann wieder Hänge, die wirken, als seien sie mit grünem Samt überzogen.

Am nächsten Tag wandern wir über Gunzesried nach Sonthofen, dann immer höher Richtung Spieser-Gipfel, über Wurzelwerk, ignorieren die Müdigkeit, rasten im Hochmoor, essen reife Blaubeeren, aus denen ein süßdunkler Saft quillt. Immer weiter laufen, der Hund zuckelt hinterher, ich kann kaum mehr sagen, seit wie vielen Tagen das so geht. Wir kehren ein in der Hirschalpe, einer Sennerei. Ich trinke Sauermilch, so rahmig und dick, dass sie fast stichfest ist. Esse würzigen Bergkäse, der aus der Milch der Kühe gemacht ist, die um uns herum weiden, muhen und uns mit ihren Dulderaugen ansehen.

Der Hund versinkt bei jeder auch noch so kleinen Rast sofort in einen Tiefschlaf, auch ich spüre mittlerweile meine Beine nicht mehr. Der vierte Tag ist heute, wir müssen weiter, ins Tal. Neben uns fließt munter die Wertach, als wir am späten Nachmittag ins verträumte Örtchen Unterjoch einlaufen. Noch ein paar Kilometer, jetzt auf Tiroler Boden, noch einen letzten Wiesenhang hinab - und wir erreichen das "Landhotel Rehbach", wo ich Speckknödel esse und um acht Uhr schon im Bett liege, ich schlafe zwölf Stunden am Stück.

Am nächsten Morgen recken der Hund und ich unsere steifen Knochen. Die letzte Etappe liegt noch vor uns: durchs Tannheimer Becken nach Füssen. Wir laufen ein paar Stunden über weiche Waldwege am Bächlein Vils entlang, dann steigen wir auf den Falkenstein, einen unwirtlichen Felsen, auf dem sich die mittelalterliche Ruine Falkenstein festgekrallt hat. Von hier sieht man weit hinab ins Allgäu mit seinen grünen Wiesen, in denen Seen wie blaue Kornblumen prangen, im Süden reihen sich die Gipfel der Alpen, und im Osten sieht man es schon märchenhaft schimmern: Schloss Neuschwanstein.

Wir steigen hinab, hinunter zum geheimnisvoll blauen, waldumsäumten Alatsee. Sie ziehen sich, die letzten Kilometer, endlich der Lech, türkisfarben, gluckernd, und dann: Dächergewirr, Mittelalterfassaden, hölzerne Tore, Lüftlmalerei. Wir sind in Füssens Altstadt. Ein letztes Mal Allgäuer Kässpätzle - für den Hund eine Premiere: Es ist kein Futter mehr für ihn da, er bekommt ein Schüsselchen von meinen Spätzle vor die Nase gestellt. Er kann sein Glück kaum fassen, schnauft, leckt, gräbt sich in den geschmolzenen Bergkäse, schließt verzückt die Äuglein, jault vor Freude, alle Mühsal fällt in Sekunden von ihm ab.

Ich schaue den Hund an, der sich begeistert die Bergkäsefäden von der weißen Schnauze leckt, schaue auf seine erdverkrusteten Beinchen und in seine blitzenden Augen. Und könnte er sprechen, würde er wahrscheinlich sagen, dass auch er sich prächtig amüsiert habe. Fast menschlich, könnte man sagen.

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