Fast Lane BBC killed the Radio Star

ca. 1987, Cuba --- Boys at Beach with Radios --- Image by © Robert van der Hilst/CORBIS

Haben Sie in der letzten Zeit auch den Eindruck, dass ihr Medienkonsum auf Diät gesetzt zu sein scheint? Spüren Sie nach dem Aufstehen und vor dem Zubettgehen diese Leere bei der Nachrichtenaufnahme? Für den Fall, dass Sie sich in der Karibik aufhalten: Ist das Loch im Magen besonders groß? Und falls Sie in Russland wohnen: Sind Sie kurz davor zu verhungern?

Ich könnte jetzt darüber lamentieren, dass einige Tageszeitungen immer dünner werden und Wochenmagazine vom Markt verschwinden. Aber eigentlich geht es mir um etwas anderes. Ausgerechnet die wichtigste Medienmahlzeit am Tag verschafft mir keinerlei Sättigungsgefühl mehr: meine morgendliche Portion BBC World Service.

In den Siebzigern bin ich mit zwar mit Fernsehnachrichten (Canada AM und Good Morning America) zu meinen Müsli-Flocken und dem Orangensaft aufgewachsen, aber seit den frühen Neunzigern stille ich mein Informationsbedürfnis in erster Linie über den World Service. Als junger Reporter begleitete mich mein kleines Sony-Kurzwellenradio an die Elfenbeinküste, in den Libanon, nach Indonesien und Afghanistan. Es hatte immer etwas sehr Beruhigendes, den Himmel zu scannen und dabei zu wissen, dass es nur einer sanften Berührung sowie einer cleveren Positionierung bedurfte, um den vertrauten Piepton aus London und die sonore Stimme zu vernehmen, wie sie ruhig, zuverlässig und zügig die Nachrichten verlas.

Das Sony-Kurzwellenradio landete vor einigen Jahren im Lager, da immer mehr Hotels WLAN hatten und ich den World Service über meinen Laptop hören konnte. Kürzlich stellte ich fest, dass mein Revo Heritage Radio eine vergnügliche Ergänzung meiner Geräte auf der Kommode darstellt, da diese die Nachrichten aus dem Bush House (Sitz des BBC World Service) fast schon zu schnörkellos und glatt verkünden (ich finde ein leichtes Rauschen und ein paar atmosphärische Störungen beruhigender).

Inzwischen bereitet mir der World Service allerdings einige Kopfschmerzen, denn man kann förmlich hören, wie während der Programme und Nachrichten "live" gespart wird. Als die britische Regierung vor ein paar Monaten von möglichen Kürzungen beim World Service sprach, dachte ich an das Streichen einer der angebotenen Sprachen oder die Schließung einiger entfernter Sendeanlagen. Welcher halbwegs normale Politiker würde gerade jetzt das Vorbild für die Möglichkeiten der "sanften Einflussnahme" schlechthin drastisch in seinen Mitteln beschneiden, wo die Außenministerien weltweit die Bedeutung dieser "soft powers" betonen?

Das Wirken einer völlig durchgeknallten Person

Und warum sollte man die Einsparungen ausgerechnet bei einem international anerkannten Nachrichten- und Informationsdienst vornehmen und damit bei einem der wenigen machtvollen Instrumente, die es effektiv ermöglichen, eigene Wertvorstellungen zu verbreiten? Als dann zum ersten Mal die Rede davon war, fünf Sprachen - darunter Englisch für die Karibik - wegfallen zu lassen, war ich entsprechend schockiert.

Schließlich wurde bekannt, dass auch die Radioprogramme in Mandarin-Chinesisch und Russisch auf der Kürzungsliste gelandet waren. Da muss eine völlig durchgeknallte Person mit einer Axt in Whitehall und Aldwych um sich geschlagen haben. Es muss nun nicht nur Abschied von Radiostationen genommen werden, die ich nie gehört habe, sondern auch von einigen freundlichen, vertrauenswürdigen und einfach beruhigenden Stimmen - ein etwas abstrakter, aber nichtsdestoweniger emotionaler Verlust: Er erwischte mich ziemlich unvorbereitet letzte Woche, während ich an meinem Schreibtisch im Büro saß und den frühen Abendnachrichten zuhörte.

In einer Zeit, in der das Drücken einiger weniger Tasten unendlichen Lesestoff oder Videos produziert, wirkt das Radio eigentlich fast wieder fortschrittlich: Es hüllt einen mit Tönen, Akzenten und Satzzeichen ein und erlaubt es dem Zuhörer, gleichzeitig eine Vielzahl anderer Aufgaben zu erledigen. Während ich dasaß und einen Artikel schrieb, wurde ich also auf den Piepston zur vollen Stunde aufmerksam und konzentrierte mich auf die neuesten Nachrichten aus Fukushima und Libyen.

Die verstörendste Neuigkeit kam jedoch am Ende, als der Sprecher Michael Powles sagte, dies seien nun seine letzten Nachrichten für den World Service gewesen. Ich hatte nicht erwartet, plötzlich einen Kloß im Hals zu spüren, aber einen Moment lang hatte ich wirklich das Gefühl, damit sei ein bedeutender Teil der Marke verloren gegangen.

Mit dem Aus von Powles traten einige andere Programm-Änderungen in Kraft, darunter das gefürchtete Konzept des "multi-platformism", in dem BBC-Programme sowohl fürs Fernsehen als auch fürs Radio konzipiert werden. Die nervige Sendung "Hardtalk" ist im Fernsehen noch einigermaßen erträglich (wenn man das Rumgestresse aushält), aber im Radio klingt es, als wären die Leute so wie vor Urzeiten per Telefonschalte über Sheperd's Bush miteinander verbunden.

Das nun tägliche ausgestrahlte Format "From Our Own Correspondent" kommt mir plötzlich auch zu sensationslüstern für gute Hintergrundberichte vor. Dazu gesellen sich dann noch neue Stimmen, die einem nicht vertraut sind und die man nicht als Teil der BBC-Familie wahrnimmt.

Dass es offenbar nicht gut läuft, erkennt man spätestens dann, wenn eine Werbung einen extra daran erinnern muss, wie gut aufgestellt die BBC doch weltweit ist. Das mag zwar unverändert der Fall sein, trotzdem sollte der World Service lieber seine Reichweite ausdehnen und vertiefen, statt auf kurzfristige Einsparungen zu setzen und damit langfristig Einfluss zu verlieren.

Autor:
Tyler Brûlé