Sabbatical Auszeit mit der ganzen Familie

Ein Besuch der Halongbucht in Vietnam darf bei einer Weltreise nicht fehlen

MERIAN.de: Frau Delius, in ziemlich genau zwei Jahren wollen Sie mit Ihren zwei Kindern für ein paar Monate eine berufliche Auszeit nehmen. Warum haben Sie sich genau diesen Stichtag ausgesucht?
Verena Delius: John, der Ältere, wird an Weihnachten 2013 sechs Jahre alt und steht damit kurz vor der Einschulung, Henry, sein kleiner Bruder, ist dann 3. Das ist der perfekte Zeitpunkt, um mit Kindern zu reisen. Der Flug ist noch nicht gebucht, aber das erste Ziel steht schon fest: Sydney in Australien.

Was hat für Sie den Ausschlag gegeben, ein Sabbatical zu planen?
Es gab eigentlich keinen direkten Auslöser. Ich hatte diesen Wunsch schon, bevor ich Kinder bekam. Doch wenn ich das mit 27 gemacht hätte, hätte ich das Gefühl gehabt, ich wäre beruflich noch nirgendwo angekommen und würde eine Auszeit machen, die ich mir noch gar nicht richtig verdient hätte.

Mit Kindern ist es also genau das richtige Timing?
Bei einer Planung mit Kindern kommen natürlich andere Fragestellungen ins Spiel wie: Wann bekommst du überhaupt welche? Wenn ja, gibt es ein passendes Zeitfenster dafür? Stimmt der Altersabstand so weit, dass man eine Weltreise planen kann. Oder ist das eine noch in der Kita, während das andere schon eingeschult wird? Das hat zum Glück bei mir jetzt gepasst.

Manche planen das ja auch für ihr Rentnerdasein...
Natürlich kann man auch auf Weltreise gehen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Aber dafür bin ich nicht der Typ. Wer weiß schon, was in 18 Jahren ist? Ist man gesund, sind die Kinder glücklich? Ich habe ein Buch gelesen mit dem Titel "The big five for life", das mich sehr inspiriert hat. Die so genannten "Big Five", das sind in Südafrika die fünf Tiere, die man während einer Safari gesehen haben sollte. Im Leben, so sagen die Autoren dieses Buchs, gibt es auch fünf Dinge, die man erlebt haben sollte. Eine dieser "Big Five" ist für mich diese Reise mit meinen Kindern. Diese Zeit kann uns keiner mehr nehmen, egal was dann kommt. Bevor die Schule anfängt mit ihren Strukturen, floaten wir als Familie für ein paar Monate durch die Welt, ohne Druck. Mein Gedanke dabei ist: Das wird uns ganz schön weit tragen - immer wenn’s mal blöd ist, kann man sagen, wisst ihr noch?

Haben Sie sich mit Familien ausgetauscht, die schon mal so eine Reise unternommen haben?
Ja, ich hatte mit zwei Familien Kontakt. Mit einer davon über ihren Blog "Gibt's da auch Pommes?" Das war sehr hilfreich. Vieles, was bei der Planung so einer Reise anfangs notwendig erscheint, braucht man eigentlich gar nicht.

Was zum Beispiel?
Den Ballast einer großen Reiseapotheke etwa. Am wichtigsten ist es, einen Arzt zu haben, der Rezepte ausstellen oder einen Kontakt zu Praxen vor Ort herstellen kann. Die Familien haben mir auch dazu geraten, nicht zuviel Kleidung mitzunehmen, sondern sich lieber auf eine Grundausstattung zu beschränken. Vor Ort könne man immer noch Dinge wegwerfen oder neu kaufen.

Gibt es noch eine andere Idee, die Sie unbedingt umsetzen wollen?
Ja, Kinder erleben ja auf so einer langen Reise viele neue Eindrücke, die sie am Ende vielleicht schwer zuordnen können. Damit sie sich damit leichter tun, könnte man zum Beispiel in jedem Land ein Tier malen oder fotografieren, und es in einem Reise-Tagebuch festhalten.

Welche Länder stehen denn auf Ihrer Liste?
Ich möchte gerne nach Australien, Neuseeland, Vietnam, Kambodscha, Thailand, Malaysia und Laos. Großstädte wie Hongkong, Singapur und Peking stehen auch auf meiner Wunschliste, allerdings nur als kleine Trips oder Zwischenstationen. Und wenn wir schon einmal unterwegs sind, würde ich auch gerne einen Abstecher in die Südsee machen, zum Beispiel auf die Fidschi-Inseln.

Dort braucht man eigentlich überall Englisch-Kenntnisse. Dolmetschen Sie dann für Ihre Kinder?
Das muss ich gar nicht, denn meine zwei Jungs wachsen zweisprachig auf. Wir haben einen amerikanischen Au Pair-Jungen, und sie besuchen einen zweisprachigen Kindergarten.

Wie wollen Sie herumreisen? Mit der Bahn, mit dem Auto oder mit dem Camping-Wagen?
In Neuseeland und Australien sicherlich mit dem Campingwagen. Was Asien anbelangt, muss ich mich erst noch schlau machen. Ich will auf jeden Fall nicht von Hotel zu Hotel reisen. Ab und zu gönnt man sich eine schöne Sterne-Unterkunft und macht richtig Urlaub, dann wieder wohnt man in einfachen Unterkünften oder schläft in Hängematten und im Campingwagen.

Hat die Auswahl der Länder eigentlich auch etwas mit den Kindern zu tun? Asien ist ja prinzipiell ein sicheres Reiseland, im Vergleich zu Südamerika...
Nein, das ist wirklich meine eigene Auswahl. Neulich erzählte ich einem Bekannten von unserem ersten Ziel, und er meinte schockiert: "Australien! Das würde ich aber mit Kindern nicht machen! Da gibt es die schlimmsten giftigen Tiere der Welt."

Verena Delius: Geschäftsführerin einer Berliner Internetfirma
Verena Delius
Verena Delius: Geschäftsführerin einer Berliner Internetfirma
Und was sagen Sie dazu?
Das ist mir völlig egal. Wenn man an die Reise so herangeht, bleibt man am besten gleich zu Hause. Ich habe da ein Grundvertrauen: Ich bin keine übervorsichtige Mutter, und ich bin keine leichtsinnige Mutter, ich bewege mich irgendwo dazwischen. Nach Australien sind doch auch schon andere Menschen gefahren. Wir schauen einfach vorher, was wir alles brauchen, wo die Gefahren liegen, und was man im Vorfeld machen kann - und was nicht.

Reisen Sie ganz alleine mit Ihren Kindern vier Monate um die Welt?
Nein, idealerweise mache ich die Reise zusammen mit meinem Freund und den Kindern. Außerdem habe ich eine sehr große Familie und kann mir vorstellen, dass entweder Cousinen und Cousins für einen Teil der Strecke mitkommen, oder ein Au Pair. Dann kann man auch mal sagen, wir besichtigen heute die Tempelanlage Angkor Wat. Die Kinder müssen ja schließlich nicht auf irgendwelchen Ruinen rumturnen, sie bleiben dann einfach am Strand.
 
Sind die beiden ans Reisen gewöhnt?
Ja, sie waren schon in Thailand und Gran Canaria mit dabei. Ich habe das Gefühl, sie sind da Zuhause, wo ich bin. Das ist unkompliziert. Sie sind eh in einem Alter, in dem sie noch leicht glücklich zu machen sind. Wenn ich sage: Ist das nicht toll hier, ein so großer Strand, sagt der Große: Ach, es ist ja so toll hier, Mami!

Bereiten Sie Ihre Kinder auf die Welt vor?
Bestimmt! Wahrscheinlich werde ich es so machen, dass wir über jedes Land, in das wir fahren, vorher Geschichten lesen. Wir schauen uns an, wie die Menschen dort leben oder was an dem Land besonders ist. Oder markieren das Land auf der Karte an, und gucken es uns auf der Weltkugel an.

Sollen alle Ziele bis zur Abreise festgezurrt sein?
Ich bin bereit, in Maßen auf Flexibilität zu verzichten, damit man ein bisschen Struktur hat. Für die Kinder ist diese Weltreise ja an sich schon Abenteuer genug. Bei manchen Etappen lege ich mich lieber im Vorfeld auf einen Zeitrahmen fest; wir reisen so zum Beispiel nach zwei Monaten aus Australien ab, auch wenn’s toll ist.

Sie wirken so gelassen und locker! Plagen Sie eigentlich gar keine Ängste oder Bedenken?
Eigentlich nicht. Allerdings muss ich mir Gedanken über viele Dinge machen: Was muss man hier eigentlich alles organisieren, angefangen mit der Post bis zur Untervermietung der Wohnung. Und natürlich kann sich sowohl privat als auch beruflich bis dahin noch viel verändern, welches die Rahmenbedingungen oder Machbarkeit der Reise beeinflusst. Das lasse ich einfach auf mich zukommen.

Steht auf der Länderwunschliste: Vietnam
Getty Images
Steht auf der Länderwunschliste: Vietnam
Was ist mit Ihrer Firma – meinen Sie, Sie können wirklich loslassen, wenn es soweit ist?

Ja natürlich stellt sich diese Frage. Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Was mache ich, wenn sie Mitte nächsten Jahres plötzlich einer Krise ausgesetzt ist oder wenn sie supererfolgreich ist? Inwieweit bin ich dann bereit, meinen Traum zu opfern oder zu korrigieren? Dieser Gedanke wird wahrscheinlich bis zum letzten Tag mein Hauptbedenken sein. Ich bin zu verantwortungsbewusst, um zu sagen: Ach kommt schon, ich habe euch gesagt, dass ich gehe - nun ist es eben soweit.

Sind Sie die erste in Ihrem Unternehmen, die eine Auszeit plant?
Nein, ich ermögliche das natürlich auch meinen Mitarbeitern. Ich kann ja nicht sagen, ich mache das, aber ihr bleibt alle hier. Eine Kollegin kam gerade von einer achtwöchigen Reise in Myanmar zurück - sie hat dafür unbezahlten Urlaub genommen; ein anderer ist gerade sechs Monate auf Weltreise und kommt im Mai wieder.

Was meinen Sie, können Sie auf Reisen völlig abschalten oder werden Sie Emails aus der Arbeit lesen?
Ich muss nicht fünf Monate von der Welt abgeschnitten sein, um das Gefühl zu haben, ich bin auf Weltreise. Im absoluten Notfall bin ich auch per SMS erreichbar und lese dann nach Bedarf die Mails.

Wie sind die Reaktionen auf Ihr Sabbatical im Freundes- und Familienkreis?
In erster Linie sind die Reaktionen positiv: Die meisten sagen: eine tolle Idee. Mach das wirklich. Sie hoffen darauf, dass ich meinen Traum nicht kurzfristigen Themen opfere, sondern ihn durchziehe. Aber keiner hat bisher gesagt: Cool, das möchte ich auch machen. Ich bin schon extrem unabhängig. Meine Mutter plagen allerdings Ängste, ohne dass sie das explizit gesagt hat. Zum Beispiel: Oh Gott, was ist dann mit der Wohnung? Was passiert dann überhaupt hinterher? Ist das für die Kinder nicht zu gefährlich? So eine Weltreise mit Kindern ist eben nicht normal, für manche ist es eher eine Bedrohung.

Was sind die nächsten Schritte?
Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr noch völlig frei davon im Hier und Jetzt zu arbeiten und zu leben. Anfang 2013 werde ich dann langsam mit der konkreten Planung beginnen.

Was schätzen Sie – wie viel wird diese Reise Sie kosten?
Zunächst will ich meine Fixkosten hier in Berlin herunterfahren, um dieses Geld als Reisebudget zu nutzen, zum Beispiel die Wohnung untervermieten. Daraus ergibt sich ein Budget von ca. 10.000 Euro, das ich an Lebenserhaltungskosten hier einspare, plus Flugkosten und einer Extra-Summe von etwa 10.000 Euro obendrauf. Im Zweifelsfall schlafen wir ja alle eh in einem Bett und die Kinder essen das, was ich esse. Ich hab schon ganz oft festgestellt, dass die Kosten mit Kindern nicht unbedingt überdimensional ansteigen.

Welche Eindrücke werden Ihre Kinder im Gedächtnis behalten, sie sind ja noch sehr klein..
In meiner Kindheit haben sich im Urlaub Tiere am meisten eingebrannt. Die Mini-Alligatoren in der Karibik, die habe ich noch genau vor Augen. Wahrscheinlich merken sie sich ganz einfache Dinge, die anders sind, als zuhause. Dass wir in einem Wohnwagen gelebt haben, oder dass wir nicht in einem Bett geschlafen haben, sondern in einer Hängematte. Am Ende ist es ihnen egal, wie türkis das Wasser war, oder ob es im Hotel einen Pool gab. In Erinnerung bleibt eher: Wir verbringen diese Nacht unter freiem Himmel.

Meinen Sie, es wird entspannt oder auch mal anstrengend?
Ich hab schon das Bild vor Augen, dass sie am Flughafen schlafen - bei irgendwem auf dem Arm. Es wird, denke ich, entspannt sein, sofern man nicht an Routinen festhält. Wenn es gerade eben keine Windeln mehr gibt, kann man ja auch mal improvisieren. Meine Kinder sind sehr lebhaft, ich glaube, sie werden das als ein einziges großes Abenteuer empfinden.
 
Worauf freuen Sie sich am meisten?
Ich freue mich nicht auf ein bestimmtes Ziel oder konkrete Sehenswürdigkeiten, sondern vielmehr unglaublich auf das Grundgefühl, unabhängig und nicht fremdbestimmt zu sein. Wir bleiben dort, wo es schön ist, und wenn wir keine Lust mehr haben, ziehen wir weiter. In meinem Alltag hier bin ich schon sehr durchgetaktet.

Gehen wir einmal davon aus, dass Sie die Reise durchziehen. Glauben Sie, es wird Ihnen schwer fallen, nach einer so langen Auszeit wieder in den Alltag zurückzukehren?
Ich denke, nach einer so langen Zeit werde ich mich sogar auf Normalität freuen! Nach meinem Studium bin ich drei Monate durch Südamerika mit dem Rucksack gereist. Wir waren im Amazonas-Dschungel, haben in Hängematten geschlafen und sind durch die Anden gelaufen. Am Ende hatten wir unglaubliche Eindrücke erlebt und verspürten gleichermaßen auch den unglaublichen Wunsch, wieder nach Hause zu fahren, wieder im eigenen Bett zu schlafen, wieder fließend Wasser zu haben. Ich glaube, genauso wird es sich anfühlen, wenn wir im Flieger zurück sitzen. Wir werden uns so auf meine Familie freuen, auf Freunde und auf den Alltag. Ich finde mein Leben hier ja gut, es ist ja keine Flucht.

Verena Delius privater Blog: www.verena-delius.de

Autor:
Bettina Hensel