Wallis Aufs Eis geführt

"Ohne Rückfahrt?" Die Dame am Fahrkartenschalter in Bern mustert uns prüfend. Ja, genau, wir fahren nur hoch auf das fast 3000 Meter weiter oben liegende Jungfraujoch. Um von dort auf der anderen Seite hinunter ins Wallis zu laufen. Über den Aletschgletscher, mit etwa 23 Kilometern der längste Eisstrom der Alpen.

Was dramatisch klingt, gilt als auch für Laien machbare Zweitages-Hochtour. Sagen zumindest die Alpinisten. Meine Freundin und ich wandern zwar gerne, im Hochgebirge waren wir aber noch nie unterwegs. Diesmal werden wir mittendrin sein, mit Seil und Steigeisen. Über die Berner Alpen ins Wallis laufen: Damit lässt sich prahlen, und der Anfang ist bequem. Das Jungfrau-Bähnli bringt uns ganz nach oben.

Auf der Zugfahrt durchs Berner Oberland leuchten die Berge postkartentauglich im Morgenlicht. Doch trotz Prachtpanorama mit Eiger, Mönch und Jungfrau kommt keine Urlaubsstimmung auf. Wir sind nervös. Mit langem Gesicht schaut Katja auf die Eigernordwand und sagt: "Muss das wirklich sein?" Sie wird den Satz nicht zum letzten Mal gesagt haben.

Endstation Jungfraujoch, 3454 Meter über dem Meeresspiegel, "Top of Europe": Aussichtsplattformen, Restaurants, Kiosk, Lift. Unbeeindruckt vom Rummel steht ein junger Mann am Fenster und schaut in den Schnee. Thomas Salzmann, unser Bergführer. Der 26-jährige Walliser aus Naters führt uns nach draußen und seilt uns an. Mit seinem Pickel sieht er vertrauenswürdig aus. "Keine Angst", sagt er und strahlt, "ich laufe voraus. Wenn also einer in die Gletscherspalte fällt, dann bin ich das."

Die Sonne blendet, unter den Schuhen knirscht der Schnee. Er strahlt und glitzert, dazwischen ragen dunkle Bergflanken in die Höhe. Eine mächtige weiße Prachtallee liegt vor uns und führt in sanfter Neigung nach unten, bis sie sich zusammenfaltet wie die Haut eines Elefanten. Der Gletscher ist in seiner Dimension kaum zu fassen. Eine Mondlandschaft, möchte man schreiben, doch der Vergleich hinkt: Die Erde ist hier zutiefst irdisch. Es ist der Mensch, der fremd ist und kaum Worte findet für diese 27 Milliarden Tonnen schweren Eismasse. Kurz bevor die eisige Zunge mit einer scharfen Rechtskurve hinter einem Bergmassiv verschwindet, sehen wir einen langen Felsgrat. An dessen Fuß werden wir wieder vom Gletscher steigen. Morgen.

Hier oben nährt sich der Gletscher, weil mehr Schnee fällt als taut. Die Eiskristalle im Altschnee, der ein Jahr liegen bleibt, schmelzen und gefrieren wieder zu größeren Klumpen zusammen. Nach und nach pressen die Schichten darüber die eingeschlossene Luft heraus. So entsteht Firneis und schließlich das feste, blau schimmernde Gletschereis. Wie eine gewaltige, zähe Masse fließt der Gletscher durch die Schwerkraft langsam nach unten und schmilzt wieder weg.

An warmen Tagen verliert der Aletschgletscher 80 000 Liter Wasser. Pro Sekunde. Der Riese ist nicht unbesiegbar, die Sonne setzt ihm zu. Durch die Erderwärmung schmilzt der Gletscher und zieht sich zurück, seit 1970 um mehr als einen Kilometer. Gleichzeitig wird die Schneedecke, die sich neu auf ihn legt, Jahr für Jahr dünner. Schon immer gab es Eiszeiten und Wärmeperioden. Der Rückgang hat sich aber beängstigend beschleunigt.

Unter Schneestellen drohen 80 Meter tiefe Spalten

Thomas Salzmann warnt uns vor trügerischen Schneestellen: Unter manchen verbergen sich achtzig Meter tiefe Spalten. Weiter unten treten die Risse offen zu Tage. Gerade ist Thomas mit einem großen Satz über eine tiefe Gletscherspalte gesprungen. Nun ist Katja dran. Sie schaut nach vorne, dann nach unten, dann zu mir. Aus ihrem Gesicht lese ich Entsetzen und wieder den Satz: "Muss das wirklich sein?" Die aufmunternden Worte von Thomas wirken angestrengt. Er zieht am Seil. Katja steht am Abgrund. In diesem Moment habe er kurz gezweifelt, ob das gut geht mit der Tour, wird er später sagen. Dann der Sprung.

Am Konkordiaplatz, dem "Platz der Eintracht", wird es flacher. Bis zu 900 Meter dick ist das Eis an diesem Treffpunkt der Titanen. Drei riesige Firne fließen hier ineinander: Von links drängt sich das Ewigschneefeld, von rechts der Große Aletschfirn in die Bahn des Jungfraufirns, auf dem wir hergelaufen sind. Aufgesprungen und zerrissen ist die Eislandschaft, wie ein alter Asphaltweg nach zu vielen harten Wintern. Zwei Mittelmoränen verleihen dem Gletscher talwärts sein typisches Aussehen. Sie bestehen aus Geröll, von kleinen Kieseln bis zu meterhohen Brocken.

Wir rasten auf einem Felsbrocken am Fuße des Trugbergs. Den Namen gab ihm eine Forschergruppe, die 1841 den Gipfel der Jungfrau besteigen wollte. Unterwegs zerstritten sich die Bergführer. Der Walliser erkannte in der Spitze fälschlicherweise die Jungfrau. Erst als der Bergführer Jakob Leuthold aus dem Berner Oberland drohte, die Gruppe auf der Stelle zu verlassen, wenn man diesen "Trugberg" erklimmen wolle, entschieden sich die Forscher richtig.

Die Strecke führt nun dicht an einem Geröllhang über einen Fluss, der sich im Sommer seinen Weg durchs Eis sucht. Schon am frühen Nachmittag erreichen wir über eine steile Eisentreppe die zwei Konkordiahütten. Im oberen Gebäude hat Hüttenwart Fredi Hagmann einen Tresen auf die Terrasse gestellt: Die Bar ist geöffnet! Gerade putzt eine Hilfe Silberbesteck. "Erstausstattung", sagt Fredi stolz, "von 1898." Damals eröffnete Emil Cathrein die Hütte als Dependance des Luxushotels "Jungfrau" auf dem Eggishorn. Das Hotel ist abgebrannt, die Hütte nicht. 1946 konnte der Schweizer Alpenclub den "Pavillon Cathrein" erwerben und baute ihn etappenweise zum Haupthaus aus. Im unteren Gebäude kommen seit 1877 Alpinisten unter. Damals lag es 50 Meter über dem Gletscher. Jetzt sind es 150.

Fredi Hagmann hat heute nicht viel zu tun, obwohl seine Frau nicht da ist und er selbst für die Gäste kochen muss. Wer eine derart abgeschiedene Hütte auf 2 850 Meter Höhe betreibt, muss nicht fürchten, dass spätabends noch eine 40-köpfige Touristengruppe anklopft. 155 Schlafplätze gibt es in den beiden Hütten, doch für heute sind nur 18 Wanderer angemeldet. Über die Frage, wie sich der Eisriese von Frühling bis Herbst verändert, muss Fredi lachen. "Der verändert sich täglich!", sagt er und zeigt auf eine Stelle, wo sich der große Aletschfirn um den Fels windet. "Dort fließt er fast einen Meter pro Tag."

Wie auf einem Adlerhorst thront der Hüttenwart am Geländer der Terrasse. 16 Leute sind schon eingetroffen. Die letzten beiden suchen sich da unten als kleine Punkte ihren Weg und bewegen sich flussaufwärts. "Oh neeei, die laufen falsch", sagt Fredi ruhig und mit leichtem Grinsen. "Wenige Meter weiter unten schließt sich die Spalte, und man kommt problemlos über den Fluss. So brauchen sie über eine Stunde länger." Kurz darauf bleiben die Wanderer stehen und drehen in die richtige Richtung. Fredi geht in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten.

Thomas liebt es, "in die Berge zu gehen". Lange Zeit waren die Touren für ihn nur ein Hobby. Er lernte Konstruktionsschlosser, wurde Baukranmonteur. Weil es ihn immer stärker ins Gebirge zog, entschied er sich für die Bergführer-Ausbildung. Er musste vorklettern, Karten lesen, mit Pickel über Eis laufen und mit Rucksack Ski fahren. Die Jury war zufrieden, er absolvierte Kurse in Lawinenkunde und Sturzmechanik. Als Bergführer-Aspirant musste er 40 Touren machen, die "Überschreitung von verschiedenen Viertausendern" war ebenso Pflicht wie Skitouren "mit Wandcharakter und hohem Eisanteil". Seit zwei Jahren ist er jetzt Bergführer. Baukräne stellt er immer noch auf. Er kenne fast niemanden, der nur als Bergführer arbeite. "Wer das will, verbringt jedes Jahr mehrere Monate im Ausland und ist auch sonst kaum daheim."

John Lee Hooker und Herbert Grönemeyer singen im ewigen Eis

Kurz nach sieben sitzen wir mit zwei anderen Bergführern und ihren Gästen um einen großen Tisch herum. Es gibt Salat, Suppe, Spaghetti, Wein. Die Wanderer kommen von überall her, die Bergführer allesamt aus dem Wallis: Ein typisches Bild. "Ich habe kaum je Kunden aus meinem Kanton", stellt Thomas fest, "die sind die Berge ja gewohnt."

Die wohlige Wärme des Gastraums reicht nicht bis zum Schlafsack: Das Klo liegt etwa zehn Meter von der Hütte entfernt. Eine Spülung gibt es nicht, zur Ablenkung hat der fürsorgliche Hüttenwart aber Boxen installiert. Es singen John Lee Hooker und Herbert Grönemeyer. Der Blues des Boogie Man, der Gletscher draußen, der üble Geruch in der Nase, der Wein im Kopf und der Barde der deutschen Seele: Wenn einige Dinge zusammenkommen, kann das Zähneputzen eine äußerst absurde Angelegenheit sein.

Dichter Nebel liegt auf dem Gletscher. Es ist morgens, sieben Uhr dreißig. Der Schlaf war unruhig, die Luft zu dünn, ein ständiges Hin- und Herwälzen. Doch der steile Abstieg braucht die volle Konzentration, das Geröll rutscht unter den Schuhen weg. Wer nicht mitrollt, fliegt auf den Hintern. Unten schnallen wir die Steigeisen um. Der Gletscher wirkt unwirtlich, kahl, abweisend. Wir sehen keine fünf Meter weit, kein Berg bietet Orientierung. Nichts als gespaltenes Eis und Stein. Obwohl wir gestern unser Ziel schon vor uns gesehen haben, wären wir heute ohne Bergführer völlig orientierungslos.

Doch Thomas scheint die Richtung zu kennen, führt uns mal nach links, mal nach rechts, weicht Spalten aus. Eingehängt ins Seil laufen wir ihm nach, müssen ihm vertrauen. Und denken an das GPS-Gerät, das er für den Notfall irgendwo im Rucksack verstaut hat. Einige Tage später erst wird Katja sagen, was sie sich während der Tour vorgestellt hat: sich selbst als Aletscha, als weiblichen Ötzi, die von Archäologen nach Jahrhunderten im Eis gefunden wird. Wie sie rätseln werden, was sie auf dem Gletscher gemacht hat, und ihren Mageninhalt untersuchen werden. Und wie dann einer vermuten wird: "Damals liefen die Menschen vielleicht noch freiwillig im Hochgebirge herum!"

Der Nebel wird feuchter, es nieselt, es tropft, es regnet. Die Thermounterwäsche hat eine neue Funktion: Sie saugt sich voll und lässt das Wasser langsam, aber unerbittlich in die Bergschuhe sickern. Der Bergführer lacht, Katja stellt nur eine Frage: "Muss das wirklich sein?" Ich friere. Und sehe mich wieder im warmen Outdoor-Laden stehen mit der Frage, was man anzieht für eine Gletscherwanderung, wenn es im Tal gerne mal dreißig Grad heiß ist. Sehe mich zweifeln: Braucht man wirklich eine hässliche 200-Euro-Spezialhose? Windstopper? Verstärkte Kniepartie? Soft Shell? Hard Shell? Sehe mich verwegen lächeln: Herrgott, gar kein Shell! Mein Großvater hat sein Leben lang Gipfel bestiegen ohne diesen Schnickschnack! Nun schaue ich auf meine durchnässten Stoffhosen und denke: Mein Großvater stapfte damals wohl auch noch durch Schnee, nicht durch Regen.

Doch kurz darauf verlagert sich die Aufmerksamkeit. Soll man über nasse Füße jammern im Angesicht dieser Natur? Die Landschaft um uns verliert ihre Tristesse, gewinnt an Details und sogar an Farbe. Blendend weiße Schneeflächen, schwarze Steine. Funkelnde Eiskristalle und Spalten, aus denen mal ein intensives, unergründliches Türkis, mal ein leichtes, helles Blau schimmert. Dazu rauscht und gurgelt es im Gletscher so laut, dass man die Regentropfen, die vom Himmel fallen, gar nicht mehr hört. Manchmal plätschert ein Bächlein neben den Schuhen, mal gluckert es aus einem Loch, als hätte jemand den Stöpsel einer vollen Badewanne herausgezogen.

Plötzlich hört es auf zu regnen, innerhalb von Minuten reißt die Wolkendecke auf. Die Felswände tauchen aus dem Grau auf, die Orientierung ist wieder kinderleicht. Unser Führer zeigt auf eine Leiter, die verloren in einer Steilwand hängt. "Von dort konnte man früher noch direkt auf den Fels springen", erinnert er sich. Thomas ist erst 26 Jahre alt. Was sind das für Dimensionen, wenn ein Millionen Jahre alter Gletscher so schnell schmilzt, dass jeder es schon nach wenigen Jahren mit bloßem Auge sieht?

Am Märjelesee setzt Thomas seinen Fuß wieder auf Fels. Wir laufen abwärts, sehen unter uns Wiesen und Wanderwege, kehren zurück in eine vertraute Welt. Der See ist ausgelaufen, unser Blick fällt auf eine kantige, etwa 20 Meter hohe Eiswand, die tiefblau leuchtet - ein winziger Seitenstreifen des gigantischen Gletschers. Ein Eisbrocken fällt ab und prallt mit voller Wucht auf. Der Riese zeigt uns ein letztes Mal, wie klein wir sind.

MERIAN INFO: Alpintour

Die Route führt in zwei Tagen von der Station Jungfraujoch zur Konkordiahütte und weiter zur Fiescheralp. Ohne Begleitung ist sie nur erfahrenen Alpinisten zu empfehlen. Bergsteigerzentren bieten organisierte Gruppentouren an (Preis ca. 300 Franken p.P.). Die sind auch für Wanderer ohne Alpinerfahrung gut machbar. Die Gehzeit beträgt täglich 4-6 Stunden. Einen privaten Bergführer vermitteln die Zentren oder die Tourismusbüros. Kosten pro Tag: ab 500 Franken plus Spesen. Der Bergführer Thomas Salzmann ist erreichbar unter: Tel. 079 753 3779, www.thomassalzmann.ch

Bergsteigerzentrum Aletsch
Fiesch, Tel. 027 971 1776
www.bergsteigerzentrum.ch

Grindelwald Sports
Grindelwald, Tel. 033 854 1280
www.grindelwaldsports.ch

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Autor:
Jonas Morgenthaler