Europop Alles - nur keinen "Schweini"-Irokesen, bitte!

Weil das Abklappern der einschlägigen Postkartenmotive bei Städtereisen überhaupt nichts bringt (zu voll, zu viel Nepp, zu sinnlos), habe ich mich an fremden Orten fürs unmittelbare Auf-die-Menschen-Zugehen entschieden; selbst wenn es mit der Landessprache bisweilen hakt.

Der Gang zum Frisör etwa ist für mich im Laufe der Jahre zu einer Art Ergänzungsprogramm zum obligatorischen Besuch von Bars und Bürgerkneipen geworden. Land und Leute lassen sich aus der sicheren Stellung in Halskrause und Plastikumhang einfach gut beobachten.

Im andalusischen Sevilla etwa, wo unweit des Szenecafés Alfalfa 10 in einem dieser typischen kleinen Ecksalons lautstark ein Kofferradio plärrt und gestandene Fachkräfte in grauen Kitteln im Alter um die 67 Jahre ihre Dienste anbieten. Zwar bekommt man bei diesen Herrschaften keinen schrillen Look mit Flammen-Strähnchen oder einen "Schweini"-Irokesen verpasst. Aber wer wie ich lediglich eine korrekte Kurzhaarfrisur haben möchte, ist hier bestens aufgehoben. Und am Ende darf man sich für 7,50 Euro tatsächlich sogar ein wenig hispanischer fühlen.

Das spanische Wort für "kurz" übrigens findet sich selbst in Minisprachführern und ergänzende Gesten mit Daumen und Zeigefinger reichen dem Frisör, dem ja bekanntlich nichts zu "schwör" ist. Der Rest ist kontemplatives Schweigen, vielleicht noch eine knappe Frage-Bemerkung des Barbiers, ob man aus "Alemania" komme. "Si" - künstlich daherzuquatschen beim Haare schneiden nervt eh.

Anders gelagert ist der Fall im ehemaligen Ostblock, beispielsweise im böhmischen Marienbad, wo resolute weibliche Dragoner auch die Herrenabteilung schmeißen. In Mariánské Lázne, so der heutige Ortsname, existieren außerhalb des noblen Kurzentrums allerlei Lädchen in mehr oder weniger geschmacklosem Disco-Design.

Auf einen Insidertipp hin begab ich mich in ein Kelleretablissement, wo Vera (oder Paulina?) mich auf meinen Stuhl fixierte. Obwohl kein Freund sinnloser Haarwäsche wurde ich auf Augenhöhe mit einer mächtigen Oberweite shampooniert und trocken gerubbelt. Die Unterhaltung wiederum verlief in einer rudimentären deutsch-englischen Mixtur. "Short" ist nicht schwer zu verstehen, und am Ende sah ich aus wie ein Eishockeyspieler des EHC Energie Karlovy Vary. Ich hatte es so gewollt.

In den Außenbezirken von Zagreb, unweit der städtischen Ruderregattastrecke, regiert der ex-jugoslawische Plattenbau mit seinen versprengten Supermärkten, Videotheken, Sonnen- und Haarstudios. Nach der obligaten Mittagspause wurde ich hier auf ein paar Jungs in Trikots des Fußballclubs Dinamo aufmerksam, die vor einem Friseursalon herumlungerten, der offenbar von einem ihrer Twen-Kollegen betrieben wurde.

Ich betrat den Laden, nahm auf dem Wartestuhl Platz, blätterte die kroatische "Bunte" durch und beschloss aus einer Laune heraus, hier den Engländer zu geben: Michael Owen auf Besuch in der Vorstadt sozusagen. Was prompt zu einer ultrageschäftigen Elektrorasierer- und Rasiermesserbehandlung führte. Dass diese letztlich deutlich zu militärisch geriet, ließ sich insofern verkraften, als alles Haar auf meinem Kopf noch nachwächst.

Die heikelste meiner internationalen Haarschnittbegegnungen fand im Jahre 2000 in Tel Aviv statt. Auch hier suchte ich mir einen Old-School-Salon ohne Tand und Chi-Chi. Wohlwissend, dass man in Israel als Deutscher nicht unbedingt mit Weihrauch und Myrrhe empfangen wird.

Das Geschäft war gut besucht, und so konnte ich mich in der Wartezone ausgiebig akklimatisieren. Was dazu führte, dass die Fremdheit einem mediterranen Gleichmut wich. Als ich schließlich an der Reihe war, reichte ein mit zackigem Londoner Akzent gezirkeltes "short", um einen sommerlichen Bürstenschnitt zu erhalten. Etwaiger Betroffenheits-Talk fiel komplett aus. Die Herren hatten Besseres zu tun, als mit mir zu reden. Für sie war ich einfach nur irgendein Europäer auf Durchreise. Wie schön.

Autor:
Ralf Niemczyk