Fast Lane Airlines, mehr Gänsehaut, bitte!

In dieser Woche überschnitten sich zwei der wichtigsten Messen in meinem Terminkalender: die Schau für Herrenmode in Mailand und die Luftfahrtausstellung in Le Bourget bei Paris - das Timing hätte also wirklich kompliziert werden können. Zum Glück kam meine Knie-Operation dazwischen, die Paris komplett ausschaltete und mir lediglich einen Tagesausflug nach Mailand erlaubte, um mir ein paar Showrooms anzusehen und eine Cocktailparty zu geben.

Falls Sie sich fragen, worin man in der kommenden Saison investieren sollte, würde ich etwas Platz für Espadrilles aus Wildleder von Massimo Alba, ultra-leichte Strickwaren von Svevo aus Parma, einen hellen Blazer von Sartorio, Hemden von Salvatore Piccolo und Hüte von Grevi freiräumen. Mein Büro versuchte noch, den anstehenden OP-Termin etwas zu verschieben, damit ich wenigstens noch einen halben Tag in Paris hätte verbringen können. Die freundliche, aber standhafte Dame, die für den Terminplan der Gut Klinik in St. Moritz zuständig ist, wollte davon jedoch nichts wissen und machte recht deutlich, dass am Montag um 10 Uhr fest mit meinem Erscheinen gerechnet würde.

Wir schafften es von Mailand nach St. Moritz in gut zweieinhalb Stunden und um 9.45 Uhr war ich bereits in ein plissiertes Papierkleid mit himmelblauen Besätzen, einen dicken Bademantel, Antirutschsocken, Schlappen und einer entzückenden Papierunterhose, die von der Krankenschwester "hot pants" genannt wurde, gewandet. Während die Ärzte und Schwestern ihre hübschen Polo-Hemden, weißen Hosen und schlichten weiße Schuhe wechselten, ging ich raus auf die Terrasse, ließ mich mit einem Stapel Zeitungen und einem Kaffee in einem bequemen Garpa-Lounger nieder (wenn Sie jemals in diese besondere Klinik einchecken sollten, versuchen Sie Ihre Krankenversicherung dazu zu bewegen, für Zimmer 12 mit großer Terrasse und einem Blick auf den See und die dahinter liegenden Berge aufzukommen).

Auf dem See flitzen kleine Segelboote durch das aufgewühlte Wasser und der ganze Ort vibrierte vor den letzten Renovierungsmaßnahmen der Hotels und Pensionen, die kurz davor standen, die Sommersaison einzuläuten. Als ich die warmen Sonnenstrahlen und die kühle, frische Luft genoss, nickte ich fast ein, bis eine Krankenschwester kam, einen elektrischen Rasierer schwang und mich zurück ins Zimmer beorderte.

Es folgte eine langwierige Diskussion darüber, wieviel Haare genau abrasiert werden müssten. Ihr Vorschlag: von der Mitte des Schienbeins hoch bis zu zwei Dritteln meines Oberschenkels. Ich entgegnete, dies sei absolut inakzeptabel für eine OP im Sommer und da der Eingriff ja rund um meine Kniescheibe stattfand, solle sie ihre Rasiermesser denn auch auf diesen Bereich konzentrieren und fertig. Sie antwortete, die übliche Vorgehensweise erfordere eigentlich, dass mein ganzes Bein rasiert würde und ich solle mich glücklich schätzen. Nachdem wir die Themen Badehose, anstehende Wochenenden am Strand und die Unansehnlichkeit stoppeliger Männerbeine abgehandelt hatten, einigten wir uns auf einen Kompromiss.

Ich war gerade dabei, zu meinem Liegestuhl zurückzukehren, als der riesige Anästhesist mit Doktor George erschien, um die Prozedur zu erklären. Ein paar Minuten später nahm ich den Lift runter in den OP, wurde für den Eingriff vorbereitet und wachte etwa 40 Minuten später wieder auf - den Vorschlag, mir die OP live anzusehen, hatte ich dankend abgelehnt...

Mut zur patriotischen Karte

Zurück in meinem Zimmer versuchte ich so zu tun, als sei ich bei der Paris Air Show, in dem ich Auszüge davon auf CNN und bei der BBC ansah sowie aktuelle Nachrichten auf www.flightglobal.com las. Alle paar Minuten machte meine Eingangsbox "Pling", weil wieder ein neuer News Alert über eine frische Großbestellung einer Luftfahrtgesellschaft über mehr Airbusse, Embraers, Boeings und Bombardiers eintraf.

Während ich mir die Bilder der Airline-Bosse und Flugzeug-Fans anschaute, die auf dem Gelände in Le Bourget an den ausgestellten Flugzeuge vorbeiströmten, kam mir der Gedanke, dass einige dieser Bosse der weltweit größten Fluggesellschaften vielleicht am falschen Ort nach Lösungen suchten. Mussten sie sich wirklich auf die Rollbahn rausbemühen und sich Attrappen und Angebote von Flugzeugen anschauen und anhören, die frühestens in zehn Jahren in den Himmel aufsteigen würden? Vor allem, da sie eigentlich darüber nachdenken sollten, wie sie ihre aktuell fliegenden füllen sollen? Wäre ihre Zeit also nicht sinnvoller damit verbracht, über neue Wege nachzudenken, damit Fluggäste nicht nur loyal sind, sondern geradezu leidenschaftlich für die Vorzüge gerade dieser Fluggesellschaft mit jenem Logo auf der Heckflosse brennen?

In unserer zunehmend globalisierten Welt werden die Unterschiede immer geringer und viel zu oft ist es im Großen und Ganzen egal, für welche Fluggesellschaft man sich entscheidet. Findet sich also irgendein Boss, der mutig genug ist, die patriotische Karte auszuspielen und den Passagieren eine wirklich einzigartige Flugerfahrung zu bieten, statt zu versuchen, es allen Menschen auf der Welt irgendwie recht zu machen?

Als CNN eine Werbepause machte und diese großartige Werbung für die Ukraine - "All About U" - den Bildschirm füllte, fragte ich mich, was eigentlich aus diesen epischen Fernsehspots geworden war, die einen stolz darauf machten, mit der nationalen Fluggesellschaft zu fliegen. Erinnern Sie sich an British Airways in seiner Blütezeit? Oder das eingängige Motiv von Air Canada in den späten Siebzigern? Oder auch die wirklich wunderbare Qantas-Werbung aus den späten Neunzigern, mit diesem Chor, der von den Bergspitzen und Stadtansichten rund um die Welt sang? (Ich bin kein Australier, aber bei der Werbung bekomme ich immer noch einen Kloß im Hals.)

Hat es einfach nur mit gestrichenen Budgets zu tun oder hat der Oberhäuptling für political correctness sie als zu aggressiv und nicht allumfassend genug verurteilt? Ein neuer Airbus A350 oder eine gestreckte Boing 747 sind eine gute Nachricht für die Öffentlichkeit, aber ein wirklich kluger Airline-Boss würde jetzt zusammen mit ein paar Top-Komponisten ins Tonstudio gehen und eine Melodie aufnehmen, die bei Fluggästen für eine Gänsehaut sorgt - im bestmöglichen Sinne, natürlich.

Autor:
Tyler Brûlé