Mit Stil Achtung, eine Durchsage!

Ich war gerade dabei, einem Huhn in einen Orangenhain hinterherzujagen. Warum weiß ich nicht mehr, und ob ich das schnatternde Vieh noch zu fassen gekriegt hätte, werde ich nie erfahren. Weil in diesem Moment der Kapitän zum wiederholten Male - und was mich angeht, absolut ungefragt - die Wetterlage in München für die "lieben Fluggäste an Bord" vermeldete und mich aus meinen Träumen riss. Mein Schlaf, geopfert für einen "leichten Nord-West-Wind" im Süden. Dabei frage ich mich, wem zum Teufel das eigentlich etwas bringen soll? Sagt dann irgendwer: "Wie? Keine 25 Grad und Sonnenschein im Januar? Dann möchte ich bitte doch nicht in London landen."

Ständig erzählen einem Leute wie gut sie auf Reisen schlafen können. Kaum ins Flugzeug gestiegen, schon weggetreten. Und tatsächlich sieht man ja häufig Menschen mit etwas debil offen stehendem Mund in den gegenüberliegenden Sitzreihen dösen. Konnte ich früher auch schon mal, kann ich jetzt vielleicht noch, wenn ich bis 5 Uhr morgens unterwegs war und ich - mir egal, dass man das eigentlich nicht soll - zwei Gläser Rotwein trinke. Aber ansonsten gibt es leider immer jemanden, der mir etwas Wichtiges mitteilen möchte.

Bei Air Berlin, mit denen ich sehr oft fliege, spielen sie zum Beispiel vor Abflug in voller 72-Dezibel-Lautstärke den Corporate Song "Wings", eine Art Klassik-Pop von drei barocken Sirenen, den ich schon - mitsingreif - aus der Warteschleife kenne. Wer dabei im Sitzen wegdämmern kann, hat meine volle Bewunderung. Danach öffnet sich ein theoretisches Schlaf-Fenster von etwa 10 Minuten, bis der Flieger die Reiseflughöhe erreicht hat und die Durchsage zu Getränken und "süß oder salzig" folgt, bei längeren Flügen auch noch das Sansibar-Special. Nicht zu vergessen die Durchsage für die TopBonus-Card, "mit der man sofort anfangen kann, Meilen zu sammeln!" Gott sei Dank gibt es auf innerdeutschen Flügen kein Duty-Free.

Durchsagen gegen Flugangst

Eine Freundin von mir mit extremer Flugangst - Schlafen ist bei ihr also kein Thema - liebt jegliche Form von Durchsagen. Sie findet, so lange sich die Stewardessen noch um "Great Meal Deals" (Easy Jet) oder Gewinnspiele an Bord (Ryanair) kümmern könnten und der erste Offizier sogar noch den gerade überflogenen Hunsrück erwähnt (Lufthansa), sei alles in Ordnung. So kann man das natürlich auch sehen.

Viel besser geeignet zum Schlafen ist traditionell ja eigentlich die Deutsche Bahn. Das Rattern des Zuges hat mich früher sofort betäubt. Als ich eine Zeitlang zwischen Düsseldorf und Köln hin und her pendelte, bin ich häufiger erst in Köln-Brühl oder Flughafen Düsseldorf wach geworden. Egal, das war es wert. Aber auch das ist ja im ICE mittlerweile vorbei. Am schlimmsten sind all die "Nicht-Durchsagen". "Wie Sie eben gemerkt haben, hat unser Zug einen unfahrplanmäßigen Stopp eingelegt." So viel hat man bis dahin auch schon gemerkt, aber woran es liegt, weiß der Lokführer ja meistens selbst nicht, muss das aber trotzdem noch einmal mitteilen. Um dann im Viertelstundentakt die aktuelle Verspätung durchzugeben - auf deutsch und englisch. Die Bahn hat zwar vergangenen Herbst angekündigt, die Durchsagen auf Englisch deutlich zu reduzieren und nur noch auf "Strecken zu konzentrieren, wo internationale Gäste unterwegs sind", aber von Berlin ins hessische Hofbieber zu ziehen, nur um zwischendurch mal wieder einnicken zu können, ist vielleicht auch keine Lösung.

Auf längeren Flügen versuche ich es immer mal wieder mit Ohrstöpseln, aber da habe ich stets das Gefühl, mein Kopf bekäme keine Luftzufuhr mehr. Hörbücher einlegen oder Musik hören ist irgendwie auch nicht mein Ding. Deshalb habe ich mal im Netz nach Anregungen gesucht und bin bei Zeit Online auf Schlaftipps von echten Vielfliegern gestoßen. Niki Lauda sagt, je komfortabler Flugzeug und Sitz sind, desto leichter könne er einschlafen. Das glaube ich Herrn Lauda, der meist Business Class fliegen dürfte, sofort, aber in der Horizontalen einschlafen kann ja jeder - disqualifiziert.

Den Rat von Hanno von Plettenberg, Leiter Finanz- und Rechnungsweisen bei Chemie Grünenthal dagegen fand ich sehr viel interessanter. Er nimmt Ohrenstöpsel plus Kopfhörer obendrauf, wenn das nicht klappt, liest er "etwas furchtbar Langweiliges." "Zeitschriftenartikel wirken auf mich besonders einschläfernd." Leider hat Herr von Plettenberg nicht dazu gesagt, welche Zeitschrift er dazu benutzt, aber vielleicht versuche ich es demnächst mal mit der "Wirtschaftswoche".

Autor:
Silke Wichert