Zypern Freundschaft zwischen Griechen und Türken

Er ist immer der Erste. Wenn die Spatzen frühmorgens Lärm in den Baumkronen schlagen, verlässt Christos Stephanou sein Haus und läuft den kurzen Weg zur Mitte des Dorfes. Dort befindet sich neben der 500 Jahre alten Kirche Agios Kelandion das Kafenion. Der Rentner steckt den Schlüssel ins Vorhängeschloss. Eigentlich braucht hier niemand abzuschließen, in Arodes wird nicht geklaut.

Doch einer muss ja am Morgen herkommen und das Tor zur Welt öffnen. Kaum, dass Stephanou die Tür mit einem Haken gesichert hat, hört man die schlurfenden Schritte von Savvas Droushiotes, dem alten Lehrer.

Droushiotes lässt sich auf einem weißen Plastikstuhl nieder, rückt die Brille zurecht und schiebt seinen Hut in den Nacken. Augenblicke später taucht hinter einer Mauer der Kopf von Papa Charalambos auf. Er ist der Priester von Arodes. Und als Nächster erscheint George Mouskos, langsam, gebeugt und am Stock, ein 90-jähriger Mann. Ein Leben lang hat er in den Weinbergen gearbeitet, die Stöcke von Schädlingen befreit und im Spätsommer die Trauben gepflückt, aus denen der gute Wasilikon oder Arios Onoufrios wird. Weine, die hier niemand trinkt, weil sie zu teuer sind.

Eine halbe Stunde später sitzen sieben der knapp 60 Menschen von Arodes im Kafenion. Meist wird geschwiegen, während die Löffel in den kleinen Tassen gegen das Porzellan klicken, bis der Lehrer etwas sagt. Es geht um die Europäische Union und die Preise für Schafwolle.

Früher war das Kafenion die Schule für die griechischen Kinder. Die türkischen hatten ihre eigene in Kato Arodes, 200 bis 300 Meter weiter. Dort gab es eine Moschee, besser gesagt, einen Gebetsraum. Der ist heute verschlossen. Über dem Eingang ist noch schwach der eingemeißelte Halbmond zu erkennen. Der Halbmond existierte in der Gegend um Arodes genauso wie das orthodoxe Kreuz, obwohl es mehr Kreuze als Halbmonde gab. Vielleicht sprach deshalb die türkische Minderheit Griechisch, während die Griechen kaum Türkisch sprachen.

1974, ein Jahr nach dem Krieg, wurde das Land geteilt und von den etwa tausend Menschen in Arodes zog ein großer Teil in den von der Türkei besetzten Norden. Mit der Zeit verfielen eine Menge Häuser, der Friedhof wurde nicht mehr gepflegt, die Schule brannte schon vor vielen Jahren aus. Doch einige türkische Wörter leben in der griechischen Sprache der Zyprer fort, so wie mahala, Nachbarschaft, oder hade, was "lass uns gehen" heißt. Und das haben die türkischen Nachbarn getan.

Wenn etwas die Gemüter der alten Männer im Kafenion erregt, dann ist es die Zeit ihrer jungen Jahre. Und die haben sie gemeinsam mit den Türken verbracht. Sie reden von damals, als die Türken noch im unteren Teil, Kato Arodes, lebten und die Griechen im oberen, Pano Arodes. Die Grenzen waren fließend. Wer Geld brauchte, borgte es sich bei den Türken, den guten Wein gab es beim Griechen, die Haare wurden wiederum beim Türken geschnitten, der auch die besseren Oliven hatte. Der Schafskäse war wohl wiederum schmackhafter beim Griechen. Doch darüber lasse sich streiten.

In Arodes wird die Zeit in Jahrzehnten gemessen. Die sechziger und siebziger Jahre waren prägend. Erst kamen Gas, Leitungswasser, Strom, Fernsehen und dann Krieg und Teilung. Über die neue Straße rollten die Busse, mit denen im August 1974 die türkischen Bewohner das Dorf verließen. Auch die Familien von Yilbay Kondara und Vedat Tek flüchteten, allerdings zu Fuß. "Fast hundert Kilometer sind wir gelaufen", sagt der heute 44-jährige Yilbay. Vedat, 40, schaut auf seine Füße, als würden sie die Erinnerung wachrufen. Es war das erste Mal, dass sie das Dorf verließen, die Kälte nachts in den Bergen, die Pfade mit immer karger werdender Vegetation - für die Kinder ein Abenteuer. Die Eltern empfanden das anders.

Mit der Flucht begann das Leid. Vedats Vater starb zwei Jahre nach der Ankunft im Norden. Auf dem Friedhof von Kaputi, der neuen Heimat von Vedat und Yilbay, stammen die meisten Gräber aus jener Zeit. Damals sah es so aus, als sei der Rückweg nach Hause für immer versperrt.

Freundschaften zwischen Griechen und Türken

In Arodes hingegen erschienen griechische Flüchtlinge aus dem Norden. Dann geschah lange Zeit nichts. Man hütete Ziegen, erntete Wein, heiratete, zog weg, starb. Von den früheren türkischen Nachbarn gab es lange keine Nachrichten. Doch dann kam der 23.April 2003. Seit diesem Tag dürfen sich türkische und griechische Zyprer in beiden Teilen der Insel wieder frei bewegen.

Im Supermarkt "Akamas" ist es still. Ein paar Fliegen surren hin und her auf der Suche nach einem Landeplatz. Pagona Stephano, 65, und ihre Schwester Anthousa Stephano, 75, sitzen auf ihren Stühlen und schauen aus der Tür ihres Geschäfts hinaus auf die Straße. Der Supermarkt, gleichzeitig Post- und Tankstelle, befindet sich kurz vor dem Ortsausgang von Pano Arodes. Die meisten Kunden der Schwestern sind aus Arodes. Sie kommen, um Diesel zu tanken, Gas, Brot oder Brandy zu kaufen. Viel mehr bietet der Supermarkt Akamas auch nicht an. Die Öffnungszeiten werden durch die verschlossene oder geöffnete Eingangstür angezeigt, und die steht jetzt eben offen. Ein Jeep mit zwei Männern fährt vorbei. Es sind Yilbay Kondara und Vedat Tek.

Vedat und Yilbay kommen oft in ihren Geburtsort. Auch Nikos Krassaris, ein 52-jähriger Geschäftsmann aus Nikosia, der ebenfalls aus Arodes stammt, kehrt an den Wochenenden immer in das Haus seiner Eltern zurück. Er erinnert sich noch an den Tag, als in den Bussen die Türken und auf der Straße die Griechen weinten und sein Vater sagte: "Heute verliere ich meine besten Freunde." Längst ist Nikos mit Vedat und Yilbay befreundet. Wenn sie sich treffen, geht es zuerst ins Kafenion.

Dort sitzen wie immer der Wirt, der alte Lehrer, der Pope und der Weinbauer. Jeder umarmt die beiden Türken und küsst sie auf die Wange. Es gibt Kaffee mit viel Zucker. Erst wird über das Wetter, die Ernte, die Weinstöcke und die gute Luft geredet. Dann über Geld und Politik. Der Name des Dorfes ist bereits eine Art gesamtzyprische Zauberformel. Es habe hier nie Streit gegeben zwischen Griechen und Türken, versichert Christos Stephanou, und das sei das Besondere an Arodes.

Selbst während des Krieges gab es keine Übergriffe, keine Verbrechen. Niemand kann die Ursache für den Frieden von Arodes erklären. "Es war eben so. Wir mochten uns", sagt der Lehrer. Die anderen nicken.

Die Männer schauen auf den Platz vor der Kirche, der neu gepflastert werden soll. 95 Prozent zahlt die Regierung, fünf Prozent kommen vom Dorf. Die Steine sind schon geliefert, doch die Bauarbeiter fehlen. Es geht um die Zukunft von Arodes, sie alle wissen, dass etwas passieren muss, soll Arodes nicht sang- und klanglos aussterben. Nikos will Touristen herholen, Apartmenthäuser für anspruchsvolle Urlauber bauen. Die Bedingungen, sagt er, seien ideal: "Arodes hat gute Luft. Selbst im Hochsommer ist es hier nie richtig heiß." Yilbay und Vedat hingegen träumen davon, die Häuser ihrer Eltern, die längst zusammengefallen sind, wieder aufzubauen. Vielleicht für ihre Kinder oder für sich selbst. "Arodes wird nicht so wie früher sein, aber es soll wieder leben", sagt Vedat.

Nach dem Kaffee laufen die drei Freunde einen Feldweg entlang, vorbei am alten Friedhof der Türken, der von Bäumen überwachsen ist und dessen Gräber eingefallen sind. Vedat springt über eine kleine Mauer und läuft auf das Feld seiner Eltern, das heute von Griechen bewirtschaftet wird. Bricht eine Artischocke ab und teilt sie mit Yilbay und Nikos. An der Wasserstelle weit unten in Kato Arodes trinken sie. "Hier haben wir als Kinder gebadet", sagt Yilbay. Sobald sie wieder im Norden, in Kaputi sein werden, wird sie die Sehnsucht nach Arodes einholen. Sie werden Nikos anrufen und wieder erfahren, ins Kafenion gehen, die Straßen entlanglaufen, Artischocken essen, Wein trinken.

Die Nacht beginnt in Arodes um 21 Uhr. Bis dahin sitzen die Dorfbewohner vor ihren Fernsehern. Dann gehen sie schlafen. Die Spatzen verstummen und die Kröten übernehmen die Geräuschkulisse. Um Mitternacht schimmert nur noch der weiße Anstrich der gekalkten Häuser und wirft ein mattes Weiß zurück. Nur in einem Haus in Kato Arodes brennt noch Licht. Zusammen mit ihrer Mutter Sevim Kanatli sitzt Nasrin vor dem Fernseher. Die beiden Frauen, 40 und 22 Jahre alt, sind türkische Zyprerinnen und leben seit einem Monat hier. Es sind die ersten Türken, die zurückgekommen sind. Sogar in der Kirche waren die gläubigen Muslime. Zur Ostermesse.

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Autor:
Frank Rothe