Argentinien Tango in Buenos Aires

"El Maestro!", ruft der Kellner im "La Cumparsita". Alle Augen richten sich auf die Schwingtür der Eckkneipe, in deren Rahmen ein kleiner Mann im Anzug steht. Der Mann hält inne, rückt seine Hornbrille zurecht, lächelt. Die Gäste stehen, applaudieren. Der Maestro weiß, dass das Publikum ihm gehört. Er geht nicht sofort zur Bühne, er setzt sich an einen der Bistrotische. Hinten, wo das Licht besonders schummrig ist. Wie immer bestellt er Mineralwasser. Um das Wertvollste, das er hat, zu schonen. Seine Stimme.

Alberto Podestá ist eine Tangoeminenz in Buenos Aires. Einer der letzten, die die große Zeit in den dreißiger Jahren erlebt haben, als Carlos Gardels Stücke wie "Mi Buenos Aires querido" oder "Volver" Kassenschlager waren und der Tango aus allen Radios klang. "Ich wollte keine Wiederkehr, aber man kehrt immer zur ersten Liebe zurück", hörte der kleine Alberto den Star Gardel bei einem Konzert 1933 singen, er saß auf dem Schoß eines Onkels. Die Musik berührte den Neunjährigen, auch wenn er den Sinn der Worte noch nicht verstand. Aber eines wusste er. Alberto wollte singen wie Gardel, also begann er zu üben. Bald nannten die Leute ihn "Gardelito". Ihn, den Jungen, der in kurzen Hosen aus der Provinz in die Großstadt kam. Der 1939 seine ersten Tangos in Buenos Aires vorsang, dieser Stadt, in der das Heimweh der Einwanderer bei Konzerten mit zu Gast war. Podestá war gekommen, um zu bleiben. Auch als der Tango irgendwann kein Geschäft mehr war, sang er weiter, kämpfte jahrelang um jeden Centavo, dankbar für jedes Engagement.

Längst liebt ihn das Publikum wieder. Ihn und diese melancholische Musik. "Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzt", so sagte es einmal der Komponist Enrique Santos Discépolo. Und Alberto Podestá, die Eminenz, ist nun auch einer letzten der Maestros, die an der Renaissance des Tango teilhaben. Seit ein paar Jahren kann man mit dem Tango wieder Geld verdienen. In Buenos Aires gibt es immer neue Tango-Hotels, jeden Abend zig milongas, so heißen diese Tanzabende. Sogar Argentinier, die den Tango längst als Touristenattraktion abgestempelt hatten, belegen nun plötzlich wieder Tanzkurse.

So wie sie ihn tanzt- hätte der Papst den Tango verboten

Im "La Cumparsita" zieht der Kellner die Vorhänge zu, als Podestá bedächtig die Stufen zur Bühne hochsteigt. Dort sitzt schon der Bandoneón-Spieler, er hat ein Tuch auf den Oberschenkel gelegt, um die Anzughose zu schützen. Podestá singt "Bazar de los juguetes". Das Lied handelt von einem Mann, der einen Spielzeugladen leer kauft und alles verschenkt, um arme Kinder glücklich zu machen. Podestá füllt den Raum mit seiner Stimme, sie ist kraftvoll, auch in den leisen Tönen. Es ist, als rezitiere er ein Gedicht. Das Publikum hört zu, gebannt, es leidet mit, wenn im Lied "Yira Yira" der Protagonist, von der Welt enttäuscht, singt: "Auch wenn dich das Leben zerbricht, wenn ein Schmerz dich beißt, erwarte nie eine Hilfe, keine Hand, keinen Gefallen." Als die Phrase endet, zieht Podestá die Brauen hoch, schließt die Augen, hebt den Zeigefinger. "Bravo, Maestro!", ruft das Publikum. Als Podestá seine Show beendet, dämmert der Morgen. Auf der Plaza Dorrego in San Telmo bauen die ersten Antiquitätenhändler ihre Stände auf.

Sonntags wird das Viertel zur Fußgängerzone, die Plaza zur Tanzfläche. Virginia Uva, eine 26-jährige Kunststudentin ist auch hier, wie immer. Ihr Foto klebt schon in vielen Alben dieser Welt. Längst hat sie den Überblick verloren, sie weiß nicht mal, wie oft sie allein an diesem Sonntag schon fotografiert worden ist. Wozu auch? Sie hält die Augen geschlossen, verliert sich im Tanz, lässt sich vom Mann führen; die Plaza, das Publikum, sie nimmt es kaum noch wahr. Virginia ist das Motiv, und San Telmo, das Viertel mit den Pflastersteinstraßen und Kolonialstilhäuschen, die perfekte Kulisse.

Tango, das war einst die Musik der Spelunken und der Immigranten, die in der Musik ihre Sehnsucht nach der Heimat, nach großen Gefühlen, nach Liebe besangen. Ihre Tiefgründigkeit bekam die Musik aber auch vom gefühlsschweren Klang des Bandoneón. Das Instrument mit den dramatischen Tiefen und brillanten Höhen wurde in Deutschland erfunden - in Argentinien gelangte es zu Weltruhm. Tango, der Name steht längst nicht mehr nur für die Musik aus den Hafenvierteln: Mit Astor Piazzolla näherte sie sich dem Jazz, mit Bands wie Gotan Project oder dem Bajofondo Tango Club der elektronischen Musik. Mit dem Ensemble Orquesta Típica Fernández bewegt ein klassisches Tango-Orchester plötzlich wieder junge Leute. Die Musiker sind so etwas wie Rockstars, sie tragen Kapuzenpullis, Rastazöpfe und geben Autogramme.

Aber Tango, natürlich, das ist auch der Tanz. Ein Tanz, der einst verrufen war. Der zwischen Männern entstand, dann tanzten ihn die Lebedamen. So populär wurde er, dass er Papst Pius X. im fernen Rom Sorgenfalten auf die Stirn trieb. Er ließ sich diesen lasziven neuartigen Paartanz 1914 eigens im Vatikan vorführen. Dass Seine Heiligkeit sich danach nicht negativ äußerte, wurde als stillschweigende Approbation ausgelegt.

Nun, so wie Virginia Uva den Tango an diesem Abend tanzt, hätte der Papst ihn sicher verboten. Sie ist inzwischen weitergezogen, steht auf der Tanzfläche im Salón Canning im Stadtteil Palermo, sie trägt ein rotes Kleid, aufgeschlitzt bis zum Oberschenkel. Gegenüber, zehn Meter entfernt, wartet César im weißen Anzug, seit sieben Jahren ihr Freund und Tanzpartner. Die Musik setzt ein, die beiden gehen aufeinander zu. Sehen sich tief in die Augen, ein stolzes Spiel. Er fasst sie an der Hand, ein Ruck, und sie liegen sich in den Armen. Sie zeigen Showtango, dies ist nicht mehr der Tango der Onkel und Tanten, der argentinischen Familienfeste: César wirft Virginia in die Höhe, dann steht sie wieder vor ihm, neigt sich nach hinten.

Godoy ist Taxi-Tänzer - ein Tänzer zum Mieten

Am Rand der Tanzfläche sitzt Virginias erster Tangolehrer, sie war 16 Jahre alt, als sie anfing, bei ihm zu lernen. Er flüstert: "Für den Film 'Evita' habe ich sogar Madonna die Tanzschritte beigebracht". Dann ist die Show im Salón Canning vorbei. "Excelente!", ruft der Tangolehrer. Virginia und César sind eines dieser Paare, die vom und für den Tango leben. Jeden Abend tanzen sie in einem Steakrestaurant, nachmittags geben sie Unterricht. Zu Hause schieben sie den Esstisch zur Seite und trainieren in der Wohnküche, an der weißen Wand sind die Spuren der Schuhabsätze zu sehen.

Ein kleiner Mann stößt die Tür zum Salón Canning auf und führt vier Damen zu einem reservierten Tisch. Nicolás Godoy, 1,60 Meter groß, trägt einen perfekt gebügelten Anzug und arbeitet jetzt: Er ist Taxi-Tänzer, ein Tänzer zum Mieten. Ein gefragter Job, denn die Tangowelt hat ihre eigenen Gesetze. Wer nicht gut tanzt, kann lange warten, bis er aufgefordert wird. Auch müssen Anfänger das System des cabezeo lernen: Allein der Blick genügt, um eine Dame aufzufordern - was dieser die Möglichkeit gibt, den Tanz abzulehnen, ohne den caballero zu beleidigen. Sie muss nur den Blick nicht erwidern.

Doch manchmal bezahlen auch Männer, gute Tänzer, den Profi zum Mieten. Wer neu in der Stadt ist, muss sich und sein Können in der Welt der milongas erst mal zeigen. Er arbeitet auch mit Männern, seit einmal eine 1,82 Meter große Deutsche bei ihm anrief. "Der musste ich einen anderen Partner suchen", erinnert er sich. "Wann suchst du dir endlich einen richtigen Job?", hatte die Mutter Nicolás gefragt, als er vor sieben Jahren begann, als Tänzer zu arbeiten. "Sie hat ihre Meinung geändert", sagt Nicolás.

Die meisten seiner Kundinnen sind zwischen 45 und 60 Jahre alt. "Sie wollen nicht warten, bis sie aufgefordert werden." Geht er mit Kundinnen privat aus? "Nie. Ich sage immer, dass ich eine Freundin habe, ob es stimmt oder nicht." Und wenn der Tango mal nicht mehr modern ist? "Tango ist keine Mode, Tango ist eine Lebensform, er kann nicht altmodisch werden", sagt Nicolás.

Die meisten Frauen mieten ihn für zwei Stunden, auch heute hat er noch eine weitere Kundin, eine Argentinierin, 72 Jahre alt. María Dolores wartet bereits in ihrem Wohnzimmer auf Nicolás. Auf dem Tisch stehen Kekse in einer Porzellanschale. Auf der Stirn trägt sie eine Spur Glitter. Seit über 25 Jahren ist sie Witwe, lebte zurückgezogen, still. "Meine Kinder dachten, ich tauge nur noch zum Socken stricken." Dann, eines Tages, las sie in der Zeitung von Nicolás. Sie rief ihn an, er holte sie ab.

María Dolores fasste Vertrauen und nahm Unterricht. Zu ihrem Geburtstag kündigte sie schließlich eine Tanzshow an: "Sie hätten mal das Gesicht meiner Söhne sehen sollen, als ich einen Tango mit Nicolás aufs Parkett legte." Seitdem tanzt sie jede Woche. Sie fühle sich beim Tanzen leicht wie auf einer Wolke, sagt sie.

Es klingelt an der Tür. Nicolás ist mit dem Taxi gekommen, für María Dolores beginnt die Tango-Nacht. Sie lächelt. Dann sagt sie, schon auf dem Weg zur milonga: "Der Tango macht mich jung. Tango tanzen ist mit den Füßen träumen."

Autor:
Karen Naundorf