Argentinien Sehenswertes in Buenos Aires

Palermo
Valeria Pesqueira, Designerin mit Köpfchen

Morgens, wenn Valeria Pesqueira zu ihrem Laden läuft, grüßt sie Julia, die Bäckerin. Juan, den Zeitungsverkäufer. Mario, der hinter dem Schaufenster seiner Reinigung winkt. "Palermo ist wie ein Dorf in der Großstadt", sagt Señora Pesqueira, 32. Dorf und Design, Kolonialstilhäuschen und hippe Bars, von Bäumen gesäumte Pflastersteinstraßen und bunte Boutiquen - Palermo ist alles. "Genau diese Mischung mag ich", betont sie. Der perfekt geschnittene Pony bedeckt ihre Stirn fast bis zu den dunklen Augenbrauen.

Sie gehört zur Generation der jungen Designer, die es geschafft und das Viertel geprägt haben. "Die Wirtschaftskrise 2001 hat uns geholfen", sagt Pesqueira. "Vorher hatten die Argentinier Geld und gingen in Miami oder New York einkaufen." Dann stürzte der Peso ab und war im Ausland nichts mehr wert. "Die Leute wollten weiter Designerware - und nun kauften sie bei uns!" Ihr Geschäft in der Calle Armenia ist ein schmaler Raum, die Wände sind mit einer Karo-Tapete beklebt. Neben der Kasse hängt eine Wandtafel, auf der Pesqueira ihre Lieblingsläden empfiehlt. Zum Beispiel den der hermanos Sabater: Dort liegen handgefertigte Seifen in allen erdenklichen Formen hübsch geordnet in Holzkisten aus.

Es war schon lange Pesqueiras Traum, einen eigenes Design-Atelier zu eröffnen. "Mein Vater arbeitete für eine Turnschuh-Firma, darum besaß ich schon immer Modelle, die in Argentinien nicht auf den Markt kamen", erzählt sie. "Ich merkte, wie toll es ist, etwas Einzigartiges zu tragen." Heute bedruckt sie Shirts, Pullis und Kapuzenjacken mit Zebramustern, schwarzen Blumen und bunten Vögeln. "Alles ist fürs richtige Leben gedacht, ich mache keine Jäckchen, die sofort verknittern." Das Konzept scheint aufzugehen: Sie verkauft inzwischen in Japan und den USA - und in Palermo.

Früher war das Viertel keine gute Gegend, überall Autowerkstätten, Lagerhäuser und zwielichtige Gestalten. In der Schule lernen Argentinier noch heute, was der Schriftsteller Jorge Luis Borges über Palermo schrieb: "Jahrelang habe ich geglaubt, ich sei in einem Vorort von Buenos Aires aufgewachsen? Das Palermo des Messers und der Gitarre (versicherte man mir) befand sich gleich um die Ecke." Seine liebsten Orte waren der Garten des Elternhauses und das Zimmer mit den englischen Büchern, denn das Viertel draußen galt als gefährlich. Das änderte sich, als die Bohème die Gegend entdeckte. Bald kamen die Galerien, die kleinen Cafés. Designer und Künstler fanden hier Raum. Vom armen Palermo, das Borges beschreibt, ist heute nicht mehr viel zu spüren. Die Gegend um die Plaza Serrano mit ihren edlen Restaurants und teuren Boutiquen heißt inzwischen "Palermo Soho". Und in "Palermo Hollywood" betreiben Filmproduktionen und TV-Sender ihre Studios.

Gleich um die Ecke ihres Ladens sitzt Valeria Pesqueira auf einem samtbezogenen Sofa in der "Bar 6" - "mein ausgegliedertes Wohnzimmer, hier treffe ich sogar Geschäftspartner". Sie macht eine kurze Pause. "Nur weiß ich nicht, wie lange wir unabhängigen Designer noch in Palermo bleiben können." Die Miete für ihr Geschäft stieg in drei Jahren von 750 auf 3000 Pesos. Das entspricht dem doppelten Monatsgehalt einer Grundschullehrerin. "Trotzdem, ich bleibe so lange es geht, ich liebe die Cafés, die Plätze, das viele Grün", sagt die Designerin. Zudem sei es ein Lebensmodell, in Palermo zu wohnen: "Wir machen, was uns Spaß macht - und versuchen davon zu existieren."

San Telmo: Ricardo Montesino, der Herr der Tangobar

In San Telmo gibt es viele Kolonialstilhäuser, aber Ricardo Montesino verliebte sich in ein ganz bestimmtes. Ein Eckhaus mit großen Fenstern, aus dem Jahr 1910. Es steht dort, wo die Straßen Estados Unidos und Balcarce sich kreuzen. Er mietete das Erdgeschoss mit den schwarzweißen Bodenfliesen und kaufte Möbel auf dem Flohmarkt. Das war vor 40 Jahren. Heute ist die "Bar Sur" die älteste Tangobar in Buenos Aires. Im Grunde ein Zufall, sagt Montesino, 67. "Ich hatte damals wenig Geld und musste ein betagtes Interieur wählen - aber heute mögen die Leute gerade diesen zeitlosen Stil."

Gemächlich setzt er sich an einen runden Holztisch, streicht sich übers weiße Haar. Auch sein Oberlippenbart ist weiß, wie das frisch gebügelte Hemd. Durchs Fenster ist eine typische Straßenecke des Viertels zu sehen: Kopfsteinpflaster, schmale Gehsteige, Häuser mit hohen Fenstern, gebaut Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf den Stufen eines Hauseingangs sitzt ein älteres Paar und trinkt Mate-Tee. "Mein Vater brachte mich hierher, als ich ein Kind war. Er sagte: 'Schau, das ist der Stadtkern, hier wurde Buenos Aires gegründet'." Montesino blickt nach draußen. Tatsächlich ist San Telmo einer der ältesten Stadtteile von Buenos Aires, viele Häuser stehen unter Denkmalschutz. Seinen Namen verdankt das Viertel italienischen Einwanderern. Sie ehrten damit den neapolitanischen Patron der Fischer und Seefahrer: San Telmo.

Als Montesino seine Bar 1967 eröffnete, galt der Stadtteil als einfache Arbeitergegend - trotz der mondänen Fassaden von Stadtpalästen und Wohnhäusern. Der Grund war eine Gelbfieber-Epidemie im Jahr 1870. Wer Geld hatte, verließ damals sein Haus in San Telmo und zog in den Norden der Stadt. Bald richteten sich einfache Leute in den leer stehenden Bürgerhäusern ein - und blieben. Gebäude wie die "Pasaje Defensa" erzählen noch heute von diesem Wandel: Einst Wohnsitz des reichen Ehepaars Ezeiza, teilten sich nach der Epidemie mehrere Familien das zweistöckige Haus und seine Galerien. Inzwischen verkaufen Sammler dort alte Puppen, Bilder und Antiquitäten.

Der Tango hat alles im Viertel überlebt. Tango, das sei nicht nur der Tanz, sagt Montesino. "Tango ist Dichterei, Malerei, Bandoneón. Hier, in der Bar, gab es all das, von Anfang an. Egal, ob der Tango in Mode war oder nicht." Stars wie Liza Minelli und Sean Connery waren schon in der "Bar Sur", der Regisseur Wong Kar Wai drehte hier für seinen Film "Happy Together". Jeden Abend sind die 50 Plätze besetzt, Paare tanzen vor den kleinen Tischen. Und fordern das Publikum immer wieder zum Tanz auf.

Montesino liebt aber nicht nur den Tango, er profitiert auch von ihm. "Die Bar in San Telmo zu eröffnen, war eine strategische Entscheidung", sagt er. Das Viertel liegt auf der Verbindungslinie zwischen dem alten Hafen in La Boca und dem Centro mit der Casa Rosada, dem berühmten Präsidentenpalast. Darum kommen viele Touristen hierher, die die Atmosphäre kleiner Kneipen bombastischen Spektakeln vorziehen. Argentinier trifft man vor allem neben dem Parque Lezama im "Café Británico", das seit 1928 existiert und oft Tag und Nacht geöffnet hat. Und wenn nicht in den Bars, sieht man sie an den Gemüseständen in der alten Markthalle. Daran, dass San Telmo einmal eine ärmliche Gegend war, erinnert heute nicht mehr viel. Sonntags werden die Straßen zur Fußgängerzone, mit Antiquitätenhändlern und Straßenkünstlern. Das Herz des Viertels, die Plaza Dorrego, ist dann Tanzfläche. Gespielt wird - was sonst? - Tango.

Microcentro: Aida Sarti, die Mutter von der Plaza de Mayo

Niemand kann Aida Sarti von der Plaza de Mayo vertreiben. Jeden Donnerstag um 15 Uhr bindet sich die 79-Jährige ein weißes Kopftuch um und geht demonstrieren. Immer auf dem Maiplatz, dem Herzen der Stadt. Er ist gesäumt vom rosafarbenen Regierungsgebäude, der Nationalbank, der Kathedrale und dem Ratsgebäude Cabildo mit dem putzigen Glockenturm, in dem 1810 die Unabhängigkeit Argentiniens beschlossen wurde. Auf dem Grundstück der Casa Rosada stand das erste Haus der Stadt. Hier gründete Juan Garay 1580 Buenos Aires. An Nationalfeiertagen versammeln sich die Argentinier zu Tausenden auf der herrschaftlichen Plaza - und hier her kommen sie auch, um zu protestieren, wenn sie mit der Regierung mal wieder unzufrieden sind. Büroangestellte in dunklen Anzügen eilen hier vorbei, Urlauber genießen die Sonne auf den Steinbänken, fliegende Händler verkaufen Souvenirs und weißblaue Argentinien-Fähnchen. Auf den Boden sind einige weiße Kopftücher gemalt - sie markieren den Weg, den die Mütter jeden Donnerstag gehen.

1976 bis 1983 war die Zeit der Diktatur. Seit 1977, nachdem die Militärs ihre Tochter Beatriz verschleppt hatten, ist Aida Sarti dabei. "Der Platz gehört uns", sagt die kleine Frau mit den grauen Haaren. Sie schreitet energisch voran, immer um die pirámide de mayo herum, einen kleinen Obelisken, der in der Mitte des Platzes steht. Bis heute weiß sie nicht, was damals mit ihrer Beatriz passiert ist. Wie ihr ergeht es vielen. "Wir stehen wie auf einer Wolke, es gibt nichts Greifbares." Und darum hören die Mütter der Plaza de Mayo nie auf zu demonstrieren. Damit ihre Kinder nicht vergessen und die Verbrecher bestraft werden. La ronda nennen sie ihren Donnerstagsmarsch auf dem Platz, von dem die Avenida de Mayo abzweigt und zum Kongressgebäude führt. Zur Macht.

Die Madres de la Plaza de Mayo sind in Argentinien so etwas wie Nationalheldinnen. Während der Jahre der Diktatur, als sich niemand traute, auch nur zu fragen, was mit all den Menschen passierte, die von den Häschern der Militärs entführt wurden, begannen die Mütter, sich auf dem Platz zu treffen. Trotz Versammlungsverbot. Drei von ihnen überlebten die Diktatur nicht. Aber auch davon ließ Aida sich nicht abschrecken.Sie wollte ihre Tochter zurück. Alles andere zählte nicht. Aber sie erinnert sich auch noch an die Zeit davor, als sie den Platz ohne Traurigkeit betreten konnte. Als sie jung war, mit ihrer eigenen Mutter ins Zentrum fuhr, um Perón zuzujubeln. Damals begann sie, in einem Stoffladen zu arbeiten, wenige Blocks vom Maiplatz entfernt. Es war ein edles Geschäft, in dem Evita sich ihre Kleider schneidern ließ.

Auf dem Maiplatz nahm Aida dann an ihrer ersten Demonstration teil - ohne es zu wollen. "Ich kam aus dem Geschäft und wollte nach Hause gehen, da geriet ich mitten in die Demo, es ging ums Weihnachtsgeld." Prompt wurde sie fotografiert und landete auf der Titelseite einer Zeitung. "Ich hatte Angst, dass ich meinen Job verlieren würde", sagt sie. "Aber es war ein Erfolg. Wir alle bekamen das Weihnachtsgeld, und mein Chef sagte nicht einen Mucks." Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Welche Bedeutung die Plaza de Mayo einmal für sie haben würde, wie oft sie dort noch aus Protest im Kreis laufen würde, ahnte sie damals nicht. "Wir sammeln Informationen für ein Buch über die Mütter, und natürlich wird es auch um den Platz gehen", sagt Sarti. "Unsere Geschichten sind untrennbar miteinander verwoben."

Retiro: Miguel Bornstein, Möbelmacher mit Faible für Farben

"Sieht ein bisschen aus wie in Paris hier, oder?", fragt Miguel Bornstein. Er sitzt auf einem bequemen Sessel und blickt durch das Schaufenster seines Ladens auf die gegenüberliegende Straßenseite. "In Retiro wohnten eigentlich immer Leute mit Geld, hier durften sich die Architekten schon im 19. Jahrhundert austoben." Draußen säumen goldfarbene Laternen die Straßen, pompöse Portale führen in die mehrstöckigen Bürgerhäuser des Viertels, die Wohnungen sind stuckverziert, mit hohen Decken und geschwungenen Balkonen. Wenige Blocks entfernt liegt die Plaza San Martín, "einer der schönsten Plätze der Stadt", sagt Bornstein, 61, und blickt durch seine Brille mit dem zarten roten Rand. "Ich mag das gepflegte Grün, die Bänke, die alten Bäume und den Blick auf den Turm der Engländer."

Bornstein wohnt in Retiro und besitzt zwei Läden im Viertel, eine Antiquitätenhandlung und nur wenige Häuser weiter sein Geschäft "30quarenta", in dem er selbst kreiert und alte Möbel und Gegenstände in moderne Designstücke verwandelt. "Color, humor y forma", seien das wichtigste hier - "Farbe, gute Laune und die Form". Der Sessel, auf dem er sitzt, ist ein gutes Beispiel für das, was Bornstein begeistert: ein Holzgestell, wahrscheinlich über hundert Jahre alt, aber nun neu gepolstert und mit einem schwarzweiß gestreiften Stoff bezogen. Bornstein beschreibt seinen Stil so: "Wir nehmen das Schönste vom Alten und kombinieren es mit dem Schönsten von heute." Und das kann so aussehen: An der Wand gegenüber hängt ein runder Spiegel, umrahmt mit Puppenaugen aus Porzellan. Ein eigensinniges Stück, ganz nach dem nicht minder eigensinnigen Geschmack seines Schöpfers. "Es ist ein Spiegel, der den Betrachter ansieht", erklärt Bornstein.

Eigenwillig ist auch Retiro selbst, ein Viertel voller Kontraste. Oben auf der Anhöhe thronen die stolzen Bürgerhäuser, in den Erdgeschossen befinden sich Kunstgalerien und Antiquariate, dazu gibt es einige Luxushotels. Etwas weiter in Richtung Río de la Plata liegen gleich drei Bahnhöfe: Fliegende Händler rufen hier durcheinander, laufen auf den Gehsteigen und bieten neben den Autokolonnen ihre Waren an. Und am Ende der Straße liegt der gigantische Busbahnhof, von dem aus jeden Tag Menschenmassen in die Stadt kommen - und ihr entfliehen. "Früher, als ich noch in einem Vorort im Norden wohnte, beeindruckte mich das Viertel, sein Chaos, die vielen Menschen. Heute habe ich mich daran gewöhnt", sagt Bornstein. Seine Mutter war 1925 aus Wien nach Buenos Aires gekommen, der Vater - ebenfalls ein Wiener - musste 1937 vor den Nazis fliehen und ging nach Argentinien.

"Ich kam bereits als Jugendlicher gerne nach Retiro, vor allem weil hier so viele Auktionshäuser waren. Alte Möbel reizten mich schon immer, auch wenn ich damals kein Geld hatte, um sie zu kaufen." Vor 20 Jahren verwirklichte er seinen Traum und eröffnete einen eigenen Antiquitätenladen. Das älteste Stück, das er momentan im Angebot hat, ist der Holzrahmen eines Kamins aus der Renaissance, den er aus Frankreich importiert hat. Seine Möbel sind etwas Besonderes. "Anfang des letzten Jahrhunderts war dieses Land sehr reich", sagt Bornstein. "Die Argentinier reisten viel und brachten edle Stücke aus aller Welt mit - die kaufe ich nun auf." Besonders den Touristen gefällt sein eigenwilliges und weitgereistes Mobiliar. Genauso wie das Viertel Retiro. "Sie entdecken hier eine europäische Stadt mit lateinamerikanischem Charme".

Recoleta: Ester Romero, Psychologin im Nobelviertel

Im Stadtteil Recoleta blühen die Jacaranda-Bäume und die Neurosen, heißt es. Ester Romero, 59, Psychologin, nickt. "Wir haben hier die höchste Psychologendichte der Stadt, das war schon immer so." Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Psychologen wie in Buenos Aires: Während in New York auf 100.000 Einwohner 100 Therapeuten kommen, sind es hier 795. Warum diese Anzahl so enorm hoch ist, haben sich schon viele gefragt - eine eindeutige Antwort aber nicht gefunden.

Es mag daran liegen, dass Buenos Aires von Einwanderern geprägt und die kollektive Flucht vor Krieg und Armut bis heute nicht verarbeitet ist. Zudem neigt der Porteño zur Melancholie und beschäftigt sich gerne mit sich selbst. Viele in der Stadt dürften auch noch immer unter den Folgen der Militärdiktatur leiden. Wer Jahre lang unter einem brutalem Regime gelebt hat, entwickelt zwangsläufig ein kompliziertes Innenleben. In Buenos Aires haben sich die meisten Therapeuten auf Psychoanalyse spezialisiert - und eine Praxis in Recoleta gesucht. "Als die Psychoanalyse Mitte des 20. Jahrhunderts in Mode kam, konnten sich nur die Reichen eine Therapie leisten", sagt Romero. "Also siedelten sich die Psychologen in Recoleta an, hier wohnte die Oberschicht."

Noch heute ist das Viertel eines der exklusivsten der Stadt. Hier steht das Luxushotel "Alvear Palace", es ist berühmt für seinen exzellenten Sonntags-Brunch. Hier verläuft die Avenida Alvear mit ihren Designer-Läden, der Laufsteg der High Society. Im Museo de Bellas Artes hängen Werke von Van Gogh, Picasso, Miró, Kandinsky und Goya. Die Straßenzüge und noblen Häuser zeugen von einer geradezu glamourösen Vergangenheit. Von einer Zeit, in der Argentinien eines der reichsten Länder der Welt war.

"Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal in Recoleta arbeiten würde", sagt Romero, die in der weiß getünchten Kirche Nuestra Señora del Pilar, gleich neben dem Friedhof, getauft wurde. "Ich fand das Viertel früher gruselig, vor allem die Statuen und Mausoleen auf dem Friedhof. Meinen Vater faszinierte das. Er zeigte mir damals auch das Grab Evitas, aber ich hatte Angst." Heute verstehe sie ihren Vater, sagt Romero, aber so ganz geheuer sei ihr der 1822 eingeweihte Friedhof mit seinen 6000 Gräbern noch immer nicht. Dabei hatte sie 15 Jahre lang eine Praxis mit Blick auf die Friedhofsmauer, gleich um die Ecke der Plaza Francia, auf der ein großer Floh- und Kunsthandwerksmarkt Besucher anlockt. Vor kurzem zog Romera in eine Gemeinschaftspraxis weiter im Süden, an den Rand des Viertels, in die Nähe der Zentrale der Psychoanalytischen Vereinigung, die ihren Sitz natürlich auch in Recoleta hat. "Dort habe ich schon als Studentin Kurse besucht", sagt sie. Sie trägt eine randlose Brille und streicht sich die blond gefärbten Haare hinters Ohr.

Wenn Romero Zeit zwischen den Sitzungen hat, schaut sie sich die Boutiquen an oder besucht eines der alten Cafés mit den kleinen Holztischen, die je nach Gruppengröße zusammengeschoben werden. "Im Centro Cultural Recoleta gibt es exzellente Ausstellungen", sagt Ester Romero. Das Kulturzentrum entstand in dem ehemaligen Konvent der Franziskanermönche "Padres Recoletos", die dem Viertel seinen Namen gaben. Oft geht sie auch in die Nationalbibliothek. "Aus dem Lesesaal im Obergeschoss hat man einen fantastischen Blick auf die Stadt und den Río de la Plata", sagt sie. Und Bücher und Kultur seien ihr nun mal lieber als Gräber.

La Boca: Víctor Fernández, der verliebte Maler

"Wenn ich erwachsen bin, will ich Maler werden, in La Boca und sonst nirgends." Diesen Satz schrieb Víctor Fernández als 15-Jähriger in einem Schulaufsatz. Er war mit seinem Vater in dem Hafenviertel im Süden von Buenos Aires gewesen, bei einem Spiel der berühmten Boca Juniors, seinem verehrten Fußballclub. Und da hatte er sich verliebt: in den Blick auf den Hafen, aus dem Atelier des Malers Benito Quinquela Martín. In den Geruch der frischen Farbe. In das Werk Quinquelas, der La Boca auf unzähligen Ölbildern gemalt hatte. Sie zeigen den Stadtteil als reges Einwandererviertel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem Italiener hatten sich dort nieder gelassen.

Sie wohnten in conventillos, Mehrfamilienhäusern mit großen Hinterhöfen, in denen die Bewohner gemeinsam Geburtstage und Weihnachten feierten. Die Häuser der Einwanderer waren aus Holz, die meisten Fassaden mit Wellblech verkleidet, das die Bewohner mit leuchtend bunten Schiffsfarben anmalten.

Heute ist Víctor Fernández 45 Jahre alt und wohnt drei Straßen vom Stadion der Boca Juniors entfernt. "Ich bin auch ein Einwanderer", sagt Fernández, der im Süden der Stadt an der Atlantikküste aufwuchs und seit 26 Jahren in La Boca wohnt. "Ich brauche die Nähe des Stadions, des Hafens." Kürzlich hat er ein Angebot aus Mailand ausgeschlagen, ein Galerist wollte ihn einladen, in Italien zu arbeiten. "Ich könnte unter keinem anderen Himmel malen. Auch wenn meine Bilder nicht immer La Boca zeigen, die Farben des Viertels, seine Menschen und sein Licht sind immer in ihnen präsent."

Fernández hat sich einen Lebenstraum erfüllt. Denn er ist genau an den Ort zurückgekehrt, in den er sich als Kind verliebte: in das Museo Quinquela - wo er heute künstlerischer Leiter ist. Nun kann er sich so oft er will in das Atelier Quinquelas im obersten Stockwerk stellen und den Hafen von dort aus beobachten. Oder auf die Dachterrasse des Gebäudes steigen, von der aus man das ganze Viertel im Auge hat. Auch das Stadion seiner Boca Juniors. Fernández läuft jeden Morgen die wenigen Blocks von seiner Wohnung zum Museum und trinkt einen Café in der "Bar Roma".

"Das ist mein Ritual," sagt er und grüßt einen Passanten: "Como estás?" Es scheint, als würden ihn alle im Viertel kennen, ausgenommen die Touristen, die sich die berühmteste Straße La Bocas, den caminito, "das Weglein", ansehen. Hier finden sie die bunten, windschiefen Häuschen der Einwanderer und Seeleute, das Postkartenmotiv Nummer eins im Viertel. In einigen dieser Häuser sind Souvenirläden und Galerien untergebracht. Fernández bleibt stehen und beobachtet, wie die Besucher mit den Straßenmalern sprechen, die ihre Staffeleien auf dem caminito aufgebaut haben. Andere lassen sich mit einem Maradona-Doppelgänger fotografieren. Aus den Läden tönen Tango-Klänge.

"Die meisten Besucher laufen den caminito einmal rauf und wieder runter, dann fahren sie wieder", sagt Fernández. "Dabei gibt es in La Boca noch viel zu sehen." Er spricht vom Museum Conventillo Marjan Grum, einem in knalligen Farben angemalten Holzhaus. Von einer Vorstellung der Gruppe "Catalinas Sur", einem Nachbarschaftstheater, an dessen Inszenierungen über 300 Menschen mitwirken. "Sich gegenseitig helfen, Neuankömmlige integrieren - das ist der Geist von La Boca", sagt Fernández. Manchmal sieht er an Sonntagen einen großen Tisch in einem der Hinterhöfe, rundherum Menschen, die essen, trinken, feiern. "Dann freue ich mich", sagt er. "Das alte Lebensgefühl der Einwanderer ist bis heute zu spüren."

Autor:
Karen Naundorf