Argentinien Leben in Buenos Aires

Ich war wie kopflos, als ich das erste Mal nach Buenos Aires kam. Die Intensität der Stadt betäubte mich. Ihre Fülle zwang mich, ohne Pause über die schmalen Gehsteige der Avenida Corrientes zu laufen. Ich sah unglaubliche Mengen von Autos und Motorrädern und plötzlich, an der Kreuzung zur unendlich breiten Avenida 9 de Julio, den berühmten, 70 Meter hohen Obelisken. Das alles machte mich schwindelig. Ich war im Zentrum der Hauptstadt angekommen, dort wo alle Ausländer ankommen und auch wir Argentinier aus dem Landesinneren. Die Einwohner von Buenos Aires unterscheiden streng zwischen "Porteños", die hier geboren und aufgewachsen sind, und jenen del interior, die aus irgendeiner Provinz in die Hauptstadt ziehen. Ich bin einer del interior.

Ich war 17, als diese Stadt mich blendete. Mein Vater hatte mich auf eine Geschäftsreise mitgenommen. Ich sollte die große Stadt kennen lernen, in der ich schon bald studieren würde. Er sagte, ich solle ausprobieren, ob ich das Leben in Metropolis, ohne Familie und Freunde, überhaupt aushalten könne. Ihm selbst, der seine Jugend auf dem Land verbracht hatte, war es schwer gefallen, sich dort zurechtzufinden. Er hatte sich immer wieder verlaufen und lange gebraucht, bis er die Stadt mochte. Ohne Gnade drängte er mich, allein durch die Straßen zu ziehen. Mein Vater war zweifellos davon überzeugt, Buenos Aires sei ein sicherer Ort.

Wir waren im besten Hotel eines schlechten Viertels untergekommen. Das Haus stammte aus den siebziger Jahren und lag auf dem hektischsten Stück der Calle Lima, gegenüber vom Bahnhof Constitución. Mit Stadtplan in der Hand tauchte ich in der städtischen Flut unter, zwischen den Arbeitern aus den südlichen Vorstädten, die die Stadt über diesen Bahnhof betreten und verlassen. Die Station Constitución war mein Orientierungspunkt, für mich Neuankömmling ordnete sie den städtischen Raum.

Seither sind 18 Jahre vergangen.

Wenn wir Provinzler nach Buenos Aires ziehen, zwingt uns unsere Vorstellung von Urbanität, im Zentrum zu wohnen. Schließlich haben wir Tausende Kilometer zurückgelegt, um in einer großen Stadt zu leben, wir mussten unsere Wurzeln zurücklassen und unsere regionale Identität. Das haben wir nicht getan, um uns weitab vom Herzschlag der Metropole niederzulassen. Erst Jahre später beginnen auch wir, von einem Häuschen im Vorort zu träumen. Und während wir uns an die Stadt gewöhnen, nehmen wir sogar einige Charakterzüge des porteño an, seinen Stolz und seinen Egoismus. Die feste Überzeugung, dass seine Stadt der Nabel der Welt sei. Und er selbst noch ein bisschen mehr als das.

Die Straße, die nie schläft

Das historische Zentrum von Buenos Aires liegt zwischen den Avenidas Belgrano und Santa Fé, zwischen der Plaza de Mayo und der Avenida Callao. Die meisten Porteños finden es abstoßend - weshalb sie es nur von Montag bis Freitag durchqueren. Für sie ist es das Territorium derer "aus dem Landesinneren" und der Ausländer - obwohl sie selbst in den vielen Buchhandlungen hier kaufen, die Theater und Kinos besuchen und - vor allem - die Restaurants dieser Gegend schätzen. Essen ist in Buenos Aires so wichtig wie Tango und Fußball.

Lustigerweise lebe ich heute an der Avenida Caseros, nur zwei Blöcke von dem Bahnhof entfernt, an dem ich einst ankam. Die Avenida Caseros ist eine lange Straße, der Bahnhof zerschneidet sie, aber auf der anderen Seite geht sie weiter, hinunter bis San Telmo, meinem Viertel. Es sind nur vier Blöcke vom Bahnhof bis zum Lezama-Park. Auf diesem Stück sind die Häuser niedrig und 100 Jahre oder älter, kleine Villen im spanischen oder französischen Stil. Jeden Montag laufe ich zum Markt an der Kreuzung Bolívar und Carlos Calvo. Ich tauche ein in die Farben von Obst und Gemüse, in die Menge der Nachbarn, die hier ihre Einkäufe fürs Mittagessen erledigen.

Unter einem großen Wellblechdach steht die Markthalle mit ihren voll gestopften Ständen. Zurück gehe ich über die Calle Peru, mache einen Stopp bei "Rara", einem modernen Bohème-Café mit riesigen Fenstern, durch die man die Leute auf der Straße beobachten kann; oder im "El Federal", einem der ältesten Cafés dieser Gegend, spezialisiert auf picadas, köstliche Häppchen, Schinken und Käse. San Telmo ist ein Viertel im Wandel. Als ich es kennen lernte, spielten hier Rock- und Punkbands in Spelunken und Garagenkneipen. Doch das Leben in den engen Straßen ohne Licht veränderte sich. Besetzte Häuser sind nach und nach Galerien, Bars und Boutiquen gewichen.

Im Zentrum hatte ich zeitweise eine Wohnung in der Calle Perón, in dem Block zwischen Paraná und Montevideo, eine Ecke voller Bars und Restaurants. In der Nähe liegt das Centro Cultural San Martín. Als ich neu in der Stadt war, habe ich mich oft dorthin geflüchtet, in den Kino- und Theatersälen das Chaos um mich herum verdrängt. Die Avenida Corrientes mit ihren alten Revuetheatern und neuen Musical-Bühnen nennen manche "die Straße, die nie schläft". Den Namen verdiente sie sich in einer Zeit, als das Nachtleben wilder war als heute. Inzwischen muss man wochentags schon zufrieden sein, wenn man um zwei Uhr morgens irgendwo noch eine Empanada oder etwas Mozzarella bekommt.

Großes Theater vor immer neuen Kulissen

In dieser Gegend liegen auch mehrere der berühmten Kaffeehäuser, leider nicht alle im ursprünglichen Stil. Die Wiege der Intellektuellen und Dichter war das "La Paz" - dort fanden die großen politischen Diskussionen der sechziger Jahre statt. Heute ist das "La Paz" jedem beliebigen Café gleichgemacht worden: Tische aus lackiertem Holz, Röhrenlicht. Überlebt aber haben das "El Gato Negro" und das "La Giralda" mit seinen alten Marmortischen und den betagten Kellnern, die ein perfektes Frühstück servieren. Café con leche mit medialunas, kleinen süßen oder salzigen Croissants.

Ich nehme heute meistens ein Taxi, um in meiner Stadt vorwärts zu kommen. Taxifahren ist in Buenos Aires viel billiger als in den meisten anderen Städten der Welt. Es gibt 39.000 schwarze und gelbe Taxis, die rund um die Uhr in der Stadt herumkurven. Von Corrientes aus fahre ich gerne über die Avenida Callao bis zur Plaza Francia. Je weiter man nach Norden kommt, desto hübscher die Parks, desto sauberer die Gehsteige; die Umrisse der Gebäude werden stilsicherer, ihre Eingänge immer edler. Der Reichtum, der einem ab der Avenida Santa Fé ins Auge sticht, steht im Kontrast zu den cartoneros, den Jugendlichen, die das Viertel auf der Suche nach Altpapier mit ihren schweren Handkarren durchpflügen, um etwas Geld zu machen.

Die Plaza Francia im Viertel Recoleta war einer der ersten Orte, die ich vor Jahren in Buenos Aires entdeckte. Am Wochenende ist hier ein riesiger Markt, Händler verkaufen Kunsthandwerk an ihren Ständen, und zwischendrin im Grünen sitzen Grüppchen im Kreis, sonnen sich und trinken Mate. Doch der bezauberndste Platz von Recoleta war für mich immer der Friedhof, auf dem man neben den Grabtempeln durch die Geschichte des Landes spazieren kann. Von den Generälen der Unabhängigkeitsbewegung bis zu Eva Perón - im Tod liegen die großen Persönlichkeiten Argentiniens Seite an Seite. Und als würden sie mit den Kontrasten spielen, fliegen die steinernen Engel und die marmornen Kreuze von den Tempeln in den blauen Himmel - mitten hinein in die Modernität des durch und durch bürgerlichen Viertels. Gegenüber dem Friedhof gibt es neuerdings eine Art Fußgängerzone mit "typischen Restaurants" und Touristendiscos. Diese Orte meiden wir Einheimischen wann immer wir können!

Besser ist es, in Richtung des Flusses zu fliehen, dem Buenos Aires den Rücken zukehrt, obwohl er einer der breitesten Flüsse der Welt ist. Man kann den Río de la Plata sehen, wenn man die nördliche Küstenstraße entlanggeht. Man kann ihn erobern, wenn man ein Boot mietet und die Stadt durch einen schmalen Kanal verlässt. Ungefähr eine Stunde dauert es, bis man von weit draußen das versteckte Gesicht der Metropole vor sich hat, mit ihrer Stirn aus Wolkenkratzern. Das helle, klare Licht von Buenos Aires lässt den "Silberfluss" funkeln, und er macht seinem Namen alle Ehre.

Die alten Hafengebäude an dem der Stadt zugewandten Ufer wurden erst kürzlich renoviert. Puerto Madero ist das jüngste Viertel der Stadt. Immer neue Häuser und Wohntürme wachsen hier in den Himmel. Der Quadratmeter ist so teuer wie in den großen Städten Europas. Ich gehe hier gern im Abendlicht spazieren. Am Ufer reiht sich ein Café ans nächste, der perfekte Platz, um der Sonne beim Untergehen zuzusehen und einen cortado zu trinken, einen köstlichen kleinen Espresso mit einem Schuss cremigen Milchschaums. Gut ist auch ein Fernet mit Cola, eine Art National-Aperitif, betörend bitter und süß.

Wer früher am Tag nach Puerto Madero kommt, sollte das ganze Viertel durchqueren, bis er, ein Stück weiter südlich, zu einem kleinen Naturschutzgebiet kommt. So nah am Zentrum, dass man es kaum glauben kann, liegt ein kleiner Urwald, der von sieben Kilometer Wegen durchzogen ist. Seltene Vögel zwitschern, und ganz im Süden, auf dem offenen, gewaltigen Fluss, sieht man die Schiffe vorbeiziehen, die vom Meer kommen. So wie vor 400 Jahren die alten Kähne, die die Einwanderer brachten. Die Neulinge, die von dieser Stadt, der "Königin am Río de la Plata", geblendet und verzaubert wurden. Genau wie ich, bei meiner ersten Reise.

Autor:
Cristian Alarcón