Argentinien Der melancholische Porteño

Als ich 1997 erstmals argentinischen Boden betrat, kannte ich das Land schon. Aus der Literatur. Niemand kann einem besser die Augen öffnen als die Schriftsteller, wenn es darum geht, Wesen und Geist eines Landes begreiflich zu machen. Das moderne Argentinien besitzt eine außergewöhnlich reiche Literatur. Bei der Lektüre fällt auf, wie lustvoll, wie raffiniert in zahlreichen Romanen, Erzählungen und Essays zwischen Realität und Fiktion gewechselt wird, mit welch philosophischer Gründlichkeit oder diebischem Vergnügen die Grenzen zwischen den beiden Territorien überschritten werden.

Das Wandeln zwischen diesen Sphären ist weitaus mehr ist als absichtsloses Spiel oder reine Erfindung. Es lässt sich auch beim Reisen kreuz und quer durchs Land immer wieder spüren. Die Natur hält Überraschungen bereit, die manchmal so spektakulär sind, dass sie den Reisenden die Welt vergessen lassen. Sie versetzen ihn in Tagträume, in denen die Realität und das Ersonnene tatsächlich miteinander verschmelzen. Das kann beim langen Hineinschauen in die stiebenden Wasserfälle von Iguazú im Norden genauso gut passieren wie angesichts des Gletschers Perito Moreno, der im Süden am Fuß der patagonischen Anden liegt. Da steht man vor weißblauen Eismassen und staunt beinahe ungläubig, wenn sich plötzlich mit furchtbarem Getöse ein hausgroßer Brocken löst und im Lago Argentino versinkt. Als hätte ihn die unsichtbare Hand eines Riesen abgerissen.

Von Salta aus können Reisende mit dem tren a las nubes, dem Zug in die Wolken, auf über 3500 Meter Höhe Richtung chilenische Grenze fahren. Dort oben wähnen sie sich den Wolken, dem Himmel zugehörig, entmaterialisiert. Das langsame Eintauchen in die Unendlichkeit der Pampa schließlich - am besten auf dem Pferderücken - lässt einen Zeit und Raum wie Schleusen empfinden, die sich öffnen und die man hinter sich lässt. Noch eine Grenzüberschreitung. Noch so ein Übergang vom Realen in die Imagination, wie er vielleicht nur in Argentinien zu erleben ist.

Der weiche Übergang zwischen Wahrheit und Fiktion manifestiert sich auch im populärsten Exportgut, im Tango. Wer in die Welt von Tanz und Musik eintritt, tauscht die Realität gegen etwas anderes ein. Hier gelten eigene Gesetze. Utopie und Illusion spielen die Hauptrollen, das Finstere und Grausame drängt sich in die Verse. Die Liebe besteht hauptsächlich aus Schmerz, Lüge und Verrat. Und der kunstvolle, glühende Tanz, die zwischen Bordell und Paradies oszillierende Poesie der Texte, die hinkende, stampfende Musik des Bandoneóns - das alles übt, auf Argentinier zumindest, einen unwiderstehlichen Sog aus. Tango als zweites, als anderes Leben, weit weg vom Alltag, aus dem er sich nährt.

Auf den Rest schauen sie mit Verachtung

Der Argentinier ist ein hoch kompliziertes und überaus widersprüchliches Wesen. Es ist nicht einfach, ihn zu charakterisieren. Er kam mit dem Schiff hierher. Allein in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm das Land rund eine Million Immigranten auf. Vor allem Kleinbauern aus Norditalien, ihnen folgten Spanier, Deutsche, Ukrainer, Armenier, Polen, Libanesen und viele andere. Ein Völkergemisch von kaum zu überbietender Farbigkeit. Die indianische Urbevölkerung war in mehreren blutigen Feldzügen dezimiert und an die Ränder des Landes zurückgedrängt worden. Die meisten Argentinier haben europäische Wurzeln und spielen diese Tatsache oft und gerne aus. Geht es um Fußball, um die Zubereitung von Gegrilltem beim asado, um den Anspruch an die englischen Malvinas-Inseln oder um den Peronismus, dann sind sie unerschütterliche Patrioten, argentinos - auf den Restkontinent aber schauen sie mit einer gelegentlich unverhohlenen Verachtung herab, was ihrer Beliebtheit in Lateinamerika nicht sonderlich zuträglich ist. Sie fühlen sich überlegen. Sie sind Weiße. Und stolz auf die europäische Herkunft.

Der ehemalige Bürgermeister von Buenos Aires und spätere glücklose Präsident des Landes, Fernando de la Rúa, hatte einen speziellen Berater für Immigrationsfragen: Roberto Rodriguez Vagaría. Vor hundert Jahren, erzählte mir dieser einmal, kamen in Buenos Aires auf einen Einheimischen fünf Neueingewanderte. "Angelockt vom Reichtum der Viehbarone, reisten sie übers Meer, junge Männer, vielleicht mit Frau, aber sonst ohne Familie. Das erklärt die Familiensehnsucht des Argentiniers. Nur die Familie zählt. Hier gelten die Gesetze der Ehre, Treue und Anständigkeit. Alles was außerhalb der Familie liegt, ist Feindesland, freie Wildbahn. Und dort ist alles erlaubt. Das wiederum ist der Grund, warum der Argentinier so wenig Gemeinschaftssinn besitzt und keinen Respekt vor dem Staat."

Im Großraum Buenos Aires lebt ein Drittel der Bevölkerung Argentiniens. Und besonders der porteño, der Bewohner der Hauptstadt, erklärte mir Vagaría weiter, hätte die Züge des Italieners, aber seine Struktur wäre spanisch. "Vom Italiener kommt das Elegante, Eloquente, die Improvisationsbegabung. Das eher Sture, das Traurige, Pathetische und Erdige in seinem Wesen, das kommt aus Spanien."

Für seinen Witz und für seine Schlagfertigkeit ist der Argentinier bekannt - aber auch für seinen Hochmut und seine Lust an der Übertreibung. Ein anti-argentinischer Witz, der jenseits der Landesgrenzen in Südamerika zirkuliert, lautet so: "Weißt du, was das beste Geschäft ist, das du machen kannst? - Kauf' einen Argentinier zum Preis, den er wert ist - und verkauf' ihn für die Summe, die er für angemessen hält."

Die Bibel Argentiniens

Groß wie das Land muss alles sein. Für den Gast beim asado werden 500 Gramm Fleisch gerechnet, Würste und Innereien extra. Der Whisky, den der Kellner serviert, ist so eingeschenkt, dass er einen sofort ins Stadium der Trunkenheit versetzt. Groß heißt aber auch großzügig und großherzig. Wie die Pampa kennt die Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit des Einheimischen, hat er einmal Vertrauen gefasst, keine Grenzen. Umso mehr können einen der gleiche Mann, die gleiche Frau verblüffen, wenn sie sich im öffentlichen Leben, in der Berufs- und Geschäftswelt durch einen gnadenlosen Pragmatismus auszeichnen, der vor nichts zurückschreckt und alles dem Prinzip Nutzen unterordnet.

Es war hauptsächlich Faustino Domingo Sarmiento, Präsident des Landes von 1868 bis 1874, der die Einwanderung forcierte. Sein philosophisch-politisches Vorbild war Frankreich, und er erträumte sich für das erst 1810 unabhängig gewordene und seither in Bürgerkriegen sich zerfleischende Vaterland eine europäische Zukunft. Sarmiento hat mit "Barbarei und Zivilisation - Das Leben des Facundo Quiroga" eine Art Bibel für Argentinien geschrieben. Ein Buch, auf das sich bis heute Intellektuelle und Politiker berufen, wenn es darum geht, ihr Land zu deuten. Tatsächlich zieht sich der Gegensatz - aber eben auch die Verbindung - zwischen Realität und Fiktion, zwischen Barbarei und Zivilisation, zwischen Stadt und Land, zwischen Demokratie und Diktatur wie ein roter Faden durch die junge Geschichte des Landes. Bis heute wird Argentinien regelmäßig von heftigen Eruptionen heimgesucht. Politische oder wirtschaftliche Katastrophen lassen das Volk leiden. Und weil fast jeder Argentinier das in seinem Leben mindestens einmal erfahren hat, gehört zu seiner komplexen Psyche auch ein fatalistischer Zug.

Mehr als anderthalb Jahrhunderte nach Sarmiento wird ein anderer Prä-sident, eine letztlich unfassbare, schillernde Figur, argentinische Geschichte schreiben. Und diese Geschichte prägt das Land, politisch gesehen, bis heute. Juan Domingo Perón (1895-1974) verkörperte in vielem das, was Argentinien und die Argentinier ausmacht. Nicht zuletzt deshalb werden er und seine zweite Frau Eva ("Evita") noch heute wie Heilige verehrt.

Gibt es das in einem anderen Land der Welt? Eine politische Bewegung - den nach dem Präsidenten benannten Peronismus -, die mehr als ein halbes Jahrhundert lang in regelmäßigen Abständen die ungeteilte Macht im Staat ausübt? Und sich dabei extrem wandelt? "Der Peronismus ist das Heterodoxeste, was es gibt: Alles hat in ihm Platz." So definierte Perón selber in seinen Memoiren sein Programm. Er war in erster Linie Soldat und Stratege, ordnete dem Machterhalt und der Staatsräson jederzeit Überzeugungen und Ideologien unter: Das war seine pragmatische Seite. In seinen besten Zeiten konnte er mit linksradikalen Guerilleros ebenso gut verhandeln wie mit rechtsextremen Pistoleros. Er vermochte mit betuchten Grundbesitzern genauso umzugehen wie mit kämpferischen Gewerkschaftern. Und er traf gegenüber den Heerscharen Nichtbeschäftigter ebenso den richtigen Ton wie gegenüber den Arbeitern und Angestellten.

Stoff genug für zwei oder drei Leben

Später, ab 1989, regierte der Neoliberalist Carlos Menem zehn Jahre lang das Land. Danach war Argentinien massiv verschuldet und stand am Rand des wirtschaftlichen Bankrotts. Aber selbstverständlich zählt auch er sich zur großen Familie der Peronisten. Als jüngste Amtsinhaber haben Cristina Fernández de Kirchner und auch schon ihr zuvor gewählter Mann Néstor Menems Politik auf den Kopf gestellt, mit einigem Erfolg.

Hält man sich vor Augen, was ein 1970 geborener Argentinier schon alles erlebt hat, bleibt nur Bewunderung - denn es ist Stoff genug für zwei oder drei Leben. Respekt muss man ihm zollen, dem agilen, mit allen Wassern gewaschenen und ebenso herzlichen wie durchtriebenen, großzügigen und großmäuligen porteño, wenn man ihn morgens in Buenos Aires bei einem cortadito antrifft, einem Tässchen Kaffee, verschnitten mit ein paar Tropfen Milch, einem Keks, einem Gläschen Orangensaft und einem Glas Wasser dazu.

Als Kind hat er die Hölle der Diktatur gekannt (1976-1983), er hat erlebt, wie Verwandte, Bekannte, Freunde über Nacht verschwanden und nie mehr zurückkehrten. Kaum waren die Falklandinseln verloren und die Demokratie wiedergewonnen, brach nach wilden wirtschaftlichen Experimenten Ende der achtziger Jahre die Hyperinflation aus - das Geld, das man am Morgen verdient hatte, war am Abend nichts mehr wert. Mit Menem folgte ein auf Treibsand gebauter und auf Pump beruhender Pseudoaufschwung - und schließlich die Krise, der drohende Bankrott. Im Jahr 2001 froren die Banken in Panik die Sparkonten ein, und als wieder Geld abgehoben werden konnte, war das Guthaben um zwei Drittel geschmolzen.

Wer in zweiter oder dritter Generation eine europäische Abstammung nachweisen konnte, stellte sich in den Schlangen vor den spanischen oder italienischen Konsulaten für ein Visum an, um auszureisen. Die anderen mussten auch diesen Schlag wegstecken, auf bessere Zeiten warten, irgendwie überleben oder in den vergangenen fünf Jahren eine Welle erwischen, die nach oben trug, Mut machte und neue Hoffnung schöpfen ließ.

Doch nun, will man den jüngsten Berichten glauben, droht schon wieder Ungemach, teils hausgemacht, teils durch die Globalisierung bedingt. Aber auch damit werden die Bewohner dieses endlosen und vielseitigen Landes fertig werden. Argentinien ist mit Krisen groß geworden.

Autor:
Christoph Kuhn