Türkei Leben in Antalya

Unter einem weißen Sonnensegel sitze ich mit ein paar Bekannten in einem Café auf dem Campus der Universität von Antalya. Auf dem kleinen Platz vor mir sprudelt ein Brunnen. Studentinnen mit kurzen Röcken und offenen, langen Haaren schlendern vorbei, oft mit Handy am Ohr. Weiter hinten flitzen junge Männer auf Motorrollern umher, aus einem Lautsprecher rockt Musik. Und wenn jetzt nicht von einer Moschee in der Nachbarschaft der Muezzin rufen würde - ich könnte mir kaum vorstellen, dass dieser Ort in demselben Land liegt, in dem meine Eltern aufgewachsen sind.

In dem Dorf am Schwarzen Meer, aus dem sie stammen, dürfen Frauen nur wenig Haut und kein Haar zeigen. Alkohol ist verboten, und wer nicht regelmäßig in die Moschee geht, über den wird schlecht geredet - genau wie über alle anderen, die sich nicht an die Regeln von Glauben und Tradition halten. Schon das Thema in unserer Runde wäre dort am Schwarzen Meer tabu: Sex vor der Ehe.

Die Meinungen dazu sind aber auch hier an unserem Café-Tisch sehr unterschiedlich: Mehtap - eine 24-Jährige mit langen schwarzen Haaren und lilafarbenem T-Shirt - lehnt so etwas strikt ab. Eine Frau müsse bis zu ihrer Ehe ihren "Stolz" bewahren, und damit meint sie: ihre Jungfräulichkeit. Esra dagegen - ebenfalls 24, blondierte Haare - hat gar kein Problem mit vorehelichem Sex. Ohne zu zögern erzählt sie sogar, dass sie nichts von Monogamie hält: "Wenn man offen polygam lebt, weiß man wenigstens, mit welchen anderen Frauen der Partner schläft!" Da bin selbst ich als Deutsch-Türkin, die in Berlin aufgewachsen ist, baff - und definitiv nicht einverstanden. Heftig streiten wir uns darüber. Und das ist irgendwie typisch für diese Stadt.

Es gibt immer nur Extreme: Schwarz und weiß, Promiskuität und Jungfräulichkeit - und trotzdem scheinen die Menschen hier gut miteinander auszukommen. Mehtap und Esra sind das beste Beispiel: Beide sind eng befreundet, studieren gemeinsam Hotelmanagement und teilen sich eine Wohnung in der Innenstadt. Für Studenten ist diese boomende Millionenstadt hochattraktiv.

Unbeschwerter als anderswo

Die Touristen, die seit gut zwei Jahrzehnten Jahr für Jahr zu Hunderttausenden hierher kommen, haben nicht nur Jobs geschaffen. Sondern auch ein neues Lebensgefühl mitgebracht, neue Vorstellungen von Freiheit und andere Lebensformen. Mittlerweile hat sich überall in der Türkei herumgesprochen, dass man hier offener und unbeschwerter lebt als anderswo - und so ziehen immer mehr vor allem junge Menschen in die Stadt, die in den sechziger Jahren noch ein kleiner Ort mit 40.000 Einwohnern war.

"Hier bin ich am Meer, habe gutes Wetter und offene Menschen um mich", meint Esra, eine der wenigen hier am Café-Tisch, die in Antalya aufgewachsen sind. "Nirgendwo sonst in der Türkei wäre ein solches Leben möglich. " - "Höchstens noch in Istanbul", schiebt Mehtap nach, dorthin will sie nach dem Studium ziehen. Mehtap kommt aus einer sehr konservativen Familie in Mula, gut 180 Kilometer von Antalya entfernt. Ihre Eltern leben streng nach den traditionellen Regeln und möchten ihre Tochter am liebsten mit einem frommen Mann verheiraten, den sie für sie aussuchen.

Als Mehtap nach Antalya ging, bestanden die Eltern deshalb darauf, dass sie in eines der staatlichen Mädchenheime zog. Pünktlich um 23 Uhr werden dort abends die Türen geschlossen, und wenn eine der Bewohnerinnen mit einem Jungen ausgeht, wird das den Eltern gemeldet. Trotzdem, sagt Mehtap, war das Mädchenheim für sie ein erster Schritt in Richtung Freiheit: Bei den Eltern musste sie in der Regel schon um 18 Uhr zu Hause sein.

Esra dagegen lebt schon lange von ihren Eltern getrennt. 14 Jahre war sie alt, als ihr Vater und ihre Mutter beschlossen, nach München überzusiedeln. Esra durfte wählen, ob sie mitkommen wollte oder nicht - und entschied sich schnell, bei Onkel und Tante in Antalya zu bleiben. Hier hatte sie alles, was sie brauchte: ihre Freunde, ihre Schule, die Sonne, den Strand - sie sah nicht ein, das alles aufzugeben für das Leben in einem kalten, fremden Land. Bereut hat sie ihren Entschluss nie, bis heute genießt sie ihre Freiheit, trägt, was sie will, geht raus, wann sie will, raucht und trinkt. Und die Religion? "Ich glaube an Gott", sagt sie nur und zieht genüsslich an ihrer Zigarette.

Unser Gespräch über die Sexpraktiken türkischer Männer wird um Punkt 21 Uhr unterbrochen: Wie fast jeden Tag treten in den Cafés rund um den Brunnen nun Studentenbands auf. Die Gäste tanzen auf Tischen und Stühlen, singen und kreischen - und siehe da: trinken unheimlich viel Bier. Da habe ich fast das Gefühl, in Berlin zu sein. Auch Esra, Mehtap und ich tanzen mit und beklatschen die Band, die von typisch türkischen Klassikern bis hin zu Lady Gaga so ziemlich alles spielt.

Dickes Auto und viel Geld

Am selben Abend, nur wesentlich später, lande ich im "Gogo Beach Club", der westlich der Innenstadt am Konyaalti-Strand liegt. In dem überfüllten Raum gibt mir bald Firat einen Drink aus. Er ist 25, trägt Anzug und scheint hier eine Menge Leute zu kennen. Immer wieder grüßt er neu eintreffende Gäste, später stellt er mich dem Barkeeper und dem Club-Besitzer vor. Firat stammt aus einem Dorf in Ostanatolien und ist Kurde, was hier aber anscheinend niemanden stört - Vorurteile gegen diese Volksgruppe sind an der Mittelmeerküste weniger stark als in anderen Gegenden der Türkei.

Sein Vater war noch einer von den Kurden, die grundlos gefoltert und jahrelang ins Gefängnis gesperrt wurden. Firat und seine Familie mussten bei einem Onkel unterkommen, lebten in Armut. Seine Mutter sparte, wo sie nur konnte, um ihren Sohn auf die Schule zu schicken. Kein Wunder, dass Firat vor allem eines wichtig ist: seine finanzielle Unabhängigkeit. Während wir hinausgehen in den Strandbereich des Clubs, wo eine Bar und ein DJ-Pult aufgebaut sind, erzählt er, dass er nicht nur Student ist, sondern auch Unternehmer: Firtina (übersetzt "Sturm") heißt die Waschmittelfirma, die er vor ein paar Jahren gegründet hat.

Die Geschäfte laufen gut, in und um Antalya gibt es so viele Hotels, dass er mit den Waschmittel-Lieferungen manchmal kaum nachkommt. Fast jedes Wochenende arbeitet er durch, fährt dafür aber einen großen, schwarzen BMW, und wenn er seine Drinks bezahlt, zieht er einen Geldclip mit einem dicken Bündel Scheine aus der Innentasche des Blazers. Als Nächstes steht für ihn an, das Geschäft auszuweiten. Mit mehreren Hotels in Alanya hat er gerade Verträge unterzeichnet, nun will er Richtung Side expandieren. "Da geht bestimmt noch einiges", sagt er und lacht. Antalya - das ist für ihn die Chance, das ganz große Geld zu machen.

Am nächsten Abend besuche ich die Clubs der Untergrundszene - eine ganz andere, weniger gestylte Welt, in die sich Leute wie Firat wohl nie verirren würden. Mein erster Anlaufpunkt: das "Kale Kap Café" in der Altstadt, direkt am Uhrturm. Dort lerne ich Hüsseyin kennen, 21 und schlank, über dem muskulösen Oberkörper trägt er ein weißes, eng anliegendes T-Shirt. Er überzeugt mich schnell, noch mit in "The Bar" zu kommen - einen Club ganz in der Nähe, in dem die Livemusik noch besser sein soll. Über eine enge Treppe kommt man in den Hauptraum. Der Boden ist klebrig, die Band verschwitzt, sie singen irgendeinen Rocksong, den ich nicht identifizieren kann. Es klingt auch eher nach Gekreische.

Hüsseyin schreit mir währenddessen ins Ohr, dass er selbst Schlagzeug spielt und manchmal hier in "The Bar" auftritt. Der Umzug nach Antalya war auch für ihn eine Befreiung. Vorher studierte er BWL in Kütahya, einer Stadt etwa 200 Kilometer südöstlich von Istanbul. Zwei Semester lang war er dort, bevor er bei einem Streit auf dem Unigelände angeschossen wurde. Man sieht noch die Narbe, knapp an der Halsschlagader vorbei. Warum das geschehen ist? Eine Auseinandersetzung mit einem Kommilitonen, mehr will er nicht erzählen. "In Antalya würde so etwas nie passieren", sagt er. "Die Menschen denken moderner als im Rest der Türkei, sind gelassener. Die Studenten kommen von weither und toben sich erst einmal aus. Hier kann man das Leben noch richtig genießen."

Pogo tanzen in Antalya

In "The Bar" beginne ich, zum ersten Mal zu "pogen" - eine Art von Tanz, die aus der Punkszene stammt und daraus besteht, dass man springt wie verrückt und dabei so wild wie möglich wird. Später am Abend sitze ich hinter Hüsseyin auf dem Moped, hinter mir noch ein anderes Mädchen. Zu dritt rasen wir über die Autobahn, ohne Helm und Hüsseyin sogar ohne Führerschein. Er drückt aufs Gaspedal. Meine Haare wehen mir ins Gesicht, eine milde Nacht, der Himmel ist voller Sterne. Das Mädchen setzen wir zu Hause ab und fahren weiter auf ein Open-Air-Konzert von Kiraç, einem populären türkischen Sänger. Selbst Frauen mit Kopftüchern schreien und winken in Richtung Bühne: Rockkonzert und Religion - auch das ist kein Widerspruch in Antalya.

Hüsseyin und ich sitzen lange auf dem Rasen vor der Bühne, später fahren wir durch einen geheimen Eingang aufs Unigelände, mitten in der Nacht und verbotenerweise, und essen dort eine unterwegs gekaufte Pizza. Er erzählt, dass er nach dem Studium auf jeden Fall hier bleiben will. Er möchte weiter in Bands spielen und einen guten Job finden - vielleicht bei einem der großen Hotels. Am liebsten aber würde er sich selbstständig machen. Auf eigenen Beinen stehen, mit einer eigenen Band. Sein größter Traum: es mal nach Amerika zu schaffen. Eine Art American Dream, oder besser: ein Antalya Dream.

An meinem letzten Abend gehe ich noch einmal an den Konyaalti-Strand. Dort lerne ich Zülal kennen, mit der ich mich an eines der vielen Lagerfeuer setze, an denen die Gypsy-Partys gefeiert werden - Spontanpartys, bei denen junge Leute am Strand im Kreis sitzen, ihre Instrumente spielen, singen und Spaß haben. Zülal ist 21, studiert Musik, sieht aus wie ein Hippie und will sich demnächst Dreadlocks machen lassen. Sie gehe oft zu solchen Partys, erzählt sie, und am Ende springe sie manchmal noch ins Meer. Eine Art Waschung, um die jüngsten Sünden loszuwerden, die vielen Drinks und Zigaretten. "Ich kann hier ganz nach dem Gefühl leben", sagt sie. "Manchmal will ich lauthals schreien, manchmal einfach nur in Gedanken am Strand sitzen - so wie es mir gerade gefällt. Das ist tausendmal besser, als nach den Regeln zu leben."

Zülal war schon einmal in Deutschland, um einen Musikworkshop zu besuchen. Sie liebt das Reisen, möchte noch viele Länder sehen. Was sie nach dem Studium machen will, weiß sie noch nicht, vielleicht etwas in Richtung Filmmusik. Festlegen will sie sich nicht. "Immer wieder Neues sehen, Neues erleben, das gibt mir den Kick!" Nach der Party bleiben wir völlig blau am Strand liegen, wachen erst auf, als die ersten Sonnenstrahlen auf dem Meer glitzern. Ich muss ins Hotel, Koffer packen, am Nachmittag geht mein Flug zurück nach Deutschland.

Antalya, so denke ich später auf dem Weg zum Flughafen, ist in diesem Land wie eine Insel, die dreißig Jahre nach vorn gebeamt wurde. Zwar verändert sich überall in der Türkei das Leben zurzeit sehr stark. Doch an kaum einem Ort sind die Menschen so neugierig auf den Fortschritt wie hier. Kaum eine türkische Stadt vibriert so sehr vor Lebendigkeit, ist so aufregend jung wie Antalya. Hier hat die Zukunft schon begonnen.

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Autor:
Melda Akbas