Türkei Antalya - Kleinstadt für Millionen

Die Fußgängerzone gegenüber vom Uhrturm ist mit hüfthohen roten Säulen abgesperrt, zwischen denen kein Auto hindurchpasst. Dann kommt ein Lieferwagen und fährt sie einfach um. Die Säulen geben nach, denn sie sind biegsam und zum Umfahren gebaut. Aber es gibt an anderer Stelle auch schwarze Säulen, die sind ernst gemeint und aus Eisen.

So ist das in Antalya, man muss immer genau hinschauen. An einem Januartag, an dem die Sonne vom wolkenlosen Himmel brennt und eiskalte Luft von den Bergen im Norden herabweht, gehen die Menschen in dunkler Kleidung und gemessenen Schrittes auf ihrem Boulevard spazieren. Kein Lärmen, kein Hasten umgibt sie, scheinbar keine mediterrane Heiterkeit und auch keine orientalische Hektik in dieser stillen Stadt voller ernster Menschen.

Antalya lebt von Tourismus und Landwirtschaft, zwei recht geräuschlose Branchen. Hier gibt es keine Industriegebiete, keine Versicherungswolkenkratzer, sie haben hier auch keine Residenz, kein Serail, keinen Paradeplatz und nicht einmal einen Bahnhof. Das belebte Zentrum der Stadt ist winzig. Der Boulevard mit Wasserspielen und Skulpturen, die spielende Kinder darstellen, ist gerade mal 200 Meter lang. Antalya ist eine Kleinstadt - mit einer Million Einwohnern.

Lärm kommt nur aus den Läden, türkische Popmusik fördert den Verkauf von Schuhen, Schmuck und Handtaschen. Wenige Schritte von den großvolumigen Lautsprechern entfernt hört man keinen Gesang mehr, nur die Bässe wummern über die Häuser. Jenseits des Uhrturms, in der Altstadt Kaleiçi, lässt der Krach nach, dort sind die Straßen so eng, dass die Verkäufer von Mitbringseln sonst ihre eigenen Worte nicht mehr hören könnten.

Vorsicht vor den Hinterzimmern!

In Kaleiçi legt erst abends die Musik los. Die Lautsprecherboxen sind überall von bester Qualität, nur die auf den Minaretten haben den Klang von ausgedienten Telefonen. Man fragt sich, wieso ausgerechnet der täglich fünfmalige Gebetsruf des Muezzins klingen muss wie eine Bahnhofsansage. Aber womöglich steckt dahinter ein Grund, der sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Denn auch der Akkordeonspieler, der zwischen den Wehrtürmen aus seldschukischer Zeit ein Lied nach dem anderen zum Besten gibt, verzichtet ja auf tiefe Töne. Er spielt virtuos und singt aus voller Kehle, nur die Bässe bleiben auf einem Ton, und erst wenn man genau hinschaut, erkennt man den Grund: Ihm fehlt der linke Arm. Er ist einer der Menschen, die ihr Geld auf der Straße verdienen.

Der Tourismus-Boom hat viele Menschen angezogen, und einige sind auf der Strecke geblieben. Ciran ist so einer. Er hat 14 Jahre in einem Reisebüro in Deutschland gearbeitet, dann in Antalya, dann kam eine Übernahme, auf einmal war er nur noch freier Mitarbeiter. Heute steht er auf dem Platz am Uhrturm und bietet auf eigene Faust Führungen an. Wahrscheinlich ist er einer der besten, er weiß sogar seldschukisches von römischem Mauerwerk zu unterscheiden, und sei es noch so zerbröselt. Sie erkennen ihn an dem MERIAN-Heft, das er immer bei sich hat.

Menschen aus der ganzen großen Türkei suchen hier ihr Glück, und auch viele, die in den vergangenen zwanzig Jahren aus den Weiten Asiens an die Südküste gekommen sind, es müssen Millionen sein. Die Türksprachen ähneln sich sehr, ein Turkmene kann sich in Antalya etwa so gut verständlich machen wie ein Deutscher in Holland. Vor allem im Sommer geben die Zugereisten der Stadt dann ein leicht zentralasiatisches Gepräge. Und dies in einer Stadt, die, seit es sie gibt, vielen Völkern Heimat war: Lykiern, Griechen und Römern, später Seldschuken und Türken, heute Deutschen, Russen und Briten. Pamphylien hieß dieser Landstrich in der Antike, Pamfilya heißt er jetzt, und das bedeutet damals wie heute Multikulti.

Es bedeutet auch harte Konkurrenz unter denjenigen, die hier ein Auskommen suchen, und für Sie bedeutet das: Man wird versuchen, Sie übers Ohr zu hauen, Ihnen Sachen für teuer Geld anzudrehen, die in China keiner mehr haben will. Man wird Ihnen erzählen, die Preise seien nicht in Lira, sondern in Euro. Man wird im Hinterzimmer Ihre Scheckkarte kopieren wollen. Man wird Sie auf der Straße ansprechen, und wenn Sie nicht reagieren, Ihnen "Eine Frage…" nachrufen, Sie werden sich höflich umdrehen, und dann siehe oben. Sie sollten deshalb nicht böse sein, den meisten, die so handeln, bleibt gar nichts anderes übrig, wollen sie wenigstens einen winzigen Anteil vom Wohlstand.

Dies Markten und Feilschen ist einer der wenigen Hinweise auf den Orient. Sonst ist davon fast nichts zu sehen. Antalya besteht zu neunzig Prozent aus Neubauten, und die unterscheiden sich kaum von ähnlichen in Italien oder Spanien. Mediterraner Wohnungsbau, sechs- bis achtstöckig, mit vielen Balkons, im Grundriss ungefähr quadratisch. Aber gerade hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Was aus der Ferne wie ein eintöniger Brei aussieht, erweist sich im Einzelnen als überraschend sehenswert.

Man muss genau hinschauen in dieser Stadt

Wohl kaum eine Stadt am Mittelmeer ist derart schnell gewachsen wie Antalya, um 1960 hatte sie noch 40.000 Einwohner. Die Straßen, die vom Kern wegführen, sind also alle fast gleich alt und von fast identischen Proportionen - nie sind die Häuser höher als die Breite der Straße. Das ergibt sehr reizvolle Sichtachsen, und spazieren kann man hier auch mit Genuss, denn diese Magistralen sind belebt, in fast jedem Erdgeschoss finden sich mehrere Geschäfte. Und sie sind begrünt, meist mit kleinen Orangenbäumen.

Am gelungensten ist die Architektur in der Straße des 30.August. Sie führt vom Rande der Altstadt abfallend nach Südosten, der Autoverkehr ist nur einspurig, ab und an fährt eine Straßenbahn. Von den breiten Bürgersteigen kann man über wenige Stufen in die Untergeschosse der Häuser gelangen, in denen zum großen Teil Cafés und kleine Restaurants warten. Entlang dem Weg stehen Skulpturen, die musizierende Menschen zeigen, sie spielen alle möglichen Instrumente, von der folkloristischen Saz über die klassische Violine bis zum elektrischen Bass.

Am Ende der Straße glitzert das Meer, und der Blick geht über die weit geschwungene Bucht bis zu den schneebedeckten Bergen. Vor hier kann man durch Parks die Küste entlangspazieren. Durch den Karaaliolu- Park führt ein zweispuriger Weg vorbei an vielen Bänken, die auf den Sonnenuntergang gerichtet sind, und unter Palmen entlang, in denen große grüne Sittiche herumblödeln. Er verbindet drei kreisrunde Terrassen, jede mit einem Denkmal, das bedeutungsschwer die schwierige Selbstfindung des türkischen Volkes beschwört.

Durch solche Parks, nur unterbrochen durch die Altstadt Kaleiçi, kann man bis zum Konyaalti-Strand im Westen wandern, linkerhand die Bucht, rechterhand die Konyaalti Caddesi. Man passiert die Militärstation, ein großes Gelände mit eigenem Park, gesichert von Soldaten mit Maschinenpistolen, die sich hinter Sandsäcken verschanzen. Man passiert auch das winzige Holzhäuschen der Polizei und ahnt, wer im Ernstfall die Macht im Lande hat.

Am Ende der Prachtstraße bietet das Archäologische Museum eine der wohl gelungensten Präsentationen antiker Skulpturen, die vor allem durch ein raffiniertes Lichtkonzept wirkt. Auch hier muss man zweimal hinschauen, etwa in den Museumsgarten. Er kostet keinen Eintritt, befindet sich in einem herrlichen Zustand gepflegter Verwilderung und steht voller unerklärter Relikte, Bruchstücke von Säulen, Statuen und Sarkophagen, zwischen denen Hühner umherlaufen. Das Federvieh in der großen Stadt scheint selbst wie aus alter Zeit, als das hier noch Bauernland war, aber das ist auch erst ein paar Jahre her, manch alte Henne wird sich vielleicht noch erinnern. Wer das einmal bemerkt hat, dem zeigt sich das bukolische Pamphylien immer wieder in winzigen Reminiszenzen:

Im Atatürk-Park laufen Enten umher, nicht die gemeine Stockente, sondern fettes, weißes Schlachtvieh. Und am Rande des Parks, direkt an der Konyaalt-Ausfallstraße, ist ein Kräutergarten angelegt, mit Hinweisschildern, die Salbei, Rosmarin und Borretsch mehrsprachig auszeichnen. Das sieht hübsch aus, ist lehrreich und lässt sich prima in Füllungen verarbeiten. Tomaten, Auberginen - alle Gemüse, die das mit sich machen lassen, werden in der Türkei gern lecker ausgestopft, auch die gefüllte grüne Paprika ist ein türkisches Erfolgsmodell - genau wie der biegsame Begrenzungspfeiler. Übrigens gibt es in Antalya auch Poller, die sind zwar rot, aber unnachgiebig. Man muss genau hinschauen in dieser Stadt.

Autor:
Roland Benn