Türkei Altstadt zu verkaufen

Sauerkirschrot, sie haben es sauerkirschrot gestrichen. Hüseyin Çimrin, der Gefühle selten zeigt, verzieht das Gesicht und rührt so bestimmt mit dem Löffel im Teeglas, als könne er damit die Zeit zurückdrehen. Ins Jahr 1924 vielleicht. Als seine Mutter 13 war und zum ersten Mal ihr neues Haus betrat. Weiß war es damals, wie alle Häuser in Antalya, ihrer neuen Heimat. Eine Heimat, die sie unfreiwillig bezog und die ihr Sohn später freiwillig gegen keine andere eintauschen will. Jetzt ist der Sohn 65 Jahre alt, sitzt in dem Teegarten, in dem er fast täglich die letzten Stunden vor Sonnenuntergang verbringt, und beklagt den Farbwechsel an der Fassade, als hätte Kaleiçi, die historische Altstadt von Antalya, damit endgültig ihre Unschuld verloren.

Menschen mit griechischen Wurzeln hatten zuvor in dem Haus gewohnt, erzählt er. Sie mussten Antalya schon 1922 verlassen, so wie umgekehrt Çimrins Mutter zwei Jahre später Thessaloniki. Mindestens eine Million Griechen und fast 500.000 Türken wurden Opfer dieser Vertreibungen, die die Regierungen beider Länder in Gang gesetzt hatten, um ihre Idee vom Nationalstaat durchzusetzen. Es fällt nicht schwer, sich das Antalya vorzustellen, in das damals Çimrins Mutter mit etwa 2000 weiteren Flüchtlingen kam.

Der Teegarten, in dem der Sohn jetzt sitzt, existierte zu dieser Zeit bereits. Ebenso der Uhrturm in seinem Rücken, der Saat Kulesi. Auch kam der Tee sicher schon in den zwanziger Jahren in diesen kleinen tulpenförmigen Gläsern auf den Tisch, schlichen schnurrende Katzen um die Beine der Gäste. Gegen Abend war es sicher auch damals am schönsten: wenn die Sonne kurz vor dem Untergehen den Uhrturm vergoldet und der Jasmin seinen Duft verschwenderisch in die Abendluft presst. Nur seinen Namen hat der Teegarten gewechselt und heißt heute nach dem Künstlerverein Ansan, der hier einen Ausstellungspavillon betreibt.

1992 zog der Verein ein. Hüseyin Çimrin hat die Jahreszahl so parat wie seinen Geburtstag. Er hat Antalyas Geschichte sein Leben gewidmet. Mehrere dicke Bücher hat er über die Stadt und ihre Historie verfasst, für die Zeitung Sabah schreibt er wöchentlich eine Kolumne. Çimrin ist der Chronist von Antalya, und er beantwortet jede Frage. Wann wurde die Stadt gegründet? 158 v. Chr, von Attalos II., König von Pergamon. Wann kamen die Römer? 133 v. Chr. Und die Osmanen? 1387. Çimrin weiß, wann in der Altstadt mit dem Bau der Wasserleitungen begonnen wurde: 1956. Und auch, wann es zum letzten Mal in der Stadt richtig geschneit hat: 1993.

Schlüsselfertig und ohne Scherereien

Antalya hat viele Blütezeiten erlebt, etwa in der Antike, als führende Hafenstadt in der fruchtbaren Ebene von Pamphylien. Aber wenn Hüseyin Çimrin die Geschichte der Stadt und besonders die von Kaleiçi erzählt, handelt sie vor allem vom Verlust. Hüzün, jene vom Schriftsteller Orhan Pamuk beschriebene Empfindung der Melancholie, ist offensichtlich nicht nur am Bosporus heimisch, sondern auch hier, mitten in der Touristenmetropole Antalya. Man kann diesem Gefühl an den verschiedensten Orten nachspüren: Hinter den verrammelten Türen und blinden Fenstern verfallener Häuser ist viel Platz für hüzün, in verwilderten Gärten kann es wuchern, sich in den Ecken verwinkelter Gassen dauerhaft einnisten.

Im Restaurant "Sirri" in der Uzunçar Sokak hat es gleich ein ganzes Haus besetzt. Zwischen 1880 und 1885 wurde es gebaut, so steht es im Eingang auf einer Tafel handgeschrieben - und seitdem kaum renoviert. Schwarzweiße Familienfotos hängen an den Wänden, Gäste können ungeniert die heute unbewohnten Privaträume im Obergeschoss betrachten. Sie erleben ein typisches osmanisches Haus - weit authentischer als das komplett sanierte und mit lebensgroßen Puppen ausstaffierte Kaleiçi-Museum in der Nähe.

Oben ein Salon mit Diwanen unter den Erkerfenstern, aus denen die Frauen des Hauses gern auf die Straße hinunterlugten. Auf halber Treppe die Vorratskammern, in denen die Speisen in Säcken von der Decke hingen. Dann der Eingangsbereich, der mit einem Mosaik aus Kieselsteinen gepflastert ist - eine archaische Vorform der Klimaanlage: An heißen Tagen goss man hier Wasser aus, das sich zwischen den Steinen sammelte, langsam verdunstete und so ein wenig kühle Luft ins Haus brachte. An der Rückseite ein Innenhof mit offenem Wandelgang, gestützt von Pfeilern aus Zedernholz, das aus dem Taurusgebirge stammt. Das "Sirri"-Restaurant ist eines der letzten osmanischen Häuser, die ursprünglich geblieben sind.

In den siebziger Jahren, als die etwa hundertjährigen Bauten langsam zu verfallen begannen und es außerdem in den Gassen immer leerer wurde, weil die jungen Leute fortzogen, fasste man einen Plan: Kaleiçi, bis dahin reines Wohngebiet, sollte touristisch werden, ein Ausgehviertel samt Hotels und Restaurants in alten, aufgehübschten Gebäuden. Eine Häuserzeile in der Mermerli Sokak wurde verstaatlicht und aufwendig saniert. Den alten Hafen, den der König von Pergamon einst angelegt hatte, ließ man zum Jachthafen umbauen. Zahlreiche Investoren wurden von der Aufbruchstimmung angelockt. Und nicht wenige enttäuscht.

Wer heute durch Kaleiçi läuft, der sieht bei vielen renovierten Häusern ein gelbes Schild im Fenster stehen: "Satlk", "zu verkaufen". Rund zwei Drittel aller Altstadthäuser stehen entweder zum Verkauf oder kurz vor dem Verfall, schätzt Cherma Vanpoucke, eine aus Belgien stammende Maklerin, die sich seit ihrer Hochzeit mit einem Türken Emine Ülgen nennt. Sie hat eine in ihrer Branche eher seltene, vielleicht sogar merkwürdige Eigenart: Die 55-Jährige ist nicht unbedingt daran interessiert, ihre Objekte zu verkaufen. Im Gegenteil: Sie redet sie ihren Kunden auch schon mal vehement aus.

Emine Ülgen macht erst mal Kaffee und verschwindet im Nebenraum, zu dem eine niedrige Tür führt. Als sie ins Büro zurückkommt und sich wieder ducken muss, schwappt etwas Kaffee über den Tassenrand, was sie ärgert und ihr das Stichwort liefert: "Denkmalschutz… selbst diese Tür steht unter Denkmalschutz! Nichts darf man verändern." Zumindest nichts, was an die Substanz geht. Wer also ein Haus in der Altstadt erwerben will, erklärt sie, muss Kompromisse machen, hohe Kosten für die Instandhaltung einplanen und reichlich Nerven haben. "Der Käufer muss das Alte wirklich sehr lieben", sagt Ülgen, "sonst wird er unglücklich." Und sie möchte keinen unglücklichen Kunden. Lieber macht sie ihm von vornherein klar, dass er für das gleiche Geld - so um die 500.000 Euro - am nahen Konyaalti-Strand ein Apartment bekommen kann, mit Meerblick, hauseigenem Fitnessstudio und Swimmingpool, komplett schlüsselfertig und ohne Scherereien.

Ein bisschen Feilschen um Gefälschtes

"Na, wäre das nichts?", fragt sie und blinzelt durch den Rauch ihrer Zigarette. Und da ist es dann doch: das Maklerinnenhafte, das Verkaufsfreudige - was nur zu gut hierher passt, ins Basarviertel, wo Ülgens Büro liegt. Will einem hier doch jeder etwas verkaufen: bestickte Kissen, hochpoliertes Teegeschirr, zu Pyramiden aufgeschüttete Gewürze und - natürlich - Shirts und Turnschuhe mit den Labels internationaler Luxusmarken. "Billiger als Wasser". "Besser als das Original". Kein Spruch, der nicht überstrapaziert, keine Sprache, die nicht am Passanten probiert wird: "Bonjour" - "Hello" - "Strastwuitje". Touristen, die nichts kaufen wollen, flüchten in die Seitenstraßen. Die anderen lassen sich bereitwillig ein: auf ein bisschen Plaudern, ein bisschen Tee aus Tulpengläsern, ein bisschen Feilschen um Gefälschtes.

Bis hinunter zum Hafen geht das so, dann werden die Geschäfte weniger, das Geschrei jedoch hält an. Die Verkäufer offerieren jetzt Tickets statt Tinnef: für Bootsausflüge die Küste entlang, etwa zum Düden-Wasserfall. Wer es ruhiger und schöner haben will, läuft weit hinaus auf die Mole. Von dort genießt man einen wunderbaren Blick über das türkisblaue Wasser bis zu den Zweitausendern des Taurusgebirges. Eine Idylle, die nur der Ausflugsdampfer stört, dessen laute Discobeats von Bord schallen und von der alten Stadtmauer oberhalb der steil ansteigenden Küste widerhallen. Dort oben in der Altstadt, an der Bar des "Tuvana"-Hotels, legt Özgür Tankut eine CD ein. Lounge-Musik aus New York klingt leise von der Bar herüber zu den Tischen draußen am Pool, auf denen Auberginen-Soufflé und andere von der osmanischen Küche inspirierte Spezialitäten serviert werden.

Das "Tuvana" ist in einem Komplex aus mehreren Häusern aus dem 18. Jahrhundert untergebracht. Damals residierte hier Abdi Efendi, ein mächtiger Offizier des Osmanischen Reiches. Tankut, der Besitzer des Hotels, ist sein direkter Nachkomme. 26 Jahre ist er alt, hat eine Eliteuniversität absolviert - und ist ganz der Mann, den eine Tochter einerseits bedenkenlos ihren Eltern vorstellen kann, und mit dem sie sich andererseits garantiert nie langweilt. Er nimmt auf einem osmanischen Stuhl Platz und erklärt seinen Anspruch. Dass er großen Wert lege auf die harmonische Mischung von Altem und Modernem und vor allem: auf Respekt vor der Geschichte. Mit Möbeln im Rokoko-Stil, Goldstuck und edlen, dunklen Holzdecken will er an das luxuriöse Leben erinnern, das sein Vorfahre hier pflegte - im Kontrast dazu die unverputzten, rustikalen Steinwände. Dass das Konzept aufgeht, beweist allein die Liste der Auszeichnungen, die das "Tuvana" über die Jahre erhielt und die er stolz aufzählt. Das Hotel ist einer der wenigen Orte in Kaleiçi, an denen die Zeichen auf Aufbruch stehen. Ausgerechnet das Haus mit der wohl reichsten Geschichte hat auch die besten Aussichten für die Zukunft.

Für hüzün ist da wenig Platz. Eher für ümit - für Hoffnung. Hüseyin Çimrin, der Stadtchronist, geht mehrmals in der Woche am "Tuvana" vorbei. Es liegt auf seinem Weg vom Teegarten zu der kleinen Kneipe, die er mit zwei Freunden besucht. Er wirft einen kurzen Blick durch die Tür zum Restaurant des Hotels und geht weiter die Gassen entlang. Vorbei an Touristenlokalen, an durchgestylten Bars und einladenden Pensionen. Vorbei an Menschen, die ihn grüßen, weil sie sein Gesicht aus der Zeitung kennen oder von den Buchdeckeln seiner dicken Wälzer. Sie schätzen ihn für das, was er tut: die Erinnerung bewahren, das Alte festhalten, in Wort und Bild, schnell, bevor es gänzlich schwindet.

Da, wo die Beleuchtung spärlicher wird und sich auf das Wesentliche konzentriert wie auf diesen kleinen Platz mit der Kneipe, lassen sich die drei Herren nieder. Das einstige Haus von Çimrins Mutter, das die neuen Besitzer nun also sauerkirschrot gestrichen haben, steht nur wenige Schritte entfernt. Im Dunkeln ist die Farbe kaum auszumachen. Çimrin setzt sich mit dem Rücken zu der Fassade hin - und zwinkert in die Runde.

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Autor:
Cornelia Tomerius