Amsterdam Wohnen auf dem Hausboot

Wer es nicht weiß, merkt nichts. "Gucken Sie mal aus dem Fenster", sagt Inge Valk, als sie mit frischem Kaffee aus der Küche in ihr Keramikatelier kommt. Mit dem Ellbogen schiebt sie ein paar halbfertige Vasen zur Seite und stellt die Kaffeebecher ab. "Sehen Sie es jetzt?" In der Tat. Der Blick aus dem Fenster bestätigt: Inges Haus hat Schieflage.

"Ein kleines bisschen nur, die rechte Ecke liegt etwas höher als die linke", sagt die sportliche blonde Frau lachend. Und das trotz des schweren Brennofens, der dort steht. Auch sämtliche Tonvorräte hat Inge inzwischen in die rechte Ecke geschleppt – ohne Effekt. "Ach, das stört uns nicht", winkt die Keramikdesignerin ab: "Das gehört dazu, wenn man auf dem Wasser wohnt!"

Inge Valk und ihr Mann Ruud sind Pioniere des Aquawohnens: Seit Sommer 2010 leben sie in einem schwimmenden Haus auf dem IJ. Waterbuurt, "Wasserviertel" heißt ihr Quartier auf Steigereiland, einer der sieben künstlichen Inseln, die zusammen den neuen Stadtteil IJburg bilden. Steigereiland ist freigegeben für architektonische Experimente zu Lande und zu Wasser. Das Wasserviertel besteht aus ein paar Dutzend Häusern, Eigentumsvillen ebenso wie dreigeschossigen Mietshäusern, die wie in einer Marina an Stegen liegen. Von dort führt eine Laufbrücke zum Haus der Valks mit Küche, Ess- und Arbeitszimmer. In der oberen Etage liegen Wohnzimmer und Dachterrasse und ganz unten, anderthalb Meter unter dem Wasserspiegel, Bad und Schlafzimmer. Durchs Fenster grüßt manchmal der badende Nachbar. "Auch mein Mann springt jeden Morgen ins Wasser, bevor er zur Arbeit geht", erzählt Inge. Meist aber grüßen Schwan und Blesshuhn.

Das Blesshuhn: Vorbild für eine neue Bauweise

Letzteres ist Vorbild der neuen Lebensweise. Der Wasservogel befestigt sein Nest an Schilfrohren, an denen es mit dem Wasserstand aufsteigen und absinken kann. Die schwimmenden Häuser sind auf gleiche Weise mit Ringen an Pfählen verankert. Ihre Fundamente bestehen aus angeblich unsinkbaren Betonwannen, die sich dem Wasserspiegel anpassen, das Haus bewegt sich nach oben oder unten wie das Nest. Was aussieht wie eine originelle Weiterentwicklung des Amsterdamer Hausboots, ist der Beitrag der Niederländer zur Klimadebatte. Sie beteiligen sich nicht an der Diskussion, wer daran schuld sei, sie handeln lieber. Denn Klimaforscher befürchten, steigende Wasserspiegel der Nordsee und heftige Regenfälle könnten die Niederlande unter Wasser setzen. Schon jetzt liegen rund 20 Prozent ihrer Landmasse unter dem Niveau des Meeresspiegels. Um die Ehre, als Tiefpunkt der Niederlande zu gelten, streiten sich verschiedene Orte, er liegt auf jeden Fall in der Nähe von sieben Metern unter Normalnull. Als Referenz gilt der Amsterdamer Normalpegel, kurz NAP genannt: ein schlichter Bronzeknopf beim Rathaus, der das Meeresspiegelniveau von 1683 angibt.

Manchmal wird jedoch nach dem aktuellen Grundwasserspiegel gemessen. Aber auch ohne Rekorde ist die Lage nicht ungefährlich: Auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol würden bei Überflutung die Nordseewellen über den Köpfen der Passagiere zusammenschlagen – er liegt fast dreieinhalb Meter unter NAP.

Dass dieses Schicksal den Fluggästen und fast 17 Millionen Niederländern erspart bleibt, liegt an den Deltawerken, einer Kette aus Deichen, Dämmen und Flutwehren, mit denen die Niederländer vor 50 Jahren die Nordseeküste abgeriegelt haben. Vor einer "Flut von hinten" aus Rhein und Maas schützt eine Kette aus Flussdeichen bei Arnheim. Zusätzlich ist in den Poldern ein Heer an Pumpen im Einsatz und leistet, was jahrhundertelang die Windmühlen erledigten: Wasser abführen.

Wasseranstieg in den Niederlanden: Deichbauten sind keine Lösung mehr

Alle Deiche und Dämme müssen ständig verstärkt und erhöht werden, denn der Meeresspiegel steigt: Die Experten der "Deltakommission" der Haager Regierung prophezeien bis 2100 einen Anstieg von 65 bis 130 Zentimetern. Ein umstrittener Wert, fest steht aber: Wenn das Wasser steigt, sind als Erste in Europa die Niederlande nass. "Immer höhere und breitere Deichbauten lösen unser Problem nicht", betont Klimaforscher Pavel Kabat von der Universität Wageningen. "Wir müssen neue Wege gehen."

"Leven met water", lautet die neue Parole: mit dem Wasser leben. Überall wird dem ehemals erklärten Feind wieder mehr Platz eingeräumt: durch das Aufgraben einst zugeschütteter Grachten und durch neue Auffangbecken oder Flussnebenarme, Polder sollen im Notfall geflutet werden. Siedlungsraum ginge dabei freilich verloren, und die Niederlande gehören sowieso schon zu den dichtestbevölkerten Ländern der Welt. Doch geflutete Polder und künstliche Wasserbecken dienen nicht nur dem kontrollierten Abführen überschüssiger Wassermassen – sie lassen sich auch als Siedlungsfläche nutzen. Viele Kommunen haben sich bereits mit Architekten, Ingenieuren, Wohnungsbaugesellschaften und Behörden in der Stiftung "Leven met water" zusammengeschlossen, um neue Projekte zu entwickeln. So plant die Stadt Almere einen schwimmenden Stadtteil mit waterwoningen und Geschäften, Rotterdam ein schwimmendes Viertel in einem alten Hafengebiet. Dort tanzt bereits ein Veranstaltungszentrum auf den Wellen. Und "De Citadel" wird auf einer Plattform in einem Polder bei Den Haag der erste schwimmende Apartmentkomplex Europas mit 60 Luxuswohnungen sein.

Statt Fahrrad parkt oft ein Segelboot vor der Haustür
Gerald Hänel
Statt Fahrrad parkt oft ein Segelboot vor der Haustür
Das Projekt entwarf Koen Olthuis. Sein Waterstudio.NL ist das erste niederländische Architekturbüro, das sich ganz auf die neue Lebensart konzentriert. Olthuis macht das Fundament der waterwoningen, die unsinkbare Wanne, zu einer Plattform, auf der gleich mehrere Wohnungen Platz finden und mit ihnen Garagen, Gärten und Terrassen. "Aus diesen Plattformen besteht die Stadt der Zukunft", prophezeit der visionäre Architekt. Das Wasserviertel von Steigereiland ist das größte bislang realisierte waterwoningen-Projekt. "Wir haben den Weg frei gemacht", sagt Olthuis’ Kollege Floris Hund. Wobei die größten Hürden weniger bautechnischer als juristischer und finanzieller Art waren: Banken und Versicherungen gaben sich sehr reserviert, denn streng genommen sind die waterwoningen keine Immobilien. Auch die Energielieferanten mussten erst überzeugt werden: Gas, Strom und Wasser werden über Leitungen, die in die Stege eingearbeitet sind, an die Häuser gebracht. Auch das Abwasser wird so an Land zurückgepumpt. Die Versorger wollten davon anfangs  nicht viel wissen: "Unsere Dienste hören da auf, wo das Land aufhört!" Die Wasserwerke gaben erst nach, als für die Stege ein System zur Erwärmung und Kühlung der Rohre entwickelt worden war, damit diese im Sommer nicht zu warm werden und im Winter nicht einfrieren.

Dreistöckige Hausboote: Das hat es noch nie gegeben

Beim Bauen der Aquahäuser war deren Höhe die größte Herausforderung: Drei Geschosse, das hatte es noch nie gegeben. Hausboote brachten es auf höchstens zwei. Aber je höher, desto schwankender: Die 18 großen Mehrfamilien-Mietshäuser mussten mindestens acht Meter breit werden, um stabil im Wasser zu liegen. Nun könne ihnen auch ein Sturm mit Windstärke 12 nichts anhaben, versichert Architekt Hund. Konstruiert wurden die waterwoningen auf einem Trockendock in der kleinen Hafenstadt Urk. Der Schleppzug über das IJsselmeer ins 50 Kilometer entfernte Amsterdam war ein sensationelles Ereignis. Jetzt liegen die waterwoningen  in dichter Nachbarschaft wie eine Reihenhaussiedlung auf dem Wasser. Sie sind leicht versetzt, um möglichst viel Aussicht zu bieten. Viele Bewohner sagen, dass für die Privatsphäre etwas mehr Abstand nicht geschadet hätte. Aber, so Keramikdesignerin Inge Valk: "Das Gefühl der Weite und Freiheit ist unvergleichlich – und das nur 15 Minuten vom Amsterdamer Grachtengürtel entfernt!"

"Man erlebt die Natur hier ganz anders", sagt Inges Nachbar Willem Blokker, der gegenüber am Ende des Steges wohnt. "Ein Gewitterhimmel wird zum beeindruckenden Erlebnis." Auch seine waterwoning ist so lichtdurchflutet, dass er selbst an trübsten Tagen kein Licht anmachen muss. Im Sommer treffen sich die Wasserviertel-Bewohner auf ihren Stegen auf ein Glas Wein oder zum Grillen. "Und im Winter gibt es Glühwein", erzählt die Art-Direktorin Tirzah Laan, die mit Mann und zwei Kindern einen Steg weiter wohnt. Dann holt die Familie die Schlittschuhe aus dem Schrank und flitzt zwischen den waterwoningen hindurch übers Eis – sogar begleitet von Musik, "denn irgendjemand baut garantiert Radio oder CD-Player auf dem Steg auf". Eines allerdings sei bei aller Begeisterung doch gewöhnungsbedürftig gewesen: Die waterwoningen bewegen sich! "Zuerst war mir dauernd schwindlig", erinnert sich Tirzah. "Ich dachte, ich bin schwanger!"

Hausboote schwanken nicht? Von wegen.

Auch wenn Architekten und Hersteller immer wieder versichern, die waterwoningen könnten nicht mit Schiffen verglichen werden und kämen nie ins Schwanken: "Von wegen! Anfangs kam ich mir vor wie auf einer Fähre", stellt Willem Blokker klar. "Spätestens bei Windstärke 7 beginnen die Deckenlampen zu tanzen." Und Inge Valk ergänzt: "Hier sind schon Leute seekrank geworden!"

Schon beim Einrichten der waterwoningen müssen die neuen Bewohner daher auf Gewicht und Verteilung achten: Wenn links ein karges Esszimmer steht und rechts die große Bibliothek untergebracht wird, dann kann es schnell zur Schieflage kommen. Mit nachträglich angebrachten Schwimmelementen kann das zwar ausgeglichen werden, aber das ist umständlich und teuer. Auch Willem Blokker litt lange Zeit unter leichter Schieflage. Aber dann traf endlich das schon vor Monaten bestellte Klavier ein – und das Problem war gelöst.

Autor:
Kerstin Schweighöfer