Europop Der hippe Bär

Die Krise ist vorbei, sagt die Statistik. Der Städtetourismus in Europa hat sich von den Auswirkungen der weltweiten Finanzturbulenzen schneller erholt als andere Bereiche des Reisemarktes. Laut einer Studie von "European Cities Marketing" (ECM) gab es selbst in den Zitterjahren 2008/09 Zuwächse bei den Übernachtungszahlen: Barcelona plus 2,7 Prozent, Amsterdam plus 3 Prozent und Berlin konnte sich gar um 6,3 Prozent steigern.

Gerade die Metropolen mit einem dynamischen Trend-Image konnten dabei stabil zulegen. Nachtleben, Popkultur und Off-Quartiere versprechen einen Kontakt mit dem aufregenden Alltagsleben der Großstadtbewohner. Und selbst wer definitiv kein Interesse an Berliner Techno-Hochburgen hat, schätzt die günstigen Bierpreise im Kiez. Neun Euro auf der Champs Elysees zahlen dagegen nur noch Scheichs und Unverbesserliche.

Zwar sind die Gesamtzahlen natürlich auch von Business-Trips, Kongressen, Sport- oder Kulturevents geprägt, die nichts mit Szene zu tun haben. Doch es fällt auf, dass gerade die großen Historienstädte Rom (-2,6 Prozent), Wien (-4,2 Prozent) und Prag (-7,7 Prozent) Federn lassen mussten. Barocke Kirchen und Altstadtführungen sind bei traditionellen Zielgruppen zwar weiterhin ein Pfund. Doch Bustouristen und Reisegruppen sind nur die Basis - die Zukunfts-Entwicklungen finden im Zeitalter der Individualisierung anderswo statt.

Die aktuellen Auswertungen für 2010 bestätigen diesen Trend. Der Stadttourismus dreht auf. Selbst die Platzhirsche London und Paris, deren hochpreisige Hotels 2008/09 deutlich weniger ausgelastet waren, konnten wieder zulegen. Beide Weltmetropolen vertrauen zumindest in Europa auf ihre weltweite Strahlkraft.

In diesen Dimensionen kommt das moderne Image von selbst; wobei insbesondere der zentrale Bereich von Paris vielerorts wirkt wie sein eigenes Disneyland. Zielgruppen-Kampagnen jedenfalls wie Madrid, das im letzten Jahr sein Nachtleben in europäischen Musikmagazinen bewarb, hat man (noch) nicht nötig.

Es war wiederum Berlin, dass in diesem Mai das bislang beste Ergebnis seit der Wiedervereinigung feiern konnte. Noch vor Rom stabilisiert man damit den dritten Platz in der europäischen Übernachtungs-Statistik: Ein Plus von 11,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Die Mischung aus "Adrenalin, Chill-Out und Hochkultur" würde das stetige Wachstum befeuern, räsonierte Berlins Tourismus-Chef Burkhard Kieker. Ohne neue Ideen jedoch ließe sich dieses Dauerhoch kaum halten. Die weltweite Vermarktung des "Summer of Berlin" etwa, mit Stadtstränden und Popfestivals, soll weiterhin junges Publikum an die Spree locken. Musiktrends und Hipness als Wirtschaftsfaktor.

Eine genauer Blick auf die europäischen Top-Ten-Charts verrät, dass gerade die Boomstädte ihre junge Szene verstärkt herauskehren. Amsterdam bewirbt offensiv die In-Städteteile Jordaan und De Pijp und bietet unter dem Überschrift "Dutch Design" Einblicke in die Kreativszene jenseits der Grachten und Käsemärkte. Barcelona befindet sich seit seinem großangelegten Stadtumbau der 1980er und 1990erJahre in einer Dauereuphorie. Seit 2004 konnte die katalanische Metropole um drei Millionen Übernachtungen zulegen. Diese Komplettvermarktung macht natürlich auch vor sanierten Einwanderervierteln wie Raval oder Barceloneta nicht halt. Der Hip-Tourismus schwappt mittlerweile in die abgelegensten Bars. Kenner raten mittlerweile dazu, in der Hauptsaison nach Valencia auszuweichen, wenn man dem internationalen Rummel entgehen möchte, um in Ruhe seine "copa" zu nehmen. Ein modernes Venedig-Schicksal.

Doch ein Zurück zum standardisierten 08/15-Angebot à la "Draußen nur Kännchen" scheint es nicht mehr zu geben. Selbst das einst biedere Zürich setzt unter dem langjährigen Slogan "Downtown Switzerland" auf die Strahlkraft von "Freitag"-Taschen mit ihrem Flagstore aus Schiffscontainern und der Ausgehmeile im ehemaligen Industriequartier Züri West. Selbst im überlaufenen Prag richtet sich der Fokus zunehmend auf die herben Außenbezirke. Zuletzt erlebte etwa der Arbeiterstadtteil Zizkov mit dem futuristischen Fernsehturm ein Zuzug von Laptop-Artisten und Dienstleistern. Und schon träumen rührige Exil-Amerikaner schon wieder von einer Renaissance der Boheme-Ära nach der Wende.

Autor:
Ralf Niemczyk