Niederlande De Pijp, "Quartier Latin von Amsterdam"

Unwiderstehlich lekker sieht sie aus, die knallbunte Pop-Art-Torte mit den großen Andy-Warhol-Blumen. Der laubfroschgrüne Nusskuchen wäre allerdings auch nicht zu verachten. Ist aber noch nichts gegen die dreistöckige Sahnetorte, deren Marzipanrosen so quietschrosa sind wie die herzförmigen Plüschkissen auf dem Nostalgiesofa in der Ecke, wo sich zwei Studentinnen gerade hingebungsvoll die zweite Kalorienbombe leisten.

Wer Diät hält, sollte um die "taart van m’n tante" in der Ferdinand Bolstraat besser einen Bogen machen. Anders als Vanessa Paradis, Johan Cruijff und das niederländische Königshaus, die vor den Versuchungen in diesem Torten-Walhalla kapitulierten. Mitarbeiterin Frederique Sluyterman bereitet sich gerade auf ihre "Tortensprechstunde" vor und nimmt zwischen Ohrensesseln und Blümchentischdecken Bestellungen für Hochzeitsfeiern und Geburtstage auf. So könnte es auch im Wohnzimmer von Großtante Ida aussehen. "Etwas unaufgeräumt", lacht Frederique, "aber urgemütlich. Genau wie unser Viertel!"

Die "Torte meiner Tante" gehört zu den bekanntesten Adressen in De Pijp - und nirgendwo sonst gibt es so viele unterschiedliche und ausgefallene Läden, Cafés und Restaurants wie in diesem einstigen Arbeiterviertel südlich des Grachtengürtels. "Es heißt, wir hätten sogar die größte Kneipendichte von Amsterdam", erzählt Käsehändler Bart van Rijn, der jeden Wochentag auf dem Albert-Cuyp-Markt hinter seiner Käsetheke steht. So wie vor ihm sein Vater und sein Großvater.

In fast 90 Jahren ist den van Rijns nie in den Sinn gekommen, den Standort zu wechseln. "Bei uns kauft die ganze Welt!", triumphiert Bart. Was nicht nur an den Touristen liegt, die gern über den vielleicht bekanntesten Markt der Niederlande bummeln. "Zeg eens, Denis, wie viele Nationalitäten leben hier gleich noch mal?" ruft Bart zu seinem Standnachbarn links rüber. "Mehr als 140!" kommt prompt die Antwort von Denis Blaazer, der Armbanduhren feilbietet, die billigste für 4,50, die teuerste für 19 Euro. "Seit die Stadt alles saniert hat, ist es hier richtig gemütlich geworden", findet Denis. Auf dem Gerard Douplein mit seinen vielen Caféterrassen gönnt er sich manchmal ein kopje koffie, und dann kommt er sich vor wie in Paris. De Pijp wird nicht zufällig "Quartier Latin von Amsterdam" genannt, mit den vielen Studenten und Künstlern.

Im ältesten und nördlichen Teil der Pijp werden tatsächlich Erinnerungen an Paris wach, wenn man als Spaziergänger fast über die Gemüse- und Obstkisten vor einem Tante-Emma-Laden stolpert, weil man das liebevoll dekorierte Schmuckgeschäft gegenüber im Visier hatte. Da gibt es den Nostalgie-Frisör und den kleinen Delikatessenladen, das indonesische Restaurant und gleich nebenan die marokkanische Konkurrenz. Auch Möbelrestauratoren, Buchbinder, ja selbst ein Schmied ließen sich in De Pijp nieder. Die Mittelständler mit den alten Handwerksberufen liefern Maßarbeit.

Anders als im Pariser Quartier Latin sind die Straßen hier schnurgerade und ellenlang wie die Kanäle im flachen Holland. De Pijp liegt in einem früher von Kanälen durchzogenen Poldergebiet zwischen Amstel im Osten und dem Kanal Boerenwetering im Westen. Bis 1850 lebten hier nur Gärtner, Müller und Bauern. Wenn es jemanden aus der Stadt dorthin verschlug, dann Maler auf der Suche nach Inspiration: Schon Rembrandt streifte hier mit dem Skizzenblock unterm Arm durch Wiesen.

Als in der Zeit der Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts der Grachtengürtel aus allen Nähten zu platzen drohte, wurde dieses Gebiet bebaut. "Der Einfachheit halber machte man aus den Kanälen Straßen", erklärt Paul Spies, der als Direktor des Amsterdam Museum die Stadt und ihre Geschichte wie kein anderer kennt. "Darum entspricht das Straßennetz der Pijp noch heute exakt dem früheren Verlauf der Wassergräben." Der längste und breiteste war der von 20 Mühlen gesäumte Sägemühlengrabe, die heutige Albert Cuypstraat. "De Pijp wurde dieser Graben im Volksmund genannt, denn das Wort bedeutet im Niederländischen nicht nur Pfeife oder Röhre, sondern auch langes, schmales Gewässer", sagt Spies. So kam es, dass der Sägemühlengraben einem ganzen Viertel seinen Namen verpasste und die langen Straßen mit ihren hohen schmalen Backsteinhäusern zum Hauptmerkmal der Pijp wurden.

An den meisten Giebeln ragt ein Flaschenzug hervor, um Möbel nach oben zu verfrachten; die Treppenhäuser sind dafür viel zu steil und schmal. Auch die Treppe, die zu Caro Bonink in den zweiten Stock führt, verdient eher die Bezeichnung Leiter. "Zum Glück müssen wir nach einem Kneipenbesuch die Treppe hoch und nicht runter", witzelt sie. Als Stadtmensch kann sich die Fotografin kein besseres Viertel vorstellen: "Es ist ein Dorf in der Stadt und alles zu Fuß erreichbar." Caro weist auf die Bänke, die Bewohner zwischen blühenden Stockrosen an den Hauswänden aufgestellt haben. Dort lesen sie im Sommer ein Buch, treffen sich auf ein Glas Wein und machen den öffentlichen Raum ganz ungeniert zum privaten. "Jeder kennt jeden", sagt Caro.

Fast wäre in De Pijp der Hauptbahnhof gebaut worden

Begrüßt wird sie auch noch, wenn sie mit vollem Picknickkorb in den Sarphatipark geht. Den teilen sich die Menschen in De Pijp wie einen gemeinsamen Garten. Auf der Fläche des Sarphatiparks wäre um 1870 fast der Amsterdamer Hauptbahnhof gebaut worden - und mit ihm ein neues Stadtzentrum samt Luxusvillen. Doch nach langem Hin und Her fanden die Stadtväter das zu teuer, außerdem gab es immer mehr Fabrikanten, die sich ausbreiten wollten, und damit auch Arbeiter, die eine Wohnung brauchten. So wurde aus De Pijp ein Arbeiterviertel.

Einder der Ersten, die den Sprung über die Singelgracht nach Süden wagten, war ein gewisser Gerard Adrianus Heineken: Am 22. Januar 1868 wurde am heutigen Marie-Heineken-Platz das erste Bier gebraut. Von dort trat es den Siegeszug um die ganze Welt an. Seit 1988 ist die Brauerei Museum, das bei Touristen auch deshalb hoch im Kurs steht, weil zur Bierprobe geladen wird. Der Brauerei folgten schnell weitere Fabriken, so die Diamantschleiferei Asscher. 1908 wurde dort der größte Rohdiamant der Welt, der Cullinan, gespalten und geschliffen und zu britischen Kronjuwelen verarbeitet.

Für die vielen Arbeiter und ihre Familien mussten ganze Häuserzeilen schnell und gleichzeitig entstehen - eine Revolution auf dem Immobilienmarkt. Revolutiebouw wurde diese Epoche genannt, in ihr erlebten Spekulanten goldene Zeiten. Sie langten bei den Mieten kräftig zu, sodass viele Bewohner auf Untervermietung angewiesen waren - etwa an Studenten und Künstler der in der Pijp errichteten Kunstakademie.

Dort studierte auch ein junger Maler namens Piet Mondriaan (der bald ein a aus seinem Namen strich). Der spätere Pionier der abstrakten Kunst wohnte zwischen 1892 und 1911 mehrmals in der Pijp, das letzte Mal am Sarphatipark 42. Im Dachgeschoss dieses stattlichen Backsteineckhauses hatte er vier Jahre lang, bis zu seinem Umzug nach Paris 1911, sein Atelier.

Studenten und Künstler sorgen für ein angemessenes Nachtleben

"Kein Wunder, der Lichteinfall ist ideal, die Fenster sind fast vier Meter hoch", meint Harriet Sanders. Die 54-Jährige wohnt seit 25 Jahren in Mondrians ehemaligem Atelier und hat selbst an der Rijksakademie studiert. Sie ist es gewöhnt, dass Mondrian-Fans bei ihr anklingeln. An den Wänden hängen alte Fotos, auf denen zu sehen ist, wie der Maler sich hier einst eingerichtet hatte: "Mit vielen kleinen Tischen und Teppichen."

Die Studenten und Künstler sorgten schnell für ein angemessenes Nachtleben, De Pijp wurde zur Wiege des niederländischen Cabarets, und es blühte die Prostitution. An der Ruysdaelkade stehen auch heute leichtbekleidete Damen hinter rot erleuchteten Fenstern. Anders als De Wallen, das berühmte Rotlichtviertel in der Altstadt, bot die Pijp gehobenen Sex: Auf den Walletjes wurden Seeleute bedient, ein Gentlemen hingegen ging in die Pijp. Manche dieser Herren leisteten sich eine Mätresse und für die Schäferstündchen eine schicke Wohnung am Sarphatipark. Diese Häuser an der Nordseite des Parks sind noch heute die elegantesten im ganzen Viertel. Fluwelen randje, Samtborte, wird die Bebauung um den Park herum genannt.

Die anderen Häuser in De Pijp fielen nicht nur deutlich schlichter aus, sondern auch weitaus weniger solide. So schnell sie aus dem Boden gestampft worden waren, so schnell stürzten sie ein. Auch wenn etwa Heineken etwas manierlichere Häuser errichten ließ: Die meisten Mneschen in De Pijp lebten in erbärmlichen Verhältnissen.

Immer mehr Häuser standen leer und verfielen

Das begann sich erst zu ändern, als die sozialistische Bewegung ihre eigenen Häuser baute. 1916 gründete sich die Wohnungsbaukooperative "De Dageraad", "die Morgenröte". "Emanzipation und Aufklärung der Arbeiterklasse war ihr Ziel", erklärt Ton Heijdra. Der Amsterdamer Sozialgeograf steht in der Burgemeester Tellegenstraat in einem weißgetünchten Raum, in dem es noch nach Farbe riecht. In dieser ehemaligen Arbeiterwohnung der "Nieuwe Pijp", der südlichen Hälfte des Stadtteils, wurde ein Besucherzentrum eröffnet. Es gehört zum Dageraad-Komplex, auch "Arbeiterpalast" genannt, einem der schönsten Beispiele für sozialen Wohnungsbau der Amsterdamer Schule. Im Stil dieser Backsteinarchitektur mit ihren fantasiereichen Details entstanden hier zwischen 1918 und 1923 rund 300 außergewöhnliche volkswoningen. "Licht und Luft für Arbeiter lautete die Devise", sagt Heijdra.

In der alten Pijp aber standen immer mehr Häuser leer und verfielen, bis dem Viertel in den Siebzigern der totale Abriss drohte. Doch wieder kamen die Studenten - dieses Mal als protestierende krakers, als Hausbesetzer. Kraken war noch ganz legal. "Wir rissen die Bretter von den Fenstern und dichteten die Fußböden ab", erinnert sich Heijdra, der als Student selbst in einem kraak-Haus in De Pijp wohnte, "und wir haben das Viertel gerettet." Die alte Pijp wurde saniert.

Aber jetzt drohen neue Gefahren: So wie zuvor das Kleine-Leute-Viertel Jordaan wurde auch De Pijp zum In- und Szenequartier. Mieten und Immobilienpreise sind drastisch gestiegen, gut situierte Singles oder Doppelverdiener machen alteingesessenen Hausbewohnern den Platz streitig.

"Und reiche Papas, die ein Vermögen ausgeben, um den Töchterchen ein Studio in De Pijp zu verschaffen", sorgt sich Direktor Paul Spies vom Amsterdam Museum. Wie viele andere Beobachter befürchtet auch er eine Gentrifizierung. Dank der Sanierungen in den vergangenen 30 Jahren habe die Pijp zwar ihre Seele behalten, aber, so warnt Spies: "Jetzt müssen wir aufpassen, dass sie nicht an ihrem eigenen Erfolg zugrunde geht."

Autor:
Kerstin Schweighöfer