Niederlande Das unbekannte Amsterdam

Mit seinem "Lied van Amsterdam" besingt Jan Campert die Stadt, wie wir sie kennen. Er verlässt den Hauptbahnhof auf der Südseite, betritt die weltberühmte, alte Innenstadt, sieht die Grachten, die Treppengiebel, das Verkehrsgewühl: "Verlass den Bahnhof, sieh wie die Stadt / vor deinem Auge sich entrollt / gleich einem Fächer, Blatt für Blatt / aus Perlengrau, aus Gold." Amsterdam-Noord liegt Campert fern. Er sagt: Das "Rufen über das IJ" hört nur "wer gute Ohren hat".

Hören wir genauer auf den Ruf von der anderen Seite des IJ, verlassen wir den Bahnhof an der Nordseite. Es sind nur ein paar Schritte bis zu dem breiten Gewässer, und hier am IJ entfaltet sich unversehens ein neuer Fächer: das Panorama der Fähren nach Amsterdam-Noord. Strahlend weiß und blau, kompakt und behäbig liegen sie am Kai. Ich kann nicht genug bekommen vom feuchten Duft des Wassers, vom Rasseln der Ketten, vom Knirschen der Rampen, die niedergelassen werden. Immer wieder stehen hier Touristen, die sich erkundigen, wo sie ein Ticket bekommen, doch niemand braucht zu bezahlen: Die Fähre ist umsonst!

Für eine kurze Weile befinden wir uns wirklich auf einer Schiffsreise, mit dem Wind im Haar, auf dem Wasser ringsherum schwerbeladene Lastkähne, die kraftvoll dem Rhein zustreben, Schlepper auf der Fahrt zu den Meeresschleusen, und, mit Glück, ein gigantisches Kreuzfahrtschiff, ein schwimmendes Schloss, das träge seine Landungsbrücke im Hafen ansteuert. An der Reling auf dem achten Deck winken Passagiere wie winzige Püppchen den Menschen auf der Fähre zu.

"Oh, du gehst weg aus der Stadt?", fragten Freunde besorgt, "echte" Amsterdamer, als ich vor vielen Jahren umzog nach Noord. Und ja, dieses Gefühl ist da, wenn man hinüberfährt auf die andere Seite. Man lässt die Stadt hinter sich, es ist drüben frischer, weiträumiger, grüner, und das Leben in Noord verläuft gemächlicher. Nirgendwo sonst in Amsterdam wird man für ein Schwätzchen einfach so angesprochen: "Darf ich fragen, was machen Sie eigentlich, ich meine, für Ihren Lebensunterhalt?"

Vor dem Fächer der Fähren kann man zweifelnd verweilen wie ein Esel vor drei Heuhaufen: Nehme ich den linken, den rechten oder den in der Mitte? Ein rotes Licht fängt an zu blinken, gleich geht es los. Beeilung, ehe sich die Klappe hebt.

Komm, lass uns die linke Fähre nehmen, da dauert die Überfahrt am längsten. Unsere blau-weiße Barkasse gleitet an einem Signalschiff vorbei, einem halb gesunkenen Unterseeboot russischer Herkunft, einem Minensuchboot und einem dümpelnden Hotelboot. An einem Kai liegt die "Sirius" von Greenpeace, ausrangiert nach verdienstvollen Einsätzen. "Nederlandsche Dok en Scheepsbouw Maatschappij" steht in verwaschener Schrift auf einem gigantischen Schuppen. Willkommen. Dies war die Werft NDSM, dies sind die Docklands von Amsterdam.

In den siebziger Jahren liefen hier Riesentanker vom Stapel. Sie wurden in zwei Teilen gebaut und dann auf dem Wasser zusammengefügt. Es war eine hohe Navigationskunst, sie unter Brücken hindurch nach IJmuiden auf die offene See zu bringen, auf ihren Weg zur Arabischen Halbinsel. Das Geräusch von Noord war das Ächzen der Kräne, das Stakkato der Niethämmer und das Trappen Tausender Schuhsohlen in der Morgendämmerung, wenn sich die Armee der Werftarbeiter zu ihren Arbeitsstätten aufmachte.

Amsterdam lag in der Ferne

Hier schlug das Herz von Noord, und hier schlägt es noch oder erneut. Stell dir vor: Ganz früher, vor der Zeit der Werft, gab es wenig in Noord. Amsterdam lag in der Ferne. Diesseits des IJ war nur ein langer Deich, der sich durch ärmliche Fischerdörfer schlängelte. Noch heute können wir diesem Deich folgen, am besten mit dem Fahrrad, etwa zwölf Kilometer auf einem schmalen, mit roten Klinkern gepflasterten Pfad, vorbei an alten, grüngestrichenen Glockengiebeln, an Häuschen mit kleinen Anbauten, die "Gutjahresende" heißen. Sie wurden errichtet, wenn das Haushalten der Bewohner zum Ende des Jahres einen Überschuss auswies.

Zwischen Oostzanerwerf, Kadoelen, Buiksloot, Nieuwendam, Schellingwoude nahe den Oranjeschleusen, dem mächtigen Tor vom IJ zum Ijsselmeer, und schließlich Durgerdam, schon am Ijsselmeer: Hier liegt eine Welt, die zur Grachtenstadt Amsterdam nicht unterschiedlicher sein kann. Auf den Grabsteinen der Friedhöfe rund um die zierlichen kleinen Kirchen steht zu lesen, dass hier Seeleute ihren Lebensabend verbrachten und ihren letzten Ankerplatz fanden. Doch über das breite IJ hinweg hatten sie Amsterdam vor Augen.

Den Sprung übers Wasser machte die Stadt vor etwa hundert Jahren. Auf dem Deichvorland von Noord entstanden die Werften, Fabriken, Werkstätten. Dahinter wurden Quartiere für die Arbeiter hochgezogen. Schauen wir uns an, wie damals gebaut wurde: robust, mit stabilen Spitzdächern. Ein Backstein mehr oder weniger spielte da keine Rolle. Es lohnt sich, ins Van-der-Pek- und ins Vogelviertel mit ihren stämmigen Giebeln und Ornamenten aus Sandstein zu radeln, und gern zum Zwanenplein. An diesem Platz wohnten nicht einfach Arbeiter, hier wohnten die Pioniere der industriellen Revolution der Niederlande, bescheiden zwar, doch in anständiger Armut und beseelt von dem Gedanken, dass es ihren Kindern später besser gehen sollte. Allerdings gab es in Noord lange Zeit nur Grundschulen - weiterführende Schulen fanden sich in den Wohngegenden der höheren Angestellten.

Alle Straßen wurden nach Himmelskörpern benannt

Später dann wurden die tuindorpen gebaut, die Gartendörfer. Viele Arbeiter waren bäuerlicher Herkunft, an das Leben in einer Wohnung im dritten Stock an einer baumlosen Straße hätten sie sich nur schwer gewöhnen können. In Tuindorp-Nieuwendam und Tuindorp-Oostzaan ist zu ahnen, was diese Freiheit bedeutete: niedrige kleine Häuser, oft zwei unter einem Dach, und ein Gärtchen vorn, ein Gärtchen hinten. Ein bisschen dörflich und vertraut. In Tuindorp-Oostzaan wurden alle Straßen nach Himmelskörpern benannt und der zentrale Platz mit dem Kulturhaus nach der Sonne - der Geist des damaligen Fortschrittsglaubens ist spürbar. Hier gingen morgens die Arbeiter mit den Schirmmützen zur Werft, ein Stündchen später trafen dann auch die Angestellten mit den Hüten ein.

Mittagspause am IJ-Ufer.
Gerald Hänel
Mittagspause am IJ-Ufer.
Die größte Werft war die NDSM, auf fast 90 Hektar Fläche, zwei Kilometer am Wasser entlang. Mitte der achtziger Jahre war Schluss, nach einem jahrzehntelangen Niedergang der Schiffbauindustrie. Der turmhohe Kran steht noch da und rostet vor sich hin, über aufgeplatztem Beton, aus dem das Unkraut wächst. Doch in den alten Kranspuren werden jetzt Ideen fürs Fernsehen geboren, die leeren Schuppen beherbergen Brutstätten und Festivals für fröhliche Kunst, moderne Unternehmen (MTV, Red Bull) ließen sich dort nieder, und es gibt eine pfiffige Gastronomieszene. Nehmen wir Platz auf der Terrasse des "Noorderlicht" und genießen den Blick über das Wasser des IJ.

Hätten wir hinter dem Hauptbahnhof die mittlere Fähre genommen, wären wir beim "oude tolhuis", dem alten Zollhaus, gelandet und bei den Schleusen, die König Wilhelm I. vor fast zwei Jahrhunderten bauen ließ, um Amsterdam durch einen Kanal mit der Nordsee zu verbinden. Dort befand sich auch von alters her der Ort, wo Missetäter aufgehängt wurden, das Galgenfeld. Das gab der Seite jenseits des IJ ihren düsteren Ruf, der niemals ganz wich.

Erst recht nicht, als während des Ersten Weltkriegs in Noord Siedlungen gebaut wurden, in denen Arbeiterfamilien billigen Wohnraum in der Nähe der Werft erhielten. In Asterdorp standen die Ärmsten der Armen allerdings unter Aufsicht. Es gab sogar Wachttürme, abends wurden die Tore geschlossen. Davon ist heute nur noch das Torgebäude zu sehen. In Floradorp waren die Einwohner schon etwas freier, wenn auch nicht so frei wie in Vogeldorp. Diese Siedlung rechts von der Meeuwenlaan ist noch immer intakt - in den winzigen Häusern leben hauptsächlich Studenten.

An schmalen Straßen stehen rosa Doppelhäuser mit roten Pfannen

In Floradorp stehen heute an schmalen Straßen rosa Doppelhäuser mit roten Pfannen, die mein Enkeltöchterchen für "Ferienhäuschen" hält. Doch wird die Gegend bis heute "Rimboe" genannt - das ist der indonesische Begriff für Dschungel -, und sie genießt eine zweifelhafte Bekanntheit durch das Silvesterfeuer, das jedes Jahr unberechenbare Ausmaße annimmt.

Idylle vor den Toren Amsterdams.
Gerlad Hänel
Ländliche Idylle vor den Toren Amsterdams.
Es gibt wenig Spektakuläres oder Museales an Noord, nichts was Touristen anziehen könnte. Das Geheimnis von Noord ist, dass die jeweiligen Zeiten sich dort geschmeidig, energisch und voller Spannkraft übereinanderschieben. Das ehemalige Galgenfeld ist jetzt ein Brennpunkt junger Musiker und Theatermacher, an Sommerabenden schaukeln dort in den Baumkronen bunte Lampen über Tangotänzern. Tausende junger Leute vergnügen sich hier auf Festivals. Die aufgelassenen Fabrikgebäude bei Vogeldorp bilden einen Irrgarten aus Ateliers und experimentellen Werkstätten. Und am Ufer des IJ etablierten sich in den riesigen Räumen einstiger Montagehallen erstklassige Restaurants.

Der heimlichste Reiz von Noord offenbart sich dort, wo man Noord verlässt - dieser Teil von Amsterdam ist ganz und gar von Grün umarmt. Wie mittelalterliche Städte von einem Wall, so wird Noord vom Ringweg A10 umgeben. Wenn wir jetzt dem Nordhollandkanal folgen, an der majestätischen Kreidemühle "d'Admiraal" aus dem Jahre 1792 vorbei, und unter der A10 hindurchfahren, dann sind wir schon fast im Waterland. Vor uns öffnet sich eine unberührte altniederländische Landschaft mit Wiesen voller Kühe, mit breiten Kanälen, alten Bauernhöfen und Dörfern, die sich am Fuße mächtiger Kirchen verbergen, unter der hohen Spitze des Kirchturms von Zunderdorp und dem robusten, viereckigen Turm von Ransdorp. Nur drei Kilometer Luftlinie von der Stadt entfernt.

Die Skyline von Amsterdam liegt in unerreichbarer Ferne

Wir radeln weiter, auf einem schmalen Polderweg zwischen Wassergräben noch ein Stück nach Norden. Warnungen auf Verkehrsschildern: "Schwerverkehr: Schritttempo, morastiger Untergrund". Schließlich kommen wir glücklich an im Dorf Holysloot. Hier ist das Ende der Welt. Der Fahrweg verschwindet im Schilf.

An der Dorfstraße stehen einige Dutzend Häuser, eine alte kleine Schule, die jetzt ein Café-Restaurant ist, und zwei kleine Kirchen. Die neuere von beiden wurde nach der großen Flut 1916 errichtet. An der Fassade steht: "Psalm 126.3". Wer nachliest, findet: "Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich." Gottesfurcht, wie sie im Buche steht.

Es ist absolut still. Die Skyline von Amsterdam, mit einem Blinklicht oben auf dem riesigen Bürohochhaus, das nach Rembrandt benannt wurde, liegt in unerreichbarer Ferne.

Autor:
John Jansen van Galen