Zypern Party-Stimmung in Agia Napa

So wird am Morgen die Fahne gehisst: Spannung auf das Seil geben, anfahren, der Luftwiderstand bläht das Tuch. Dann hebt sich der Gleitschirm über das Wasser, mitsamt dem baumelnden Touristen, der hinter dem Motorboot über dem blauen Meer hängt - ein jauchzendes Signal, dass ein neuer Tag begonnen hat am Strand von Agia Napa.

Bis die Sonne nachlässt und die Luft wieder zum Atmen freigibt, existiert kein weiteres Leben als am Saum des Meeres. Die Liegestühle sind belegt, auch wenn die Hirne noch schmerzen, als schlüge jemand mit einem in Säure getränkten Handtuch auf sie ein. Es war eine lange Nacht, genau wie die Nacht davor und auch die davor, und schon für den Griff zur Wasserflasche scheint der Körper zu entkräftet. Die stolzesten Segler der letzten Nacht, die am höchsten auf den Wellen der großen Party geritten sind, liegen am Morgen zerschellt vor der Brandung, elend und stumm. Man könnte ein Buch lesen, würden die Seiten das Licht nicht so stechend reflektieren. Man könnte eine Sonnenbrille tragen, wenn man lange genug Urlaub hätte, um sich nicht um den Teint sorgen zu müssen.

So wie es ist, geht nur: nichts. Vor allem nicht bewegen. Die Frauen öffnen, wenn sie auf dem Bauch liegen, die Schleifen rechts und links an den Bikinihöschen, entweder für die nahtlose Bräune, oder weil es sonst einfach nichts mehr gibt, was sie noch ausziehen könnten. Eine Stunde liegen, dann die Bänder verknoten und zehn Minuten ins Wasser, zackzack, auf Zehenspitzen über den glühenden Sand hüpfen, schnell durch die flache Brandung waten, kopfüber in die Tiefe, runterkühlen. Dann zurück auf die Liege.

Vier Urlaubertypen gibt es: Paare, Familien, Freundinnen und Fußballvereine. Freundinnen sind immer zu zweit, Fußballer immer unzählig. Am Tage reden die Gruppen nicht miteinander, weil selbst Hooligans nüchtern und mit brennenden Augen nicht den Mut finden, eine Frau anzusprechen, die nur ein Stück Schnur anhat. Alle anderen haben sich nichts zu sagen, und wegen der Sicherheit bleiben Familien mit Kindern sowieso am Hotelpool. So vergehen die Tage am Strand ohne viele Worte, nichts bewegt sich, nur das bisschen Dünung, wenn eines der Partyboote vorbeifährt, die damit werben, dass sie Alkohol ausschenken dürfen und versichert sind. Einzig die Jungs, die mit ihren Freundinnen hier sind und deshalb nachts zu wenig Energie ans Trinken und Tanzen verlieren - sie stehen vor der Bretterbude von Jannis an und lassen sich von ihm am Gleitschirm hinter einem Boot herziehen, juhu und jihi schreiend, lebende Flaggen am Himmel, Beweis, dass es hier Leben gibt.

Es ist nur eine kurze Fahrt nach Deryneia, zehn Kilometer auf einer staubigen Straße. Das Exhibition Centre liegt etwas abseits, der Parkplatz ist leer. Vor der Tür versprüht aus vielen Düsen kunstvoll ein Springbrunnen sein Wasser, so dass es eine Kugel bildet, eine Einheit, einen kleinen Planeten Erde. Drüben, ein paar hundert Meter und einige Welten entfernt, liegt eine tote Stadt. Die leeren Fenster der Hochhäuser starren wie Augenhöhlen aus gebleichten Schädeln, drumherum scharen sich die Flachbauten wie verstreutes Gebein. Ein Modell zeigt an, welches Haus einmal was dargestellt hat. In den Namen finden sich Begriffe wie "Sands" und "Palace", alles, was in den siebziger Jahren einmal Glamour versprochen hat. Übrig ist: Totes.

Drüben liegt Famagusta-Varosia. Auf der falschen Seite, denn als im August 1974 die türkische Armee die Promenade überrannte, verschwanden sie alle: Hoteliers, Touristen, Hoffnungen. An der Demarkationslinie spielen Soldaten im Hof ihres Wachhauses Basketball. Ein Plakat an einer Hauswand sagt: "Wir werden zurückkehren!" Aber mit jedem Tag, der in der brennenden Sonne verdunstete, wurde der Wettkampf der Badestrände ein bisschen mehr entschieden. Und Agia Napa hat gewonnen, nicht den Krieg, nicht den Frieden, aber den Zustand. Es waren einmal 16.000 Betten, die in Famagusta bereitstanden für die Urlauber, die sich nicht bewegen wollten, sondern nur in der Sonne liegen und aufs Meer starren. Als sie in der Sommersaison 1974 vom Rest der Welt abgetrennt wurden und leer bleiben mussten, handelte man schnell. Innerhalb von 30 Tagen stand ein funktionierender Rumpf des Pappkartons, der bis heute den internationalen Flughafen von Larnaca darstellt.

In dem winzigen Fischerdörfchen Agia Napa zog man Haus um Haus hoch, vorsichtig, flacher als drüben,um die Landschaft nicht komplett zu zerstören, aber genug davon, um wenigstens 10.000 Urlauber unterzubringen, die den ganzen Tag auf dasselbe Meer starren können. Und die am Abend, wenn die andere, zweite Fahne über der Stadt weht, in die nächste Schlacht ziehen. Wenn über den Hütten der Zeppelin aufsteigt, auf dem "Moulin Rouge" steht. Werbung für einen Keller, in dem "die besten Artistinnen aus Weißrussland und der Ukraine" für Geld das tun, womit Frauen aus der englischen Arbeiterklasse ihren Tag am Strand verbringen: Brüste und Hinterbacken zeigen.

In den Straßen rund um die alte Kirche schlendern rotgesichtige Paare an den Buden vorbei, meist besseren Wellblechhütten. Türsteher der thematisch sortierten Amüsierbetriebe versprechen, was keiner zu träumen für nötig befinden würde: Im Club "Abyss" wird die Tanzfläche mit Schaum geflutet, im "Chicago Rock Inn" gibt man Frauen, die oben ohne tanzen, zehn Schnäpse aus. Und im "Bedrock Inn", zwischen Pappmachéfelsen und Kellnern in Kostümen der Familie Feuerstein, bekommt jeder, der für 15 Zypern-Pfund ein "Bedrock Inn"-T-Shirt kauft, so lange kostenlos Bier ausgeschenkt, wie er das Shirt trägt. Und sich auf den Beinen hält. Am Karaoke-Mikrofon singt derweil ein Mädchen aus Wales "I Will Always Love You" für niemanden. Natürlich gibt es einen Dresscode in Agia Napa: Mädchen tragen, was sie auch am Strand getragen haben, nur mit ein paar Spitzen dran und etwas Durchsichtigem darüber. Jungs tragen Tätowierungen und eine Videokamera. In der "Coyote Bar" tanzt eine Blonde an der Stripstange. Die Linse einer Kamera ist schon weit unter ihrem Rock.

Agia Napa ist alt: 1366 wurde es erstmals schriftlich erwähnt. Damals muss die Gegend grün gewesen sein, denn der Name kommt von nape, "bewaldetes Tal". Wo seit gut 600 Jahren die Kirche steht, soll im 11. Jahrhundert ein Jäger eine Marienikone in einer Höhle gefunden haben. Agia Napa ist jung - "das neue Ibiza!", hieß es, als vor ein paar Jahren die ersten englischen DJs anreisten und versuchten, einen hippen Party-Ort zu erfinden, mit TripHop, Garage House und was sonst noch der Musikgeschmack der Meinungsführer in London und Manchester war. Mehr als 50 Bars und Nachtclubs gibt es jetzt, noch mehr Restaurants, Tätowierstuben und Schnapsläden, Ableger von Burger King, McDonald's, Pizza Hut, Kentucky Fried Chicken und an der Einkaufsstraße Läden von Lacoste und Disney. Die Discotheken sind mit Kulissen aufgemotzt, die sie als Schiff verkleiden, als Westernsaloon, als Ritterburg oder als antiken Tempel, dicht an dicht gedrängt, eine Favela des Entertainments. Manche der Lockvögel vor den Bars versprechen zwei Drinks zum Preis von einem, aber die meisten wissen, was die eigentliche Attraktion ist: "Zu uns kommen die schönsten Mädchen!" Jeden Abend die erneute Illusion, dass es eine Nacht mit Sex satt werden, dass jedes Bier, jeder Gin Fizz, jedes Lied, jeder Tanzschritt ein Stückchen näher zum Höhepunkt führen wird. Und wenn bei Sonnenaufgang die letzten Aufrechten ihre verwundeten Freunde ins Hotel tragen, dann ist das keine Niederlage, sondern nur ein Grund, es heute Nacht wieder zu versuchen - aber diesmal viel, viel härter.

Agia Napa ist eine Höhle der Ungerechtigkeit geworden!", sagt Vater Panagiotis Papageorgiou, der Priester der alten Kirche und des Klosters, das sie umgibt. Er hat ein Tagungszentrum daraus gemacht, weil seine Gemeinde heute aus Saisonarbeitern besteht, oft jungen Auslandszyprer, die neben Griechisch auch perfekt Englisch sprechen und sich in den Bars und Geschäften einen langen Sommer finanzieren. Es gibt kein Dorf mehr. Aber Vater Papageorgiou ist wahrscheinlich der Einzige, der das beklagt. In den Stunden zwischen dem kleinen Tod und dem neuen Leben, zwischen dem ersten Sonnenstrahl und dem ersten Sonnenöl, ist die Luft über Agia Napa erfüllt vom Geklapper der Rasensprenger. Straßenfeger schieben Flaschen und verlorene Haarreifen zusammen, Flugblätter für vergangene Partys und zerknüllte Zigarettenschachteln. An den Balkongeländern der Strandhotels trocknen bunte Badehosen, und am Hafen fährt der Bierkutscher seine Paletten mit einer Sackkarre auf ein Partyschiff. Das Schiff wird nachher die Tagesgäste an der Küste entlangfahren, um die Südostspitze der Insel herum, bis vor den Strand der Toten Stadt.Wer noch schwimmen kann und dem Technobeat für eine halbe Stunde entsagen will, der wird ins Wasser springen. Ein neuer Tag für Agia Napa.

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Autor:
Michalis Pantelouris