Tunesien

Wissenswertes über Tunesien

Natur und Klima:

Tunesien liegt auf dem nördlichsten Vorsprung Afrikas und grenzt im Osten und im Norden an das Mittelmeer. Am nördlichsten Punkt befindet sich die Küstenlinie nur 137 Kilometer südwestlich der Insel Sizilien. Während die felsige Nordküste steil zum Meer abfällt, ist die Ostküste flach und lagunenreich. Im Golf von Gabès liegt die Insel Djerba.

Der Norden des Landes wird von den östlichen Ausläufern des Atlasgebirges geprägt, die stark aufgegliedert nach Osten hin in eine Hügellandschaft übergehen. Nach Süden werden die Küstengebirgszüge (700 bis 1200 Meter) durch das fruchtbare Tal des Majradah, dem einzigen größeren, ganzjährig Wasser führenden Fluss, vom tunesischen Zentralrücken (Dorsale) getrennt. Er zieht sich von der algerischen Grenze bis zur Halbinsel Kap Bon und erreicht im Jabal Shahambi (1544 Meter) seine höchste Erhebung.

Südlich der Gebirgszone schließen sich weite, von Wadis durchzogene Steppenlandschaften an, die mit der Küstenlandschaft des Sahel ans Mittelmeer grenzen. Der trockene Süden liegt bereits im Randgebiet der Sahara. Er wird von den großen Salztonebenen und Salzseen des Chott el Djerîd und dem südtunesischen Stufenland mit dem Kalkplateau Zahar bestimmt (bis 715 Meter), das sich nach Westen zu den Sandgebieten des Östlichen Großen Erg senkt.

Zweigeteiltes Klima:

Das Klima zeigt einen deutlichen Wandel vom mediterranen winterfeuchten Norden zum kontinentalen, ariden Wüstenklima des Südens. Die Niederschläge sinken von durchschnittlich 1500 mm in den Bergländern des Nordens über 200 bis 400 mm in den Steppen bis auf unter 100 mm im Süden. An der Küste erreichen die Werte 500 bis 1000 mm. Die Temperaturen nehmen vom Norden nach Süden zu. Im Norden liegen sie im Januar bei rund 10 Grad, im Juli bei 26 Grad. In der Sahara beträgt die mittlere Julitemperatur 33 Grad.

Bevölkerung

Als ursprüngliche Bewohner des Maghreb bilden die Berber heute in Tunesien nur noch eine kleine Minderheit. Mehr als 98 Prozent der Tunesier sind Araber und arabisierte Berber. Die letzten Gebiete, wo noch Berberdialekte gesprochen werden, sind die Insel Djerba und das Dahargebirge im Süden. Bekannt sind die Berber von Matamata, die traditionell ihre Häuser in die weichen Kalkfelsen bauen. Viele Nomaden im Süden haben ihr traditionelles Leben aufgegeben und sind meist in den Steppengebieten des Landesinneren sesshaft geworden. Der überwiegende Teil der Tunesier lebt jedoch an der Küste, infolge anhaltender Landflucht bereits zu zwei Dritteln in Städten.

Staatliche Bevölkerungspolitik:

Aufgrund von Programmen zur Familienplanung hat sich die Geburtenrate seit den achtziger Jahren halbiert. Das Bevölkerungswachstum sank von 2,5 auf 1 Prozent. Gleichzeitig erhöhte sich mit dem Ausbau des Gesundheitswesens die Lebenserwartung deutlich. So sank auch der Anteil der jungen Menschen an der Gesamtbevölkerung: Waren 1975 noch über die Hälfte unter 20 Jahre, sind es heute nur noch ein Drittel.

Bildung:

Die Schulausbildung genießt in Tunesien hohe Priorität. Es besteht eine neunjährige Schulpflicht ab dem sechsten Lebensjahr. Auf die sechsjährige Primarschule folgt die dreijährige Sekundarstufe. Ein Eignungstest entscheidet über den Besuch des zur Hochschulreife führenden dreijährigen Unterrichts. Universitäten gibt es in Tunis - eine erste wurde schon 1674 gegründet - und seit 1986 auch in Sfax sowie in Sousse.

Staat und Politik

Gemäß der mehrfach geänderten Verfassung von 1959 ist Tunesien eine präsidiale Republik. Der für fünf Jahre direkt gewählte Präsident ist Staatsoberhaupt, Oberbefehlshaber der Streitkräfte und Chef der Exekutive. Er ernennt die Regierung mit dem Premierminister an der Spitze. Das Zweikammerparlament besteht aus der Abgeordnetenkammer mit 189 für fünf Jahre gewählten Abgeordneten und der Beratenden Kammer mit 126 teils gewählten, teils ernannten Delegierten, die eine sechsjährige Legislaturperiode hat.

Beherrschende politische Kraft ist die Konstitutionelle Demokratische Sammlung (Rassemblement Constitutionnel Démocratique, RCD). Weitere Parteien sind die Bewegung der Demokratischen Sozialisten (Mouvement des Démocrates Socialistes, MDS) und die Partei der Volkseinheit (Parti de l'Unité Populaire, PUP). Das Rechtswesen orientiert sich am französischen Vorbild, nimmt dabei aber Rücksicht auf islamische Regeln.

Wirtschaft und Verkehr

Tunesien gilt als ökonomischer Musterschüler unter den nordafrikanischen Staaten. Ein mit Unterstützung des IWF und der Weltbank eingeleitetes Strukturanpassungsprogramm, das auf Rückzug des Staates aus der Wirtschaft setzt, bescherte dem Land in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten Wachstumsraten von durchschnittlich fünf Prozent pro Jahr.

Traditioneller Agrarsektor:

Der Anteil der Erwerbstätigen im Agrarsektor ist seit der Unabhängigkeit stetig gefallen, dennoch bildet die Landwirtschaft eine wichtige Stütze der Wirtschaft. Die fruchtbaren Gebiete des Nordens erlauben den Anbau von Getreide, Zitrusfrüchten, Gemüse und Wein. Die Flächen der Zentralregion werden überwiegend für Olivenplantagen genutzt; Tunesien ist einer der größten Olivenölproduzenten. Im trockenen Süden werden vor allem Dattelpalmen kultiviert.

In der Viehzucht herrschen Rinderhaltung besonders im Norden, Schafhaltung in den Steppen Zentraltunesiens und Ziegenhaltung im Süden vor. Die inzwischen stark dezimierten Wälder im gebirgigen Norden liefern unter anderem Eichen-, Kiefern-, Pinien- und Zypressenholz sowie Kork. Halfagras, das weite Steppengebiete bedeckt, dient als Grundstoff für die Papierindustrie. Zunehmende Bedeutung gewinnt die Küstenfischerei.

Bergbau und Industrie:

Erdöl- und Erdgasförderung haben bislang nur einen geringen Anteil an der Wirtschaftsleistung. Tunesien besitzt aber große Phosphatvorkommen und ist weltweit zweitgrößter Exporteur von Phosphatdünger. In Westtunesien befinden sich außerdem reiche Lagerstätten von Eisenerz und anderen Erzen (Blei, Zink). Die verarbeitende Industrie konzentriert sich an der Küste mit dem Zentrum Tunis. Die wichtigsten Bereiche sind die Verarbeitung von Agrarprodukten sowie die Textil- und Bekleidungsindustrie. Eine bedeutende Rolle spielt nach wie vor die handwerkliche Herstellung von Teppichen, Lederwaren und Kunstschmiedearbeiten.

Hochburg des Tourismus:

Der Fremdenverkehr hat sich zum bedeutendsten Devisenbringer entwickelt. Badetouristen, angelockt von Wintersonne und endlosen Sandstränden, stellen das Gros der jährlich mehr als vier Millionen Auslandsgäste. Daneben bietet das Land auch eine Vielzahl gut erhaltener Kulturdenkmäler, die den Status eines Weltkulturerbes besitzen, zum Beispiel das Amphitheater von El-Djem, die Ruinen von Karthago, die Altstädte von Tunis, Sousse und Kairouan, die karthagische Stadt Kerkouane und ihre Totenstadt sowie die Ruinen des antiken Dougga.

Ungleiche Verkehrserschließung:

Das im Norden verhältnismäßig dichte und gut ausgebaute Straßennetz wird nach Süden hin immer weitmaschiger. Bahnverbindungen bestehen zwischen allen Städten an der Küste und einigen Orten im Landesinneren. Sie dienen in erster Linie dem Gütertransport, während der Personenverkehr vor allem von dem an der Küste dichten Busliniennetz bewältigt wird.

Geschichte

Um 1100 v. Chr. entstanden an der nordafrikanischen Küste Niederlassungen der Phönizier. Sie gründeten um 814 v. Chr. nahe des heutigen Tunis Karthago, das in den folgenden Jahrhunderten zur bedeutenden See- und Handelsmacht aufstieg, die über weite Teile des westlichen Mittelmeerraums herrschte. In den drei Punischen Kriegen unterlag Karthago dem Rivalen Rom und wurde schließlich 146 v. Chr zerstört. Das Gebiet wurde zur römischen Provinz Africa. Die Stadt Karthago bauten die Römer später wieder auf. Sie entwickelte sich zu einem bedeutenden Handels- und Wirtschaftszentrum des Römischen Reichs. Mit dem Niedergang des römischen Imperiums fiel die Region 439 n. Chr. unter die Herrschaft der Wandalen. 534 wurde Karthago von Byzanz zurückerobert.

Arabisch-osmanische Herrschaft und französische Kolonialzeit:

Gegen Ende des 7. Jahrhunderts setzte die arabisch-muslimische Eroberung ein. Unter wechselnden islamischen Herrschaften durchlebte das Land zunächst eine durch Kriege und Niedergang gekennzeichnete Epoche. Eine neue Blütezeit brachte im 13. Jahrhundert die Dynastie der Hafsiden. 1574 fiel Tunesien an das Osmanische Reich. Die Verwaltung der Provinz lag in den Händen eines Statthalters; die Amtsübernahme durch Hussain Ben Ali 1705 begründete die Dynastie der Hussainiden, die weitgehend autonom regierte. Durch eine verschwenderische Staatsführung geriet Tunesien im 19. Jahrhundert zunehmend in finanzielle Abhängigkeit von europäischen Mächten. 1883 wurde es französisches Protektorat.

1920 gründeten tunesische Nationalisten die Destur-Partei, von der sich 1934 ein radikaler Flügel unter Führung Habib Bourguibas als Neo-Destur-Partei abspaltete. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erhielt Tunesien als Mitglied der Französischen Union beschränkte Selbstverwaltung; alle weitergehenden Bestrebungen wurden aber zunächst unterdrückt.

Der moderne Staat:

Nach blutigen Unruhen erhielt Tunesien 1955 innere Autonomie und 1956 die Unabhängigkeit als konstitutionelle Monarchie mit Bourguiba als erstem Premierminister. Er setzte 1957 den letzten Bey der Hussainiden ab, machte das Land zur Republik und wurde zum Staatspräsidenten gewählt, der ein autoritäres Regime errichtete. Zunächst verfolgte er eine sozialistische Politik. Die Kollektivierung der Landwirtschaft musste aber 1969 aufgrund des Widerstandes der Bauern abgebrochen werden, so dass eine wirtschaftspolitische Kursänderung notwendig wurde. 1975 ließ sich Bourguiba das Präsidentenamt auf Lebenszeit übertragen.

Seit Mitte der achtziger Jahre legte Bourguiba ein zunehmend sprunghaftes Verhalten an den Tag. 1987 wurde er wegen krankheitsbedingter Amtsunfähigkeit abgesetzt. Der neue Präsident Zine Al Abidine Ben Ali leitete Reformen ein, doch blieben das autoritäre Präsidialregime und die dominierende Stellung der Regierungspartei RCD bestehen. Islamistische beziehungsweise regierungskritische Strömungen wurden rigoros unterdrückt. Erfolge verzeichnete die Regierung in der Bildungs-, Wirtschafts- und Sozialpolitik. Der Präsident wurde bei Wahlen mehrfach im Amt bestätigt, zuletzt 2004.


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