Tansania Zum Gipfel des Kilimandscharo

In sechs Tagen den Gipfel des Kilimandscharo in Tansania erklimmen: Eine Bergtour, die einem nicht nur die Luft zum Atmen nimmt, sondern auch deutlich die Folgen der Klimaerwärmung zeigt.

Das große Abenteuer beginnt mit einem großen Durcheinander. Träger, Fahrer, Bergführer, Köche und Reiseveranstalter wuseln hin und her. Jeeps rumpeln durch das große Tor. Aus ihnen steigen hellhäutige Frauen und Männer aus. Mit Sonnenhüten und Wanderstöcken stehen sie ein wenig verloren in der Szenerie. Von einem stillen Bergerlebnis ist der Auftakt der Wanderung weit entfernt. Hier, am Machame Gate, einem der Zugänge zum Kilimandscharo-Nationalpark in Tansania. 350 Kilometer südlich des Äquators herrscht momentan zwar Trockenzeit, aber am Vortag hat es in Arusha pausenlos geschüttet. Nichts zu sehen vom legendären Schnee des Kilimandscharo. "Das Wetter wird besser werden", verspricht Hosea, während sich die Luft auf 1800 Metern kühl und feucht anfühlt. Der kleine drahtige Mann sucht gerade neun Träger zusammen, die uns in den nächsten sechs Tagen unter seiner Führung begleiten sollen. Denn den Nationalpark darf man nur mit einer Erlaubnis (die teuer ist), Führer und kompletter Mannschaft betreten.
Hosea klatscht in die Hände. "Los geht's", ruft er. Jetzt wird es also ernst. Vom 5895 Meter hohen Gipfel ist immer noch nichts zu sehen. Ständig überholen uns Träger im Laufschritt. Sie rennen den Hang hinauf in den dichten Regenwald hinein, als wollten sie einen Weltrekord im Berglauf aufstellen. Sie schleppen dabei ihr eigenes Gepäck auf dem Rücken und das der Kunden auf Nacken oder Kopf, oftmals 30 Kilo. "Früher waren es 45 Kilo", sagt Hosea, der früher selbst Träger war. Inzwischen hat er sich hochgearbeitet. Zwei- bis dreimal pro Monat bringt er Wanderer zum Gipfel des Kilimandscharo. Von seinem Gehalt lebt die ganze Familie. "Hakuna matata", sagt Hosea auf Swahili. "Kein Stress", das Motto aller Einheimischen, die hier unterwegs sind und sich schon längst über nichts mehr wundern. Dass Menschen um die halbe Welt reisen, um sich freiwillig auf diesen Vulkan zu schleppen, ist dem Stamm der Chagga, der hier lebt, völlig unverständlich. Schließlich lauern da oben nur Kälte, dünne Luft, Übelkeit und harte Steine.

Schon bald schließt sich das Blätterdach des Urwalds über uns. Es wird immer feuchter. Steil windet sich der Pfad den Berg hinauf. Als wir um eine Kurve biegen, stehen wir plötzlich auf einer kleinen Lichtung. Zwischen Farnen und Flechten haben die Träger Tische und Klappstühle aufgebaut. Wir staunen, als Suppe, Hühnchen, Mangosaft und frische Früchte aufgetragen werden - von unserem Kellner Dau. Ein begehrter Job, weil er reichlich Trinkgeld verspricht. Je weiter wir nach oben wandern, desto heller wird es. Das Machame-Camp auf 3000 Metern Höhe ist nach knapp vier Stunden erreicht. Zwischen Bäumen stehen Zelte. Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel. Unter uns brodelt die Nebelsuppe. Wir werden von Dau bereits freudig erwartet. Schüsseln mit warmem Wasser stehen auf dem Boden - zum Frischmachen.

Auf der beliebten Marangu-Route mit ihren bequemen Hütten

Auf einem Felsen sitzend verfolgen wir den Sonnenuntergang. Als wir zum Zelt zurückkommen, ist es schlagartig dunkel geworden. Und ziemlich kalt. Um 6.30 Uhr am nächsten Morgen klopft Dau ans Zelt und reicht heißen Tee zum Warmwerden. Binnen Minuten sind die Zelte verschwunden und wir machen uns mit anderen Mitwanderern auf den Weg den Hang hinauf. Auf unserer Route, einer von rund einem Dutzend am Berg, hält sich der Andrang in Grenzen. Auf der beliebten Marangu-Route mit ihren bequemen Hütten sieht es ganz anders aus: Dort kämpfen sich Menschenmassen den Berg hinauf.
 

Wolken vor dem Kilimandscharo.
Jürgen Bock
Oft ist die Sicht auf den Kilimandscharo durch Wolken versperrt.

Im gleichen Maß wie die Vegetation spärlicher wird, schrumpft der Sauerstoffgehalt in der Luft. Hosea fordert uns alle paar Minuten zum Trinken auf. Die ersten Eiszapfen hängen von den Felsen. Das Shira-Camp liegt auf 3800 Metern Höhe in einer staubtrockenen Steinwüste. Bei einem Spaziergang in die Umgebung treffen wir auf einen mit Steinen markierten Helikopterlandeplatz. Man sollte sich nicht davon täuschen lassen: Bis im Notfall Hilfe aus der Luft eintrifft, können Tage vergehen. Rettung läuft hier handfester ab. Verletzte und Höhenkranke werden auf Drahtwagen mit einem Rad gepackt. So rumpelt es sich dann von Trägern gezogen Richtung Tal.

Durch die globalen Klimaveränderungen schmilzt das Eis rapide

Nach einer weiteren eisigen Nacht geht es am nächsten Morgen weiter bergaufwärts. Bald sind wir nur noch von schwarzen Lavablöcken umgeben. Das Tempo wird langsamer, denn die Höhe fordert ihren Tribut. Am Wegrand sitzen die ersten Wanderer, die keuchend nach Luft schnappen und umdrehen müssen. Der breite Kibo-Gipfel ist ständig im Blick, iIn der klaren Luft wirken die Gletscher zum Greifen nah. Nachdenklich bleibt Hosea stehen und zeigt hinauf. "Seht Ihr die beiden Eisfelder?", fragt er. "Vor 15 Jahren waren die noch verbunden." Durch die globalen Klimaveränderungen schmilzt das Eis auf Afrikas Dach rapide.
 

Eis und Schnee am Kilimandscharo
Jürgen Bock
Durch die globale Erwärmung schmilzt das Eis am Kilimandscharo rapide.

Am vierten Tag wird es steil, gleich nach dem Frühstück. Gut eine Stunde klettern wir mit vollem Körpereinsatz immer weiter nach oben. Als wir an einem kleinen Bach rasten, erklärt uns Hosea, dass dies die letzte Wasserquelle des Tages sei. Das 4600 Meter hoch gelegene Barafu-Camp ist aber noch weit. Die Nacht vor dem Gipfelaufstieg wird kurz. Um Mitternacht setzen wir die Stirnlampen auf und stapfen in einer langen Kolonne durch die tiefschwarze Nacht. Einem Ziel entgegen, das nicht zu sehen ist und unendlich weit entfernt scheint. Die Gespräche verstummen rasch. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Der Kopf brummt, die Schläfen hämmern. Die Lichter der Stirnlampen tanzen. Wie in Trance geht es voran. "Trinkt mehr Wasser", sagt Hosea. Ein langsamer Schritt, ein tiefer Atemzug. Der Hang nimmt kein Ende. Plötzlich tauchen aus der Nacht schemenhaft Umrisse auf. Der Kraterrand, der sogenannte Stella Point, auf 5739 Metern Höhe ist erreicht. Hosea schenkt Tee aus. Er ist zufrieden. "Das Tempo ist gut", sagt er. Er wird sein Gesicht vor den Kollegen nicht verlieren. Der Rest ist ein Gang auf Wolke sieben. Um 6.15 Uhr stehen wir vor dem nächsten Blechschild. Der Gipfel. Eine unscheinbare Erhebung auf der weiten Hochfläche. Zu unseren Füßen liegt der Krater. Bizarre Eisformationen glänzen im ersten Licht des Tages. Eine Mondlandschaft mit weißen Flecken. Andere Bergsteiger haben sich bei ihren Führern untergehakt und lassen sich mit letzter Kraft nach oben ziehen.

Am sechsten Tag der Tour wird wieder das Mweka Gate erreicht

Hosea bläst zum Rückzug. Allzu lange will er uns nicht in dieser Höhe haben. Der Abstieg erfolgt schnörkellos: immer direkt in Falllinie den Schutthang hinunter. Keine zwei Stunden später stehen wir wieder im Barafu-Camp, wo eine Suppe auf uns wartet. Am Mittag geht es weiter bis ins Mweka-Camp an der Baumgrenze, 3100 Meter hoch. Nach diesem langen Tag schlafen alle gut.

Am sechsten Tag unser Tour wir wieder das Mweka Gate. Dort warten nicht nur unsere Rucksäcke auf dem Parkplatz, auch eine große Zahl Colobus-Affen hat sich eingefunden. Plötzlich geht alles ganz schnell. Während uns noch T-Shirt-Verkäufer von allen Seiten bedrängen, halten wir bereits unsere Gipfelurkunden in den Händen. Der Jeep wartet schon. Als uns der Fahrer sieht, bricht er in Gelächter aus. Erst jetzt wird uns bewusst, dass wir uns seit sechs Tagen nicht mehr rasiert oder gewaschen haben. Als wir losfahren, rufe ich laut "Stopp!". Im Getümmel haben wir Hosea verloren. Der sitzt bereits im Bus nebenan, der ihn und seine Leute nach Hause bringen soll. Wir steigen alle aus und verabschieden uns voneinander. Danach geht es hinunter durch die Bananenplantagen nach Arusha.

Tipp: Nach der Tour auf den Kilimandscharo lohnt ein Abstecher auf die Insel Sansibar - zur Erohlung.

Autor

Jürgen Bock