Tansania Das Haus des Nomaden

Elias macht sich auf den Weg. Von der teuren Lodge, in der er arbeitet, in das arme Dorf, in dem er lebt. Zwei Tage Fußmarsch durch Tansanias Savanne, vorbei an hungrigen Löwen und gespenstischen Einsiedlern, mitten hinein in die Heimat von Afrikas berühmtestem Stamm. Seinem Stamm: den Massai. Aber dieses Mal geht er nicht allein.
Massai Tansania Elias

Erst als die Heilerin mein Gesicht in ihre Hände nimmt und unsere Nasen sich beinahe berühren, sehe ich: Sie hat keine Augen. Elias hatte erwähnt, dass sie blind sei. Aber ich war davon ausgegangen, sie würde uns mit milchigen Pupillen begutachten – würde im Nebel etwas erkennen, das andere nicht sehen. Doch da sind keine Pupillen und da ist kein Nebel. Wir sitzen auf dem Boden ihrer Holzhütte, durch deren Wände die Morgensonne wie durch Gitterstäbe fällt, und während die Heilerin mit ihren Fingern nach dem Schmerz in meinem Kiefer sucht, schaue ich in die pinken Schlitze unter ihren Lidern. Sie murmelt etwas. 

„Sie fragt, ob du dich in letzter Zeit geschlagen hast“, übersetzt Elias. Nein, sage ich, nein, schon lange nicht mehr. Die Alte tastet weiter und meine Augen wandern von den Höhlen in ihrem Gesicht

Kitumbene
zu der Kette auf ihrer Brust. Daran hängen zwei bronzefarbene Spiralen. Sie sehen aus wie große Lakritzschnecken, denke ich. Oder wie hypnotische Kreisel. Oder wie das glänzende Augenpaar, das ihr fehlt. Die Heilerin murmelt wieder. „Sie will wissen, ob du in letzter Zeit gestürzt bist“, sagt Elias und lächelt mich an. Wir denken beide das Gleiche. 

Elias und ich kennen uns erst seit einer Woche. Wir trafen uns in einer Lodge am Fuß des Kilimandscharo, wo der Massai als Fremdenführer und Fahrer arbeitete und ich als Gast und Reporter eincheckte. Ich hatte die vage Idee, dort etwas über die Kultur der Massai zu lernen. Die Lodge war aufgebaut wie eines ihrer Dörfer. Die Bomas, so heißen ihre Rundhäuser, thronten wie kleine Schlösser auf den Hügeln der wie von einem riesigen Maulwurf umgegrabenen Landschaft. Alles in der Lodge stand in der Tradition des berühmtesten der mehr als hundert Stämme Tansanias. Die Architektur genauso wie das Programm: Elias brachte mir bei, wie man einen Speer wirft, wie man die Shuka anlegt, das farbenfrohe Gewand der Massai, und wie man eine Ziege richtig schlachtet. Man muss sie erwürgen. So bleibt das Blut im Körper. Der 39-Jährige kniete sich neben ihren offenen Bauch wie ein Leopard am Wasserloch. Als er fertig getrunken hatte, reichte er mir einen Becher warmes Blut. Es schmeckte salzig.   

Eines Morgens fragte mich Elias, ob ich ihn nicht zu Hause besuchen wolle. Er würde bald seine Urlaubstage einreichen, um wie jeden Monat wenigstens einmal von der Lodge über die Großstadt Arusha, wo vier seiner sechs Kinder zur Schule gingen, in sein Heimatdorf zu reisen und den Rest seiner Familie zu sehen. Normalerweise nehme er ein Motorradtaxi, aber mit mir würde er lieber wie früher zu Fuß gehen. Zwei Tagesmärsche durch den Afrikanischen Grabenbruch bis in sein Dorf. Es heiße Olchoro Onyokie. Rote Quelle. Wollte ich ihn vielleicht begleiten? Ich war mir nicht sicher. Natürlich wollte ich wissen, wie die Massai außerhalb der Lodge lebten – wie es hinter dieser Kulisse ihrer Kultur aussah. Außerdem glaube ich fest daran, spontane Einladungen wie diese auf Reisen absolut niemals auszuschlagen. In der Theorie zumindest: Elias hätte mich entzwei brechen können. Seine Hände waren so groß wie Schaufeln und sein Gesicht, wenn er gerade nicht lachte, so grimmig, dass er in jedem Gangsterfilm einen Bösewicht hätte spielen können. Zum Glück lachte er oft. Aber ich wusste einfach nicht, ob ich ihm vertrauen konnte.

Dann hatten wir den Unfall. Wir waren unterwegs auf einer schnurgeraden Schotterpiste, als Elias die Kontrolle über den Land Rover verlor. Der Wagen schlug zuerst nach links aus und dann, als Elias gegenlenkte, um so heftiger nach rechts, wo der Graben lag. Elias trat auf die Bremse, aber es war zu spät: Der Land Rover schlingerte über die Kante, hing den Bruchteil einer Sekunde in der Luft, bevor er sich auf die Seite drehte und in den Graben stürzte. Einen Moment lang war im Wagen nur unser schnelles Atmen zu hören. Dann fragte Elias: „Bist du okay?“ Zwei Mal fragte er noch, bevor wir unsere Gurte lösten und aus dem Fenster kletterten. Wer sich so um dich sorgt, dachte ich, mit dem kannst du durch die Wildnis laufen. 

Wenn das Gras auf der einen Seite austrocknet, packen sie ihr Boma zusammen, treiben ihr Vieh in das Nachbarland und bauen dort ein neues Haus aus Lehm und Dung

Natürlich denken Elias und ich sofort an unseren Unfall, als die Heilerin mich fragt, ob ich gestürzt sei. „Dann kann ich dir nicht helfen“, sagt sie und nimmt ihre Hände von meinem Gesicht. „Du musst ins Krankenhaus.“ Elias und ich bedanken uns für ihren Rat, lassen als Bezahlung ein Päckchen Zucker und ein paar Tausend Schilling bei der der alten Frau und verlassen so schnell es geht ihre Hütte. 

Elias Dorf Tansania
Draußen fangen wir an zu lachen. Ich müsse mir keine Sorgen machen, meint Elias. Zwar wollte er mir die berühmte Heilerin, für die manche Massai tagelang warten, unbedingt heute, gleich am Anfang unserer Reise, zeigen – aber er selbst glaubt nicht an ihre Kräfte. Elias ließ sich direkt vor mir von ihr behandeln. Weil er kein Leiden hatte, erfand er Bauchschmerzen. Die Heilerin tropfte aus einer alten Fantaflasche ein wenig goldenes Öl auf ihre Hände und massierte seinen Leib. Er habe Glück noch am Leben zu sein, sagte sie. Ein Verwandter habe versucht, ihn zu vergiften. Das Attentat sei nur gescheitert, weil der neidische Angehörige vor der Ausführung erfreulicherweise Sex hatte. 

Statt zurück nach Arusha, wo das nächste Krankenhaus ist, laufen wir also tiefer hinein in den Grabenbruch. Oder wie Elias es ausdrückt: „Jetzt bist du im Massailand.“ Das reicht vom Victoriasee im Westen bis zum Kilimandscharo im Osten, ist 500 Kilometer breit und 300 Kilometer lang, und liegt mitten zwischen Tansania und Kenia. Wie vor hundert Jahren dürfen die Massai mit ihren Herden ohne Pass über die Grenze marschieren. Wenn das Gras auf der einen Seite austrocknet, packen sie ihr Boma zusammen, treiben ihr Vieh in das Nachbarland und bauen dort ein neues Haus aus Lehm und Dung.  

Aber ihre nomadische Lebensart, die sie zu einem der bekanntesten Gesichter Afrikas werden ließ, ist am Aussterben. Safariunternehmen, Umweltschutzorganisationen und die tansanische Regierung reißen sich um das Weideland der Massai. „Das Vieh ist knochendürr und ihre Besitzer sind nur noch Skelette“, sagte schon 2005 der damalige Präsident Jakaya Kikwete. „Mit dieser Art von Pastoralismus schaffen wir es nicht weit ins 21. Jahrhundert.”   

Das Land habe sich verändert, erzählt Elias, als wir an diesem ersten Tag durch die Savanne laufen. Es ist ausgedörrt und abgehärtet. „Ein bisschen wie eine Wüste“, sagt Elias, während wir am Rand einer Schotterpiste in Richtung des Berges Kitumbeine wandern, dessen Gipfelgrat wie eine hauchzarte Linie im Himmel vor uns hängt. „Es ist zu heiß und trocken. Ich könnte hier nicht leben.“ Früher habe es hier sogar eine Elefantenherde gegeben, jetzt begegnen wir nur einer Familie Giraffen, deren staubige Hälse sich langsam hinter uns herdrehen. Und einem jungen Massai, der in der Einöde nach einer verlorenen Ziege sucht. Ob wir sie vielleicht gesehen haben? Da drüben habe eine Glocke geklingelt, sagt Elias, und zeigt hinter die verdorrten Bäume, zwischen denen der Junge schnell verschwindet. „Wenn meine Kinder noch dieses Leben führen, während der Rest der Welt schon in der Moderne ist, dann wird es schwierig für sie.“ 

Er erinnerte sich an einen Traum, den er als kleiner Junge gehabt hatte, in dem er eine andere Sprache gesprochen hatte. Es hatte sich so echt angefühlt

Tansania Massai
Elias ist eine neue Art von Massai. Er hat einen Schulabschluss. Er hat nur eine kleine Herde von zehn Kühen, weil er sein Geld hauptsächlich als Guide und nicht als Hirte verdient. Und er hat nur eine Frau. Sein Vater habe sieben gehabt, sagt Elias. In einem Restaurant traf der junge Elias die junge Kellnerin Agnes und verliebte sich in sie. Sie war zwar keine Massai, aber er bat sie trotzdem, ihn zu heiraten – und sie sagte ja. Weil er kein Vieh besaß, zog Elias nach Arusha und suchte sich einen Job als Wachmann. Viele Massai machen das: Sie gelten noch immer als stolze Krieger, die niemals stehlen würden. Vor allem sind sie günstig. 30 000 Schilling verdiente Elias im Monat. Das sind 12 Euro. 20 000 Schilling davon schickte er nach Hause zu Agnes und ihren frisch geborenen Kindern. Er selbst schlief mit den anderen Massai am Straßenrand oder am Flussufer. „Ich lebte wie ein Fuchs“, sagt er. „Du hättest mich sehen müssen, ich war so dünn.“ Er hält seinen Zeigefinger in die Luft. 

Um sich etwas dazu zu verdienen, flocht er nebenbei Frisuren. Eines Tages knotete er das Haar der Tochter einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin der Vereinten Nationen im Stil der Massai und fasste sich ein Herz. Ob sie ihm vielleicht helfen könnte, eine bessere Arbeit zu finden? Die Mutter sagte ja. Zwei Mal besorgte sie ihm eine Stelle und zwei Mal konnte sie Elias nicht rechtzeitig finden. Er hatte ja keine Adresse und ein Handy besaß er erst recht nicht. Als sie ihn das nächste Mal sah, fragte sie ihn: Elias, was brauchst du wirklich? Der Massai dachte lange darüber nach. Er erinnerte sich an einen Traum, den er als kleiner Junge gehabt hatte, in dem er eine andere Sprache gesprochen hatte. Es hatte sich so echt angefühlt. 

„Warum willst du denn zur Schule gehen?“ fragten ihn seine Brüder, als Elias ihnen erzählte, dass er Englisch lernen wollte. „Ein alter Mann wie du, das ist unmöglich! Bitte die weiße Frau lieber um Geld und kauf damit Kühe.“ Die sterben, dachte Elias, aber eine neue Sprache bleibt. Der Anfang war schwer. Er konnte nicht gut schreiben und die Lehrerin wischte immer die Tafel ab, bevor er fertig war. Also lieh er sich das Notizbuch seiner Tischnachbarin aus und schrieb die Lektionen nachts während seiner Schicht als Wachmann ab. Das Geld brauchten er und seine Familie ja trotzdem. Die ersten Monate war er immer müde, aber er biss sich durch den Kurs und machte nach dem Abschluss noch eine Ausbildung zum Fremdenführer und Fahrer hinterher. 

Elias nächstes Ziel ist sein eigenes Safariunternehmen. Er spart für einen Geländewagen – aber einen, der nicht so schnell in den Graben schlittert. Und er wäre gerne Vorsteher seines Ortes. Bei der letzten Wahl überzeugten die anderen Kandidaten die Massai von Roter Quelle, dass Elias ihr Land ganz sicher an die Weißen verkaufen werde, mit denen er immer unterwegs sei. Dabei wollte der vor allem ein kleines Krankenhaus aufbauen und mehr Fächer in der Dorfschule unterrichten lassen. „Ansonsten können sie sich gegen die Investoren, die ihr Land wollen, nicht zur Wehr setzen. Sie wissen ja nur über Kühe Bescheid.“ 

Es heißt, selbst Massai, die in der Stadt arbeiten, schlüpfen abends aus dem Anzug wieder in ihre Shuka. Mehr als andere Völker hängen die Massai an diesen Traditionen. „Sie werden Massai bleiben, aber ihr Leben ein wenig anpassen müssen“, glaubt Elias. Weniger Kühe, weniger Frauen und vor allem weniger Platz, weil überall kleine Orte aus der Erde wachsen. „Also werden sie sich gute Häuser bauen und nebenher noch einen anderen Beruf haben.“ Elias sagt wirklich sie, so als würde er nicht dazugehören. Irgendwie tut er das auch nicht mehr. Er hat beides schon.
Die Massai sehen ihn trotzdem als einen der ihren. Als wir am Ende des ersten Tages den kleinen Ort Kitumbeine am Fuß des gleichnamigen Berges erreichen, grüßen seine Einwohner Elias, der mit seiner Shuka, seiner Allzweckweste, seinem Safarihut und seinen aus Motorradreifen geschnittenen Sandalen wie eine Mischung aus Nomade und Indiana Jones einmarschiert, als wäre er wenigstens ihr Dorfvorsteher. Mich sehen die Massai an wie einen Außerirdischen. Vor einem kleinen Lebensmittelladen hockt sich neben mich plötzlich ein Mann mit einem Kind auf dem Arm. Sein Sohn habe Angst vor Weißen, erzählt er. Der Junge vergräbt sein Gesicht im Nacken des Vaters. Erst nach einer Weile traut er sich, meinen Finger zu greifen. 

Elias erzählte seine Geschichten mit einer Freude, die nur jemand haben kann, der hart dafür arbeiten musste, sie überhaupt auf Englisch erzählen zu können

Hinter dem Ort Kitumbeine beginnt ein Landstrich namens Kazaroho. Am nächsten Morgen suchen Elias und ich uns einen Weg zwischen den kahlen Bäumen, die mit ihrer weißen Rinde wie Geister aussehen. Ich trete in Elias’ Fußspuren, die nicht die einzigen auf dem Weg sind. „Das sind frische Spuren von Löwen“, sagt er und ich schlucke. Einmal sei er diesen Weg nachts nach Hause gelaufen, erzählt Elias, weil er sich den heißen Tagesmarsch ersparen wollte. Und weil der Himmel wolkenlos war, wanderte er im Sternenlicht – bis er auf einmal Zweige knacken hörte. Er schaltete seine Taschenlampe an und der Lichtkegel fand nur einige Schritte entfernt die Mähne eines ausgewachsenen Löwen. Sofort sprang der hinter die Büsche und verschwand. „Er muss unter Schock gestanden haben“, sagt Elias. Ich schlucke wieder. 

Aber ich liebte es, ihm zuzuhören. Elias erzählte seine Geschichten mit einer Freude, die nur jemand haben kann, der hart dafür arbeiten musste, sie überhaupt auf Englisch erzählen zu können. Ich

Giraffen Tansania
fragte und lernte viel. Elias erklärte mir, dass die Massai eine andere Vorstellung von Raum und Zeit haben. Für sie ist jeder Ort, der weniger als einen Tagesmarsch entfernt liegt, gleich um die Ecke. Wenn man sie fragt, wie weit es noch ist, antworten sie dann: „Wir sind ganz nah dran!“ Das Hirtenvolk habe ein Zählsystem für die letzten zehn Jahre, erzählte Elias, alles davor sei apa. Vor sehr langer Zeit. Die Massai glauben, dass die Welt apa von Engai Narok erschaffen wurde. Engai heißt Gott und Narok heißt schwarz. Vom Himmel ließ der schwarze Gott die Kühe mit einem langen Seil auf die Erde sausen und schenkte sie den Massai, weswegen die noch heute manchmal fremdes Vieh stehlen – eigentlich gehören alle Kühe rechtmäßig ihnen, glauben sie.

Er wollte so viel von mir wissen, wie ich von ihm. Elias fragte mich, was ich von Donald Trump hielt und was von Angela Merkel. Und einmal fragte er mich: Wo ist das Ende der Welt? Ich erzählte von einem Dorf am südlichsten Zipfel Patagoniens, in dem ich mich so weit weg von allem gefühlt hatte wie seitdem nie wieder – bis ich merkte, dass er die Frage nicht metaphorisch, sondern wörtlich meinte. Dass er zwar wusste, was auf der Welt passierte, aber nicht, wie sie aussah. Wir hielten an und ich fand im Sand zwei Steine für Erde und Sonne. „Steht die Erde still oder bewegt sie sich?“ fragte Elias und ich ließ den kleinen Stein um den großen kreisen. „Und warum gibt es Länder, in denen es im Winter nie Tag wird?“ Ich versuchte, mich an meinen Physikunterricht zu erinnern, und winkelte den kleinen Stein ein wenig an. „Aber wenn wir uns die ganze Zeit bewegen, warum finden wir uns dann nicht an einem anderen Ort?“ Ich nahm den kleinen Stein fester in die Hand und erklärte ihm, dass wir es nur nicht fühlen würden, weil uns die Schwerkraft auf der Erde festhalte. „Okay, okay, okay, ich verstehe“, sagte er. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er nicht einfach nur weiterlaufen wollte.  

Nach einer Weile nehmen die drei Massaifrauen ihre Kanister und laufen weiter zum großen Wassertank. Der Weg wird sie den halben Tag kosten

Tansania
Gegen Mittag kommen wir an den Brunnen. Er liegt zwischen den vertrockneten Feldern auf den Hängen von Kitumbeine. Die Massai, deren Bomas sich auf den Bergkämmen verteilen, pflanzen hier Mais und Bohnen an, erzählt Elias, weil sie von ihrem Vieh allein schon lange nicht mehr leben können. Aber dieses Jahr gab es so wenig Regen, dass sie keine Ernte einfuhren. Auch die Tränke am Brunnen ist leer. Nur eine verkrustete Schlammschicht liegt auf ihrem Boden. Trotzdem stehen vier Frauen mit drei Eseln und vielen Kanistern an dem Wasserhahn. Elias spricht mit ihnen in Maa, der Sprache der Massai. Schon seit Tagen komme kein Tropfen mehr aus der Leitung. „Aber sie warten dennoch hier. Selbst wilde Tiere wandern schon her auf der Suche nach Wasser.“

Elias würde so gerne helfen. Er hat es versucht: Letztes Jahr kam ihn ein Freund aus Australien besuchen, der Ahnung vom Bauwesen hatte. Gemeinsam brachten sie in der Nähe der Bomas auf den Bergkämmen Wasserhähne an. Damit die Massai nicht mehr den ganzen Tag mit einem Eimer mühsam geschleppten Wassers auskommen mussten. Elias kannte den Australier durch die Kirche. Beide sind Mormonen. Elias’ Freundin von den Vereinten Nationen, auf deren leere Wohnung in Arusha heute seine Kinder aufpassen, brachte ihm den Glauben nahe und vor fünf Jahren schwor er Engai Narok ab. „Aber ein Massai bin ich trotzdem noch“, sagt er. Wir sprachen nicht viel über seinen Sinnenswandel. Ich wollte ihn nicht verstimmen. Ich wusste, dass die Mormonen viele Missionare nach Afrika schickten und es leuchtete mir ein, dass sie besonders versuchten, die Massai zu bekehren – immerhin teilen sie mit ihnen den Hang mehr als eine Frau zu ehelichen. Nur einmal fragte ich Elias, ob er das Buch Mormon nicht schwieriger zu verstehen gefunden habe als die Bibel. Nein, sagte er, beide Bücher habe er ja erst spät gelesen. Das Heilige Land und die Neue Welt müssen ihm, der damals in den Straßen Afrikas schlief, ähnlich sonderbar vorgekommen sein. 

Als der Australier ihn besuchte, kamen alle Massai aus ihren Bomas, und halfen mit, die Leitungen in der Erde zu vergraben. Aber leider fehlten bis heute immer noch einige Rohre und Gelenke, gesteht Elias, das Wasser fließe nach wie vor nur manchmal. Nach einer Weile nehmen die drei Massaifrauen ihre Kanister und laufen weiter zum großen Wassertank. Der Weg wird sie den halben Tag kosten. Eine lange Zeit hören Elias und ich die Glocken ihrer Esel noch über die Bergkämme läuten. „Die Menschen verdursten hier nicht, aber sie leiden“, sagt Elias. „Bitte schreib darüber, mein Freund, wenn du zu Hause bist, damit uns vielleicht jemand helfen kann.“ 

„Willkommen in meinem Zuhause“, sagt Elias, als wir durch den Zaun laufen

Am frühen Abend erreichen Elias und ich Olchoro Onyokie. Wie die Bomas am Brunnen schmiegt sich sein Dorf an einen Berggrat, aber hier oben ist es viel grüner, die Bienen summen und die Kuhglocken läuten. „Die kenne ich doch“, sagt Elias, „das sind meine Kühe!“ Die letzten Meter des Heimwegs dauern am längsten. Er grüßt Nachbarn am Wegesrand, nimmt sich Zeit für jeden, bis wir endlich an seinem Boma ganz am Ende des Dorfes ankommen. „Willkommen in meinem Zuhause“, sagt Elias, als wir durch den Zaun laufen. 

Elias mit Dominik Tansania
Seine Mutter und seine Frau kommen sofort aus dem Haus, um ihn zu begrüßen, aber es ist sein jüngster Sohn, den er am längsten in den Arm nimmt. Der dreijährige Dominik scheint so überrascht, auf einmal vor seinem Vater zu stehen, dass er erst anfängt zu lächeln, als dessen Nase sich in seine Wange drückt. Auch mich lächeln alle an und ich lächle zurück. Sie sprechen kein Englisch und ich spreche kein Maa, aber sie winken mich hinein in das große Haus. Drinnen lassen Elias und ich uns erschöpft auf zwei Gartenstühle fallen und Agnes reicht mir einen Tee mit frisch gemelkter Milch. So wie es bei den Massai Brauch sei, sagt Elias, wenn sie Gäste zu Hause hätten. 

Das Boma ist so ungewöhnlich für die Massai wie Elias. Innerhalb des Zauns aus Ästen stehen drei Häuser. Ein kleines zum Kochen, ein mittleres, in dem seine Mutter und sein Bruder wohnen, und ein großes für Agnes und seine Kinder. Aber das Haus ist nicht rund sondern eckig, statt aus Stroh ist das Dach aus Wellblech, und darauf liegt sogar ein Solarpanel für die Leuchten, die nachts die Leoparden fernhalten sollen. Trotzdem ist Elias mit dem neuen Haus nicht ganz zufrieden, sagt er in seinem Gartenstuhl sitzend, er plane schon das nächste. Dann fängt er an, seiner Familie von unserem Autounfall zu erzählen. 

Kurz vor Sonnenuntergang hockt sich Elias mit Dominik auf die Steine vor seiner Haustür. Gemeinsam schauen sie über die beiden Gehege, in die Elias’ ältester Sohn mittlerweile seine Kühe, Schafe und Ziegen getrieben hat, und über die staubige Savanne, die sich unter ihren Füßen bis zum Horizont ausbreitet. „Elias, würdest du dein Dorf jemals richtig verlassen?“ frage ich meinen neuen Freund und denke, dass ich die Antwort nach zwei Tagen an seiner Seite kenne. Aber ich liege falsch. 

„Ja“, sagt Elias und ist einen Moment still. „Ja, selbst jetzt. Ich bin glücklich, dieses Haus zu haben, aber ich möchte mir noch eins näher an der Stadt bauen. Damit meine Söhne selbst entscheiden können, ob sie hier bleiben oder dorthin ziehen.“ Dann nimmt er Dominik noch einmal in den Arm. Morgen muss Elias schon wieder zurück zur Lodge aber in diesem Moment ist er ganz hier und hört seinem Sohn zu, der ihm von einer Ziege erzählt, die in seiner Abwesenheit weglief. Er küsst ihn und riecht an seinem Kopf, wie nur Eltern es tun. 

Er wird ihn lieben, egal wie er sich entscheidet. 

Autor

Kalle Harberg