Nigeria

Wissenswertes über Nigeria

Natur und Klima:

Nigeria liegt am Golf von Guinea und wird durch den von Nordwesten einströmenden Niger und dessen größten Nebenfluss, den Benue, in unterschiedliche Landschaftsräume geteilt. Hinter der von Lagunen, Sumpfgebieten und Mangrovenwäldern durchsetzten Gezeitenküste zu beiden Seiten des weitgefächerten Nigerdeltas erstreckt sich das bis 150 Kilometer breite Küstentiefland, das bis vor wenigen Jahrzehnten noch mit Regenwald bestanden war.

Heute sind die tropischen Edelhölzer weitgehend abgeholzt und durch Palmenwälder ersetzt. Landeinwärts schließen sich mit dem Yorubaplateau, den Udi Hills und den Oban Hills 300 bis 500 Meter hohe, savannenbedeckte Hügellandschaften an, die nördlich der Vereinigung von Niger und Benue in das über 1000 Meter hohe Nordnigerianische Plateau überleiten. In seinem Zentrum erhebt sich das Jos- oder Bauchiplateau (bis 1781 Meter).

Nach Nordwesten fällt das zentrale Hochland zur Ebene von Sokoto ab, wo weite Sandflächen bereits die Nähe der Sahara erahnen lassen. Nach Nordosten geht es in die Landschaft Bornu an den Ufern des verlandenden Tschadsees über. Die Dornbuschsteppe des Nordens wird hier durch Sümpfe und Schilfdickicht abgelöst. An der östlichen Landesgrenze greifen mit dem Shebshigebirge (bis 2042 Meter) die Ausläufer des kamerunischen Hochlands von Adamaoua nach Nigeria über.

Regenreiches Klima:

Nigeria hat ein tropisches Klima, doch gibt es große regionale Unterschiede. Im Winter dringen heiße, kontinentale Luftmassen als trockener, staubbeladener Saharawind (Harmattan) bis zur Küste vor. Im Sommer gelangen dagegen feuchtwarme äquatoriale Luftmassen nach Norden. Dauer und Intensität der Regenzeit nehmen von Süden nach Norden ab. Im südöstlichen Küstengebiet regnet es von April bis November, die Niederschläge erreichen Werte von über 3000 mm im Jahr.

In den nördlichen Landesteilen beträgt die Regenzeit, zum Teil von Trockenperioden unterbrochen, sechs Monate mit Niederschlagsmengen von weniger als 700 mm. In der Sahelzone im Nordosten kommt es immer wieder zu Dürren. Die durchschnittlichen Jahrestemperaturen betragen im Süden bei hoher Luftfeuchtigkeit 27 Grad, im Norden 29 Grad mit erheblichen täglichen wie jahreszeitlichen Schwankungen.

Bevölkerung:

Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Das starke Bevölkerungswachstum und die rasche wirtschaftliche Entwicklung in den siebziger Jahren hatten große Wanderungsbewegungen vom Land in die ausufernden Städte zur Folge, in denen inzwischen 49 Prozent der Gesamtbevölkerung leben. Das mit Abstand größte Zentrum ist die ehemalige Hauptstadt Lagos im dicht besiedelten Yorubaland. Weitere Ballungsgebiete sind das Ibo-Gebiet sowie die Region um Kano im Norden.

Vielvölkerstaat:

In Nigeria leben mehr als 400 verschiedene Volks- und Sprachgruppen. Die größten sind die vorwiegend im Norden ansässigen Hausa, die Yoruba im Südwesten, die Ibo im Südosten sowie die ursprünglich als Viehzuchtnomaden lebenden, heute jedoch großenteils sesshaften Fulbe. Zwischen den Völkern herrscht starke Rivalität, die sowohl religiöse als auch soziale Ursachen hat: Im Norden ist der Islam vorherrschend, im Süden leben vor allem Christen. Die politische Macht lag lange Zeit in den Händen des Nordens, das wirtschaftliche Übergewicht jedoch im Süden.

Bildung:

Es besteht eine allgemeine neunjährige Schulpflicht ab dem sechsten Lebensjahr. Das Schulsystem gliedert sich in die sechsjährige Grundschule, an die sich die zweistufige allgemein- oder berufsbildende Sekundarschule anschließt. Nach zwölf Schuljahren erreichen die Schüler die Hochschulreife. Das staatliche Bildungswesen weist aufgrund jahrzehntelanger Vernachlässigung jedoch erhebliche Defizite auf. Es mangelt an Lehrkräften und Schulen, der Unterricht ist qualitativ unzureichend, es fehlt - besonders an den Universitäten - an Ausstattung. Immer mehr Kinder aus besser gestellten Familien besuchen daher Privatschulen.

Staat und Politik:

Nach der 1999 in Kraft getretenen Verfassung ist Nigeria eine bundesstaatliche Präsidialrepublik. Der für eine Amtszeit von vier Jahren direkt gewählte Präsident ist Staats- und Regierungschef sowie Oberkommandierender der Streitkräfte. Die Legislative besteht aus einem Zweikammerparlament (Repräsentantenhaus mit 360 Mitgliedern, Senat mit 109 Mitgliedern; Legislaturperiode vier Jahre).

Die Präsidentenpartei People's Democratic Party (PDP) ist die dominierende Kraft in beiden Kammern des Parlaments. Wichtigste Oppositionsparteien sind die All Nigeria People's Party (ANPP) und der Action Congress (AC). Jeder der 36 Bundesstaaten hat eine eigene Regierung unter Führung eines gewählten Gouverneurs sowie ein eigenes Parlament. An der Spitze des unabhängigen Gerichtswesens steht der Supreme Court.

Wirtschaft und Verkehr:

Die tragende Säule der nigerianischen Wirtschaft sind die reichen Erdölvorkommen. Die Exporteinnahmen ermöglichten in den siebziger Jahren einen raschen Wirtschaftsaufschwung. Der allgemeinen Ölpreisverfall Anfang der achtziger Jahre sowie Korruption, Missmanagement und verfehlte Investitionspolitik - vor allem bei prestigeträchtigen Großprojekten - lösten jedoch eine tiefe Krise aus, die eine hohe Auslandverschuldung nach sich zog. Durch den neuerlichen Ölpreisanstieg haben sich inzwischen die Rahmenbedingungen verbessert. Dennoch leben in Nigeria, dem zehntgrößten Erdölexporteur der Welt, rund 70 Prozent der Bevölkerung aufgrund der ungleichen Einkommensverteilung unterhalb der Armutsgrenze.

Landwirtschaft und Industrie:

In der Zeit des Erdölbooms wurde die Agrarproduktion stark vernachlässigt, so dass Nigeria - einst selbst Exporteur - von Nahrungsmittelimporten abhängig wurde. Inzwischen wird die Landwirtschaft wieder mehr gefördert, aber es überwiegen noch immer Kleinbetriebe zur Selbstversorgung. Angebaut werden vor allem Knollenfrüchte, Reis und Sorghum für den Eigenbedarf sowie Kakao, Ölpalmen, Baumwolle, Erdnüsse und Kautschuk für den Export. Viehzucht (vor allem Rinder) wird in den nördlichen Savannengebieten betrieben.

An Bodenschätzen werden neben Erdöl und Erdgas auch Zinn, Kohle und Eisenerz gefördert. Die Industrialisierung erhielt durch den Erdölboom starken Auftrieb. Neben den traditionellen Zweigen wie der Nahrungsmittel- und Textilindustrie entstanden unter anderem Stahl- und Zementwerke, Gasverflüssigungsanlagen, Erdölraffinerien sowie Montagewerke für Kraftfahrzeuge. Einige Industrieanlagen sind aber aufgrund von mangelnder Wartung und fehlendem technischen Know-how nicht mehr betriebsbereit.

Mangelhafte Infrastruktur:

Trotz des Reichtums an Energierohstoffen kommt es in Nigeria immer wieder zu Stromausfällen. Auch der Versorgung mit sauberem Trinkwasser, der Klärung von industriellen Abwässern und der Müllentsorgung wurde bislang kaum Beachtung geschenkt. Das Straßennetz wurde zu Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs ausgebaut, ist heute aber teils in einem schlechten Zustand und für das Verkehrsaufkommen unzureichend. Das Eisenbahnnetz besteht aus den beiden miteinander verbundenen Hauptstrecken Lagos-Nguru und Port Harcourt-Maiduguri. Die Binnenwasserstraßen haben für den Güterverkehr große Bedeutung.

Geschichte:

Frühgeschichte und Kolonialzeit:

Das Gebiet des heutigen Staates zählt zu den ältesten Siedlungsräumen Schwarzafrikas. Im Nordosten entstand das Reich Bornu, im Norden dominierten die Hausa-Staaten. Die Yoruba begründeten im Südwesten die Reiche Ife, Benin und Oyo. Der im 16. Jahrhundert einsetzende Sklavenhandel führte zu einer massiven Entvölkerung in den Yoruba-Gebieten und zu deren politischer Instabilität. Im Norden Nigerias rief 1804 der Fulbe und islamische Gelehrte Usman dan Fodio zum "Heiligen Krieg" auf, durch den das Sultanat von Sokoto begründet wurde.

1861 begann die britische Kolonisierung und Großbritannien brachte in der Folgezeit die gesamte Region unter seine Kontrolle. 1914 wurde eine einheitliche Verwaltung für Nord- und Südnigeria geschaffen. Bereits in den zwanziger Jahren entwickelten sich nationale Bestrebungen. In den fünfziger Jahren erweiterten die Briten die politische Partizipation der Bevölkerung und stärkten die Rechte der Regionen.

Konfliktbeladene Unabhängigkeit:

Am 1. Oktober 1960 wurde Nigeria unabhängig, drei Jahre später Republik. 1966 putschte das Militär. Die Abspaltung der mehrheitlich von den Ibo bewohnten Ostregion als Biafra am 30. Mai 1967 führte zu einem blutigen dreijährigen Bürgerkrieg, der mit der Niederlage der abtrünnigen Provinz endete. Der 1979 begonnene Versuch, nach einer 13-jährigen Phase von Militärregierungen eine Demokratie zu etablieren, scheiterte 1983 mit dem Sturz des zivilen Präsidenten Sehu Shagari durch die Armee.

1985 übernahm General Ibrahim Babangida die Macht. Er setzte sich zum Ziel, die Militärherrschaft allmählich in ein ziviles Regierungssystem zu transformieren. 1991 führte er eine Verwaltungsreform durch und proklamierte Abuja zur neuen Hauptstadt. Die von blutigen Unruhen überschatteten Präsidentschaftswahlen 1993 ließ Babangida annullieren. Danach trat er zurück. Neuer Machthaber wurde General Sani Abacha, der diktatorisch regierte und dessen Repressionspolitik mit der Hinrichtung des Schriftstellers und Umweltschützers Ken Saro-Wiwa und acht weiterer Regimekritiker 1995 einen Höhepunkt erreichte.

Politischer Neubeginn:

Nach Abachas Tod 1998 übernahm General Abdulsalami Abubakar die Staatsführung, der eine Demokratisierung des politischen Systems einleitete. Aus den Präsidentschaftswahlen 1999 ging der frühere Militärmachthaber Olusegun Obasanjo als Kandidat der PDP als Sieger hervor. Am 5. Mai 1999 trat eine neue Verfassung in Kraft. Bei den Präsidentschaftswahlen 2003 wurde Obasanjo im Amt bestätigt.

Die religiösen Spannungen zwischen dem muslimischen Norden des Landes und dem christlichen Süden belasteten das innenpolitische Klima. Ein Konfliktherd blieb auch das Nigerdelta, wo sich die dort tätigen Erdölfirmen mit den wirtschaftlichen und sozialen Forderungen verschiedener ethnischer Gruppen auseinandersetzen mussten. Außenpolitisch bemühte sich Nigeria als regionale Führungsmacht um eine aktive Rolle in der afrikanischen Politik, vor allem bei der Beilegung innerafrikanischer Konflikte. Bei den Präsidentschaftswahlen 2007 konnte Obasanjo gemäß Verfassung nicht wieder kandidieren. Zu seinem Nachfolger wählte die Bevölkerung Umaru Yar'Adua (PDP).