Namibia Das wilde Leben in der Leere

Von kargen Landschaften und wilden Tieren, von zähen Bäumen und deutscher Vergangenheit, von großer Stille, gewaltiger Weite und dem üppigen Treiben im Norden – MERIAN.de-Autor Johannes Klaus fuhr 5000 Kilometer durch Namibia.

Der Köcherbaum krallt sich am Felshang fest. Er trägt große, gelbe Blüten, sie stehen ganz am Ende der gabelförmig wachsenden Zweige. Inmitten der Steine wirken sie wie ein Statement gegen ihre dramatische Lebenssituation: „Schaut her“, rufen sie herausfordernd, „wir sind stärker als die Dürre, zäher als die Sonne, unbezwingbarer als der Fels!“

Dieser Baum steht im Süden Namibias, dort, wo der Fish River über Jahrmillionen den zweitgrößten Canyon der Erde in das karge Plateau getrieben hat. Es gibt hier viele Köcherbäume, sie wachsen an den trockensten Stellen, an steilen Hängen, scheinbar aus dem Stein heraus, als wäre es fruchtbare Erde.

Dieses Jahr fiel kein nennenswerter Regen, und vom Fish River sind nur ein paar Teiche übrig geblieben. Ich wandere durch das trockene Flussbett und folge den Spuren von Klippspringer-Antilopen, Pavianen und Leoparden, die zum Trinken und Jagen an die schwindenden Wasserstellen kommen. Hier im Canyon regiert zwar der tote Stein, trotzdem hat die Natur einen Weg gefunden zu gedeihen. Ein kleiner Vogel, eine winzige Blüte, ja alles, das lebt, wird für mich in dieser grandiosen Szenerie zu einer kleinen Sensation.

Der Zweitgrößte Canyon der Welt

Der Fish River Canyon ist die erste Station meines Roadtrips durch Namibia. Von Süd nach Nord werde ich das riesige Land im Südwesten Afrikas durchqueren – über 5000 Kilometer auf meist sandigen Schotterstraßen, die sich immer wieder schnurgerade im Horizont verlieren. Jetzt passiere ich Seeheim, ein kleiner Ort an einer Kreuzung, der kaum mehr als einen verlassenen Bahnhof bietet. Dass ein Land so einsam sein kann. Auf der Fahrt durch Namibia winken keine Kinder vom Wegesrand, keine Hirten wachen über die kleinen Schaf- und Ziegenherden, die sich gelegentlich im Schatten eines der seltenen Bäume drängen. Ich bin allein.

Mein Blick schärft sich. Ein paar Oryx-Antilopen mit ihren mächtigen Hörnern grasen, von meinem Auto gänzlich unbeeindruckt, vor sich hin; erst als ich langsamer werde, schauen sie wachsam auf. Die schwarz-weißen Streifen auf ihrem Gesicht sind eine eindrucksvolle Kriegsbemalung. Am Wasserloch zeigen sie den weitaus zierlicheren Springböcken, wer das Sagen hat. Doch zu mir halten sie lieber respektvollen Abstand – und ich zu ihnen.

Bergzüge wachsen unvermittelt aus der sandigen Ebene heraus, die Straße führt direkt darauf zu, um im letzten Moment nach links und rechts abzudrehen. Unwirklich und faszinierend wirken sie aus der Ferne, als wären wir auf einem fremden Planeten gelandet. Je näher ich komme, desto mehr verlieren sie ihren Reiz; als hätte ein Kind im Sandkasten ein bisschen Schutt aufgehäuft. Zufällig und bröckelnd, manchmal glänzend schwarz oxidierend, oft nur Geröll.

Viel Platz, wenig Einwohner

Diese Leere, das Fehlen an Dingen, beruhigt mich. Es gibt nur mich und die Straße, und J. J. Cale singt dazu einen kongenialen Soundtrack: „Call me the breeze...“ Alle paar Stunden kommt mir ein Fahrzeug entgegen, ich sehe es schon von weitem an der weißen Wolke, die es aufwirbelt. Man grüßt sich im Vorbeifahren – die Abwesenheit anderer Menschen schafft Verbundenheit. Jeder ist auf den Anderen angewiesen. Nur gut zwei Millionen Menschen leben in diesem Land, das mehr als doppelt so groß ist wie Deutschland. Und die meisten Einwohner konzentrieren sich auf die handvoll Städte und den hohen Norden, wo Namibia an Angola, Sambia und Botswana grenzt. 

Plötzlich steht die junge Nama mit ihren zwei Kindern am Straßenrand. Ndamona lächelt verwundert, als sie in den verstaubten Kofferraum meines Geländewagens  klettert. Sie will zurück nach Utuseb, wohin sie vor vier Jahren nach der Hochzeit mit ihrem Mann gezogen ist. Das ist zumindest das, was ich verstehe, denn unsere Kommunikation ist dank meines kompletten Unwissens der Sprachen Nama oder Afrikaans auf ihre drei Brocken Englisch sowie eine expressive Körpersprache beschränkt. Ihre Tochter Anna, sie mag drei Jahre alt sein, steigt hinten ein. Der einjährige Pieter darf mit auf den Beifahrersitz. Seine großen Augen, die mir erst verwundert beim Fahren zusehen, fallen bald mit der gleichmäßigen Bewegung des Autos zu.

C34 bei Sesfontein Namibia
Gerald Hänel
Geradeaus in die Einsamkeit: auf der C34 bei Sesfontein.
Im größten Teil Namibias gibt es keinen öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Ich sehe keinen Bus, der zwischen den Orten verkehrt, und auf der Zugstrecke werden hauptsächlich Waren transportiert – zu weitmaschig und zu marode ist das Schienennetz, das in seiner Grundstruktur noch aus Kolonialzeiten stammt. Auch Taxis sehe ich nur vereinzelt in den größten Städten. Wer sich nicht den Luxus eines Autos leisten kann, stellt sich an den Straßenrand und wartet darauf, mitgenommen zu werden. Je nach Länge der Strecke zahlt der Passagier einen Anteil am Benzingeld.

Man müsste ein recht herzloser Mensch sein, all die Schuljungen in ihren Uniformen, die alten Männer und besonders die jungen Mütter mit ihren kleinen Kindern in der Hitze stehen zu lassen, gerade in den Gegenden, wo nur dann und wann ein Auto die Straße entlang kommt. Erstaunt schauen sie aber schon, wenn sich der Fahrer als deutscher Tourist entpuppt. Mancher zögert zwar kurz, bevor er ins Auto klettert – abgelehnt wird das Mitfahrangebot aber nie.

On the Road again

Etwa zweihundert Kilometer später haben wir das Heimatdorf der kleinen Familie erreicht. „Nein, Dankeschön“, sage ich, „diese Fahrt gibt es gratis, have a nice day!“ Wie schön, mit so wenig Aufwand ein Strahlen ins Gesicht der Fahrgäste zu zaubern. Nach einer kurzen Verabschiedung geht mein Roadtrip weiter.

Hotel
Gregor Lengler
Wer das Deutsche sucht, wird es in Namibia finden
Niedersachsen und Schlesien liegen hier direkt nebeneinander. Die deutsche Kolonialzeit, sie hat deutliche Spuren hinterlassen, wie die Namen dieser beiden benachbarten Farmen, an denen ich gerade vorbeifahre. Ich bin zunächst etwas peinlich berührt. Ist so viel Deutschsein mitten in Afrika korrekt? Was soll man von Familien halten, die über Generationen die Sprache ihrer Urgroßeltern bewahren? Es kommt mir falsch vor, als würde es unsere Vergangenheit verbieten. Gleichzeitig übt die Kolonialzeit eine romantische Faszination auf mich aus. Und es ist spannend zu sehen, wie sich hier eine Gesellschaft aus den verschiedensten Kulturen mischt, Kräfteverhältnisse und Rollen neu verteilt werden. Auch wenn ihre Zahl schrumpft: Die deutschstämmigen Namibier prägen nach wie vor das Land, vor allem im Tourismus.

Menschen, Tiere, Sensationen

Keine der großen Sehenswürdigkeiten lasse ich mir entgehen. Viel Zeit muss man dafür mitbringen, denn diese Orte sind oft mehrere Tagesreisen voneinander entfernt. Ein Abstecher nach Kolmannskuppe, der Geisterstadt der Diamantengräber, bringt mich an die Küste, kräftig fegt der Wind den Sand der Namibwüste über die Straßen. Weiter nach Sossusvlei, dem Platz in den gewaltigen Dünen, der in seiner außerweltlichen Stimmung die oft gesehenen Fotografien weit übertrifft. Dann Swakopmund mit dem bizarren Charme eines deutschen Nordseebads und im Landesinneren die Jahrtausende alten Felsgravuren und -malereien bei Twyfelfontein und am Brandberg. Und natürlich der Etosha-Nationalpark: Hier sammeln sich die Tiere nach der langen Trockenperiode an den künstlich angelegten Wasserlöchern, begleitet vom Klicken der Digitalkameras der Touristen, die immer und immer wieder ihre Objektive aus den Jeeps und den Reisebussen stecken. Ich klicke mit. Zoo-Atmosphäre.

Drei Wochen fahre ich schon durch Namibia. Drei Wochen, in denen ich zu zweifeln beginne, ob Grün hier überhaupt existiert. Die Natur präsentiert sich fast nur in  Staubweiß, Gelb-, Ocker-, Rot- und Grautönen – bis hin zum glänzenden Schwarz oxidierender Felsen. So fesselnd wie die Leere, die Stille, die Weite die monumentale Kargheit eine Zeit lang auch ist – es kann auch deprimieren. Mir fehlt die Vielfalt, das Leben!

Wüste versus grüne Oase

Doch dann, weit oben im Nordosten, zeigt sich Namibia von einer neuen Seite. Westlich fließt der Okavango von Angola nach Botswana, im Osten bildet der Sambesi die Grenze nach Sambia. Erstaunt schweift mein Blick über eine Landschaft, die so ganz anders ist als der Rest des Landes: üppig, feucht und, ja, grün! Meine Augen können sich nicht satt sehen an dieser so kraftvoll wuchernden Natur. Hier im Caprivi-Streifen, einer schmalen Landzunge, die heute offiziell Sambesi-Region heißt, schöpft sie aus dem Vollen. Riesige Elefantenherden trampeln durch das Wasser der Flüsse, eine große Familie Nilpferde taucht hastig ab, als sie mich bemerkt, dazu das Pfeifen, Hämmern und Quietschen der unzähligen Vögel, das vergnügte Gackern der Affen in den Ästen. Das brauchte es noch, um mich endgültig in Namibia zu verlieben.

Mehr Infos und Reportagen aus Namibia gibt's im neuen MERIAN-Heft, ab dem 23. Januar im Handel.

Autor

Johannes Klaus