Äthiopien

Wissenswertes über Äthiopien

Doch in den vergangenen Jahrzehnten wurde das einst blühende christliche Reich am Schnittpunkt großer Kulturen zum Symbol für Hungersnot und Armut. Krieg, Terror und Dürre brachten großes Leid über die Bevölkerung. Einer politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung stehen auch nach dem Ende des langjährigen Bürgerkriegs viele Hindernisse entgegen.

Natur und Klima:

Äthiopien ist der am höchsten gelegene Flächenstaat Afrikas, die Hälfte seines Territoriums liegt über 1200 Meter, ein Viertel sogar über 1800 Meter Höhe. Das Landesinnere wird vom Äthiopischen Hochland eingenommen, das im Ras Dashen mit 4620 Meter seinen höchsten Punkt erreicht. Die großen Flüsse haben tiefe Cañons in das Hochland gegraben und zum Teil bizarr geformte Tafelberge, sogenannte Ambas, abgeteilt. Der Blaue Nil, der den Tanasee im Nordwesten des Landes durchfließt, hat sich dabei nicht nur durch die vulkanischen Decken, sondern auch durch die darunter liegenden Sandsteine und Kalke in das kristalline Grundgebirge hineingefressen.

Der markanteste Einschnitt ist der von Südwest nach Nordost verlaufende Grabenbruch, die Fortsetzung des Ostafrikanischen Grabensystems, durch den das Hochland in ein größeres nordwestliches und ein kleineres südöstliches Tafelland zerschnitten wird. Dieses senkt sich Richtung Südosten in der Landschaft Ogaden allmählich zu den weiten Flächen der Somalitafel. Nach Nordosten erweitert sich der von einer Kette abflussloser Seen und junger Vulkane durchzogene Äthiopische Graben trichterförmig zum teilweise unter dem Meeresspiegel liegenden Danakiltiefland. Tiefster Punkt der Senke mit abflusslosen Salzseen, Sümpfen und Geysiren ist die Kobar-Depression.

Von tropisch heiß bis schneebedeckt:

Äthiopien liegt im Bereich tropischen Klimas, doch werden die Temperaturen nicht von der geografischen Breite, sondern von der Höhenlage bestimmt. Charakteristisch ist der Gegensatz zwischen dem gemäßigten, regenreichen Hochland und den heißen, trockenen Tiefebenen.

Als Kolla bezeichnet man die heiße Zone des Hochlandes bis zu einer Höhe von 1800 Metern, die bei mittleren Temperaturen von 26 bis 30 Grad weniger als 500 mm Regen im Jahr erhält. Daran schließt sich die warmgemäßigte Woina Dega mit durchschnittlichen Jahrestemperaturen von 22 Grad und Niederschlägen bis 1000 mm an. Hier liegt das wirtschaftliche Kerngebiet Äthiopiens. Die einst dichten Wälder wurden gerodet und in Ackerland umgewandelt. Ab 2400 Meter folgt die Dega, die wegen ihres kühlgemäßigten Klimas mit Durchschnittswerten von circa 16 Grad und 1800 mm Niederschlägen für den Getreideanbau und die Weidewirtschaft genutzt wird. Die oberste Klimastufe bildet die kühle Tschoke in über 3600 m Höhe, in der die Niederschläge auch als Schnee fallen.

Die Regenzeit dauert in den meisten Gebieten von Juni bis September. Nach Norden und Osten nimmt die Zahl der Trockenmonate zu. Das Danakiltiefland und das Hochland Ogaden haben Wüstencharakter.

Bevölkerung:

Äthiopien zählt zu den bevölkerungsreichsten Ländern Afrikas. Die Einwohnerzahl hat sich in 30 Jahren trotz der Kriege und Hungerkatastrophen mehr als verdoppelt. Die Mehrheit lebt in der Woina Dega, in kleinen Dörfern ohne fließendes Wasser oder Elektrizität. Hier liegt auch die einzige Metropole des Landes, Addis Abeba. In den achtziger Jahren kam es auf Regierungsbeschluss zu Zwangsumsiedlungen aus den überbevölkerten und von Dürrekatastrophen heimgesuchten Hochlandregionen in die kaum besiedelten Tieflandregionen.

Vielvölkerstaat:

Die Bevölkerung setzt sich aus mehr als hundert Nationalitäten und ethnischen Gruppen zusammen, dementsprechend hoch ist auch die Zahl einheimischer Sprachen und Dialekte. Seit dem 13. Jahrhundert bestimmte jedoch die Minderheit der Amharen, Anhänger des äthiopischen-orthodoxen Christentums, die Geschicke des Landes. Sie lebt wie die christlichen Tigray, das herrschende Volk während des Aksum-Reiches, im nordwestlichen Hochland, wo sie Ackerbau und Viehwirtschaft betreiben. Im südöstlichen Hochland leben die teils christlichen, teils islamischen Oromo. Ein Teil von ihnen sind Bauern, Andere sind wie die Somal im Ogaden oder die Afar im Danakiltiefland reine Hirtennomaden.

Bildung:

Mit einem nationalen Alphabetisierungsprogramm und internationaler Hilfe wurde in den vergangenen Jahrzehnten versucht, den immensen Bildungsrückstand abzubauen. Dennoch können bis heute rund 50 Prozent der männlichen und mehr als 70 Prozent der weiblichen Einwohner weder schreiben noch lesen. Das Bildungssystem umfasst zehn allgemeinbildende Schuljahre. In zwei weiteren sich anschließenden Schuljahren erfolgt eine Differenzierung, die zur Hochschulreife führt oder auf die Arbeitswelt vorbereitet.

Der Unterricht, der in Amharisch oder einer regionalen Sprache gehalten werden kann, ist gebührenfrei, aber keine Pflicht. Durch Gründung neuer Universitäten und Hochschulen soll die Zahl der Studenten, die 2000 nur etwa ein Prozent der entsprechenden Altergruppe betrug, massiv erhöht werden.

Nach der am 22. August 1995 in Kraft getretenen Verfassung ist Äthiopien eine föderale Republik. Der Präsident wird für sechs Jahre vom Parlament gewählt - einmalige Wiederwahl ist möglich - und hat überwiegend repräsentative Aufgaben. Die exekutiven Befugnisse liegen beim Ministerpräsidenten. Neben dem Rat der Volksvertreter mit maximal 550 Abgeordneten besteht noch eine zweite Kammer, der Bundesrat, dessen maximal 120 Mitglieder die Regionen und Ethnien vertreten. Das regierende Parteienbündnis Äthiopische Volksrevolutionäre Demokratische Front (EPRDF) ist die alles dominierende politische Kraft. Höchste juristische Instanz ist der Oberste Bundesgerichtshof.

Äthiopien ist eines der ärmsten Länder der Welt. Noch immer hat sich die auf dem Agrarsektor basierende Wirtschaft vom Bürgerkrieg nicht erholt. Zudem hemmen Dürrekatastrophen sowie das Bevölkerungswachstum die wirtschaftliche Entwicklung. Zwar wird der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft vorangetrieben, doch hat dies bislang zu keiner spürbaren Besserung der Lebensbedingungen geführt. So ist das Land auch weiterhin von internationalen Geldgebern und umfangreichen Nahrungsmittellieferungen abhängig.

Etwa 80 Prozent der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft. Es überwiegen kleinbäuerliche Betriebe, die für die eigene Versorgung vor allem Teff - eine Hirseart -, Hülsenfrüchte, Jams und Ensete-Bananen anbauen. Nur ein geringer Teil der Produktion wird vermarktet. Wichtigstes Exportgut ist der Kaffee, der zum größten Teil immer noch von den wild wachsenden Sträuchern in den Bergwäldern von Kaffa im Südwesten gepflückt wird. Große Bedeutung hat auch die Viehwirtschaft, die neben Milch und Fleisch für den Inlandsbedarf auch Häute für den Export liefert. Ausbleibende Regenfälle, insbesondere in den nördlichen Landesteilen, sowie die fortschreitende Auslaugung, Verkarstung und Erosion der ehedem fruchtbaren Böden führen jedoch immer wieder zu dramatischen Ernteausfällen und zum Rückgang des Viehbestandes.

Die Industrie stützt sich vor allem auf die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte (Nahrungsmittel, Textilien, Lederverarbeitung), doch ist sie ebenso schwach entwickelt wie die Infrastruktur und der Bergbau. Bisher werden nur in geringen Mengen Gold, Platin und Kupfer gewonnen. Hauptenergielieferant ist die Wasserkraft.

Seit der Unabhängigkeit Eritreas ist Äthiopien ein Binnenland ohne einen direkten Zugang zum Meer. Umschlagplatz für den größten Teil des äthiopischen Außenhandels ist Djibouti am Golf von Aden, mit dem Addis Abeba über die einzige Eisenbahnlinie des Landes verbunden ist.

Geschichte:

Christliches Königreich:

Um 400 v. Chr. wanderten Stämme aus Südarabien in das ehemals unter ägyptischem Einfluss stehende Gebiet ein und gründeten im 1. Jahrhundert n. Chr. das Reich Aksum. Um 350 wurde das Land christianisiert und stieg in der Folgezeit, dem vordringenden Islam trotzend, zu einer regionalen Macht auf. Seit dem 13. Jahrhundert war Äthiopien ein Gesamtstaat unter dem Negus Negesti ("König der Könige") und mehreren Statthaltern (Ras). Das christliche Königreich musste im Verlauf der Jahrhunderte zwar Gebietsverluste hinnehmen, war aber unter anderem dank portugiesischer Hilfe gegen islamische Angriffe im 16. Jahrhundert in seiner Einheit zunächst nicht gefährdet. Erst im 18. Jahrhundert zerfiel Äthiopien in Teilfürstentümer. Im 19. Jahrhundert bildete sich aber wieder eine starke Zentralgewalt heraus; Menelik (II.) konnte sogar die Ansprüche der europäischen Kolonialmächte abwehren.

Die Ära Haile Selassie:

1930 erfolgte die Kaiserkrönung Haile Selassies (I.). Als Äthiopien 1935/36 durch Italien erobert wurde, musste er nach England ins Exil gehen. Bis 1941 bildete Äthiopien mit Eritrea und Somalia die Kolonie Italienisch-Ostafrika. Mit Hilfe der Engländer konnte der Kaiser im Mai 1941 nach Addis Abeba zurückkehren. Aufgrund eines Uno-Beschlusses von 1950 wurde Eritrea 1952 als Teilstaat an Äthiopien angeschlossen und 1962 von Haile Selassie annektiert. Der Kaiser bemühte sich um eine Modernisierung. Die feudale Gesellschaftsordnung wurde jedoch nicht angetastet. Nach einer Hungerkatastrophe entmachtete das Militär 1974 Haile Selassie und proklamierte 1976 eine sozialistische Volksrepublik.

Diktatur und Demokratisierung:

Aus inneren Machtkämpfen ging Mengistu Haile Mariam als Sieger hervor. Mit dem Staatsstreich brachen auch die seit langem schwelenden Gegensätze im Land wieder auf. Neben zahlreichen Rebellengruppen kämpfte in Eritrea eine Unabhängigkeitsbewegung gegen das Mengistu-Regime. Mit Somalia kam es zum Konflikt um Ogaden.

1987 wurde eine Verfassung nach sowjetischem Vorbild erlassen. 1991 gelang den Rebellen der Sieg im Bürgerkrieg. 1993 wurde Eritrea in die Unabhängigkeit entlassen. 1995 fanden erstmals Wahlen statt. Deutlicher Sieger, wie auch bei allen folgenden Wahlen (zuletzt 2005) war die EPRDF, zu der sich die Mehrzahl der Befreiungsorganisationen zusammengeschlossen hatte. Ministerpräsident wurde Meles Zenawi (EPRDF), seit 1991 bereits interimistisches Staatsoberhaupt. Von 1998 bis 2000 kam es zum Grenzkrieg mit Eritrea, der rund 80.000 Tote forderte. 2001 wählte das Parlament Girma Wolde Giorgis zum Staatspräsidenten. Dürrekatastrophen beeinträchtigten die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Die Beziehungen zu Eritrea und Somalia blieben gespannt. 2006 intervenierte Äthiopien militärisch in Somalia, um die dortigen islamistischen Kräfte auszuschalten.