Seychellen Von Insel zu Insel zu Insel

Bucht auf Mahé

Bereits um sieben Uhr morgens herrscht großes Gedränge am Inter Island Terminal auf Mahé. Es wird geschnattert und gewunken, Münzen klimpern an den Ticketschaltern, Fahrkarten werden abgeknipst, und der Kampf um die besten Plätze auf dem Oberdeck der "Cat Cocos"-Fähre beginnt. Ein Guide mit kurzen Hosen und Sonnenbrille ist bemüht, seine Gruppe aus europäischen und asiatischen Touristen zusammenzuhalten. Die Aufregung ist groß, schließlich soll es an diesem Tag über den Indischen Ozean zu den anderen Prachtinseln der Seychellen gehen. Dazwischen sitzt mit stoischer Ruhe ein Dutzend Einheimische, die mit Stöpseln im Ohr oder einem Buch in der Hand versuchen, sich nichts anmerken zu lassen. Für sie ist es ein ganz normaler Tag auf dem Weg zur Arbeit – an einem Ort, den wir salopp als Paradies bezeichnen.

Vermutlich hat die Reisegruppe in den vergangenen Tagen bereits die Hauptinsel Mahé erkundet. Sie war oben bei den süß duftenden Zimtbäumen, um die Aussicht auf das wilde Grün und das ewige Blau vom Holzpavillon der alten Mission Lodge zu genießen. Sie hat wahrscheinlich die kreolische Küche probiert, Papayas im unreifen Zustand als Gemüse und im reifen als Obst verköstigt und ihre Gaumen mit Banane in Kokossoße sowie exotischen Fruchtcocktails aus Guave und Sternenfrucht beschenkt. Und vielleicht waren die Touristen auch zu Besuch in der lebendigen Markthalle von Victoria, dem wohl einzigen Ort auf den Seychellen, an dem die Einheimischen beim Feilschen und Verkaufen selbst so etwas Ähnliches wie Hektik andeuten.

Die Seychellois haben keine Eile, manche besitzen nicht mal eine Uhr

Viele Seychellois sagen, das Leben in der kleinsten Hauptstadt Afrikas - mit gerade einmal 27.000 Einwohnern - sei in den vergangenen Jahren zunehmend stressiger geworden. "Früher reichte uns eine Ampel, um den Straßenverkehr zu regeln – inzwischen mussten wir eine zweite installieren." Während Paul diese Anekdote erzählt, kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Ja, sie sind sich ihrer inneren Ruhe bewusst, spielen mit ihr. Einige Seychellois besitzen angeblich nicht einmal eine Uhr. Dass die Touristen hier ein bisschen Leben ins Spiel bringen, findet Paul gut. Der 38-Jährige sitzt auch auf der Fähre, er ist einer der Tourguides. Wie viele Seychellois lebt auch er vom Tourismus. Fast Dreiviertel des Bürgereinkommens stammen aus diesem Wirtschaftszweig. Und die Gründe sind offensichtlich.

Banyan Tree Seychelles
Banyan Tree Seychelles
Das Hotel Banyan Tree bietet vom Pool einen tollen Ausblick auf das Meer.
Die Strände der Seychellen sind ihr Kapital. Nicht ohne Grund wird die Anse Intendance auf Mahé, an deren grünen Uferhain sich die Privatvillen des Luxusresorts "Banyan Tree" schmiegen, regelmäßig zu einem der weltschönsten Strände gewählt. Four Seasons, Hilton, Kempinski – die "big player" der Hotellerie haben sich ihre Plätze an den prächtigsten Uferzeilen längst gesichert, was der Inselgruppe den Ruf als Luxusdestination eingebracht hat. Daneben aber finden sich an weniger berühmten Stränden - aber nicht weniger schönen - auch günstigere Gasthäuser und Pensionen mit familiärer Atmosphäre. Trotzdem haben die Seychellen, keine Frage, ihren Preis. Bei den Lebenshaltungskosten muss der Urlauber schon mal schlucken, zum Beispiel dann, wenn er für eine erfrischend-saftige Wassermelone umgerechnet bis zu sechs Euro zahlen soll.

Anse Source d'Argent
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Puderzuckersand am Anse Source d'Argent.
Die "Cat Cocos" nimmt Kurs auf La Digue. Eine gute Stunde ist die Fähre über das seichte Glitzerwasser der Inneren Seychellen gefedert, bis zum ersten Mal die massiven Granitsteine zum Vorschein kommen. Mit der Anse Source d'Argent beherbergt La Digue ohne Zweifel einen der bekanntesten Strände der Welt. Das Zusammenspiel aus kristallklarem Wasser, Puderzuckersand und den einzigartigen Felsformationen hat die Seychellen berühmt gemacht. Eine Hochglanzbroschüre über den Inselstaat wäre ohne Foto von der Anse Source d'Argent nicht komplett.

Einen nostalgischen Ochsenkarren besteigen oder sich ein Fahrrad mieten

Um vom Anleger dorthin zu gelangen, besteigt man entweder einen der nostalgischen Ochsenkarren, die bis vor 15 Jahren die einzigen Verkehrsmittel auf der einst autofreien Insel waren, oder man mietet sich in der kolonial anmutenden Häuserzeile hinter dem Kai ein Fahrrad. Der sandige Weg führt durch den Naturschutzpark L'Union Estate, vorbei am Friedhof der ersten Siedler aus dem 19. Jahrhundert, einem traditionellen Steinofen samt angeschlossener Ochsenmühle, mit denen noch heute Kokosöl hergestellt wird.

Zugegeben: Seine Berühmtheit macht den Strand auch zu einem der lebhaftesten auf den Seychellen. Doch dank der naturgegebenen Struktur mit mehreren kleinen Buchten, die durch Granitfelsen voneinander abgeschirmt sind, findet sich immer noch ein schattiges Plätzchen, das man – fast – für sich alleine hat. Ganz in der Nähe faulenzen nämlich weitere Müßiggänger: Im Hinterland des Strandes ragen mächtige Brotfruchtbäume in den Himmel, in deren Schatten es sich zur Mittagszeit Riesenschildkröten gemütlich machen.

Coco de Mer
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Bekannt für die Seychellen: Coco de Mer.
Auch auf der Nachbarinsel Praslin, nur rund 15 Fährminuten von La Digue entfernt, sind Riesen zu Hause. Im wild wuchernden Vallée de Mai, das zum Weltnaturerbe der Unesco zählt und sich auf einem gemütlichen Spaziergang erkunden lässt, wächst die größte Kokosnuss der Welt. Coco de Mer ist eine der zahlreichen endemischen Pflanzenarten, die nur hier auf den Seychellen zu finden sind. Sie hat in der Regel einen Durchmesser von 30 Zentimetern und kann in Einzelfällen bis zu 40 Kilogramm schwer werden. "Bekannt wurde die Coco de Mer lange vor der Entdeckung der Seychellen", erzählt Paul. "Die Früchte wurden über den Ozean an ferne Ufer getrieben. Und weil keiner wusste, wo die Riesenkokosnuss herkam, tauften die Menschen sie 'Kokosnuss des Meeres'. Sie glaubten, sie würde im Meer wachsen."

An der Anse Lazio, einem der Bilderbuchstrände Praslins, neigt sich der Nachmittag langsam dem Ende. Noch eine Stunde bis zur Abfahrt der letzten Fähre zurück nach Mahé. Kein Touristengewusel, keine Aufregung. Die Kellner des kleinen Strandrestaurants bedienen eine Handvoll Gäste, setzen sich zu ihnen, halten ein Pläuschchen. Und auch Simon hat wahrscheinlich schon anstrengendere Arbeitstage erlebt. Er sitzt auf seinem roten, mit Palmenblättern gedeckten Hochstuhl, die verspiegelte Sonnenbrille auf der Nase, und schaut durchs Fernglas - "Baywatch" auf entspannte Art und Weise. Draußen im seichten Wasser schwimmen acht, vielleicht zehn Köpfe, auf die der junge Rettungsschwimmer ein Auge hat. Ein Pärchen schlendert am Ufer entlang, ein paar Kinder spielen im Sand. Auf die Frage, um wie viel Uhr er Feierabend hat, antwortet Simon: "Das weiß ich nicht. Ich habe keine Uhr bei mir. Ich sitze hier, bis die Sonne untergeht." Das sagt er so, als wäre es das Normalste auf der Welt. Und wahrscheinlich ist es das auch – ein ganz normaler Arbeitstag an einem Ort, den wir salopp als Paradies bezeichnen.

Autor

Christoph Pfaff