Südafrika - Namibia Offroad mit dem Jeep

Noch etwas Tomatenmark an die Soße, ist sie nicht immer noch zu hell? Der Felshummer beginnt weiß zu werden; er muss also gleich fertig sein. Trotzdem ist meine Vorspeise noch zu flüssig. Und das werden nicht nur meine Gäste merken. Kameras zeichnen unbestechlich auf, was in der Küche passiert. Ich bin Teilnehmer der Dokusoap "Das perfekte Dinner". Eine Woche lang sind meine Mitbewerber und ich jeden Abend um 19 Uhr in deutschsprachigen Wohnzimmern präsent.

In einem kleinem Vorort von Zürich erholt sich Labor-Leiterin Irene gerade von den Folgen eines Reitunfalls. Schulter-OP‘s sind kompliziert, jetzt sind Ruhe und Schonung angesagt. Was tun mit der Langweile? Ziellos zappt sich irene durchs Fernsehprogramm. Beim "perfekten Dinner" bleibt sie hängen, denn die Show spielt in dieser Woche in Südafrika. Dort hat sie bereits ein dutzend Mal Urlaub gemacht. Wow, da kochen Deutsche, die in Kapstadt leben. Sie beginnt die Show mit zunehmendem Interesse zu verfolgen. Jeden Abend. Am Ende beschließt sie spontan einem der Kandidaten, der ihr besonders gut gefallen hat, eine nette Mail mit Foto zu schicken – mir. Der mailkontakt wird im Laufe der Zeit immer intensiver und schließlich von Telefonaten über das Internet abgelöst. Toll, erstmals Irenes Stimme zu hören. Ihr Schweizer Dialekt klingt irgendwie sexy. Wir diskutieren über Gott und die Welt, das Leben und die Liebe. Was sich wie ein paar Minuten Konversation anfühlt, dauert meist länger als eine Stunde – und unsere Ohren glühen. Wenig später ist Irenes dreiwöchiger Resturlaub verplant: Sie hat Lust auf Abenteuer und bereits mehrmals in Geländewagen das südliche Afrika erkundet.

Ihr Ankunftstag rückt näher und mit ihm steigt die Spannung. Obwohl jenseits der 40, fühle ich eine fast pubertäre Nervosität in mir. Irene geht es im Swiss-Airbus sitzend bestimmt nicht besser. Erkenne ich sie überhaupt? Sie hat mir zwar Fotos geschickt, aber wenn mehrere rothaarige, grünäugige Frauen mit Schweizer Dialekt aus der vollbesetzten Maschine drängeln, begrüße ich vielleicht die falsche? Doch Irene ist unverkennbar und die fernmündliche Zuneigung besteht den Realitätstest in der Ankunftshalle. Umarmung, Küsschen. Wir können uns riechen. Mein Schweizerdeutsch-Sprachkurs beginnt auf der Fahrt vom Flugplatz nach Hause. Ein Gefühl des Vertrautseins hat sich bereits eingestellt. Irene liebt ihren Sonnenuntergangsdrink mit Sekt, in Südafrika sagt man "Sundowner", in Zürich "Klöpfmoscht". Klöpfen, so erklärt mir das rothaarige Vollweib, bedeutet sprudeln – und moscht ist praktisch alles, was flüssig ist, vom Sekt bis zum Sprit ("Wie viel Moscht ist denn noch in der Karre?").

Offroad in Richtung Tankwa Karoo-Nationalpark

Drei Tage später geht es los. Der Jeep ist bis fast unters Dach gepackt. Wie vor jeder Reise spüre ich eine prickelnde Vorfreude auf das Neue. Die Nächte werden wir entweder im engen Zelt verbringen oder, als kleine Überraschung für Irene, in einigen der schönsten Lodges, die Südafrika und Namibia zu bieten haben. Die komfortablen Unterkünfte werden wir zu schätzen wissen, nach einer Expedition über 5200 kilometer auf anspruchsvollen Off-Road-Passagen, staubigen Pisten und nur wenigen Asphaltabschnitten. Die erste Übernachtung habe ich im Freien geplant. Der Tankwa Karoo-Nationalpark, etwa 250 kilometer nordöstlich von Kapstadt, zwischen Ceres und Calvinia gelegen, gehört zu den Naturschutzgebieten Südafrikas, die so gut wie keine touristische Infrastruktur haben. Seine Campingplätze können nur mit Geländewagen erreicht werden.

Doch zunächst geht es über den Bain‘s kloof Pass, er ist geteert, aber eng und kurvenreich. Dieser Gebirgsübergang mit wunderbaren Panoramen, der die hübschen Weinbauorte Paarl und Wellington mit Ceres verbindet, wurde vor 160 Jahren aus dem Fels gesprengt. Weil er unter Denkmalschutz steht, darf er glücklicherweise nicht verbreitert werden. Hier am Berg, bei der ersten Rast, überrascht und verwöhnt mich Irene mit bisher versteckt gehaltenen Delikatessen: luftgetrockneter Salami und würzigem Käse aus ihrer Heimat. In der Wüste und nach einigen Tagen unterwegs wird das immer besser schmecken, versichert sie mir mit einem frechem Seitenblick. Ich bin jetzt schon süchtig. Nach Käse und Salami – und ihrem Lächeln. In den Zederbergen, einer grandiosen Busch- und Gebirgslandschaft mit fantastischen erodierten Sandsteinformationen, fahren wir zum ersten Mal auf losem Untergrund. Für den Jeep kein Problem. Ich habe selten ein so luxuriöses Auto so bequem durch den Dreck gezogen. Irene scheint beeindruckt zu sein. Wir reden viel, aber wir schweigen auch angenehm lange, wenn wir die herrliche Landschaft auf uns wirken lassen.

Sich am ersten Abend als Weichei outen? Kommt nicht in Frage

Was mich beunruhigt, sind die Wolken am Horizont, die sich, je weiter wir nach norden gelangen, mehr und mehr zu verdichten scheinen. Im Rückspiegel staubt es schon länger nicht mehr so fotogen. Für die ausgedörrte Savanne der Karoo ist Regen ein Segen. Nach jedem Regenfall explodieren die Sukkulenten und verwandeln den rotbraunen Boden in ein Blütenmeer. Wir erreichen die Rangerstation im Tankwa Karoo-Nationalpark und checken ein. Die nette Dame an der Rezeption zeigt sich besorgt. "Euer Zeltplatz liegt am Ende einer Piste in diesem Tal." Sie zeigt auf eine von dicken schwarzen Wolken eingehüllte Bergkette am Horizont. "Aber wir hätten da noch ein Chalet, gleich hier, da könntet ihr auch kochen." Wir beide sind uns einig: Sich bereits am ersten Tag als Weichei zu outen, kommt für nicht in Frage. "Das ist nichts Schlimmes, hat sich ja schon fast abgeregnet", beruhigen wir uns gegenseitig. Nachdem wir über die noch relativ trockene Offroad-Strecke den Platz für die nacht erreicht haben, grillt irene Filetsteaks auf dem Kompakt-Rost. Ich errichte trotz anfänglichen Stangensalats das kleine Zelt für die Nacht.

Dieter Losskarn
Oryxantilopen sieht man oft unterwegs
Während wir im Jeep essen, brechen die Wolken auseinander und setzen sturzbachgleich das Areal unter Wasser.Der Platz um uns herum löst sich förmlich auf. Doch weder mich noch Irene stört das sonderlich – wir einigten uns auf "Go with flow", wie man hier im Land sagt: Nimm es, wie es kommt und genieße jeden Tag so gut es geht. Nach einiger Zeit lassen die Niederschläge nach und wir wagen es, das Zelt zu beziehen. "Das war ja gar nicht so schlimm." Ich weiß nicht mehr, wer von uns das gesagt hatte, aber es dauerte nicht lange, da regnete es wieder wie aus Kübeln. Am nächsten Morgen ist alles durchnässt. Wir stopfen das Zelt in einen Müllsack und werfen die feuchten Klamotten hinterher. Wir fluchen nicht, im Gegenteil, wir kichern wie Teenager, prusten los und können gar nicht aufhören zu lachen: I‘m not in love, no, no?

Durch den Regen wird die Fahrt zur Schlammschlacht

Die Niederschläge lassen die Fahrt nach Norden zur Schlammschlacht werden. Es macht höllischen Spaß, mit dem Wagen durch die tiefsten Wasser- und Matschlöcher zu preschen. Anstatt mich zu bremsen, feuert mich Irene an. Oder fährt, als ich Fotos mache, noch wilder durch den Dreck. Eine Frau, die meine Autoleidenschaft nicht nur duldet, sondern selbst lebt. Irene fuhr früher eine alte Harley mit Tankschaltung und Fußkupplung, einen alten Jaguar E-Type sowie einen Ford Mustang, den sie selbst reparierte. Und Hubschrauber fliegt sie auch. Obwohl wir inzwischen, bei der mittäglichen Salami-Käse-Pause, unsere Kleidung an einem Viehzaun trocknen konnten, freuten wir uns auf die Übernachtung in den Namakwa Retreats, 27 Kilometer westlich von Springbok. Die Lodges sind den Hütten der Nama nachempfunden: kugelförmige, organisch anmutende Bauten, mit dem Komfort des 21. Jahrhunderts ausgestattet.

Am nächsten Tag erreichen wir die nordwestlichste Ecke Südafrikas, den grenzüberschreitenden Nationalpark Richtersveld. Ein Paradies für Geländewagenfreunde, denn nur mit Allradantrieb darf das Gebiet unter die Räder genommen werden. Wir wollen am schönsten Platz campen: auf de Hoop, direkt am Oranje, dem Grenzfluss zwischen Südafrika und Namibia. 30 Kilometer liegt er von der Station entfernt, an der ich die Rangerin nach der verbleibenden fahrzeit frage: "Zweieinhalb bis drei Stunden", antwortet sie, um im nächsten Satz unsere Planungen über den Haufen zu werfen: die kleine Fähre in Sendelingsdrift sei wegen der hohen Niederschläge auf unbestimmte Zeit nicht in Betrieb.

Wir müssen also nicht nur wieder aus dem Richtersveld Nationalpark heraus, sondern zurück nach Süden, nach Osten und dann wieder nach Norden, um hinter Steinkopf die Grenze bei Vioolsdrift zu überqueren: einige hundert Kilometer Umweg! Wenigstens regnet es nicht mehr.

Am Abend zaubert Irene wieder ein wunderbares Filetsteak auf den Minigrill. Sie nimmt nur Salz und Pfeffer zum Würzen, nie Öl, wie ich. Das schmeckt tatsächlich viel besser. Ich werde Rinderfilets in Zukunft auch so zubereiten. Wir schlafen direkt am Fluss. Und sind am Morgen richtig gut erholt. Was auch notwendig ist. Denn beim Weg aus dem Park möchten wir als alte Abenteurer natürlich nicht einfach nur die Spuren von gestern zurückverfolgen. Meine Karte zeigt eine Piste am Oranje entlang und dann eine Abkürzung durch die Berge, die ich noch nie getestet habe. Bereits nach wenigen Kilometern ist klar, dass der Weg schwer zu passieren sein wird. Von einer Piste ist kaum mehr etwas zu erkennen. Für die ersten zehn Kilometer brauchen wir eine Stunde. Als es in die Berge geht, verlangsamt sich das Tempo noch deutlicher. Oft steht eines der Hinterräder hoch in der Luft, während sich der Jeep in Schräglage durch Wasserlöcher und über Felsen quält. Ohne Irenes exakte Einweisungen – "Rechts, etwas mehr, Stop, zurück, jetzt links, mehr links." – kämen wir hier nicht mehr raus. Ich kann mich vollkommen auf sie verlassen. Immer wieder rutschen die nassen Pneus auf den Felsen durch, bevor sie packen. Andere Paare, behauptet Irene, erleben das, was wir in wenigen Stunden erfahren, nicht einmal in Jahren. Und sie hat Recht.

Erst Matsch, jetzt Luxus

In Namibia habe ich Übernachtungen in Lodges gebucht. Nach den Anstrengungen der letzten Tage genießen wir die Annehmlichkeiten. Wir checken im Cañon Roadhouse in der Nähe des gewaltigen Fish River Canyons ein, einem Mekka für Autofreaks, mit dutzenden von alten Autos, Zapfsäulen und historischen Schildern im Restaurant. Irene ist begeistert – nicht nur vom Schrott, sondern vor allem vom legendären Amarula-Käsekuchen. Nach den dramatischen tiefen Schluchten des Fish Rivers schenkt uns Namibia gleich am nächsten Tag ein weiteres Naturspektakel: die Sanddünen von Sossusvlei, deren Täler der Regen in ein Seengebiet verwandelt hat. Dieses Schauspiel der Namibwüste ereignet sich nicht einmal alle zehn Jahre! Wir stellen Tisch und Stühle mitten im See vor den Dünen auf, wo wir unseren mittlerweile ritualisierten "Klöpfmoscht-Sundowner" einnehmen und uns gegenseitig nass spritzen. Touristen halten am Ufer an, steigen aus ihren eckigen Kisten – und fotografieren uns. Ein wunderbares Gefühl, dieses "nicht-ganz-normal-sein". Die Rückkehr zur Lodge im letzten Licht des Tages wird zum fahrerischen Höhepunkt des gesamten Trips. Aus den Lautsprecher der Stereoanlage dröhnt "Question of Honour" von Sarah Brightman. Wir grölen um die Wette. Wo immer möglich suchen wir uns die tiefsten und schlammigsten Passagen aus – und pflügen hindurch wie im Rausch. Krönender Abschluss des Tages ist Irenes Entdeckung im Kühlschrank der Lodge: Da steht ihr Lieblingschampagner!

Wir trinken auf die gemeinsamen Tage, auf den Spaß, den wir zusammen hatten – und werden sentimental beim Gedanken, dass wir schon auf der Rückfahrt sind. Ich bin zwar immer noch nicht ganz sicher, ob Liebe durch den Magen geht, aber Reisen bindet. Definitiv. Ich werde jedenfalls bald jenseits von Afrika "Klöpfmoscht" trinken – in Switzerland.

 

INFOS
Die Südafrika-Namibia-Tour
Auf der Hauptverkehrsader Südafrikas, der N1, die Kapstadt mit Johannesburg verbindet, geht es Richtung Norden. Hinter Wellington wird es beeindruckend: Der enge, holprige, historische Bain’s Kloof Pass führt ins Breede River Valley und nach Ceres, einem der wichtigsten Obstanbaugebiete des Landes. Doch schon bald wird es trockener. Der Tankwa Karoo Nationalpark in der Halbwüste Karoo ist erreicht, berühmt für ihren grandiosen Sternhimmel. Im August und September verwandelt sich das Terrain in ein Meer aus Blumen, die Natur "explodiert", die ansonsten gelbbraune Landschaft präsentiert sich in buntem Blütenrausch. Die Karoo geht ins Namaqualand über, das sich bis zum Orange River erstreckt, wo der grenzüberschreitende Richtersveld Transfontier Park beginnt – der wohl spektakulärste Nationalpark Südafrikas, seine grandiose Bergwüstenlandschaft ist nur mit Geländewagen befahrbar. Auf der anderen Seite des Orange Rivers liegen Namibia und die drittgrößte Schlucht der Welt, der Fish River Canyon.

Durch die Namibwüste führt die Strecke weiter nach Norden. In Sesriem zweigt die Tour zu den mächtigen, roten Sanddünen von Sossusvlei ab. Fallen die Niederschläge ausnahmsweise einmal sehr stark aus, füllt der ansonsten trockene Tsauchab River die weiße Lehmpfanne am Fuße der Dünen auf – ein ungewöhnlicher Anblick. In Swakopmund und Windhoek wird die Wüste durch Würstchen abgelöst. Es gibt deutsches Essen und Architektur und viele Menschen sprechen noch die Sprache der ehemaligen, kaiserlichen Kolonisten – ebenfalls ungewöhnliche Töne für die Ohren. Südöstlich von Windhoek beginnt die zweite große Wüste Namibias, die Kalahari. Wieder mit einem grenzüberschreitenden Naturschutzgebiet, dem Kgalagadi National Park. Er ist berühmt für seine schwarzmähnigen Löwen, die größten Afrikas. Weiter südlich ändert sich die Vegetation, die Kalahari geht in die Karoo über. Mit Erreichen der N1 am Karoo National Park bei Beaufort-West schließt sich der Kreis. Von hier geht es direkt nach Kapstadt zurück.

Info:
4x4-Vermieter: Britz Africa Campervan & 4x4 Rentals: www.britz.co.za
KEA 4x4 Rental, www.kea.co.za/4x4s
Drive Africa, www.driveafrica.co.za

Übernachten
Naries Namakwa Retreat, Kleinzee Road, R 355, 27 km westlich von Springbok; Tel. +27/21 9 30 45 64.

Cañon Lodge & Cañon Roadhouse: 20 km bzw. 14 km vom Fish River Canyon; Tel. +2 64/61 23 00 66.

Wolwedans Camps & Lodges
Am Rande des Namib-Naukluft-Nationaparks; Tel. +2 64/61 23 06 16. 

Little Kulala
Wilderness Safaris, Sossusvlei; Tel. +2 64/61 27 45 00.

Autor:
Dieter Losskarn