Tansania Nächte auf dem Kilimandscharo

Auf dem Fleisch, das seit Stunden auf einer Pappe in der Sonne liegt, sitzen die Fliegen. Die Auslage des Metzgers ist gewöhnungsbedürftig, gekauft wird trotzdem. Acht Träger, zwei Führer und ein Koch sitzen im vollgepackten Bulli und warten darauf, dass die fleischige Nahrung, die für die nächsten Tage reichen soll, in einer Papiertüte verschwindet. Wenige Minuten noch, dann geht die Tour vom Machame Gate aus los. Machame - das ist eine von insgesamt sechs Hauptrouten auf den Kilimandscharo. Sie gilt als eine der landschaftlich reizvollsten. Komfortabel ist sie jedoch nicht. Sieben lange Tage dauert der beschwerliche Aufstieg. Es gilt den Gipfel des Kilimandscharo zu erstürmen. Mit 5895 Metern das höchste Dach Afrikas.

Zehn Tansanier haben es sich zur Aufgabe gemacht, zwei deutsche Touristen plus Gepäck zum Gipfel zu bringen. Und die wissen noch nicht einmal, ob ihre Kondition bis zum Ende reichen wird. Bergsteigerisches Können wird zwar nicht verlangt, trotzdem liegt einiges vor ihnen. Sieben kalte Nächte in Zelten, derbe Plumpsklos aus Holz und 4635 Höhenmeter, die bis zum Gipfel überwunden werden müssen. "Hoch laufen, tief schlafen" lautet die Devise. Sonst kommt die Höhenkrankheit schneller als die Füße tragen.

"Das wichtigste ist, dass ihr euch selbst richtig einschätzt. Solltet ihr euch konstant schlecht fühlen, dann brecht lieber ab." Diesen Tipp gibt Tourveranstalter Alexander Jatho noch mit auf den Weg. Und dann geht es auch schon los. "Twende Kaka!". "Los geht's Bruder!". Guide Daudi spricht Swahili, Englisch und ein paar Brocken Deutsch. Mit seinen Teleskopstöcken und der lilafarbenen Ballonseidenhose wirkt er wie aus einer anderen Welt. Und das scheint er auch zu sein. Beim Wandern sind seine Lungen verlässlich und müssen nicht so pumpen wie die der Europäer.

"Pole, pole". Immer schön langsam. Das sind wohl die ersten Wörter, die ein jeder auf der ersten Etappe zum 3010 Meter hohen Machame Camp zu hören bekommt. Auf einem Berg wie dem Kilimandscharo kann das Tempo ein Erfolgsrezept sein. Wer rast, der spürt die Höhe schneller. Wer sich hingegen wie eine Wanderdüne den Berg hoch bewegt, hat gute Chancen, auch die nächsten Tage ohne Schwindel, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit zu überstehen.

"Ein wenig komisch kommt man sich schon vor, weil man so schleicht", verrät ein junger Norweger, der mit einem Kumpel auf dem Kili unterwegs ist. "Aber für uns ist diese Tour tausendmal besser als ein Mallorca Urlaub mit durchzechten Nächten. Den eigentlichen Kick bekommt man hier", so Ørjan. Während er im Shira Camp den Blick auf den benachbarten Mount Meru genießt, träumt er bereits von der nächsten Tour. Im kommenden Jahr wollen sie auf den Mont Blanc.

"Hier bricht jeder Zweite ein"

Verzicht auf Luxus und die große Herausforderung. Das ist es, was jährlich rund 25.000 Touristen auf den Kili treibt. Viele bereiten sich oft schon ein halbes Jahr lang vor. Mit Wandern, Joggen, Schwimmen und Radfahren. Und sie alle träumen vom klassischen Gipfelfoto. Erschöpftes Gesicht vor der berühmten Holztafel, die auf dem "Uhuru Peak" willkommen heißt. Bis dahin ist es allerdings ein langer Weg. Regenwald, Heide- und Moorlandschaft, steile Abhänge, skurrile Steinformationen - der Berg ist Kulisse für insgesamt fünf Klimazonen. Und so fühlt es sich an, als sei man auf dem Rücken eines großen Chamäleons unterwegs. Die Szenerie ändert sich ständig. Ähnlich wie die Gesichter der Wanderer nach ein paar Tagen.

Einige geben nach der dritten Nacht auf. Die Höhenkrankheit hat sie eingeholt. Einzig der Abstieg ist jetzt sinnvoll. "Ich habe mich so sehr auf den Gipfelsturm gefreut. Aber ich muss mich permanent übergeben. Und habe das Gefühl, dass mein Kopf platzt. Ich will nur noch runter. Da kriegen mich keine zehn Pferde mehr hoch." Die junge Frau aus Düsseldorf ist den Tränen nahe. Ihr Team packt bereits die Ausrüstung zusammen. "Einige unterschätzen diesen Berg. Das ist halt kein Ausflug auf die Zugspitze", so Jatho.

Seit 2005 bietet der Afrikaner Touren auf den Kilimandscharo und Mount Meru von Moshi aus an. Um die 1300 Euro kostet der Wanderspaß durchschnittlich bei einem zuverlässigen Anbieter. Exklusive des obligatorischen Trinkgelds, das der Guide und sein Team am Ende der Tour bekommen. Dafür gibt es Luxus, den man bei Zeltwanderungen so nicht erwarten würde.

Ein Klapptisch mit frischgebügelter Tischdecke. Frisches Popcorn zum Nachmittagskaffee. Zwei Schüsseln mit warmem Wasser zum Waschen. Ein Drei-Gänge-Menü am Abend. Sogar das Zelt wird aufgebaut. Trinkblasen für die nächste Etappe aufgefüllt. Wer mehr zahlt, bekommt bei einigen Anbietern sogar eine eigene Toilette hinterher getragen. Nur Wandern muss jeder selbst.

Spätestens am fünften Tag melden das auch die Knochen. Doch da steckt das Adrenalin schon im Körper. Der Gipfel scheint auf 4600 Metern zwar immer noch nicht zum Greifen nah, aber machbar. "Jetzt umdrehen wäre blöd" - ein Plakat vom letzten Halbmarathon kommt in den Sinn. Zusammen mit den vielen Fragen. Wie wird sie wohl sein, die letzte Etappe? Die Antwort: Vor allem kalt!

Um 1 Uhr nachts startet das Team, um dem Uhuru Peak gegen Sonnenaufgang einen kurzen Besuch abzustatten. Im Schein der Kopflampe geht es vorwärts auf Vulkanasche. "Pole, Pole" unter dem weiten Sternenhimmel Afrikas. Es ist eine Tortur für den einen Glücksmoment. Dick eingepackt bei -15 Grad Celsius nicht gerade ein klassisches Urlaubsvergnügen.

Auf 5200 Metern meldet sich die Höhenkrankheit. Eine von den kleinen Tüten aus dem Flugzeug wäre jetzt nicht schlecht. Und eine Sauerstoffflasche. "Don't worry, Dada." "Mach Dir keine Sorgen, Schwester." Daudi kennt diese Stelle. Und das mit der Luftnot und der Übelkeit. "Hier bricht jeder Zweite ein. Ein paar kurze Pausen im Abstand von fünf Minuten werden helfen." Der Mann weiß wovon er spricht. Jedes Jahr führt er mindestens 35 Mal schlappe aber ehrgeizige Touristen nach oben. Mit einer Erfolgsquote von knapp 80 Prozent.

Sechs Stunden dauert der nächtliche Aufstieg. Kurz vor Sonnenaufgang ist alles vergessen. Die Kälte. Die Schmerzen. Und die Zweifel, die aufkommen, wenn die ersten Wanderer viel zu früh den Rückzug antreten, ohne den Gipfel gesehen zu haben. "Die gibt es leider immer wieder. Viele gehen es gerade bei der letzten Etappe zu schnell an. Einige Veranstalter haben schlecht ausgebildete Führer. Die bremsen ihre Kunden nicht ein. Im Gegenteil - feuern sie noch richtig an", so Daudi, der den Stella Point auf 5730 Metern bereits hinter sich gelassen hat. Wer es bis hier geschafft hat, gilt bereits als Gipfelstürmer.

Die Wenigsten geben sich allerdings mit dem Vorposten zufrieden. Sie wollen das große, einmalige Erlebnis. Knappe 40 Minuten ist der Uhuru Peak noch entfernt. Jeder geht jetzt sein eigenes Tempo, angetrieben von purer Euphorie. Dann beginnt das Schauspiel. Die Dunkelheit hebt sich wie ein Vorhang und enthüllt ein landschaftliches Schauspiel, das die meisten kaum fassen können.

"Good morning, Africa". Daudi schreit es heraus. Über den Krater, über die unwirklichen Eisfelder des Gletscher und wie es scheint über den gesamten Kontinent. Und während Russen und Amerikaner ihre Flagge hissen und das obligatorische Gipfelfoto schießen, fließen bei zwei Deutschen die Tränen. Schreien würden sie jetzt auch gerne. Stattdessen bleiben sie sprachlos stehen. Auf dem Chamäleon Kilimandscharo, das sich an diesem Morgen ganz besonders schön herausgeputzt hat.

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Autor:
Alexandra Tapprogge