Südafrika Als Dragqueen gegen Aids und Korruption

Ein Sonntag in Darling. Aus einer farb- und schmucklosen Scheune strömen Menschen im Sonntagsstaat, sichtlich erfüllt von den Worten des Pastors, denn die Scheune ist eine Kirche. Ernst und gefasst passieren sie die pink leuchtende ehemalige Bahnstation von Darling vis-àvis, an der eine Tafel mit den Worten "Evita se Perron" angebracht ist. Sie markiert einen Ort ungehemmten und respektlosen Wortwitzes - die Heimstatt Evita Bezuidenhouts, der berühmtesten Dragqueen Südafrikas.

Die Dame ist eine Legende - an der sie selbst geschrieben hat. Den stillgelegten Bahnhof von Darling wandelte sie in eine Kabarettbühne um, die Menschen kommen aus dem ganzen Land, um sie hier zu sehen. Mittlerweile sogar aus Darling, obwohl das Publikum der Kleinstadt Travestiekünstlern gegenüber eher skeptisch ist. "Adapt or Dye" hieß ihr erstes Bühnenprogramm, frei übersetzt: "Pass dich an oder erbleiche!", eine Verballhornung der Aufforderung "Adapt or Die" ("anpassen oder sterben") des damaligen Premiers Pieter Willem Botha. Das war zu Hochzeiten der Apartheid.

Heute bedenkt sie mit Programmen wie "Foreign Aids" die Verhältnisse des neuen Südafrikas mit beißendem Spott. Wochenende für Wochenende, sonntags stets nach der Messe. An diesem Sonntag tritt Evita nicht auf, die Vorstellung ist abgesagt. Ihr Alter Ego Pieter-Dirk Uys hat sich den Knöchel gebrochen. Sein Haus liegt nicht weit entfernt von Evitas Bühne, es ist vollgestopft mit Büchern, Magazinen,Trödel und Erinnerungen.

Uys sitzt im Lehnstuhl. Alltag sei eingekehrt in Südafrika, sagt er. Als Nelson Mandela Präsident wurde, habe Hochstimmung in jeder Beziehung geherrscht. Die sei inzwischen verflogen, die Politiker straucheln, bekommen die drängenden Probleme nicht in den Griff. Schwarzseher malen sich bereits simbabwische Zustände aus, wenn die Landreform nicht endlich in die Gänge kommt, wenn der sich vertiefende Graben zwischen Arm und Reich nicht endlich überbrückt wird.

"Das ist", sagt Uys, "eine neue Apartheid. Die Reichen leben, die Armen sterben. Vor allem an Aids. Wenn hier nicht bald substanziell gegengesteuert wird, kann die blutige Revolution, die uns 1994 erspart blieb, im Jahr 2010 ausbrechen." Da könne vielleicht und bestenfalls die zurzeit erfolglose südafrikanische Fußballnationalmannschaft das Schlimmste abwehren, Uys lächelt verschmitzt: "Sie muss die Weltmeisterschaft gewinnen."

Steht es so schlimm um den Staat am Kap? "Aber woher denn", protestiert Uys. Wer glaubt, früher sei alles besser gewesen, der lüge. "Ich bin glücklich mit dem neuen Südafrika." Es sei wie in Deutschland. War nicht die Wiedervereinigung ein großes Fest gewesen? Jetzt sagten ihm seine deutschen Freunde, es ginge ihnen gut, aber? "Wie bei uns. Es geht uns gut, aber? Wir sind ein ganz normales Land geworden. Mit einer normalen Regierung. Mit normalen Problemen. Irgendwann muss die Zeit des Feierns vorüber sein." Obwohl, überlegt Uys, die Sache mit der sich schleppend ziehenden Landreform, da könne er sich schon vorstellen, dass die Idee der Farmbesetzungen eigentlich von Südafrikas Präsident Thabo Mbeki kam: "Und dann sagt er zu Robert Mugabe: "Bobby, ich habe eine Idee. Weshalb probierst du sie nicht erstmal in Simbabwe aus?'" Aber das ist schon wieder der Part Evitas, die scheinbar stets im Zentrum der Macht steht.

Niemand kann sich Evita entziehen

Ihr Debüt hatte Evita Bezuidenhout - oder Tannie Evita - in einer Zeitungskolumne in den 70er Jahren. Bissig und als hätte sie Zutritt zu den innersten Zirkeln burischer Macht, gab sie damals die National Party der Lächerlichkeit preis. In den frühen 80ern betrat sie erstmals die Bühne, mit Glanz und Glitter, mit respektlosen Aussagen - und den schönsten Beinen Südafrikas. "Ich wurde damals von einem Polizisten auf der Straße angehalten, der drohte, ich solle aus der National Party keine Nazis machen, sie würden mich schon einmal erwischen. Dann hielt er inne und sagte: "Aber Ihre Beine, die sind wirklich wunderschön.'"

Uys lacht. Das, meint er, sei die Stärke Evitas. Niemand könne sich ihr entziehen. Kritiker halten dagegen, dass sich ihr auch niemand entziehen wollte. Tannie Evita habe nie die Grenzen überschritten. Im Gegenteil, die Politiker seien froh gewesen, dass über sie gelacht wurde. Das hätte die Machthaber menschlicher dastehen lassen.

"Ich bin Entertainer", hält Uys dagegen. Nicht mehr und nicht weniger: "Ich bin kein Satiriker." Er habe stets auf das Ende der Apartheid hingearbeitet. Und ein wenig habe er dazu beigetragen. Und jetzt? Was kann Tannie Evita heute bewirken, wenn das große Ziel erreicht und ihr Alter Ego mit dem neuen Südafrika so glücklich ist? Viel. Unglaublich viel, versichert Uys. Da sei die Aids-Aufklärungsarbeit in den Schulen. In fünf Jahren hat Evita eine Million Kinder besucht. Sie hören und sehen ihr zu, wenn sie den Gebrauch von Kondomen erklärt und anhand einer Banane demonstriert. Dann greift Evita zu einem lebensechten Gummipenis: "Männer und Buben haben keine Banane zwischen den Beinen. Ein Kondom auf der Banane neben eurem Bett wird euch nicht schützen." Daraufhin, sagt Uys, "brüllen die Kinder vor Lachen. Die schwarzen Lehrer aber werden ganz weiß."

Überhaupt, Aids. Da wird Uys heftig: "Präsident Thabo Mbeki und Gesundheitsministerin Manto Tshabalala- Msimang gehören vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag.Was in Südafrika in Sachen Aids an Nichtund Desinformation passiert, ist ein Verbrechen gegen die Menschheit." Dass der ehemalige Vizepräsident Jacob Zuma im Zuge eines Vergewaltigungsprozesses den ungeschützten Geschlechtsverkehr mit dem Hinweis, er habe ohnehin sofort geduscht, zu relativieren suchte, findet Uys nicht zum Lachen. "Niemand hat auf die fatalen Auswirkungen hingewiesen, wenn ein Mann, der Chancen auf die Präsidentschaft hat, wegen Vergewaltigung vor Gericht steht und dann noch gegenüber Aids seine absolute Ignoranz unter Beweis stellt."

Uys sieht durchaus Parallelen zu früher, auch wenn heute "nur noch 20 Prozent" der Politiker korrupt seien. "Dieses Land braucht eine gute Opposition", sagt er. Die demokratischen Kräfte innerhalb des ANC müssten sich durchsetzen. Auch des folgenden Falls wegen: Rund 300 Millionen Rand, knapp 30 Millionen Euro, habe das Kabinett für zusätzliches Sicherheitspersonal für Präsident Mbeki und seine Berater bereitgestellt. Geld, das für andere Probleme dringend benötigt werde. "Spending money for guards for the gods", schimpft Uys. "Geld für die Wächer der Bonzen." Er stutzt kurz, notiert sich das Gesagte. "Das kann ich verwenden. Das ist gut."

1994 traf Evita Bezuidenhout zum ersten Mal Nelson Mandela. Über ihn sagte sie, die Parade-Burin, dass "Nelson uns so dankbar ist, dass wir ihm all die Zeit in Haft Winnie vom Hals gehalten haben". Uys bewundert Mandela vorbehaltlos. Der wiederum schätzt den Entertainer, schätzt Evita. Ließ sich von ihr im Amtssitz des Präsidenten in Kapstadt interviewen - Evita einmal mehr im Zentrum der Macht. Von da an folgte Ehrung auf Ehrung. 2002 nominiert das South African Human Sciences Research Council Uys zum "lebenden nationalen Schatz", 2005 wird eine Straße nach Evita Bezuidenhout benannt. Inzwischen eine seltene Ehre für Weiße, denn die ANC-Politik der Affirmative Action bevorzugt auf allen Gebieten die Schwarzen.

"In den ersten sechs Jahren war dieses Regelwerk wichtig, um Ungleichheiten zu beseitigen. Inzwischen hat es zur Bildung einer kleinen, schwarzen Elite von Milliardären geführt, die ihren Reichtum und ihren Status allein ihrer schwarzen Hautfarbe verdanken. Es ist umgekehrte Apartheid." Eine neue Form der Apartheid warfen Südafrikas Medien seit Mai 2006 auch den Initiatoren des "Native Club" vor, eines Zirkels ausschließlich schwarzer Intellektueller. Ein Fall für die weiße, burische Evita. Uys schrieb im Namen Evitas einen Brief, der in der Wochenzeitung Mail & Guardian veröffentlicht wurde. Die Botschaft: Evita ist im Native Club! "Das geht ganz einfach", gluckst Uys vor Vergnügen, "Evita ist in der Küche zugange. Welcher Schwarze will denn heute noch Küchenarbeiten verrichten? Keiner. Über diese Hintertüre gelangt Evita in den Club. Als einzige Weiße." Uys blickt aufregenden Zeiten entgegen. Und Evita gesteigerter Aufmerksamkeit. Nicht nur sonntags in Darling.

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Franziskus Kerssenbrock