Südafrika Afrikas Fußballstar Teko Modise

Dass Teko Modise, 26, heute ein Star ist in seinem Heimatland, verdankt der drahtige Mittelfeldspieler seiner Schnelligkeit am Ball und der Hartnäckigkeit eines Talentsuchers namens Steve Mnguni. Der hatte den kleinen Ballkünstler seit dessen zwölftem Lebensjahr nicht aus den Augen gelassen und ihm schließlich den ersten Profivertrag vermittelt.

Seither hat Modise eine steile Karriere gemacht: vom Vertragsspieler für drittklassige Vereine zum Spielmacher der Orlando Pirates, eines der traditions- und erfolgreichsten Klubs der südafrikanischen Profiliga. Seit zweieinhalb Jahren gehört der kleinwüchsige, zart wirkende Flügelspieler zum festen Stamm der südafrikanischen Nationalelf Bafana Bafana. Mehrfach wurde Modise in seiner Heimat zum "Fußballer der Jahres" gekürt.

Seine Fans lieben ihn, weil er selbst ihm körperlich weit überlegene Gegenspieler mit der Geschmeidigkeit eines Panthers überläuft und weil er, wenn er gut drauf ist, mit dem furchtlosen Selbstbewusstsein eines Straßenbandenanführers das Kommando übernimmt. Das hat ihm den Beinamen "der General" eingebracht.

Seine Sponsoren schätzen ihn, weil er ein Vorbild für die Jugend ist. Im Gegensatz zu so vielen schnell zu Ruhm und Geld gekommenen Fußballstars hat er bisher keine Schlagzeilen mit Vaterschafts- und Vergewaltigungsprozessen gemacht, keine Sportwagen im Alkoholrausch gegen Schulmauern gefahren. Er braucht auch keine Drogen, um sich aufzuputschen und hat sich gar öffentlich auf HIV testen lassen.

Modise ist ein Star ohne Allüren. Wenn er erzählt, wie der Fußball seinem Leben eine Richtung und ihm eine Zukunft gab, dann tritt ein Glanz in seine Augen, der keinen Zweifel daran lässt, dass dieser Sport für ihn mehr ist als einfach nur ein Job.

Doch weil das so ist, und weil er ein Formtief hat, das weder den Fans noch den Trainern entgangen ist, quält ihn derzeit die Angst vor dem Versagen. Denn wer Schwächen zeigt, der sitzt auf der Bank. Und wer auf der Bank sitzt, verschwindet schnell aus dem Bewusstsein von Öffentlichkeit und Vereinsmanagern. Nichts aber fürchtet Modise mehr, als wieder der Niemand zu sein, der er einst war.

Wie Diego Maradona oder Zinedine Zidane ist Modise in Verhältnissen aufgewachsen, die, wie er selber sagt, "für kein Kind gut waren". Wie die Geschichte der beiden Superstars ist auch seine Geschichte die Geschichte eines geradezu kometenhaften Aufstiegs vom Slumjungen zum gefeierten Spielmacher. Doch im Unterschied zu den beiden Fußballlegenden ist Modise bisher nie ausfällig geworden. Auffällig blieben nur seine Schnelligkeit auf dem Rasen und seine gefährlichen Freistöße.

Weil er "sich wie kein anderer mit dem Ball vorwärtsbewegen konnte", so Modise-Entdecker Mnguni, hat der Junge aus Meadowlands, eines in den Jahren der Apartheid errichteten Schwarzenghettos im Süden Johannesburgs, geschafft, was sich Abertausende fußballsüchtiger Kinder in den Elendsvierteln Südafrikas und anderswo tagtäglich erträumen: Er ist dem Schicksal von Armut, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus entronnen, das auch ihm vorhergesagt war.

"Aus dir wird nie was"

"Aus dir wird nie was" war ein Satz, den sich der obdachlose Junge mehr als einmal hat anhören müssen. "Niemand war bereit, mir eine Chance zu geben", sagt er. Als er sie dann doch bekam, mit 17, und weil Mnguni sah, was andere nicht sehen wollten, hat Modise Rotz und Wasser geheult, so erleichtert war er. Endlich habe er sich nicht mehr um die nächste Mahlzeit sorgen müssen oder darüber, was missgünstige Zungen raunten, erzählt er. Endlich hatte er eine Chance zu werden, wovon er schon seit Jahren träumte: "Der beste Fußballer Südafrikas."

Modise war noch keine acht Jahre alt, als er begriff, dass er auf sich selbst und sein Fußballtalent gestellt war. Die Mutter, von der Familie aus Gründen, über die bis heute niemand reden will, aus dem Haus gejagt, hatte den Jungen nur notdürftig untergebracht. Er zog herum, von Wellblechhütte zu Wellblechhütte. Ein Zuhause habe er nie gehabt, sagt er, und ein Dach über dem Kopf nur, weil sich jene, die ihm Obdach gewährten, Profit von seinem Ballgeschick versprachen.

Für eine Baracke im Hinterhof und einen Teller Maisbrei am Abend spielte sich Modise durch die Townshipvereine und träumte von dem Tag, da er unter dem Jubel tausender Fans im gleißenden Licht von Flutlichtanlagen Gegner wie Mitspieler in den Schatten dribbeln würde. Statt Multiplizieren übte er das Autogrammeschreiben; von Sportmagazinen inspiriert trainierte er das Interviewgeben; auf dem Bolzplatz war er der Superstar - zumindest in seiner Fantasie.

Wäre Steve "Stimela" Mnguni nicht gewesen, wären Modises Visionen Gespinste seiner Fantasie geblieben und jener Augenblick im Juni 2008 wäre nie gekommen, da ihm ein ganzes Stadion stehend Beifall zollte für seine Leistung beim 4:1-Sieg der Nationalmannschaft über Äquatorialguinea, ein Sieg, mit dem sich die Südafrikaner damals für den African Cup of Nations qualifizierten.

Denn obdachlose Jungs aus der Unterschicht besuchten keine Schulen, die sich durch sportliche Erfolge hervortaten. Und weil Südafrikas Fußballverband die Jugendarbeit auch nach dem Ende der Apartheid den Vereinen überließ, blieb die Entdeckung ballfertiger Townshipkinder meist dem Zufall überlassen - und Männern wie Mnguni.

Seit der heute 51jährige ehemalige Stürmer der Orlando Pirates selbst nicht mehr aktiv Fußball spielt, zieht er regelmäßig durch die Armenviertel und Dörfer Südafrikas auf der Suche nach neuen Talenten. Je mehr er die unterernährten Knirpse aufpäppelt, um so größer wird ihr Hunger auf Erfolg, um so mehr nährt die Hoffnung, sich aus dem Elend zu schießen, ihren Ehrgeiz, auf den holprigen Staubplätzen der Vorstädte die besten zu sein.

"Es gibt da jemanden, der dich spielen sehen will."

Modise war dem Talentscout bereits im Alter von 12 Jahren aufgefallen. Der vielversprechende junge Mittelfeldspieler hatte die Hoffnung auf eine Zukunft fast aufgegeben, als Mnguni ihn an einem eiskalten Wintertag vor neun Jahren aus seinen Träumen riss mit den Worten: "Es gibt da jemanden, der dich spielen sehen will." Modise hatte das Leder kaum zwanzig Minuten lang rollen lassen, da war er beim damaligen Erstligisten Ria Stars unter Vertrag genommen. Seither, sagt Modise, habe er nicht mehr zurückgeblickt, und wenn, dann nur im Zorn.

Dass damals, als der Traum von Ruhm und Geld noch nicht wahr geworden war, niemand an ihn glauben wollte, hat der erfolgsgewohnte Mittelfeldspieler mit dem Bürstenhaarschnitt weder verziehen noch vergessen. Und immer, wenn es nicht so läuft, wie es sollte, wenn seine Pässe nicht tief genug in den Strafraum reichen oder wenn er trotz leuchtend pinkfarbener Fußballschuhe den Ball einfach nicht am Gegner vorbeibringt, dann erfasst ihn wieder die Angst, dass die Zweifler am Ende doch noch Recht behalten könnten.

"Es bringt mich um, dieses Formtief", sagt Modise, und fast versagt ihm die Stimme dabei. Ein Schatten fällt über das Jungengesicht, der beredter als alle Worte offenbart, dass da einer, der sich von ganz unten nach ganz oben hochgespielt hat, an den eigenen Ursprüngen zu zerbrechen droht.

Doch weil Fußball nun mal ein knallhartes Geschäft ist und keine Entwicklungshilfe, haben weder Trainer noch Manager ein Ohr für die Agonie des Aufsteigers, den die Furcht vor dem Absturz lähmt. Und längst hat sein Entdecker neue Spieler vom gleichen Format herangezogen. "Ich mach einen neuen Teko", sagt Mnguni. "Doch diesmal verkauf ich ihn ins Ausland. Hier können die Jungs nichts werden."

Manchmal, sagt Modise, wenn ihm einfach nichts gelingen will und ihn die Mittelmäßigkeit der südafrikanischen Fußballliga kein Jota weiterbringt, möchte er die Fußballschuhe am liebsten an den Nagel hängen. Dann steckt er sich die Kopfhörer ins Ohr und lenkt sich mit HipHop-Musik ab, um die Häme der Neider und sein Mobiltelefon nicht hören zu müssen. Denn mit dem Erfolg ist nicht nur der Anspruch an sich selbst gewachsen, sondern auch das Interesse einer Verwandtschaft, die jahrelang nichts von ihm wissen wollte, an seinem Kontostand. "Als wäre ich ein Jackpot, wollen sie ständig nur über Geld mit mir reden", so Modise bitter.

Der Erwartungsdruck nährt Fluchtgedanken - trotz bevorstehender Weltmeisterschaft. Ein Vertrag in Europa wäre für Modise die Erfüllung seines größten Traums. Er wäre aber auch und vor allem ein Befreiungsschlag.

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Autor:
Birgit Schwarz