Algerien

Wissenswertes über Algerien

Natur und Klima:

Hinter der mehr als tausend Kilometer langen und buchtenreichen Küste erhebt sich der Tellatlas, der im Jurjurah-Massiv (2308 Meter) die größte Höhe erreicht. Zwischen den in Ost-West-Richtung verlaufenden Gebirgsketten liegen große Längstäler und fruchtbare Küstenebenen. In dieser Region gibt es häufig Erdbeben. Landeinwärts schließt sich die Hochebene der Schotts an, eine von zahlreichen abflusslosen Senken und Salzsümpfen bedeckte, nur mit spärlicher Steppenvegetation bewachsene eintönige Landschaft. Sie wird im Süden von den kahlen Gebirgszügen des Sahara-Atlas überragt. Dieser erreicht im östlichen Aurès-Massiv mit seinen wilden Schluchten und Zedernwäldern die größte Höhe (2328 Meter). Nach Süden fällt der Sahara-Atlas steil ab.

Die Wüste nimmt 85 Prozent der Landesfläche ein. Die Gebiete zwischen den großen Oasen im nördlichen Teil der Sahara bestehen vor allem aus Steinwüsten, schuttbedeckten Plateaus, flachen Kiesflächen und weiten Sanddünen (Westlicher Großer Erg und Östlicher Großer Erg). Im südlichen Teil erhebt sich das zum Teil aus vulkanischem Gestein bestehende Ahaggar-Massiv, dessen teils bizarre Basaltnadeln bis in 3000 Meter Höhe emporragen. Das von Cañons durchzogene Bergland von Ajjer (Tassili n'Ajjer) ist wegen seiner Felsmalereien aus dem 5. bis 2. Jahrtausend v. Chr. von großem kulturgeschichtlichen Interesse.

Winterfeucht und wüstentrocken:

Die Küstenregion hat ein mediterranes Klima mit heißen, trockenen Sommern und milden, regnerischen Wintern. Mit Jahresniederschlägen bis 1000 mm ist sie die feuchteste und fruchtbarste Zone Algeriens. Im Hochland der Schotts und im Saharaatlas ist das Klima kontinentaler, winterkalt und sommerheiß. Die Niederschlagsmengen nehmen vom Hochland mit maximal 350 mm bis zur Wüstenrandzone auf unter 100 mm ab. In der inneren Sahara, die geprägt ist von hohen tages- und jahreszeitlichen Temperaturunterschieden, fallen nur episodisch Winterregen. Entsprechend den Niederschlagsverhältnissen gibt es nur im Tellatlas Dauerflüsse, im Hochland und in der Wüste existieren hingegen nur episodisch durchflossene Wadis.

 

Bevölkerung

Die Bevölkerung besteht vorwiegend aus Arabern und aus Berberstämmen, die teils arabisiert sind, teils ihre Lebensweise und Kultur noch erhalten haben. Zu ihnen gehören die Kabylen im westlichen Tellatlas, die Mzabiten in der nördlichen und die Tuareg in der südlichen Sahara. Gemäß den natürlichen Gegebenheiten ist die Bevölkerung ungleich verteilt. Während 90 Prozent entlang der Küste und im nahen Hinterland leben, sind die ausgedehnten Wüstengebiete nahezu unbesiedelt. Die Zahl der hier lebenden berberischen Nomaden (rund 500.000) ist stark rückläufig. Das jährliche Bevölkerungswachstum (1990 noch rund 2,8 Prozent) konnte durch staatliche Geburtenkontrolle auf 1,2 Prozent (2006) gesenkt werden. Ungebremst verläuft allerdings das Wachstum der Städte im Norden; fast ein Fünftel der Gesamtbevölkerung lebt im Großraum Algier.

 

Bildung:

Für algerische Kinder und Jugendliche besteht ab dem sechsten Lebensjahr eine neunjährige Schulpflicht. Das Schul- und Bildungssystem ist nach französischem Vorbild aufgebaut. Die Sekundarbildung, die zur Hochschulreife führt, beginnt mit dem zwölften Lebensjahr und kann bis zu sieben Jahren dauern (vier Jahre Collège, drei Jahre Lycée). Aufgrund der anwachsenden Zahl von sozial schwachen Familien führte die Regierung 1996 eine Lernmittelbeihilfe ein. Algerien hat zwölf Universitäten, deren älteste 1879 in Algier gegründet wurde.

 

Staat und Politik

Nach der 1996 angenommenen Verfassung ist Algerien eine präsidiale Republik. Der Präsident wird direkt vom Volk für fünf Jahre gewählt. Die ursprüngliche Beschränkung seines Mandates auf maximal zwei Amtsperioden wurde 2008 durch eine Verfassungsänderung aufgehoben. Der Präsident kann nun mehrfach wiedergewählt werden. Er verfügt über weit reichende Befugnisse und ernennt auch den Premierminister. Neben der auf fünf Jahre gewählten Nationalversammlung mit 389 Mitgliedern besteht eine zweite Parlamentskammer, der Rat der Nation, dessen 144 Mitglieder zu einem Drittel vom Präsidenten bestimmt und zu zwei Dritteln direkt von den Kommunalräten gewählt werden (Amtsperiode sechs Jahre).

 

Wichtige Parteien sind die frühere Einheitspartei Nationale Befreiungsfront (Front de Libération Nationale, FLN), die zentristische Nationaldemokratische Sammlungsbewegung (Rassemblement National Démocratique, RND), die gemäßigt islamische Bewegung für eine Gesellschaft des Friedens (Mouvement de la Société pour la Paix, MSP) sowie die islamistische Bewegung für nationale Reform (Mouvement de la Réforme Nationale, MRN). Das Justizwesen ist durch islamische und französische Einflüsse geprägt.

 

Wirtschaft und Verkehr

Aufgrund bedeutender Rohstoffvorkommen gehört Algerien heute zu den reichsten afrikanischen Staaten. Dabei war die wirtschaftliche Ausgangslage der seit 1962 unabhängigen Republik schlecht: Es gab kaum Industrie, die Landwirtschaft war auf den Export nach Frankreich ausgerichtet, die Infrastruktur durch den Unabhängigkeitskrieg größtenteils zerstört. Die reichen Erdöl- und Erdgasvorkommen in der Sahara waren 1962 noch kaum erschlossen. Nach Umstrukturierungen und der Verstaatlichung wichtiger Wirtschaftbereiche in den sechziger Jahren ist die Regierung in den letzten Jahren um eine Liberalisierung der Wirtschaft und Förderung des Privatsektors bemüht.

 

Exportorientierte Landwirtschaft:

Die Landwirtschaft, die nur in Nordalgerien gute Bedingungen vorfindet, liefert lediglich rund 20 Prozent des Eigenbedarfs an Nahrungsmitteln. Schon seit der französischen Kolonialzeit ist der Agrarsektor stark auf ausländische Märkte ausgerichtet. Wichtigste landwirtschaftliche Exportprodukte sind Datteln, Wein und Zitrusfrüchte.

Abhängigkeit vom Erdöl:

Bestimmend für die algerische Wirtschaft sind die Förderung und der Export von Erdöl und Erdgas, die zusammen rund 95 Prozent des Exportwerts und zwei Drittel der Staatseinnahmen ausmachen. Die übrigen Bodenschätze (Phosphat, Eisen-, Zink-, Blei- und Silbererze, Schwefelkies, Salz) sind erst zum Teil erschlossen. Da der Erdölsektor wenig beschäftigungsintensiv ist, leidet Algerien unter einer anhaltend hohen Arbeitslosenquote. Der Staat fördert daher die Gründung von Unternehmen außerhalb des Erdölsektors. Vor allem im Bereich Bauwesen, Maschinenbau und Telekommunikation entstanden neue Betriebe.

Verkehrsnetz mit Lücken:

Das Verkehrsnetz ist im Norden gut ausgebaut; nach Süden nimmt die Verkehrsdichte schnell ab. Wichtigster Träger des Fern- und Massengutverkehrs ist die Eisenbahn. Küstenparallel durchquert die Eisenbahn von Tunis (Tunesien) nach Fès (Marokko) das Land; angeschlossen sind alle wichtigen Hafenstädte. Die Straßen gehen südlich des Saharaatlas meist in nur teilweise befestigte Wüstenpisten über. Der inneralgerische Luftverkehr ist besonders für die Erschließung der Wüstenoasen von Bedeutung.

 

Geschichte

Von der Frühzeit bis zur Osmanenherrschaft:

 

Seit frühgeschichtlichen Zeiten war das Gebiet des heutigen Algerien von Berbern (Numidern) bevölkert. Nach 1200 v. Chr. siedelten sich Phönizier an. Später dominierte das Reich der Karthager. Seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. stand die Region unter dem Einfluss Roms und wurde bis 42 n. Chr. römische Provinz. Ab 429 herrschten die Wandalen. Ihnen folgten die Byzantiner, ehe im 7. Jahrhundert die Araber das Land eroberten und islamisierten. Im 11.-13. Jahrhundert gehörte Algerien zum Reich der Almoraviden und Almohaden . Um 1500 besetzten die Spanier die algerische Küste, die ihrerseits 1519 durch das Osmanische Reich vertrieben wurden.

Französische Kolonialherrschaft:

1830 landeten französische Truppen in Algier. Die Besetzung der Küstenstadt bildete den Auftakt zur Kolonialisierung des Landes. Gegen den erbitterten Widerstand der Bevölkerung unter der Führung von Abd Al Kader sicherten sich die Franzosen bis 1847 die Vorherrschaft und erklärten Algerien 1848 zum französischen Territorium. In der Folgezeit drangen sie - ungeachtet der immer wieder aufflackernden Aufstände - weiter bis in die Sahara vor. Ab 1880 forcierte Frankreich die Einwanderung von Europäern. Die zunehmenden Spannungen zwischen den Kolonialisten und der einheimischen Bevölkerung führten zum Erwachen eines algerischen Nationalismus.

Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Algerien an der Seite Frankreichs gekämpft hatte, erwarteten viele Algerier vergeblich die gesellschaftliche Gleichberechtigung. Unabhängigkeitsbestrebungen wurden von Frankreich auch nach dem Zweiten Weltkrieg unterdrückt. Am 1. November 1954 begann der Aufstand der Nationalen Befreiungsfront (FLN) unter Ahmed Ben Bella . Die Welle der Gewalt bereitete sich rasch über das ganze Land aus. Frankreich versuchte den Aufstand brutal niederzuschlagen ("Schlacht um Algier" 1957), die FLN konnte sich jedoch im Untergrund behaupten.

Am 13. Mai 1958 brachten die europäischen Siedler und französischen Offiziere durch Putschdrohung die IV. Republik zum Scheitern, dadurch kam General de Gaulle an die Macht. Dieser leitete Verhandlungen mit der FLN ein. Am 18. März 1962 kam in Evian ein Waffenstillstand zustande, Putschversuche der radikalen "Geheim-Armee" (OAS) der europäischen Siedler wurden unterdrückt. Aus Furcht vor dem neuen Regime verließen über eine Million Algerien-Franzosen und fast 100 000 arabische Kollaborateure das Land. Am 3. Juli 1962 wurde Algerien in die Unabhängigkeit entlassen.

Der unabhängige Staat:

Nach inneren Machtkämpfen setzte sich Ben Bella als Staatspräsident durch, wurde aber bereits 1965 durch den Armeechef Houari Boumedienne gestürzt. Er etablierte die Herrschaft der Einheitspartei FLN und verfolgte einen islamisch geprägten Sozialismus, ohne die Zusammenarbeit mit Frankreich aufzukündigen.

Nach dem Tode Boumediennes wurde 1979 Bendjedid Chadli Präsident. Er verfolgte einen Kurs der politischen Liberalisierung. Die neue Verfassung von 1989 brachte das Ende des Einparteiensystems und die Aufgabe des Sozialismus als Staatsdoktrin. Wirtschaftliche Probleme trugen zum Erstarken des islamischen Fundamentalismus bei.

Als sich bei den Parlamentswahlen 1991 ein Sieg der Islamischen Heilsfront(FIS) abzeichnete, trat Chadli zurück. Ein vom Militär beherrschter Oberster Staatsrat übernahm die Macht und annullierte die Wahl. Die FIS wurde verboten und bekämpfte das Regime aus dem Untergrund. In den nächsten Jahren weiteten sich die Auseinandersetzungen zu einem bürgerkriegsähnlichen Konflikt aus, der weit mehr als 100.000 Opfer forderte.

Nach einer Verfassungsreform fanden 1997 Parlamentswahlen statt, die von der neu gegründeten Nationaldemokratischen Sammlungsbewegung (RND) gewonnen wurden. Aus vorgezogenen Präsidentschaftswahlen ging 1999 der gemäßigte Abdelaziz Bouteflika (FLN) als Sieger hervor. Er leitete eine Politik der nationalen Versöhnung und der innenpolitischen Stabilisierung ein. Die von der Opposition teilweise boykottierten Parlamentswahlen 2002 gewann die FLN mit absoluter Mehrheit. 2004 wurde Bouteflika durch Wahl im Präsidentenamt bestätigt. Im folgenden Jahr stimmte die Bevölkerung für die Annahme einer Charta für Frieden und Nationale Versöhnung, die unter anderem die Möglichkeit der gesellschaftlichen Eingliederung von reuigen Terroristen beinhaltete. Die Bedrohung durch radikale Islamisten blieb allerdings bestehen.

Mehrere schwere Anschläge wurden von der Terrororganisation al-Qaida im Islamischen Maghreb verübt. Bei den Parlamentswahlen 2007 verlor die FLN die absolute Mehrheit, blieb aber stärkste parlamentarische Kraft. Die bisherige Regierungskoalition aus FLN, RND und MSP konnte ihre Arbeit fortsetzen. Im November 2008 billigte das Parlament eine Verfassungsänderung, die Bouteflika die Kandidatur für eine dritte Amtszeit ermöglichte. Er gewann die Präsidentschaftswahlen im April 2009.

 


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