Äthiopien Lalibela - unbekanntes Weltwunder

Wären da nicht die zahlreichen Grillen und der Hund, der in der Ferne sein Abendlied bellt, es wäre mucksmäuschenstill. Von der Terrasse des Mountain View Hotels geht der Blick in die tiefschwarze Nacht. Am Firmament sind nur die schwachen Umrisse der schluchtartigen Lasta-Berge zu erkennen. Unten schlängeln sich zwei fahle Scheinwerfer die einzige Bergstraße hinauf, oben funkelt der äthiopische Sternenhimmel, bewacht vom prallen Vollmond. Es herrscht eine nächtliche Ruhe, die in Lalibela tagsüber undenkbar wäre.

Etwa die Hälfte der 600.000 Äthiopien-Touristen kommen jährlich hierher, um Zeuge des Unesco-Weltkulturerbes zu werden. Der christliche Wallfahrtsort gilt als Jerusalem Äthiopiens, zu dem jeder Gläubige mindestens einmal in seinem Leben gepilgert sein sollte. Dabei war die lebendige Kleinstadt lange Zeit nur schwer zugänglich. Erst kurz vor dem Jahrtausendwechsel wurden die Straßen in den Norden auch in der Regenzeit befahrbar gemacht. Etwa zur gleichen Zeit bekam die niedliche Landebahn des regionalen Flughafens zum ersten Mal eine asphaltierte Oberfläche. Seitdem verbindet die nationale Fluggesellschaft Ethiopian Airlines Lalibela mit der Hauptstadt Addis Abeba.

Die triftigen Gründe für einen Besuch lagen internationalen Touristen lange Zeit verborgen, sind inzwischen aber so offensichtlich wie beeindruckend: Ab 1181 ließ Kaiser Gebral Maskal Lalibela in der Region elf Felsenkirchen in das Basaltgestein meißeln, allesamt Meisterwerke aus jeweils einem Stück geschlagen und bis zu 13 Meter hoch. Die Monolithen zählen nicht nur zu den größten Bauwerken ihrer Art, sie faszinieren vor allem mit einer besonderen Atmosphäre als lebendiges Erbe, in dem noch heute täglich Messen stattfinden.

Ein Vorsänger lässt seine Stimme durch die Hohlräume der Bet Medhane Alem, der weltgrößten Felsenkirche, schallen. Eine Gruppe von Priestern singt ihm nach, vorgetragen in Ge'ez, der Sprache der Kirchenleute. Die Männer sind mit weißen Shemmas, den Priestergewändern, gekleidet. Vollständig zu erkennen ist die Szene jedoch erst, nachdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Durch die Felslöcher dringt nur schwaches Licht ins Innere der Kirche. Es ist fast dunkel - dafür angenehm kühl. Die älteren Priester stützen sich auf ihren Mekuamias ab. Die Gebetsstöcke sind keine schlechte Erfindung, schließlich dauern die Messen nicht selten bis zu drei Stunden. In den Ecken sitzen weißhaarige Gläubige auf großen, muffigen Teppichen, die in allen Kirchen ausgelegt sind. Einer von ihnen hält eine Bibel in der Hand, die Augenlider sind schon schwer. Dann knickt sein Kopf nach hinten weg. Mittagspause.

Äthiopische Priester und Mönche
Carl de Souza/AFP/Getty Images
Äthiopische Priester und Mönche.
Die elf Felsenkirchen sind durch teils abenteuerliche Tunnel-, Treppen- und Labyrinthsysteme miteinander verbunden. Dazwischen kraxeln nicht nur Touristen über Stock und Stein, sondern auch einheimische Jugendliche. Es dauert nicht lange, bis einer ruft: "Where you from?" Nach meiner Antwort überschlagen sich die Zungen der Kids: "Bayern Munitsch! Bayern Munitsch! 4:0 beat Barcelona!" Das erste Gesprächsthema ist also schnell gefunden. Fikiru erzählt von seinem eigenen Fußballverein, der dringend einen neuen Ball benötigt. Die Anspielung verstehe ich, winke aber höflich ab. Dann erkundigen sich die Jungs nach dem Leben in Deutschland und erzählen stolz, dass sie Angela Merkel kennen. Ach ja, und dass man das Land in Äthiopien sehr schätzen würde, weil alles so gut organisiert sei. Mit Alemnew und seinem Freund laufe ich durch eine schmale Felsschneise. Sie verraten begeistert, dass sie Lalibela nach der Schule verlassen werden, um Wasseringenieur zu werden. Und Tierarzt. Und sie fragen, ob ich Zeit hätte, auf ein Getränk mit zu ihnen nach Hause zu kommen. Mein "leider nein" hört Alemnew gar nicht, er fragt direkt weiter, ob wir in Kontakt bleiben können. Wir tauschen E-Mail-Adressen und verabschieden uns vor dem Eingang zur nächsten Kirche. Dann drückt der Junge mir noch eine ausgeblichene Postkarte in die Hand, auf der Bet Giyorgis zu sehen ist, Lalibelas größtes Prachtstück.

Über den Bau dieser bombastischen Kreuzkirche, der man sich beim Spaziergang durch Lalibela auf beeindruckende Weise von oben nähert, gibt es genauso wenig schriftlich Festgehaltenes wie über die anderen Gotteshäuser. Allerdings wird beim Anblick von Bet Giyorgis klar, wie genau die Arbeiter bei der Planung vorgegangen sein müssen. Sie mussten sich stets von oben in den Fels hineinarbeiten und somit Details wie die Regenleitungen auf dem Kirchendach schon gleich zu Beginn der Meißelarbeiten bedenken. Ein späteres Nacharbeiten wäre unmöglich gewesen.

Die übermittelte Legende, dass Kaiser Lalibela sämtliche Kirchen selbst - nur mit Hilfe von ein paar Engeln - gebaut hat, ist sicherlich nur begrenzt haltbar. Allerdings gilt als sicher, dass sich Lalibela mit seinem Lebensprojekt - auch was die Bezahlung seiner Arbeiter anbelangt - finanziell überworfen hat. Zu erkennen ist dies am allerersten Bau Bet Maryam, der von innen noch reichlich verziert, bemalt und mit einem Goldkreuz ausgestattet ist, während die neueren Kirchen nur mit einem Holzkreuz auskommen müssen. Angeblich war Lalibela besessen von seiner Vision, die ihn sogar soweit brachte, all sein Hab und Gut zu verkaufen, um den Bau weiterfinanzieren zu können. Das schloss auch seinen Sohn mit ein, den er letztlich Sklavenhändlern überließ. Trotzdem wird Lalibela von der äthiopisch-orthodoxen Kirche noch heute als Heiliger verehrt. Sein Werk ist unumstritten und einmalig, nicht zuletzt, weil keine Kirche der anderen ähnelt. Alle verfolgen einen eigenen Baustil, in den sich lediglich einige typisch aksumitische Details wie Kreuzfenster und eine äußerst präzise Geometrie als verbindende Elemente fügen.

Saint George Kirche
iStock/Thinkstock
Die Saint George Kirche ist wohl die bekannteste der Kirchen.
Im Laufe des Tages füllt sich der Kopf mit Bildern vom wuseligen Kleinstadtleben Lalibelas einerseits und der strengen, ruhigen Ordnung, die in den Kirchen zu herrschen scheint, andererseits. In einigen Felsen sind die Böden voller Menschen, die dösen und auf den Start einer Messe warten. Rechtzeitiges, stilles Anstehen sozusagen. Denn sobald die Messe begonnen hat, darf die Kirche von niemandem mehr betreten oder verlassen werden.

Abends sitze ich auf der Hotelterrasse und starre ins tiefschwarze Nichts, um den Grillen und dem Hund bei ihrem Gute-Nacht-Lied zuzuhören. Dabei kommen Gedanken, dass das, was hier passiert, keine Show ist - nichts geschieht für den jüngst aufgekommenen Tourismus. Es ist eine gelebte Tradition, die seit fast einem Jahrtausend besteht und unerschütterlich scheint. All das fühlt sich urecht an. Plötzlich mischt sich ein weiterer Ton in den Sangeschor der Tiere. Eine E-Mail von Alemnew: "Greetings from Lalibela" steht im Betreff. Ob ich vielleicht morgen Zeit hätte, mit ihm ein Getränk zu nehmen. Warum eigentlich nicht, denke ich. Ich könnte ja noch ein bisschen bleiben.

Um noch mehr von Äthiopien zu sehen, starten sie auf eine Rundreise zum Tanasee, ins Simien-Gebirge und in den Nechisar Nationalpark.