Rundreise Äthiopien - das Dach Afrikas

"Selam" und "Amesegenallo" - "Hallo" und "Danke" - sind amharische Wörter, die man sich merken sollte, wenn man eine Reise durch Äthiopien plant. Auch wenn man sonst nichts versteht, freuen sich die Äthiopier sehr darüber, wenn guter Wille gezeigt und nicht sofort auf die bequeme Variante Englisch zurückgegriffen wird - so auch in Addis Abeba, der Hauptstadt des Landes. Es ist noch früh am Morgen, als wir die "Neue Blume" hinter uns lassen und der (noch) geteerten Straße Richtung Norden folgen. Zum ersten Mal seit der Ankunft in Äthiopien durchströmt frische Luft unsere Lungen und lässt den Abgas-Dunst der Großstadt in Vergessenheit geraten.

Wir fahren in das rund 550 Kilometer entfernte Bahir Dar, am südlichen Zipfel des Tanasees, und machen von dort aus einen Ausflug zu den Fällen des Blauen Nils. Die Landschaft ist karg und rostbraun, gespickt mit ein paar grünen Büschen und Bäumen. Es ist das Ende der Trockenzeit und die Pflanzen zehren von ihren letzten Reserven. Im Hintergrund stürzen sich die Wasserfälle in die Tiefe und die herüberwehende Gischt ist eine willkommene Abkühlung.

Simien Mountains Nationalpark
Anja Haertel
Der Simien Mountains Nationalpark ist seit 1978 Unesco-Weltnaturerbe.
Wandern im Simien-Gebirge

Am Tanasee vorbei, über Gondar und Debark, führt uns der Weg in das Simien-Gebirge und den gleichnamigen Nationalpark, durch den wir drei Tage lang wandern. Los geht es in Sankaber auf 3200 Metern Höhe. In der dünnen Luft fangen wir schon nach wenigen Metern an zu keuchen. Wir passieren Felsplateaus und tiefe Abgründe, die Aussicht ist einfach atemberaubend. So weit das Auge reicht, reihen sich die schroffen Bergketten des Simien-Gebirges aneinander. Geologisch betrachtet ist das Gebiet ein riesiger Block aus vulkanischem Fels, der im Laufe der Jahrmillionen durch tektonische Aktivitäten und Erosionsprozesse zerklüftet wurde. Durch die starken Höhenunterschiede variiert auch das Klima im Park deutlich. Die jährlichen Durchschnittstemperaturen bewegen sich zwischen 2 und 18 Grad Celsius.

Kaffeezeremonie als Willkommensritual in Äthiopien.
Anja Haertel
Die Kaffeezeremonie ist in Äthiopien ein verbreitetes Willkommensritual.
Die erste Nacht verbringen wir im Geech Camp. Im nahegelegenen Bergdorf sind wir abends bei einer Familie zur Kaffee-Zeremonie eingeladen - ein Willkommensritual für Fremde. Die frischen Kaffeebohnen werden geröstet, mit einem Holzpfahl zermahlen und anschließend in einer Kanne im Feuer aufgebrüht. Im Hintergrund muht eine Kuh, auf der anderen Seite der kleinen Hütte huschen ein paar Hühner vorbei. Ein völlig normales Bild. Hier im Hochland ist es üblich, dass die Tiere im Haus schlafen, denn sie spenden den Menschen Wärme. Am zweiten Tag im Nationalpark erklimmen wir die 4000 Meter Marke und schlagen unser Nachtlager im Chenek Camp auf. Dort bekommen wir morgens Besuch von ein paar Gelada Baboons, einer Affenart, die nur im Hochland Äthiopiens vorzufinden ist.

Injera Äthiopien
Anja Haertel
Injera ist das Nationalgericht Äthiopiens. Nicht jedem Touristen sagt das säuerliche Fladenbrot zu.
Auf dem Weg zurück Richtung Addis Abeba machen wir Station in der heiligen Stadt Lalibela. Die Legende besagt, dass vor etwa 1000 Jahren ein vergifteter Mann von Engeln in den Himmel getragen wurde, wo Gott ihn beauftragte, in Äthiopien ein zweites Jerusalem aufzubauen. Zurück auf der Erde, dauerte es Jahrzehnte, die insgesamt elf Kirchen aus den Felsen zu meißeln, die heute zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Zwischen der fünften und sechsten Kirche legen wir eine Mittagspause im Restaurant ein. Es gibt Injera, das äthiopische Nationalgericht. Dabei handelt es sich um ein recht säuerliches Fladenbrot, das aus der Hirse-Art Tef hergestellt wird.Dazu werden meist verschiedene Soßen und gekochtes Gemüse gereicht. Gegessen wird traditionell mit der (rechten) Hand, was zunächst ungewohnt ist, doch spätestens nach ein paar Tagen hört man auf, nach einer Gabel zu fragen.

Langanosee in Äthiopien
Anja Haertel
Im Gegensatz zu den meisten Gewässern in Äthiopien kann man im Langanosee schwimmen.
Fahrt durch den Ostafrikanischen Grabenbruch

Etwa 200 Kilometer südlich von Addis Abeba liegt, eingebettet in den Ostafrikanischen Grabenbruch, der Langanosee. Während in den meisten Gewässern Äthiopiens Bilharziose-Gefahr besteht (eine Wurmkrankheit), ist das Schwimmen in diesem See unbedenklich, allerdings erinnert er optisch mehr an eine riesige Schüssel Kakao. Da das Wasser, das aus der Dusche kommt, aber eine ähnliche Farbe aufweist, wagt man doch einen Sprung in das kühle Nass. Außerdem ist es vorerst die letzte Gelegenheit, Haut und Haar vom Staub der Reise zu befreien, da wir die kommenden beiden Tage wieder in der Natur verbringen werden: dem Bale Mountains Nationalpark.

Bei der Ankunft in Dodola wartet auf jeden von uns ein Muli, eine Kreuzung aus Pferdestute und Eselhengst, denn dieses Mal wird nicht gewandert, sondern geritten. Im Gegensatz zum schroffen und spektakulären Simien-Gebirge sind die Bale Mountains eher sanft und grün. Die mit Büschen bedeckten Berghänge sehen aus, als seien sie mit einem Teppich überzogen. Im Süden des Parks beheimatet der Harrenna Wald eine Vielzahl von Säugetieren, Vögeln und Pflanzenarten.

Zebras im Nechisar Nationalpark in Äthiopien.
Anja Haertel
Zebras im Nechisar Nationalpark.
Auf der Suche nach etwas mehr "afrikanischem Flair" besuchen wir den Nechisar Nationalpark, der für seine spektakuläre Fauna bekannt ist. In winzigen Holzbooten überqueren wir den Chamosee und beobachten voller Erwartung die Wasseroberfläche. Irgendwie wird jeder Stock zum Krokodil, jedes Blatt zum Nilpferd. Hat sich da etwas bewegt? Unser Bootsführer weist in Richtung Ufer und tatsächlich, zwischen dem Schilf schauen drei paar Ohren und Augen aus dem Wasser. Die Nilpferde lassen sich durch die Motoren der Boote aber nicht stören. Auf der anderen Seite des Sees angekommen, entdecken wir drei Nilkrokodile, die im Sand faulenzen. Wir beobachten die Tiere aus sicherer Entfernung, doch der Trubel scheint den Reptilien zu viel zu sein, schließlich lassen sie sich elegant ins Wasser gleiten und verschwinden aus unserer Sichtweite. Und auch der dritte Höhepunkt lässt nicht lange auf sich warten. Bei einer Wanderung durch die schon fast weiße Graslandschaft des Nationalparks kreuzt eine Gruppe von Zebras unseren Weg. Die gestreiften Vierbeiner scheinen uns sehr interessant zu finden und kommen neugierig auf uns zu.

Hamar in Äthiopien
Anja Haertel
Das junge Hamar-Mädchen zeigt die traditionelle Haartracht.
Zu Besuch bei den Völkern des Südens

Abgerundet wir die Südschleife unserer Reise durch einen Besuch bei den Völkern des Südens. Wir fahren zu einem Hamar-Dorf in der Omo-Region und ein Einheimischer zeigt uns sein Zuhause. Die Holzhütten sind meist sehr klein und rund gebaut. Charakteristisch für die Hamar sind ihre Schmucknarben und die traditionelle Haartracht. Frauen drehen dünne Haarsträhnen zu kleinen Röllchen und reiben diese mit Ton und Lehm ein - Haarschaum auf äthiopisch.

Um noch ein anderes Volk kennenzulernen, fahren wir in den Mago Nationalpark im Südosten des Landes. Dort besuchen wir ein Mursi-Dorf. Die Mursi sind vor allem bekannt für die Lippenteller der Frauen, die aus Ton hergestellt werden und als Schönheitsideal gelten. Früher obligatorisch, können heute junge Mädchen selbst entscheiden, ob sie einen Teller tragen möchten oder nicht. Da sie im Alltag eher unpraktisch sind, verzichten die meisten Frauen darauf und setzen sie nur zu besonderen Anlässen oder für die Touristen ein.

Autor

Anja Haertel