Ägypten Orientalismus verstehen

Sie ist von unwirklich hellem, geradezu irischem Teint und rostrotem Haar, die wohlgenährte Schönheit, die sich da auf dem Teppich des Harems räkelt. Ihr Blick starrt ins Ungefähre; ist es Verzweiflung, ist es Langeweile? Oder die Hitze? Den Fächer hat sie neben sich zu Boden sinken lassen, womöglich bereits entkräftet; ihren Körper, nein, eigentlich nur ihre Beine umspielt ein durchscheinend-weißes Tuch. Vor ihr kauert eine Sklavin mit dunklerem Teint; etwas weniger spärlich, aber dafür umso farbenfroher bekleidet, der Blick nicht minder lasziv.

Eine weißhäutige Gespielin in einem ägyptischen Harem. Was für ein empörender, üppiger, ja vollmundiger Kontrast zur Prüderie im Europa des 19. Jahrhunderts! „Die Odaliske und die Sklavin“ hat Jean Auguste Dominique Ingres sein Gemälde betitelt, und es darf als gesichert gelten, dass es nicht von eigenem Augenschein inspiriert worden ist, sondern allenfalls von schriftlichen Überlieferungen – und einer saftigen Portion Fantasie. Odaliske ist das türkischstämmige Wort für Haremsdame. In der europäischen Malerei des 19. Jahrhunderts wimmelt es geradezu vor Odalisken. Und schuld daran ist Napoleon. Seit seinem Ägypten-Feldzug 1798 wütet unter europäischen Bohémiens eine regelrechte Orientsucht; als „Ägyptomanie“ bezeichnen sie manche der Befallenen selbst. Obeliskenförmige Schränke und Tapeten mit Hieroglyphenmuster sind noch ihre harmloseren Symptome; Pulver aus zermahlenen Mumien, als Allheilmittel gehandelt, gehört dagegen schon ins fortgeschrittene Stadium.

Zwar hat in einschlägigen Kreisen Europas der Orient schon früher als Kulisse für die eigene Fantasie gedient: Der Sonnenkönig Louis XIV. ließ an seinem Hof Ballettstücke aufführen, die von Pharaonen und Isis und Osiris handelten. Europäische Architekten haben Nachbauten der Pyramiden errichtet, etwa beim Schloss Wilhelmshöhe in Kassel. Georg Friedrich Händel hat ein Oratorium mit dem Titel „Israel in Ägypten“ komponiert - und Mozart die „Zauberflöte“ mit ihren Anklängen an das Mystische in der altägyptischen Kultur.

167 Gelehrte auf ägyptischem Boden

Doch so richtig los ging es erst mit Bonapartes Feldzug übers Mittelmeer. Bevor er mit 38.000 Mann im Mai 1798 gen Ägypten aufbricht, den Einfluss Englands im Mittelmeerraum zurückzudrängen, hat er eine „Kommission der Wissenschaften und der Künste der Orientarmee“ einberufen, besetzt mit hochkarätigen Chemikern, Ingenieuren, Zeichnern, Astronomen, Bildhauern und Schriftstellern. Sage und schreibe 167 Gelehrte aller Couleur betreten im Schlepptau seiner Truppen ägyptischen Boden. Noch während die Kämpfe andauern, gründet Napoleon bei Kairo ein Institut der Wissenschaften und Künste - und kurz darauf jenes Museum, in dem 24 Jahre später Jean-Francois Champollion die Hieroglyphen entschlüsseln wird.

Militärisch gerät Napoleons Feldzug zum Desaster, doch was in den Jahren darauf die heimgekehrten Wissenschaftler und Zeichner zustande bringen, ist atemberaubend: die „Description de l‘Égypte“, eine engmaschige Inventur des Landes, monströs in Umfang und Penibilität; dreiundzwanzig schwere Bände voll detaillierter Zeichnungen von Tempeln, Pyramiden, Nilfischen, Musikinstrumenten, Szenen aus dem Arbeitsleben von Barbieren und Kesselschmieden.

Und der Virus der Ägyptomanie greift um sich; ein Gieren nach glühendem Leben und Sinnlichkeit statt abendländischer Monotonie. Victor Hugo veröffentlicht 1829 eine Gedichtsammlung mit dem Titel „Les Orientales“ – ohne je selbst Europa verlassen zu haben. Gustave Flaubert notiert während seiner eineinhalbjährigen Orientreise, er suche nach „prächtigen Farben im Gegensatz zum Grau in Grau der französischen Provinzlandschaft, nach erregenden Schauspielen anstelle von alltäglichen Routinen, nach dem ewig Mysteriösen anstelle des Allvertrauten.“ Schon Jahre vor der Reise haben ihm die Orient-Bilder in seinem Kopf keine Ruhe gelassen: „Dort sind die Sterne viermal so groß wie die unsrigen“, fantasierte er, „es brennt die Sonne, die Frauen winden sich und bäumen sich auf in den Küssen, unter den Umarmungen.“

Was er dann tatsächlich vorfindet, ist mitunter weniger sinnenfroh: „Die Mücken zerfressen mich“, jammert er einmal in sein Tagebuch, „ich bin vom Staub ganz ramponiert.“

Reisen nach Ägypten sind in Mode

Hatte Goethe seinerzeit die Italienreise in Mode gebracht, so reist nun, wer in Frankreichs und Englands besseren Kreisen etwas auf sich hält, durch Ägypten, Syrien, Palästina. Für Künstler und solche, die sich dafür halten, wird der Nil ungefähr zu dem, was in den 1960er Jahren die Adria um Rimini für schwedische und deutsche Arbeiter sein wird. „Bei jedem Schritt trifft man unweigerlich auf andere Maler“, klagt 1835 der Schweizer Marc-Gabriel-Charles Gleyre: „Ich habe hier mindestens ein Dutzend vorgefunden, die ihren eigenen Worten zufolge allesamt sehr talentiert sind. Sie haben mir meine Freude an Kairo gründlich verdorben.“

Und während die Maler die Obelisken immer enthemmter tanzen lassen, liefern die Dichter dazu den pulsierenden Soundtrack: „Der antiken Isis‘ Schleier tragen gerne / die modernen Töchter des Nil“, reimt Theóphile Gautier, „doch unterm Schleier funkeln Sterne / lodern Feuer - rein und subtil.“ Was unter Franzosen und Engländern derart en vogue ist, da wollen die Deutschen nicht hintenanstehen. Der preußische König Friedrich entsendet Gelehrte wie Karl Richard Lepsius auf Expedition nach Ägypten, seinerseits begleitet von Wissenschaftlern, Architekten und Malern – so entsteht etwa ein Aquarell mit dem Titel „Aufhissen der preußischen Flagge auf der Pyramide des Cheops unter der Führung des Professor Lepsius am 15 Oktober 1842“.

Ganz neuen Schub aber bekommt die Orient-Begeisterung in Deutschland um die Jahrhundertwende: Kaiser Wilhelm II. reist 1898 durch Palästina – in der Folge überschwemmen Ansichtskarten von dem Trip das Deutsche Reich. Im Jahr 1903 wandert ein 25jähriger österreichischer Fotograf namens Rudolf Franz Lehnert von Wien nach Sizilien, setzt von dort mit dem Schiff nach Tunesien über; wandert dort weiter, durch Suks und Oasen – und verfällt dem Zauber des Orients unheilbar. Im folgenden Jahr lernt er in der Schweiz den deutschen Buchhalter Ernst Heinrich Landrock kennen, steckt ihn mit seiner Begeisterung über die fotografische Ausbeute der Reise an, noch im selben Jahr gründen die beiden in Tunis ein Ateliergeschäft. Lehnert reist weiter durch Nordafrika, durch Libanon und Syrien, den Nil entlang, und seine Schwarzweiß-Porträts von Bewohnern der Kairoer Altstadt und oberägyptischen Fellachen, von Sphingen und Moscheen werden weltberühmt.

„Lehnert muss ein außergewöhnlicher Mensch gewesen sein“, schreibt der spätere Leiter der Großhandlung Lehnert&Landrock in Kairo: Wie er es geschafft habe, „über holprige Pisten auf Kamelrücken unter sengender Sonne diese schweren Fotoplatten von Tunis nach Kairo zu transportieren, meisterhaft zu belichten und sie heil zurückzubringen, bleibt bis heute nahezu unerklärlich.“

Im Jahr 1978 dann veröffentlicht ein US-amerikanischer Literaturwissenschaftler namens Edward Said eine schneidende Abrechnung mit der Orientalismus-Welle, wie sie in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten die Europäer aufgewühlt hat. Sein aufrüttelndes Werk mit dem Titel „Orientalismus“ hebt an mit einer sarkastischen Anklage: „Bei einem Besuch in Beirut während des schrecklichen Bürgerkrieges von 1975-1976 schrieb ein französischer Journalist bedauernd über das ausgebrannte Stadtzentrum: ,Es schien einstmals dem Orient von Chateaubriand und Nerval anzugehören.‘ (...) Vielleicht schien es unerheblich, dass für Orientale selbst bei dem Vorgang etwas auf dem Spiel stand, dass bereits zu Zeiten von Chateaubriand und Nerval dort Orientale gelebt hatten und dass es jetzt sie waren, die litten; die Hauptsache für den europäischen Besucher war eine europäische Verkörperung des Orients und deren gegenwärtiges Schicksal.“

Abrechnung mit dem westlichen Orientalismus

Auf mehr als 400 Seiten nimmt Said den westlichen „Orientalismus“ in Wissenschaft und Kunst auseinander, wirft seinen Protagonisten vor, mit all ihren Harems-Fantasien und Hamam-Szenen, mit der akademisch verbrämten Fokussierung auf das „andere“ in den Ländern südöstlich des Mittelmeers den Orient als in sich abgeschlossenes, vom Abendland strikt abgegrenztes Gebilde überhaupt erst geschaffen zu haben – und durch seine Charakterisierung als mystische, von dunkler Rohheit, Impulsivität und Triebhaftigkeit durchtränkte Welt erst die geistig-moralische Grundlage für deren koloniale Unterwerfung bereitet zu haben.

Besonders die englische und die französische Orientwissenschaft, Kunst und Literatur nimmt Said ins Visier; die deutsche, eher akademisch geprägte Orientalistik nimmt er weitgehend von seiner Abrechnung aus – was allerdings daran liegen mag, so vermuten spätere Kritiker, dass er über die deutsche Perspektive schlicht weniger wusste und dass Deutschland als Kolonialmacht im Nahen Osten keine vergleichbare Rolle gespielt hatte wie England und Frankreich. Saids Thesen polarisieren bis heute die Gelehrtenwelt.

Von mancher Seite aber bekommt er offenbar unfreiwillige Bestätigung: vom Heyne-Verlag etwa, der Gustave Flauberts Klassiker „Salammbo“ im Jahr 1996 in neuer deutscher Übersetzung herausgibt – in der Reihe „Heyne Fantasy“. Flauberts „exotisch-prunkvolles, von unvergeßlichen magischen Bildern und unglaublich realen Szenen geprägtes Epos über den Untergang der Stadt Karthago, 1863 erschienen“, so schwadroniert der Klappentext, „beeinflusste Yeats ebenso wie Tolkien und zahllose andere Schriftsteller des phantastischen Genres.“ Keine Frage: Es handle sich um den „berühmtesten Fantasy-Roman aller Zeiten“. Vorne auf dem Cover, lang nicht gesehen: eine weißhäutige, rothaarige Odaliske.

Autor:
Tobias Zick