Ägypten Naturschutz im Neoprenanzug

Kopfüber schwebt Katharina Schubert in fünfzehn Metern Tiefe an einer gelben Hirnkoralle vorbei, aus ihrem Atemregler strömen Luftblasen, das Meerwasser ist 27 Grad warm und von tiefem Blau. Schubert gleitet über das Riff und macht sich Notizen. Sie schreibt mit einem Bleistift auf eine Plastiktafel, Colpophyllia notiert sie, gesund, Erhaltungsgrad bei über 80 Prozent. Einen Riffsektor von zwanzig Metern soll sie an diesem Vormittag untersuchen; unter ihr tut sich ein Wald aus bunten Acroporen, Schwämmen und Weichkorallen auf. Nacktschnecken und Seegurken liegen am Grund, rote, grüne, gelbe Fische schwimmen neben Fächerkorallen. Ein Gewühl voller Strukturen, Formen und Muster.

Katharina Schubert ist nicht nur zum Spaß hier unten im Roten Meer unterwegs. Die 22-jährige Biologiestudentin aus Bayreuth will sich auf Toxikologie spezialisieren, Korallen erforschen, um eines Tages dabei zu helfen, neue Medikamente gegen Krebs und Alzheimer zu finden.

Über, unter und neben ihr schweben noch weitere Biologen und angehende Meeresforscher durch die knallbunte Korallenwelt. Sie alle halten Listen in Händen, Identifikationstabellen, eingeschweißte Fotos. Sie sollen lernen, die Korallen und Fische mit den Augen eines Forschers zu sehen. Im Riff lesen: all die Spezies erkennen, einordnen, den Zustand der Unterwasserwelt beurteilen, Korallenkrankheiten deuten und klassifizieren.

Biodiversität pur: 8265 Individuen und 220 Arten

Keine leichte Aufgabe. Korallenriffe sind eine Explosion der Schöpfung, vor Leben und kuriosen Kreaturen strotzende Biotope, die sogar die Vielfalt der Regenwälder überbieten können. Auf nur fünf Quadratmetern eines Riffs in der Karibik etwa wurden schon 534 verschiedene Arten aus 27 Stämmen gezählt. In einer einzigen Probe von Kryptofauna, also von Tieren, die sich in Korallenstöcken verbergen, tummelten sich 8265 Individuen 220 verschiedener Arten. Das Rote Meer gilt als eine Seeregion mit besonders hoher Biodiversität. "Da muss man erst mal durchsteigen", sagt Katharina Schubert, als sie nach einer Stunde Tauchen die Maske abnimmt und wieder oben am Strand steht, umweht von einem 38 Grad heißen Wüstenwind.

Ihr Blick fällt auf den gleißenden Golf von Aqaba, am anderen Ufer erheben sich glutrot die Berge Saudi-Arabiens. Hier auf der ägyptischen Seite liegt, wie ein brüchiges Nest in den Wüstensand gerammt, Dahab, einst Fischerdorf der Beduinen, heute Touristenort. An der Promenade reiht sich ein Restaurant neben das andere, in den Souvenirshops baumeln Ziegenlederlampen und Wasserpfeifen, liegen Teppiche und Plastikpyramiden aus, bunter als jedes Korallenriff. Sonnenurlauber und Surfer zieht es hierher in den Sinai, vor allem aber Aquanauten.

Sage und schreibe 38 Tauchbasen existieren derzeit in Dahab, vor jedem zweiten Laden prangt ein Schild: Dive Station. Es dürfte nur wenige Orte auf der Welt geben, wo so viele Menschen in Neoprenanzügen zwischen den Beachbars herumlaufen und Pressluftflaschen auf dem Rücken tragen, um direkt vom Ufer aus die nahen Riffe zu erkunden. Bis zu vier Millionen Hobbytaucher reisen jedes Jahr nach Ägypten, ein Großteil davon kommt aus Deutschland. Das Rote Meer ist warm und klar, mit Sichtweiten bis zu 30 Metern. Die Preise sind günstig, und kein Korallenmeer liegt für Europäer näher. Wer morgens im nordischen Matschwetter in den Flieger steigt, kann nachmittags schon zwischen kreischbunten Falterfischen schwimmen und Luftblasen gen Himmel schicken.

All diese Vorteile des Roten Meers sind auch seine Probleme", sagt Christian Alter, 37. Er steht oben unter dem Sonnendach einer Veranda, neben ihm biegt sich eine Palme im Wind, zwanzig Meter weiter beginnt das hellblaue Meer. Alter ist Biologe, Hauptfach Zoologie, er tauchte schon mit 14 und entdeckte seine Vorliebe für Korallen vor zehn Jahren am Roten Meer. 2004 schrieb er seine Diplomarbeit in Dahab, tauchend und vor Tabellen sitzend, Titel: "Diversität und Zonierung riffbildender Korallen".

Seit sechs Jahren lebt der Deutsche nun am Roten Meer, kaum einer kennt die Korallengründe besser und betrachtet die maritime Zauberwelt mit so kritischem Auge. Alter fotografiert, untersucht, kategorisiert, vergleicht und dokumentiert so ziemlich alles, was ihm da unten vor die Maske kommt. Manche nennen ihn den Hüter der Korallen. Heute ist Christian Alter Koordinator des Red Sea Environmental Centre (RSEC), einer privaten Institution für Wissenschaft, Ausbildung und Umweltschutz am Roten Meer. RSEC ist mit der Meeresschutzorganisation "Mare-mundi.eu" zusammengeschlossen, betreibt eine Feldstation in Dahab, bietet riffbiologische Kurse an, biologisch begleitetes Tauchen, berät Gastforscher und unterstützt Universitäten bei Projekten.

Trampelpfade unterm Meeresspiegel

Die wichtigste Aufgabe: sogenanntes reef monitoring - Kontrollen und Bestandsaufnahmen am Riff. Die Daten gehen zu "Reef Check" nach Kalifornien, einer der größten internationalen Organisationen zum Schutz der Riffe. Hier fließen Informationen aus rund 80 Ländern zusammen, Sporttaucher und Meereswissenschaftler aus aller Welt sind involviert. Die Ziele: Den Menschen vor Augen halten, wie wichtig und fragil Korallenriffe sind, Bedrohungen aufzeigen, Lösungen vorschlagen.

Am Roten Meer ist das RSEC eine Art Organ des guten Gewissens. Und die wichtigste Einrichtung, die sich um den Schutz der hiesigen Unterwasserwelt bemüht. Nach der Gesundheit der Korallen gefragt, sagt Christian Alter, dass sie bereits an einer "leichten Erkältung " litten. "Die Riffe sind definitiv bedroht, es gibt zu viele Sünden, die ihnen schaden."

Ein Problem ist der Müll. Im Meer landet haufenweise Plastik, vor allem Tüten sind Killer. Der starke Wüstenwind weht sie massenweise in die nahen Fluten, sie legen sich auf die Korallen, die dann nicht mehr "atmen" können und absterben. Hinzu kommen Fischernetze, Überdüngung und ganze Armadas an Tauchbooten, die ihre Anker jahrelang einfach auf die Korallenbänke geschmissen haben. Auch natürliche Riffkrankheiten setzen den Korallen zu, Bakterienbefall oder der Dornenkronenseestern, der ganze Kolonien auffressen kann.

Der Tourismus nagt ebenfalls an den farbigen Gewächsen, die das pralle Leben unter Wasser erst ermöglichen. So gerät durch ständigen Hotelbau Sand und Schutt ins flache Wasser. Doch letztlich sind es die vielen Menschen, die das Rote Meer auf Dauer nicht verkraftet. Schwimmer, Schnorchler und Taucher brechen Korallen aus Versehen ab oder trampeln regelrecht auf dem Riff herum. Längst gibt es einen feststehenden Begriff dafür: reef trampling. Einzelne Gefahren würden die Riffe dabei noch überstehen, alle Faktoren zusammen aber können das komplexe Ökosystem in den Kollaps treiben. Forscher sprechen vom "Tod durch tausend Schnitte".

Und die Fische? "Den Kiemlingen geht es gar nicht gut", sagt Christian Alter und streicht sich die braunen Haare aus der Stirn. "Großfische wie Haie, Barrakudas und Thunfische sind sehr selten geworden, viele Riff- und Speisefische verschwinden." Allabendlich liegt in den Eisvitrinen der Restaurants der frische Fang aus. Hübsch drapiert landen dort rote Schnapper und türkisfarbene Papageifische, flankiert von dicken Hummern, Tinten- und gelben Kofferfischen. "Viele Ägypter angeln vom Ufer aus alles, was zu kriegen ist", erzählt Alter. "Sie halten sich nicht an Verbote." Unter Wasser würden alte abgerissene Angelschnüre ganze Korallenblöcke überziehen.

Das Meer ist überfischt. Die Touristen haben über Jahre einen großen Teil dessen aufgegessen, weswegen sie eigentlich ans Rote Meer kommen, bedient von allzu eifrigen Ägyptern, die verständlicherweise ans Geld denken. Christian Alter winkt ab, hoffnungslos scheint es, diesem Teufelskreis beizukommen. Er selbst isst gern Fisch. Doch er hat aufgehört, ihn zu verspeisen. Aus. Vorbei. Keinen Bissen mehr.

Am nächsten Morgen um zehn Uhr steckt er schon wieder im Neoprenanzug. Zusammen mit seinen Kolleginnen hievt er Pressluftflaschen auf einen Karren und schnappt sich seine Unterwasserkamera. Eine Gruppe von tauchenden Biologiestudenten soll darauf vorbereitet werden, einen echten reef survey zu absolvieren, eine Bestandsaufnahme am Riff mit brauchbaren Daten für Kalifornien.

Kurz darauf sinkt das RSEC-Team zum Lighthouse Reef ab, gelegen direkt vor den Strandcafés von Dahab. Oben schießen Surfer durch die Wellen, nippen braun gebrannte Urlauber an ihren Mango-Shakes. Hier unten ist alles blau und still. Überall steigen Luftblasen auf, geisterhaftes Atmen in 18 Metern Tiefe. Wenn viele Taucher im Wasser sind, steigen die Atemsäulen auf, dass es an der Oberfläche nur so blubbert. Trotz der vielen Taucher ist hier das Riff intakt, bis zu 85 Prozent, schätzt Nina Milton, eine Ausbilderin von RSEC. Salat- und Himbeerkorallen staksen aus der Bläue, gestreifte Fische huschen durch die unzähligen Winkel und Korallennischen.

Die Studenten müssen derweil eine neue Sprache üben. Dutzende verschiedene Handzeichen dienen dazu, all die Korallenarten und Fischspezies unter Wasser zu benennen, der jeweilige Tauchpartner notiert die Angaben auf vorgedruckten Listen. Ganz nah müssen die Volontäre an die Korallen herantauchen, kleben mit den Masken förmlich auf dem Biotop. "Nur so seht ihr wirklich, was da los ist und wie es den Korallen geht", hatte Nina Milton ihren Schülern am Morgen gesagt.

Nachts wird das Riff zum Spuk

Wer ihren Anweisungen folgt, erblickt irrwitzige Fantasiereiche. Grünlila gesprenkelte Muscheln, die sich leuchtende Kleinstlebewesen einverleiben. Myriaden blauer Minifische, die einen Korallenstock zu ihrer Stadt erklärt haben. Plötzlich drehen sich durchsichtige Krebse im Meer, spucken pockige Seegurken Sediment aus, fläzen sich zwei monsterhafte Krokodilfische im Sand.

Es ist, als tauche man in einen verrückten Film hinein. Die maßlose Vielfalt der Schöpfung in Großformat, alles pulsiert, nagt, gedeiht, paart sich, frisst und wird gefressen. Dies ist die Choreografie der Evolution, seit Jahrmilliarden erprobt. Ein Ökosystem voller Symbiosen und Rätsel. "Was wissen wir schon von den Riffen? Einen winzigen Bruchteil haben wir erst verstanden, die Korallen sind eine unermessliche Schatztruhe." Das hatte Christian Alter noch gesagt, bevor er abtauchte.

Die Gruppe sitzt zwei Stunden später wieder oben an der Basis. Biologen in Schlappen, mit wehenden Shirts und nassen Haaren. Sie gehen ein debriefing durch, besprechen, was gut lief, was nicht. Die Tauchmanöver kopfüber müssen sicherer werden, die Handzeichen sitzen, Namen und Charakteristika all der Lebewesen bekannt sein. Korallen zu studieren macht Spaß, bedeutet aber auch viel Arbeit. Am Abend, zwischen sieben und neun, ist ein Test anberaumt. Büffeln unter Palmen, barfuß und bei 34 Grad im Schatten.

Am nächsten Abend bereitet sich die Gruppe auf einen nächtlichen Fluoreszenz-Tauchgang vor. Die Taucherleuchten dabei mit Speziallampen mit blauem Licht ins pechschwarze Meer. Um zu erkennen, welche Tiere und Korallen fluoreszieren, tragen sie spezielle Filter vor den Masken. Damit ausgerüstet, schwimmt man in einem fantastischen Gruselkabinett: Grell leuchtende Strukturen glotzen einen in zehn Meter Tiefe an, neonfarbene Anemonen und Krebse. Leuchtende "Spiralwürmer" drehen sich im nassen Universum wie lebende DNS-Helix. Das Riff wird zum Spuk.

Tags darauf fahren Christian Alter und das Team mit einem Tauchboot 16 Seemeilen südwärts bis nach Gabrel-Bint, einem Riff abseits der Touristenorte, direkt vor den schroffen Bergen der Sinaiwüste. Die wahre Schönheit des Roten Meers wird offenbar, als das Boot sich mit neun Knoten durch die Dünung schiebt. Glühend heiße Steinfronten ziehen ganz nah an Steuerbord vorüber, rotbraun und von der Hitze zerfressen. Dies ist nackte Erde, gewaltig und schweigend, nur um unmittelbar im Riff zu münden. Ein paar Meter weiter tobt das submarine Leben.

Abermaliges Abtauchen. Schon kopulieren zwei Oktopoden: windende Tentakeln, aufgeblasene Körper, die Sekunden später jäh und in perfekter Camouflage erstarren. Trompetenfische ziehen vorbei, ein großer Napoleonfisch guckt gelangweilt, biegt seelenruhig in die Tiefe ab.

Christian Alter steht nach dem Tauchen oben auf dem Sonnendeck neben Käpt'n Achmed und blickt aufs Meer. "Nur wenn noch viel mehr Schutzzonen eingerichtet und Verbote durchgesetzt werden, haben die Riffe eine Chance. Sonst werden wir in 30 Jahren eine Unterwasserwelt vorfinden, die ihres Lebens beraubt ist." Käpt'n Achmed, der Araber mit der schwarzen Haut, steckt sich eine Zigarette an. Seit 20 Jahren fährt er auf dem Roten Meer, kennt jede Landspitze, navigiert sein Boot mit bloßem Auge an heiklen Stellen vorbei. Früher habe er von seiner Brücke nur aufs Wasser schauen müssen, um zahlreiche Tiere zu sehen: "Überall schwammen Haie, Rochen und Delfine. Inzwischen ist das Meer wie leer."

Fragt man Käpt'n Achmed nach den Gründen für die Probleme seines Meeres, verliert er sich nicht in langen Phrasen. Die Kippe wackelt in seinem Mundwinkel, dann sagt Käpt'n Achmed schlicht: "Too many people, people crazy." Der Wüstenwind reißt die Silben von seinen Lippen und pustet sie gen Süden, hinaus auf See.

MERIAN INFO

Tauchspots am Roten Meer
Scharm el-Scheich und Hurghada sind die Hochburgen für Taucher. Hier landen zahlreiche Charterflieger, hier haben sich sehr viele Tauchbasen angesiedelt. Das Angebot an Kursen und Leihmaterial ist groß, leider kann es unter Wasser ziemlich voll werden. Weitere bekannte Tauchorte sind Dahab sowie Nuweiba an der Sinaiküste und Marsa Alam, Safaga und Quseir im Süden. Überall bieten Tauchbasen Kurse und Leihequipment an. Einen Grundschein (etwa »PADI« Open Water Diver) zu machen dauert ungefähr eine Woche und kostet ab 230 Euro. 
Tipp: Sinai Divers betreibt an mehreren Orten kompetente Tauchschulen 
www.sinaidivers.com

Tauchurlaub auf dem Boot
Die schönste Art, die Riffe im Roten Meer zu entdecken, ist eine Tauchsafari. Bei sogenannten Liveaboards wohnen die Gäste auf einem Tauchboot und steuern jeden Tag andere, meist abgelegene Reviere an. Vorteil: Die Boote erreichen Ziele, die noch nicht überlaufen sind, täglich wird meist dreimal getaucht.

Veranstalter 
Tauchreisen ans Rote Meer sowie Tauchkreuzfahrten können in Deutschland bei erfahrenen Spezialanbietern gebucht werden, etwa bei:
www.orca-dive.de 
www.tauchreisen-roscher.de 
www.schoener-tauchen.de

Tauchen mit den Biologen
Das Red Sea Environmental Centre (RSEC) bietet Riffbiologische Kurse und Lernprogramme an, versierte Hobbytaucher können bei Umweltprojekten mitmachen. Infos, Termine und Kontakt: www.redsea-ec.org

 

Autor:
Marc Bielefeld