Ägypten Heilige Berg-Tour

Am Vorabend fängt's recht harmlos an: Nur eine Handvoll Touristen hat sich auf dem Berg Sinai alias Gebel Musa alias Mosesberg eingefunden, man knipst der sinkenden Sonne hinterher. Mit einem Mal jedoch wird's laut: Ein Trupp Soldaten, wie sich später herausstellt, hat den Gipfel erreicht, alle aus Fidschi, abgestellt für die internationale Truppe, auf dass der Frieden zwischen Israel und Ägypten stabil bleibe. Erst als sich die Sonne in eine rote Scheibe verwandelt, kommt ihr Palaver zu einem Ende: Sie formieren sich zum Chor, singen ein herzergreifend schönes Kirchenlied, in der sehr stillen Sekunde danach bricht die Nacht an.

Dann ruft ihnen der Teeverkäufer aus seinem Verschlag zu: "Stay overnight?" Und als sie verneinen, sie hätten nur drei Tage Urlaub und müssten heute Abend noch absteigen: "Moses stayed 40 nights, you should stay one!"

Ich bleibe über Nacht, auf der Spitze dieses biblischen Berges, mittendrin im Naturschutzgebiet "St. Katherine Protectorate", das mit seinen rund 4300 Quadratkilometern das gesamte Gebirgsmassiv des Südsinai umspannt und dessen Zentrum mit Katharinenkloster seit 2002 zum Unesco-Welterbe zählt. Nicht zuletzt der Sonnenauf- und -untergänge wegen bin ich ja gekommen, der gewaltigen Kulissen dieser Landschaft wegen und all der Entdeckungen, die man darin tagsüber erwandern kann: uralte Friedhöfe der Beduinen, Höhlen frühchristlicher Einsiedler und Ruinen aus byzantinischer Zeit, Felszeichnungen aus mehreren Tausend Jahren.

Ab drei Uhr morgens wird's dann allerdings richtig laut: Die Ersten, die man von den verschiedenen Badeorten in Bussen herbeigeschafft hat, erreichen den Gipfel. Wenig später lagern sie rund um die kleine Kapelle, auf der Aussichtsplattform vor der Moschee, auf besonders exponierten Felsen - fast jeder mit All-inclusive-Band in der Farbe seines Hotels um das Handgelenk.

Als sich der Horizont mit roten und gelben Streifen überlagert, halb fünf, legt ein Brasilianer auf der Aussichtsplattform mit Inbrunst los; als sich das "Aleluia!" in seiner Rede häuft, sein Arm ein ums andere Mal zum Gottesgruß in den Himmel stößt, wird klar: Hier predigt sich einer ein Übermaß an Erleuchtung aus dem Leib. Und seine Reisegefährten filmen ergriffen mit. Am anderen Ende der Pilgergruppe verbrennt man haufenweise Bittbriefe der Daheimgebliebenen. Eine alte Frau preist und kündet dazu ekstatisch, aufgrund ihres indianisch anmutenden Kopfputzes wirkt das Ganze wie ein heidnischer Ritus. Ein paar Schritte entfernt malt ein deutsches Pärchen still und einträchtig ein Herz an die Mauer; weißhäutige Mädchen in Hotpants und Sandalen geben barsch Anweisungen auf Russisch, wie sie fotografiert zu werden wünschen.

"Das ist heute gar nichts", weiß der Teeverkäufer, "gerade mal 200, 300 Leute." Früher habe man bis zu 1500, ja, 2000 Besucher pro Nacht gezählt; die Beduinen, die seit eh und je den Berg mit Souvenir- und Teebuden beherrschen, hätten sich am Weg entlang aufgestellt und zum Weitergehen aufgefordert. Seitdem jedoch "irgendwelche Verrückten" auch in den Hotels des Sinai Bomben hochgehen ließen, seitdem in der arabischen Welt obendrein überall Revolutionen ausgebrochen seien, seitdem… Der Teeverkäufer ist ernsthaft besorgt. Von den wenigen Touristen, die derzeit noch in den Sinai kämen, könne er auf Dauer nicht leben.

Fünf Uhr: Abstieg vom Berg und endlich Ruhe

Ab fünf Uhr, das Granitgebirge rundum färbt sich rosa ein für den neuen Tag, leert sich der Rummelplatz Gottes rapide, die Erhabenheit der Kulisse tritt wieder deutlicher hervor. Und während die einen absteigen, um sich unten, im Katharinenkloster, einen Dornbusch anzusehen, der erst vor einigen Jahren gepflanzt wurde (direkt daneben, ein herrliches Piktogramm für Gotteslästerer, ein Feuerlöscher), steigen die anderen samt Lastesel herauf, um Wasser aus dem Tal zu bringen: Die Männer, die allnächtlich Touristen mit Schokoriegeln und Billigmitbringseln versorgen, wollen selber versorgt sein; sie leben in der Regel mehrere Wochen auf dem Berg, ehe sie für ein paar Tage ihre Familien im Tal besuchen.

Ins Tal blicken wir einige Stunden später erneut, nachdem ich mit meinem Begleiter Hussein mehrere Hundert Treppenstufen hinab, übers sogenannte Elias-Plateau hinweggelaufen und den sich anschließenden Ras Safsafa wieder hinaufgestiegen bin, bis an seinen nordwestlichen Steilabbruch. Grandiose Bergeinsamkeit. Vollkommene Stille. Mittagsflimmern. Und welch eine Aussicht! Rund 600 Meter unter uns die weitläufige El-Raha-Ebene, in der das Volk Israel der gängigen Bibelauslegung zufolge nach dem Exodus Rast machte, während Moses, zunächst noch im Tal, mit Gott ins Gespräch kam und später auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote empfing. Die Bibel spricht von 600000 Mann, rechnet man Frauen und Kinder dazu, muss man sich ein paar Millionen Menschen vorstellen, die hier gelagert haben; vom mitgeführten Vieh ganz zu schweigen. Und schon blickt man mit ganz anderen Augen auf das Sandtal, in dem das heutige Katharinendorf liegt: So viele, die da gewartet und gehadert, ums Goldene Kalb getanzt und einander auf Geheiß des Mose abgemetzelt haben sollen!

Der Einbruch der Moderne in die Urlandschaft

Heiliges Land, so weit das Auge reicht, blutgetränktes Land. Im März sei hier alles grün, erzählt Hussein ungerührt, das ganze Tal, unvorstellbar schön. Versiert hantiert er mit drei Handys. Obwohl noch heute nach dem traditionellen Beduinengesetz Recht gesprochen wird, ist nicht nur an ihm deutlich zu sehen, dass die Zeit im Sinai nicht stehen geblieben ist: Die Wüstentäler sind von Jeepspuren übersät, es gibt selbst in entlegenen Oasen Kühlschränke und Käseecken von "La vache qui rit". Sogar eine Wasserleitung vom Nil bis zum Katharinendorf ist verlegt (wenngleich noch nicht in Betrieb), ein US-Unternehmen bedrängt dem Vernehmen nach den Scheich der Ortschaft, eine Gondelbahn auf den Mosesberg zu bauen, ich kann's kaum glauben.

Als wir absteigen, sehen wir eine blaue Echse, die sich auf einem Felsen sonnt, kochen wenig später Tee in einer alten Konservendose, trinken ihn aus einer aufgeschnittenen Mineralwasserflasche - im Schatten des Felsens. Den Einbruch der Moderne, wie er hinter den Kulissen dieser Urlandschaft längst stattgefunden hat, vergisst man dabei nur allzu gern.

Und so geht's die nächsten Wochen weiter, Berg um Berg. Mein neuer Begleiter ist nun der "Kleine Hussein", der im Hauptberuf sein Kamel an Tagestouristen vermietet. Unermüdlich rennt der Marathonläufer mit mir die Berge hinauf und hinab, natürlich in Sandalen. Kein einziger Tourist, der uns dabei begegnet; kaum je ein Einheimischer; hingegen, je härter die Natur, desto unausweichlicher: das eigene Selbst.

Man kann kaum in diese Landschaft hineinschauen, ohne die vielen Anspielungen und Verweise mitzusehen. Wenn man schräg drauf ist, erblickt man allerorten brennende Dornbüsche und Felsen, aus denen man Wasser schlagen kann, sofern man Gott auf seiner Seite weiß.

Wandert man im Tempo des Kleinen Hussein, ist man hingegen vollauf mit plötzlich aufragenden Steilwänden und ebenso steilen Abgründen beschäftigt, die sich unter einem auftun. Angenehm anstrengend! Und manchmal auch ein bisschen gefährlich, eine ideale Landschaft für Männer in Midlife- oder sonstigen Lebenskrisen. Zur Belohnung gibt's immer mal wieder einen heißen Felsen mit Aussicht, auf den man sich eine Pause lang legen kann, um Energie aus ihm herauszuziehen, und es gibt Pfefferminztee und Datteln.

Gebel Abbas Pascha: Aufstieg vorbei an Weißdorn und Akazien

Unser erster gemeinsamer Berg war der Gebel Abbas Pascha, schlappe 2384 Meter hoch, wir gingen vorbei an Weißdorn, Akazien, zwei ineinander verdrehten Mandelbäumen, am Ende über eine Art Rampe, die Abbas I. Hilmi Pascha 1853 hat anlegen lassen, der damalige Vizekönig von Ägypten. Vom geplanten Palast auf dem Gipfel steht wenig mehr als die Außenmauer, doch die Aussicht von hier gilt unter Beduinen als die beste, die man im Sinai haben kann: Sie reicht vom Golf von Suez im Westen bis zu Moses- und Katharinenberg im Osten.

Nachdem wir unser Lagerfeuer gelöscht und uns zum Schlafen direkt an die Palastmauer gelegt haben, steht über uns ein roter Mond. Als dann auch noch Gesang aus dem Tal emporweht - ein Tonband-Imam ruft zum Gebet - könnte es schöner nicht sein. Wenn nur das Rascheln nicht wäre! Eine der Mäuse rennt mir sogar über den Schlafsack, ich bin froh, dass ich früh wieder aufstehen muss: Sonnenaufgang. Durchs Fernglas sieht man, dass auf dem Mosesberg alle Ränge rund um die Kapelle gut besetzt sind.

Unser Basiscamp ist in diesen Wochen ein Beduinengarten im Wadi Zawatin: einige verstreute Obstbäume, zahlreiche Wasserschläuche, der Rest nackte Erde. Das Tal ist ein herber Ort, dessen schroffe Schönheit durch keinerlei Lieblichkeiten oder Zierrat gemildert wird.

Wo der Tourismus fehlt, kämpft man ums Überleben

Derartige Gärten, seit Generationen entbehrungsreich bewirtschaftet, gibt's im Zentralsinai wohl noch an die 150. Doch ohne moderne Pumpen wüchse hier kaum noch etwas, im Wadi Zawatin wird man bereits heute Zeuge, wie der künftige Weltwettlauf ums Wasser aussehen wird: Die Bevölkerung des Katharinendorfs ist in den letzten Jahren auf etwa 4500 Einwohner gewachsen; überall wird nach Wasser gegraben, mittlerweile bis in zehn Meter Tiefe; dünne, schwarze Schläuche laufen kilometerweit durch die Landschaft, um das Wasser in die Gärten derer zu leiten, die dafür gezahlt haben. Man gräbt einander buchstäblich das Wasser ab, wer den tiefsten Brunnen und den längsten Schlauch hat, hat gewonnen.

Bereits von unserem Garten aus sehen wir das dunkle Gipfelmassiv des Katharinenbergs, mit 2642 Metern das höchste im Sinai, um fünf Uhr morgens brechen wir auf. Der Kleine Hussein singt beim Gehen, betet bei der Rast, zeigt bucklige Riesenfelsen, die verschiedenen Tieren oder einem nackten Gesäß ähneln, er ahmt Vogellaute nach, jongliert mit Felsbrocken, hat durchgehend gute Laune. En passant finden wir eine abgestreifte Schlangenhaut, einen Koran, eine Sandkuhle, die der Kleine Hussein als "donkey shower" erklärt; später sehen wir auch die dazugehörigen wilden Esel. Und dann sind wir da.

Sind auf der Spitze, wo sich auch ein Wanderer wie ich gern zum Pilger verwandelt. Nicht so sehr der heiligen Katharina wegen, deren Leichnam hier der Legende nach unversehrt gefunden und von den Mönchen ins Kloster geschafft worden war. Sondern wegen des Rundumblicks auf ein Felsenmeer, das selbst dem Atheisten einen Seufzer über die Schönheit der Schöpfung entlocken kann: So weit das Auge reicht, blickt man auf einen Ozean aus versteinerten Wellen, je nach Tageszeit in Goldgelb, Hellbraun, Altrosa und Rot.

Doch selbst hier oben wird ein Blick hinter die Kulissen unvermeidlich: Auf dem Nachbargipfel sind die Reste eines israelischen Armeestützpunkts auszumachen, den die Besatzer vor ihrem Abzug 1982 weitgehend zerstört haben. Keine Frage, wir müssen hin. Kommen auf halber Strecke an einem Betonring mit Einschusstrichtern vorbei; dann an Hängen, die noch mit Stacheldraht gesichert sind. Überall mikadohaft herumliegende Stahlträger und Betonstreben, ein historisches Mahnmal als wüster Abenteuerspielplatz.

Viel Gutes hätten die Israelis während der Besatzungszeit getan, erzählt der Kleine Hussein: Brunnen gebohrt, Straßen angelegt ...aber auch Angst verbreitet. Und die Ägypter? "More better", meint er, sie würden ohnehin nur auf dem Küstenstreifen leben, das Gebirge gehöre den Beduinen.

Süchtig nach Ausblick und Einblick

Nach den ersten Wanderungen habe ich einen Sonnenstich, bleibe einen Tag lang im Schlafsack liegen, danach bin ich süchtig. Immer wieder ziehen wir los, weiteren spektakulären An- und Ausblicken entgegen; die Einblicke kommen nebenbei, beim Gehen. Wer gestochen klare Landschaften liebt, darf hier nicht lange schlafen, spätestens ab halb zehn zerflimmern die Konturen. Jeden Tag kommt der Punkt, wo's keinen Pfad mehr gibt, nur mehr kleine Steinhaufen als Wegmarkierungen; dann auch diese nicht mehr, da wird es spannend, das Wandern zum Klettern. Durch eine Landschaft, die niemals gefällig wird, nie.

Einmal wandern wir im Wadi Feiran, der berühmtesten Oase des Sinai. Der in einschlägigen Reiseführern so malerisch wirkende Palmenhain ist vollkommen verdorrt: Die Bauern leiten das Wasser neuerdings zu Cannabis- und Opiumfeldern um. Wo der Tourismus fehlt, kämpft man ums Überleben.

Ein andermal wandern wir im Wadi Tinya, stoßen auf eine Beduinenfamilie, die noch im traditionellen Zelt aus Ziegenhaar wohnt. Die Frauen verbergen sich vor unseren Blicken, der Patriarch lädt uns zum Teetrinken ein: Auch das gibt's also noch. Nach einer Woche empfinde ich den plötzlichen Anblick eines grün umwucherten Wasserlochs als euphorisierend, nach zwei Wochen als heilkräftig. Und am letzten Tag bin ich drauf und dran, wieder an Gott zu glauben.

Autor:
Matthias Politycki