Alexandria Die vergessene Weltstadt

Mohamed Awad sitzt ist seinem kleinen, fensterlosen Büro in der Neuen Bibliothek von Alexandria, die sich an der Mittelmeerpromenade, der Corniche, wie eine schräge Scheibe aus dem Boden hebt. Ein distinguierter Herr mit akkurat geschnittenem grauen Haar, Architekt in dritter Generation.

"Alexandria ist eine Stadt von Welt", sagt er - und man meint, nicht richtig zu hören. Al-Iskandarija, mit mehr als vier Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes, ist eine Hochburg der sunnitischen Muslimbruderschaft und erzkonservativer Salafisten. Über den bröckeligen Hausfassaden liegt eine dicke Staubschicht, Minibusse, vollgequetscht mit Menschen und Einkaufstüten, stauen sich auf den Straßen. Händler drücken mit schweren Schritten und gebücktem Kreuz ihre mit Kaktusfrüchten oder Granatäpfeln beladenen Holzwägelchen vor sich her, während sich hinter den Fenstern der Imbissbuden schwere Lammspieße drehen. Alexandria, eine arabische Großstadt - keine Frage, aber eine kosmopolitische Perle?

"Kommen Sie mal mit", sagt Awad und lotst seine Besucher durch ein Labyrinth von Türen und Fluren, vorbei an dem imposanten Lesesaal der Bibliothek, bis man schließlich in einem Ausstellungsraum im Untergeschoss vor Wänden voller Landkarten, Fotos und Zeichnungen steht. Und der Blick hängen bleibt an einer Stadt, die mit der dort draußen nicht viel zu tun hat: Man nimmt Platz in den duftenden Bougainvilleen-Gärten von europäisch anmutenden Villen, flaniert über palmenbestandene Plätze und weite Boulevards, bleibt stehen vor der prächtigen Börse, an der Vermögen gemacht und verloren wurden. Es sind Awads Ansichten von Alexandria, seiner Geburtsstadt, lange im Familienbesitz gehütet, bevor der Architekturprofessor sie als Dauerausstellung in der Bibliotheca Alexandrina öffentlich gemacht hat. Awad ist so etwas wie das Gedächtnis der Hafenstadt.

Wer weiß schon noch, dass keine andere arabische Stadt Europa jemals näher war als Alexandria? Und dass nicht einmal ein Jahrhundert vergangen ist, seit auf den Straßen und in den Cafés Italienisch, Französisch, Griechisch oder Englisch mindestens so oft zu hören waren wie Arabisch? Seit das Mittelmeer, das sich an den Mauern der Promenade bricht, die beiden Kontinente miteinander verband und nicht - wie heute - trennte?

Professor Awad wird nicht müde zu betonen, dass Alexandria Vorreiterin gewesen sei für moderne Multikulti-Metropolen wie es heute New York, London oder Paris sind. Er setzt sich mit dem von ihm gegründeten Alexandria Preservation Trust für das Kulturerbe der Stadt ein, kämpft für die Erhaltung der alten Villen, die mittlerweile baufällig zwischen grauen Apartmentblocks stehen. Auch eine Statue von Alexander dem Großen wurde auf seine Initiative hin errichtet. Schon der habe an Pluralismus geglaubt, sagt Awad. Viele Alexandriner sehen in dem Gründer ihrer Stadt nicht jenen frühen Multikulti-Botschafter, den Awad in ihm sieht. Sondern schlicht einen Eroberer, der 331 vor Christus kam und in der Fischersiedlung Rhakotis das Fundament für seine Weltstadt legte.

Doch der Architekturprofessor hat sich durchgesetzt. Alexander der Große steht. Immerhin. Ansonsten erinnert in der Stadt kaum etwas an Alexandrias frühe Blütezeit: Das Grab des Königs vermuten Forscher zwar irgendwo unter der Stadt, doch wurde es bis heute nicht gefunden. Die Reste von Kleopatras Palast liegen womöglich auf dem Meeresboden. Die Alte Bibliothek von Alexandria, in der Antike die größte Sammlung des Weltwissens, fiel einer Reihe von Bränden zum Opfer. Den Großen Leuchtturm von Alexandria, eines der sieben Weltwunder der Antike, zerstörten mehrere Erdbeben.

Die jungen Alexandriner kümmert Mohamed Awads Nostalgie und das geschichtsträchtige Gestern der Stadt wenig, sie sind gespannt auf das Morgen. Wieder einmal stehen ihr Land, ihre Stadt vor einer Zeitenwende. Was wird aus Alexandria nach dem Sturz des ägyptischen Staatspräsidenten Hosni Mubarak?

Keine Kosmopoliten in Kairo

Wie so oft sitzt Nivert Gadallah im "Al-Tugareya ", einem einfachen arabischen Kaffeehaus an der Corniche, und bestellt ein Glas karkadeh, ein rotes, saures Hibiskusgetränk. Im linken Flügel des ahwa mit den mintgrünen Türrahmen sitzen Männer mit konzentrierten Gesichtern, blasen den Rauch ihrer Wasserpfeifen in die Luft, klackern mit den Backgammon-Steinen und knallen die Würfel aufs Spielbrett. Der rechte Teil ist Ruhezone: Hier darf geredet, aber nicht gespielt werden.

Gadallah erzählt, dass sie eigentlich die alexandrinische Außenstelle der französischen Handelskammer leite, wie sie im Januar und Februar 2011 jedoch zur Revolutionärin wurde. Wie sie all ihren Mut zusammennahm und sich den Hals für einen Regimewechsel heiser schrie. Gadallah trägt ein schwarzes, weit ausgeschnittenes T-Shirt, ihr braunes, kinnlanges Haar trägt sie offen. Große Sorge vor einem konservativen Ruck hat sie nicht: "Selbst wenn die Muslimbrüder die Macht übernehmen würden und ich mir einen Schal umlegen müsste, wäre das nicht das Ende der Welt." Sie rührt Zucker in die karkadeh, schweigt einige Sekunden und sagt dann: "Dass es tatsächlich so streng werden wird, kann ich mir aber überhaupt nicht vorstellen. Das würde gar nicht zur Mentalität der Menschen hier in Alexandria passen." Und so fühlt die junge Frau dann doch ganz ähnlich wie Awad, der viel Ältere.

"Kein Kairoer würde sich je als Kosmopolit fühlen", sagt der Architekturprofessor. Für seinen Geschmack müssten die Alexandriner viel mehr mit ihrem Multikulti-Erbe wuchern. Awad, Jahrgang 1949, hat selbst noch dieZeiten erlebt, als Griechen, Italiener, Briten, Franzosen, Deutsche, Afrikaner, Armenier - Muslime, Christen und Juden seine Geburtsstadt bevölkerten. Er erinnert sich, wie seine Großmutter mit den Händlern auf Griechisch feilschte, schwärmt von den Gerüchen aus den Kochtöpfen aller Herren Länder, die der Wind durch die Straßen wehte. Und von den französischen Tartelettes in der Patisserie "Délices", für die so mancher chawaga Schlange stand. Chawaga - so nannten die Ägypter Ausländer, die sich in Alexandria niedergelassen hatten.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren diese in Scharen dem Ruf Mohammed Alis gefolgt, des Gründers des modernen Ägypten. Seine Vision: Aus Alexandria, damals zu einem unbedeutenden Dorf von 5000 Einwohnern heruntergewirtschaftet, wieder eine Weltstadt zu machen. Ali gab den Ausländern Land und baute den Mahmudija-Kanal, der die Mittelmeermetropole mit dem Nil verband. In rasantem Tempo wuchs der Hafen von Alexandria damals zum größten im östlichen Mittelmeerraum, auf dem Kai stapelten sich Baumwollballen, Säcke mit Weizen, Tee und Gewürzen. Zeitzeugenberichte erzählen von einer Stadt, in der zumindest die ärmeren Europäer und Ägypter nebeneinander lebten und die gleichen Jobs erledigten, während die europäische Upperclass im Schatten der Gärten ihrer Villen müßigging.

Kirchen, Moscheen und Synagogen standen in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Stadt war voll von zwielichtigen Tavernen, Bordellen und eleganten Klubs. Eines der ersten Kinos in ganz Ägypten eröffnete in Alexandria, schon 1892 wurde hier die feministische Zeitung Al-Fatat gegründet. Überhaupt die Frauen! Vor allem die schönen Griechinnen hatten einen Ruf wie Donnerhall. Männer hätten Stühle gemietet, um einen Blick zu erhaschen, wenn die Damen in Pariser Kostümen aus der Sonntagsmesse kamen. Der absolute Höhepunkt des kosmopolitischen Lebens in Alexandria war zwischen den beiden Weltkriegen: "Nichts war unmöglich, was dem eigenen Komfort diente", schrieb die amerikanische Schriftstellerin Jacqueline Carol über das Leben in Alexandria in den 1930er Jahren.

Was damals kaum jemand ahnt: Das zwar nicht immer, aber meist eben doch entspannte Leben in Alexandria wird es nicht mehr lange geben. Der Zweite Weltkrieg bricht aus, doch für das Ende des kosmopolitischen Lebens in Alexandria sorgt Gamal Abdel Nasser. Als sich der Oberst 1952 in Ägypten an die Macht putscht und König Faruk, ein Nachfahre Mohammed Alis, ins Exil nach Italien muss, ist Schluss mit allem Weltstadttum. Nasser lässt alle größeren Betriebe verstaatlichen und beschlagnahmt ausländischen Besitz. Für die europäischen Einwanderer, denen Alexandria zur Heimat geworden ist, die hier ihre Geschäfte gegründet und Kinder geboren hatten, gibt es keine Perspektive mehr. Sie müssen fliehen. Die meisten von ihnen sind nicht wieder zurück nach Ägypten gekommen. Alexandrias schillernde Farben verblassen im planwirtschaftlichen Grau.

Der britische Schriftsteller Lawrence Durrell, der selbst einige Jahre in der Stadt lebte und sie zur Kulisse seines vierbändigen "Alexandria-Quartetts" machte, nannte Alexandria "die Hauptstadt der Erinnerungen". Es ist das Schicksal der Stadt, aber auch ihr Charme. Ganz automatisch wird der Besucher in Alexandria zum Schnitzeljäger. Zwar wird er weder auf große antike Schätze noch auf kosmopolitische Pracht stoßen. Aber er wird lauter Details finden, die aus den vergangenen Zeiten erzählen: Die verblassten griechischen Buchstaben über dem Schaufenster eines Geschäftseingangs oder das Stück Torte in der Patisserie "Délices", in deren Backstube immer noch nach Rezepten der 1920er Jahre gebacken wird.

"Eine Stadt, die du nicht kennst"

In dem Café an der Ramleh-Station ist die Zeit stehen geblieben. Von den Decken hängen Kronleuchter, die Wandspiegel haben blinde Flecken, neben dem Tresen stehen runde, mit bunten Zuckergussmandeln gefüllte Glasbonbonnieren. Draußen schiebt sich die ausgeleierte Straßenbahn vorbei. Alexandria war eine der ersten Städte der Welt mit städtischem Schienenverkehr. Bereits 1860 wurde die erste Linie in Betrieb genommen, entlang der heruntergekommenen Jugendstilfassaden, hinter denen vor einigen Jahrzehnten noch Französisch gesprochen wurde, die Alexandriner opulente Maskenbälle gaben und von deren Balkonen sie bei karnevalesken Festen Konfetti regnen ließen.

Klopft man ein paar Gehminuten vom "Délices" entfernt im zweiten Stock eines gut erhaltenen, alten Hauses an die Wohnungstür, findet man sich in jenem Alexandria wieder, das nicht nur Schriftsteller wie Lawrence Durrell oder E. M. Forster anzog, sondern in dem auch der griechische Dichter Konstantinos Kavafis mit einer Ahnung starb:

"Es war bald vorbei,
das wunderbare Leben.
Doch wie stark die Düfte waren.
In welch prächtigem Bett wir lagen
und welch Freuden wir unseren Körpern gaben."

Übersetzter Auszug aus dem Gedicht "Am Abend"

Kavafis' Schreib- und Schlafstube ist heute ein kleines Museum. Man läuft über knarzende Holzdielen, die rote Tagesdecke auf dem Bett ist glatt gestrichen, der dunkle Schreibtisch aufgeräumt, die Wände hängen voller Porträts des Künstlers. Tritt man wieder hinaus auf die Straße, steht man sofort wieder mitten im arabischen Leben. Zeigt in der Auslage des Restaurants "Samakmak" im Stadtteil Ras At-Tin auf einen fangfrischen Fisch und lässt ihn grillen. Oder bestellt ein kühles Bier auf der Terrasse des "Greek Maritime Clubs" am Fort Qaitbey, während die Abendsonne der Stadt einen honigfarbenen Anstrich gibt - und guckt hinaus auf das Meer, das so viele Leben und Geschichten in die Stadt getragen hat.

Wie die der Familie von Lilianne Issa. Die zierliche, blonde Frau steht mit freundlichem Blick hinter der Kasse einer kleinen, unscheinbaren Backstube in der Omar-Lotfi-Straße. Das Geschäft ist der ganze Stolz der 51-Jährigen. Der Urgroßvater - Issa nennt ihn "Dimitri, der Große" - hatte sich Ende des 19. Jahrhunderts als Teenager von Griechenland aus nach Alexandria eingeschifft und ackerte so lange als Gehilfe in einer Bäckerei, bis er schließlich selbst zu einem kleinen Ladenlokal kam, das vom Urgroßvater auf den Großvater überging, auf den Onkel und seit 1997 von Lilianne geführt wird.

Eigentlich waren die Issas längst in Kanada gelandet, die Eltern und die Schwester, "aber Alexandria, meine Geburtsstadt, hat mich nie losgelassen ", sagt Lilianne Issa. Sie ist eine chawaga von wenigen, die nach dem großen Exodus unter Gamal Abdel Nasser wieder nach Alexandria zurückgekehrt sind. Zumindest in Teilzeit. Als es darum ging, das Familiengeschäft entweder zu schließen oder selbst einzusteigen, entschied Issa sich fürs Pendeln zwischen Nordamerika und Nordafrika, verkauft nun Brot, Kuchen und traditionelles Gebäck. "Es ist wie mit der Lunge. Ich brauche zwei Flügel, um atmen zu können. Ich lebe gern in Montreal, aber Alexandria beflügelt mein Herz", sagt Issa. "Die Menschen sind so warm hier. Wenn sie einander helfen, dann tun sie es aus Liebe und nicht aus Kalkül. Wenn du in ein Taxi steigst und dein Geld vergessen hast, bringt dich der Taxifahrer dennoch ans Ziel."

Als Issa vor Kurzem mit ihren Kindern und ihrem Mann, der ebenfalls in Alexandria geboren wurde, in ein Taxi stieg, gab es keine fehlenden Geldbeutel, sondern Verständigungsschwierigkeiten: "Der junge Fahrer fragte, woher wir kämen. Aus Alexandria, sagte mein Mann. Doch den Fahrer irritierte, dass mein Mann auf Französisch mit unseren Kindern sprach. Also fragte der Fahrer noch mal. Da gab mein Mann eine Antwort, die so wahr ist: Wir kommen aus einer Stadt, die du nicht kennst." Issas Mann meinte nicht das ferne Montreal. Sondern Alexandria, die Stadt der Erinnerungen.

 

Autor:
Eva Lehnen